Meine Eltern hatten mich klammheimlich zur Silvester-Kinderbetreuerin ernannt ich sagte den ganzen Bankett ab und nahm der gesamten Familie die Feier weg
Mach dir keinen Kopf, Birgit, alles unter Kontrolle!, rief meine Mutter so laut ins Telefon, dass ich sie schon im Flur hörte.
Sandra hat bezahlt, alles organisiert, bringt es selbst mit. Danach soll sie halt bei den Kindern bleiben was soll sie sonst machen? Sitzt ja eh allein herum am Tisch, langweilt sich, wenigstens taugt sie dann zu etwas.
Ich blieb im Flur der elterlichen Wohnung stehen, die Einkaufstüte noch in der Hand. Eigentlich wollte ich wie gewohnt auf dem Weg von der Arbeit nur kurz vorbeischauen. Mutter stand mit dem Rücken zu mir in der Küche, und tippte irgendetwas ins Handy.
Sechs Kinder werden da sein, stell dir das mal vor. Uwe bringt seine zwei, Müller hat auch zwei bei Tatjana ebenfalls eins, und noch ein Mädchen bei Lena. Sandra packt das schon, sie passt doch jeden Samstag auf die Neffen auf. Die kann das.
Ich stellte die Tüte extra leise ab. Tja, jetzt wusste ich Bescheid. Fast alle Ersparnisse eines halben Jahres hatte ich fürs Silvesterbankett für fünfundzwanzig Leute hingelegt.
Natürlich nach den übliche Überredungskünsten:
Sandra, du verdienst ordentlich lass uns ein Fest schmeißen, damit es mal unvergesslich wird!
Meine Aufgabe an Silvester? Gratis-Kinderbetreuung. Während die Erwachsenen sich am Buffet verlustierten, sollte ich in einem separaten Zimmer die fremden Blagen bespaßen. Wunderbar.
Ach, alleinstehende Leute helfen doch gerne, quasselte Mutter weiter, null Zweifel in ihrer Stimme. Wo soll sie denn hin? Wenigstens kommt sie zu uns, statt alleine zu Hause fernzusehen.
Ich drehte mich um und ging genauso leise, wie ich gekommen war.
Im Auto saß ich erst mal fünf Minuten regungslos, starrte ins Leere. Jeden Samstag holte ich die Neffen ab. Uwe und Tatjana ließen mir ihren Fynn und Lukas immer gegen acht vor die Wohnungstür plumpsen meist stiegen sie nicht mal selbst aus.
Du hast ja Zeit. Wir bräuchten mal Paarzeit, sind fix fertig vom Alltag
Ich fütterte die Jungs, schleppte sie in den Park, ins Kino, kaufte ihnen Spielzeug. Einen ganzen Tag lang! Während der Bruder mit Frau ausschlief oder Restaurants unsicher machte.
Vielleicht sollte ich mal was sagen. Beim Bruder? Sinnlos. Mit den Eltern? Noch schlechter.
Sandra, sei nicht geizig, hilf der Familie, wurde ich abgewürgt. Uwe hat Frau und Kinder, Verantwortung. Du bist alleine, dir macht das doch nichts.
Vater nickte, ohne den Blick vom Fernseher zu nehmen:
Uwe ist der Ältere, der hats schwerer stell dich nicht so an.
Eine Woche zuvor hatte ich das Geld für das Bankett überwiesen. Mutter schrieb:
Brave Tochter, du regelst das, komm am 30. und hilf mit.
Ich dachte Tisch eindecken, Leute begrüßen, wie alle anderen. Aber nein. Für meine Familie bin ich keine Person, sondern nur eine Funktion.
Das Handy vibrierte. Lena, Studienfreundin:
Sandra! Letzte Chance! Am 30. morgens gehts los, Hütte für vier, kommst du mit?
Ich rief fix den Cateringservice an. Es klingelte ewig, dann ging endlich jemand ran.
Grüß Gott, Bestellung für den 31. Dezember auf Sandra Schäfer bitte stornieren.
