Zwei Jahre in Stille: Sie hat mich aus ihrem Leben gestrichen, und ich bin bald 70
Zwei Jahre sind vergangen. In all dieser Zeit hat meine Tochter kein einziges Wort geschrieben. Sie hat mich ausgelöscht. Und hier stehe ich, bald siebzig
Jeder in der Nachbarschaft kennt meine Nachbarin, Margarete Bauer. Sie ist 68, lebt allein. Manchmal komme ich mit einer Kleinigkeit für den Kaffee vorbeinur so, aus Nachbarschaftlichkeit. Sie ist freundlich, gebildet, immer lächelnd, erzählt gern von Reisen mit ihrem verstorbenen Mann. Doch über Familie spricht sie selten. Dann, kurz vor den Feiertagen, als ich wie üblich mit ein paar Plätzchen vorbeikam, überraschte sie mich mit einem Geständnis. Es war das erste Mal, dass ich die Geschichte hörte, die mir noch heute einen Schauer über den Rücken jagt.
An jenem Abend war Margarete nicht sie selbst. Sonst so lebhaft, saß sie still da, starrte ins Leere. Ich fragte nicht nachmachte einfach Kaffee, stellte die Kekse hin und setzte mich schweigend neben sie. Lange sagte sie nichts, als kämpfe sie mit sich selbst. Dann atmete sie zittrig aus.
Es sind zwei Jahre Kein Anruf, keine Karte, nicht mal eine Nachricht. Ich habe versucht anzurufendie Nummer existiert nicht mehr. Ich weiß nicht einmal, wo sie jetzt wohnt.
Sie hielt inne, ihr Blick war weit weg. Dann, als bräche ein Damm, kamen die Worte hervor.
Wir waren eine glückliche Familie. Friedrich und ich heirateten jung, aber wir wollten nicht gleich Kinderwir wollten erst Zeit für uns. Sein Job führte uns durch die Welt. Wir lachten oft, liebten unser Zuhause, bauten es gemeinsam auf. Er baute unser Nest mit eigenen Händenein geräumiges Dreizimmerhaus im Herzen von München. Sein ganzer Stolz.
Als unsere Tochter, Lieselotte, geboren wurde, strahlte Friedrich. Er trug sie überall hin, las ihr Geschichten vor, verbrachte jede freie Minute mit ihr. Wenn ich sie sah, dachte ich, ich sei die glücklichste Frau der Welt. Doch vor zehn Jahren war Friedrich fort. Eine lange Krankheit fraß unsere Ersparnisse auf, und dann Stille. Eine Leere, als sei ein Stück meines Herzens gerissen.
Nach dem Tod ihres Vaters zog sich Lieselotte zurück. Mietete eine Wohnung, wollte unabhängig sein. Ich widersprach nichtsie war erwachsen. Sie besuchte mich, wir redeten, alles war normal. Doch vor zwei Jahren kam sie vorbei und verkündete, sie wolle einen Kredit aufnehmen, um sich ein Eigenheim zu kaufen.
Ich seufzte und erklärte, ich könne nicht helfen. Das Wenige, das wir gespart hatten, war für Friedrichs Pflege draufgegangen. Meine Rente reicht kaum für Rechnungen und Medikamente. Dann schlug sie vor das Haus zu verkaufen. Wir könnten dir eine kleine Wohnung in den Vororten besorgen, sagte sie, und der Rest würde meine Anzahlung decken.
Ich konnte nicht. Es ging nicht ums Geldes waren die Erinnerungen. Diese Wände, jede EckeFriedrich hat sie gebaut. Mein ganzes Leben war hier. Wie konnte ich das aufgeben? Sie schrie, ihr Vater habe alles für *sie* getan, dass das Haus ohnehin eines Tages ihr gehören würde, dass ich egoistisch sei. Ich versuchte zu erklären, ich wolle nur, dass sie eines Tages zurückkommt und sich an uns erinnert Doch sie hörte nicht zu.
An diesem Tag knallte die Tür. Seitdem kein Wort. Keine Anrufe, keine Besuche, nicht einmal zu Weihnachten. Später erzählte eine gemeinsame Freundin, sie habe den Kredit genommen, arbeite sich kaputtzwei Jobs, kein Leben. Kein Partner, keine Kinder. Sogar ihre Freundin hat sie seit Monaten nicht gesehen.
Und ich? Ich warte. Jeden Tag schaue ich aufs Telefon, hoffe, es klingelt. Es tut es nie. Ich kann sie nicht erreichendie Nummer ist wohl geändert. Sie will mich nicht sehen. Will mich nicht hören. Hält mich für eine Verräterin. Doch ich werde bald 70. Ich weiß nicht, wie viele Abende ich noch an diesem Fenster verbringen werde, wartend. Oder was ich getan habe, das sie so verletzt hat
Manchmal frage ich mich, ob es falsch war, an den Erinnerungen festzuhalten. Aber ein Zuhause ist mehr als vier Wändees ist, wo das Herz schlägt. Vielleicht versteht sie das eines Tages. Bis dahin bleibt nur die Hoffnung.





