Mir ist peinlich, dich mit zum Festessen zu nehmen. Matthias blickte gar nicht erst von seinem Handy auf. Da werden Leute sein. Normale Leute.
Klara stand mit einer Packung Milch vor dem offenen Kühlschrank. Zwölf Jahre Ehe, zwei Kinder. Und jetzt war ihr Mann peinlich berührt.
Ich ziehe das schwarze Kleid an. Das, das du mir selbst gekauft hast!
Es liegt nicht am Kleid, er sah sie endlich an. Es liegt an dir. Du hast dich gehen lassen. Deine Haare dein Gesicht du bist irgendwie einfach nicht mehr du. Da wird Uwe mit seiner Frau sein. Sie ist Stylistin. Und du naja, du weißt schon.
Dann bleib ich eben zu Hause.
Klug so. Ich sag einfach, du hast Fieber. Da fragt kein Mensch nach.
Er verzog sich ins Bad, während Klara mitten in der Küche stehen blieb. Im Nebenzimmer schliefen die Kinder. Lukas war zehn, Greta acht. Die Hypothek, Rechnungen, Elternabende. Klara hatte sich in diesem Haus beinahe aufgelöst, ihr Mann schämte sich ihrer.
Hat der den Verstand verloren?, platzte ihre Freundin Svenja, Friseurin mit Herz und Schere, als Klara von der Sache erzählte.
Peinlich sei ihm das, die eigene Frau mitzunehmen? Wer denkt der denn, wer er ist?
Lagerleiter. Wurde grade befördert.
Na super. Und jetzt ist die Frau zu schlecht?, Svenja goss wütend Wasser in den Wasserkocher. Jetzt hör mal. Weißt du eigentlich noch, was du vor den Kindern gemacht hast?
Ich war Lehrerin.
Nicht der Job. Du hast Schmuck gemacht. Mit Perlen. Mein blaues Collier hab ich immer noch! Jeder fragt, wo ich das herhabe.
Klara erinnerte sich. Damals bastelte sie abends Schmuck, während Matthias sie noch mit funkelnden Augen beobachtet hatte. Das schien eine Ewigkeit her.
Das ist lange vorbei.
Vergangenheit ist übung!, Svenja rückte näher. Wann ist denn dieser Festschmaus?
Am Samstag.
Hervorragend. Morgen kommst du zu mir. Ich mach dir Haare und Make-up. Und dann rufen wir Anja an, die hat einen Haufen Kleider. Den Schmuck bringst du selbst mit.
Aber, Svenja, er hat doch gesagt
Der kann mich mal mit seinem Gerede. Du gehst da hin! Und dann gucken wir mal, ob er noch so locker bleibt.
Anja schulterte schließlich ein langes, pflaumenfarbenes Kleid mit schulterfreiem Ausschnitt heran. Eine Stunde wurde gezwirbelt, angepasst, mit Stecknadeln gepiekst.
Zu der Farbe braucht es besonderen Schmuck, grübelte Anja. Silber ist nichts. Gold auch nicht.
Klara holte ihre alte Schmuckschatulle. Ganz unten, in Tuch gewickelt, lag ein Set aus Collier und Ohrringen. Blauer Aventurin, handgearbeitet. Hatte sie vor acht Jahren für einen besonderen Anlass gemacht, der nie gekommen war.
Mein Gott, das ist ein Meisterwerk!, Anja erstarrte. Hast du das gemacht?
Ja, alles selbst.
Svenja stylte sanfte Wellen ins Haar, Make-up dezent, aber wirkungsvoll. Klara schlüpfte ins Kleid, legte den Schmuck an. Die Steine fühlten sich schwer und kühl um ihren Hals an.
Ab zum Spiegel!, schob Anja sie.
Klara blickte hinein. Sie sah nicht mehr die Frau mit zwölf Jahren Bodenwischen und Suppenkellen. Sie sah sich selbst. Die, die sie mal gewesen war.
Das Lokal an der Elbe war voller Musik, Gläserklirren, schicker Anzüge und designer Verdächtigen Roben. Klara betrat as geplant spät und für einen Moment wurde es still im Saal.
Matthias hängte am Tresen und lachte über irgendeinen Spruch. Doch als er Klara sah, gefror sein Gesicht. Sie schritt an ihm vorbei, setzte sich an einen Tisch ganz hinten. Der Rücken kerzengerade, die Hände entspannt auf den Knien.
Ist hier noch frei?
Ein Mann um die 45, grauer Anzug, wache Augen.
Freilich.
Tobias. Partner von Uwe im anderen Geschäft. Bäckereien. Und Sie, wenn ich fragen darf?
Klara. Ehefrau vom Lagerleiter.
Er betrachtete zuerst sie, dann den Schmuck.
Aventurin, oder? Selbst gemacht? Sieht man selten so filigran.
Ja, selbst gemacht.
Wirklich? Tobias beugte sich vor, nahm die Arbeit genau unter die Lupe. Das ist hohes Niveau. Verkaufen Sie?
Nein, ich… bin Hausfrau.
Kurios. Mit solchen Händen sitzt sonst keiner zu Hause.
