Es gab eine Zeit, an die ich mich oft zurückerinnere: Edith wurde 64 Jahre alt und zahlte immer noch die Lebenshaltungskosten ihres 33-jährigen Sohnes, der es nie geschafft hatte, auf eigenen Beinen zu stehen.
Edith hatte immer von zwei Dingen geträumt:
dass ihre Kinder gesund und stark würden
und dass sie selbst irgendwann einmal wenigstens ein wenig Ruhe finden könnte.
Nicht Wohlstand.
Nicht Reisen.
Keine Annehmlichkeiten.
Nur ein wenig Ruhe.
Doch das Leben entschied anders.
Ihr ältester Sohn, Johannes, hatte in Heidelberg studiert aber fand keine feste Anstellung.
Vier Nebenjobs hatte er.
Alle schlecht bezahlt.
Alle ohne Sozialversicherung.
Alle mit Arbeitszeiten, die wie eine Strafe schienen.
Er versuchte, ein Zimmer zu mieten.
Das Geld reichte nicht.
Versuchte zu sparen.
Es gelang ihm nie.
Versuchte, sich zusammenzureißen.
Doch die Realität schlug mit ganzer Härte zurück.
Also kehrte er zurück nach Hause, nach Freiburg.
Mit einem Rucksack, ein paar Hemden
und einer heimlichen Niederlage, über die er nicht sprach.
Edith nahm ihn auf, wie es nur eine Mutter kann:
mit einem warmen Essen, einem frisch gemachten Bett und den Worten
Mach dir keine Sorgen, mein Sohn das wird schon.
Monate gingen ins Land.
Jahre verstrichen.
Die Tür blieb immer offen für ihn.
Und dann kam Ediths 64. Geburtstag.
Eine schlichte Schwarzwälder Kirschtorte.
Drei kleine Kerzen.
Ein unausgesprochener Wunsch.
Während sie das erste Stück anschneidet, hörte Johannes sie flüstern, und ihre Worte fuhren ihm tief ins Herz:
Hoffentlich kann ich eines Tages aufhören zu arbeiten wenigstens ein Jahr, bevor ich sterbe.
Johannes senkte den Blick.
Nicht aus Scham.
Aus Schmerz.
In diesem Moment begriff er endlich, was er lange nicht wahrhaben wollte:
Nicht, dass er nicht unabhängig werden wollte.
Aber dass dieses Land es Erwachsenen mit guter Ausbildung unmöglich macht, wirklich selbständig zu leben.
Die Löhne reichen kaum.
Die Mieten sind unbezahlbar.
Die Chancen gering.
Die Inflation gnadenlos.
Edith hielt keinen verantwortungslosen Sohn aus.
Sie half einem Sohn, dessen Flügel vom System gestutzt worden waren.
Und Johannes lebte nicht von ihrer Unterstützung.
Er war Teil einer Generation, die immer mehr arbeitet
und doch immer weniger besitzt.
An jenem Abend, als er seine Mutter auf ihrem eigenen Geburtstag das Geschirr abspülen sah, schwor sich Johannes leise:
Mama, ich werde nicht zulassen, dass du den Rest deines Lebens meinen Lebensunterhalt bestreitest.
Ich werde einen Weg finden.
Auch wenn es dauert.
Auch wenn es schmerzt.
Selbst, wenn ich tausendmal von vorn anfangen muss.
Denn es gibt Wahrheiten, die das Herz entzweibrechen:
Viele Eltern unterstützen ihre erwachsenen Kinder weiter
nicht, weil sie es wollen,
sondern weil das Leben teurer wurde als jede Hoffnung.
Und viele Kinder bleiben zu Hause
nicht, um es sich bequem zu machen,
sondern weil es draußen keine andere Möglichkeit mehr für sie gibt.
ABSCHLIESSENDE GEDANKEN
Verurteile das Kind nicht, das immer noch nicht ausgezogen ist.
Urteile nicht über den Elternteil, der immer weiter gibt.
Das Problem ist nicht die Familie
sondern die Wirklichkeit, mit der sie kämpfen müssen.