Die Dame am Telefon wollte noch Details, dann zögerte sie:
Stornieren geht, aber die Anzahlung gibts nicht zurück. Dreißig Prozent sind futsch.
Stornieren Sie bitte.
Ich legte auf und schrieb Lena sofort: Reservier! Ich bin dabei. Meine Hände zitterten kein Stück, innerlich war ich so ruhig wie lange nicht.
31. Dezember, drei Uhr nachmittags. Ich saß in einer Hütte irgendwo im Schwarzwald auf dem Hang, blickte raus auf die verschneiten Gipfel, schlürfte heiße Schokolade. Um mich herum: Lena und Freunde, Gelächter, Musik, das Gefühl, endlich am richtigen Ort zu sein.
Das Handy explodierte förmlich. Mutter.
Sandra, wo bleibt das Essen?! Die Stimme überschlug sich. Die Gäste sind da, der Cateringservice geht nicht ran!
Weil ich letzte Woche alles storniert habe, Mama.
Stille. Klebrig und lang.
Was?
Das Bankett gibts nicht mehr. Ich komme außerdem nicht.
Bist du verrückt geworden?!, brüllte Mutter, dass ich das Smartphone weit weg hielt. Wir haben fünfundzwanzig Gäste! Was sag ich denen?
Sag ihnen die Wahrheit. Dass die bezahlte Kinderbetreuung gestreikt hat.
Was hat das denn mit Kinderbetreuung zu tun?! Von wegen, Kinderbetreuung!
Ich habe dein Gespräch mit Birgit gehört, Mama alles gehört!
Pause. Zwei Sekunden, dann wieder:
Das ist doch normal! Die Kinder können ja nicht alleine bleiben, irgendjemand muss sich kümmern. Du
Alleinstehende helfen immer gern, nicht wahr?
Mir stockte der Atem.
Du hast das falsch verstanden! So habe ich es nicht gemeint!
Doch, genau so! Wenigstens etwas Nutzen aus mir deine Worte, Mama!
Sandra, jetzt reicht’s! Komm sofort her das klären wir vor Ort!
Ich bin in Österreich. Feiere Silvester mit Leuten, die mich als Mensch sehen, nicht als Hauself.
Ich schaltete das Handy aus, ohne Antwort abzuwarten. Lena legte wortlos einen Arm um meine Schultern. Und ich schwöre, das war das allerbeste Silvester meines Lebens ohne Vorwürfe, Verpflichtungen, ohne das Gefühl, man müsse für die bloße Existenz schon dankbar sein.
Als ich am fünften Januar zurückkam, standen sie alle schon an der Tür. Ganz großes Kino. Mutter, Vater, Uwe und Tatjana. Starrer Blick, bleierne Stille.
Kommt rein, seid ja anscheinend frisch angereist, sagte ich, schob sie in den Flur, zog die Jacke aus.
Alle drängten sich in meinen kleinen Flur. Uwe platzt zuerst:
Weißt du eigentlich, was du angerichtet hast? Gäste waren da, die Kinder tobten, Mutter ist fast umgefallen!
Und was habt ihr gemacht?, fragte ich nüchtern zurück.
Pizza für alle bestellt! Die Schande des Jahrhunderts! Tatjanas Eltern waren peinlich berührt, Birgit ist nach einer Stunde abgereist!
Hauptsache, niemand hat gehungert. Super.
Mutter trat vor, die Stimme zitterte vor Entrüstung:
Wie konntest du nur?! Wir sind doch Familie!
Familie? Ich grinste. Familie bedeutet, man kümmert sich umeinander. Was ist das bei uns? Ich betreue jeden Samstag die Neffen, damit Uwe entspannen kann, zahle für Feiern. Meine Rolle? Kindermädchen und Portemonnaie!
Du hast das völlig falsch verstanden! Mutter fuchtelte mit den Händen. Ich wollte nur, dass du dich nicht allein fühlst, dass du gebraucht wirst
Gebraucht? Wenigstens einen Nutzen aus ihr ziehen das nennst du Fürsorge?