Der ganze Abend wich er nicht von ihrer Seite. Sie sprachen über Steine, Kreativität, wie man sich im Alltag vergisst. Tobias bat sie zum Tanz, brachte Sekt, lachte herzlich. Klara bemerkte Matthias stierenden Blick aus der Ferne sein Gesicht wurde von Runde zu Runde dunkler.
Beim Gehen brachte Tobias sie zum Auto.
Klara, falls Sie wieder Schmuck machen melden Sie sich. Ich kenne Leute, die genau so etwas suchen, sagte er und übergab eine Visitenkarte.
Sie steckte die Karte ein.
Zuhause brauchte Matthias keine fünf Minuten, um zu platzen.
Sag mal, was hast du da abgezogen? Den ganzen Abend mit diesem Tobias! Alle haben geguckt! Haben gesehen, wie meine Frau einem anderen am Rockzipfel hängt!
Ich hab nicht gehangen. Ich habe geredet.
Gerede! Dreimal hast du mit ihm getanzt! Dreimal! Uwe hat mich gefragt, was bei uns los ist. War das peinlich!
Dir ist wohl immer peinlich, stellte Klara die Pumps neben die Tür. Peinlich, mich mitzunehmen, peinlich, wenn jemand hinschaut. Gibt es eigentlich irgendetwas, das dir nicht peinlich ist?
Jetzt halt die Klappe. Denkst du, du bist gleich was Besseres, nur weil du ein Fummel anhast? Du bist nichts. Eine Hausfrau, die auf meine Kosten lebt und jetzt auf Prinzessin macht!
Früher hätte Klara geweint. Sich ins Schlafzimmer verzogen. Sich an die Wand gepresst. Doch jetzt war vielleicht etwas zerbrochen, vielleicht auch einfach verrückt.
Schwache Männer fürchten starke Frauen, sagte sie leise. Du hast Minderwertigkeitskomplexe, Matthias. Du hast Angst, dass ich sehe, wie klein du bist.
Verschwinde!
Ich lass mich scheiden.
Er schwieg, und erstmals lag keine Wut, sondern Unsicherheit in seinem Blick.
Und wohin willst du mit zwei Kindern? Von deinen Perlen kannst du nicht leben.
Doch.
Am nächsten Morgen nahm Klara die Visitenkarte und wählte Tobias Nummer.
Er drängelte nie. Sie trafen sich in Cafés, besprachen Anderes als Alltagssorgen. Tobias kannte eine Galeristin für Unikatschmuck. Handgemachtes sei gefragt, sagte er, die Leute hätten genug von Plastik.
Sie sind wirklich talentiert, Klara. So viel Geschmack und Können, das ist nicht alltäglich.
Sie arbeitete nachts, verstrickte Aventurin, Jaspis, Karneol. Colliers, Armbänder, Ohrringe. Tobias holte die Stücke, brachte sie in die Galerie. Nach einer Woche rief er an alles verkauft. Die Bestellungen schossen in die Höhe.
Weiß Matthias Bescheid?
Wir reden nicht mehr.
Und die Scheidung?
Habe schon einen Anwalt. Es geht los.
Tobias half ihr unkompliziert, ohne Heldenposen. Gab Kontakte, half ihr bei der Wohnungssuche. Als Klara schließlich die Koffer packte, stand Matthias in der Tür und lachte.
Du bist spätestens in einer Woche wieder da. Auf allen Vieren.
Sie nahm den Koffer und ging. Ohne zurückzusehen.
Sechs Monate gingen ins Land. Zwei Zimmer am Stadtrand, Kinder, Arbeit. Die Bestellungen liefen wie am Schnürchen. Die Galerie wollte eine Ausstellung. Klara eröffnete einen Instagram-Account, stellte Fotos online, bekam immer mehr Follower.
Tobias kam oft vorbei, brachte Bücher für die Kinder, telefonierte freundlich, stellte keine dummen Fragen. Blieb einfach da.
Mama, magst du Tobias?, fragte Greta eines Tages.
Ja.
Wir auch. Er schreit nie.
Nach einem Jahr machte Tobias ihr einen Antrag schnörkellos, ohne Rosen und Kniefall. Einfach abends beim Abendbrot: Ich möchte, dass ihr bei mir bleibt. Ihr alle drei.
Klara war bereit.
Zwei Jahre später. Matthias schlurfte durch ein Einkaufszentrum. Nach der Kündigung hatte er nur einen Job als Möbelpacker gefunden Uwe hatte von seinem Umgang mit Klara gehört und ihn rausgeworfen. Ein Zimmer zur Miete, Schulden, Leere.
Da sah er sie vor dem Juweliergeschäft.
Klara, helles Mantel, gepflegte Haare, am Hals das Collier aus Aventurin. Tobias hielt ihre Hand. Lukas und Greta lachten, erzählten irgendetwas.
Matthias blieb stehen und schaute durch die Scheibe. Sah, wie sie ins Auto einstiegen, wie Tobias Klara die Tür öffnete, wie sie lachte.
Dann erblickte er sich selbst im Spiegelglas: abgewetzte Jacke, fahles Gesicht, leere Augen. Er hatte eine Königin verloren. Und sie hatte gelernt, auch ohne ihn zu herrschen.
Und das war seine größte Strafe zu spät begreifen, was er verloren hatte.
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