Sie wurde blass, wandte sich ab. Uwe schnaubte:
Wovon redest du überhaupt?
Frag mal Mama. Sie erzählt dir gerne, was ich an Silvester machen sollte sechs Kinder beaufsichtigen, während die Erwachsenen es krachen lassen. Ich bin ja allein, was soll ich sonst tun!
Tatjana platzt heraus:
Du bist egoistisch! Wir machen so viel für dich
Was genau tut ihr für mich? Ich unterbrach sie so barsch, dass sie verstummte. Nenn mir eins.
Schweigen.
Genau. Ich helfe ihr fordert. Ich zahle ihr nehmts als selbstverständlich. Jeden Samstag schmeißt Uwe mir die Kinder hin, ohne zu fragen, ob ich Pläne habe. Und wenn ich meckere: nicht so geizig, Familie ist alles.
Wir haben , begann Mutter.
Ihr habt überhaupt nicht an mich gedacht! Für euch bin ich nur die Funktion!
Vater seufzte schwer:
Sandra, wir haben dich doch geliebt, uns gekümmert
Um Uwe. Um seinen Komfort, sein Wochenende, seine Familie. Ich war immer zweite Wahl!
Mutter schluchzte:
Du musst dich entschuldigen! Du hast allen das Fest versaut!
Nein! Ich entschuldige mich nicht dafür, dass ich nicht mehr bequem bin.
Uwe drehte sich zum Ausgang:
Weißt du was dann leb dein Leben. Allein. Ohne Familie.
Einverstanden.
Die Ruhe in meiner Stimme traf sie offenbar härter als alles andere. Sie gingen, die Tür knallte. Ich blieb einfach stehen und hörte dem verklingenden Fußgetrappel zu.
Dann öffnete ich das Fenster frische Winterluft reinlassen, um den alten Mief rauszublasen.
Eineinhalb Monate später. Uwe schrieb im Familienchat:
Sandra von allen Familienfeiern ausgeschlossen, bis sie sich entschuldigt.
Mutter setzte ein Herzchen. Vater schwieg. Ich verließ den Chat, ohne Kommentar.
Samstage ohne die Neffen waren plötzlich hell und lang. Ich ging ins Schwimmbad, machte Wochenendausflüge nach Freiburg und Nürnberg, fing an, wieder ins Theater zu gehen. Das Geld, das sonst für fremde Kinder und Familienbeiträge draufging, steckte ich jetzt fröhlich in mich selbst.
Neulich sah ich Tatjana im Supermarkt. Sie stand beim Regal mit Kinderbrei, telefonierte, bemerkte mich gar nicht:
Ich bin komplett platt jeden Samstag allein mit den Jungs, Uwe arbeitet früher hat wenigstens Sandra geholfen ja, wir sind verkracht nein, ruft nicht an sie ist zu stolz.
Ich bog grinsend zur anderen Kasse ab. Mitleid? Fehlanzeige.
Im März rief Vater an:
Wie gehts, Sandra?
Gut.
Mama meinte Uwe würde gern reden. Hat Geburtstag, wollten dich einladen.
Schade, ich bin beschäftigt.
Für immer? Wirklich?
Falls du mich sehen willst komm alleine vorbei. Auf einen Tee. Ohne Bedingungen.
Er schwieg.
Ich denk drüber nach.
Er rief nie wieder an.
Eine Familie, die nur auf Schuldgefühlen und Manipulation beruht, ist keine Familie. Es ist ein Gefängnis, in dem man dir erzählt, das Schloss sei zu deinem Selbstschutz. Ich bin raus. Und das Einzige, was mich ärgert dass ich das nicht schon viel früher gemacht hab.
Die schlimmste Form von Verrat? Sich selbst verleugnen, nur weil es für andere bequemer ist!
Und, was meint ihr dazu? Schreibt eure Meinung in die Kommentare, lasst ein Like da, folgt mir für mehr Geschichten!





