Die Geliebte ihres Mannes war einfach hinreißend. Hätte sie selbst als Mann die Wahl gehabt, sie hätte sich genau so eine Frau ausgesucht. Es gibt eben diese Frauen Frauen, die genau wissen, was sie wert sind. Sie tragen ihre Haltung wie eine Krone, ihr Blick ist ruhig, offen und geradeheraus. Sie hören zu, als gäbe es nichts Wichtigeres in diesem Moment. Keine unnötigen Gesten, keine aufdringlichen Blicke. Es braucht kein tiefes Dekolleté oder nackte Schultern, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie erscheinen würdevoll und verlieren auch in der schwierigsten Lage nie die Fassung.
Klara hätte sie gewählt. Gerade weil sie anders war als sie selbst.
Und was war Klara? Immer in Eile, schnell gereizt mit den Kindern und dem Mann, ständig das Gefühl, ihr gleite alles aus den Händen. Ihren Job bekam sie kaum bewältigt, der Chef stets kritisch, das Chaos regierte überall. In ewigen Jeans und Pullovern, weil ein Kleid zu bügeln schon einer Herausforderung gleichkam. Rüschen und Blusen wann hatte sie die zuletzt gebügelt? Zum Glück bändigte ihre moderne Trockner-Maschine die meisten Falten schon beim Waschen, so dass das Bügeleisen längst verstaubt war.
Und die Geliebte? Eine Erscheinung. Figur, Haltung, Beine, Haare, Augen, Gesicht einfach atemberaubend!
Seit Klara davon wusste oder besser: Seit sie sie gesehen hatte , atmete sie flach wie nach einem Unfall. Es war ein Zufall gewesen. Ein Termin im entfernten Münchner Stadtteil, Hunger trieb sie in das erstbeste Café. Die Arbeit war erledigt, aber der Magen knurrte. Im überfüllten Lokal gab es noch eine freie Ecke. Sie nahm die Speisekarte, blickte auf und sah ihn. Ihren Mann. Sofort erkannt, an seinen breiten Schultern. Und bei ihm: Sie.
Er hielt ihre Hände, küsste sie zart. Klara dachte: Wie klischeehaft! Sie musste an das alte Lied Deine Hände duften nach Weihrauch denken und lachte bitter in sich hinein. Aber objektiv: Die andere war wirklich schön.
Es war, als hätte sie sich verbrannt; man sieht die Verletzung und weiß, jeden Moment kommt der Schmerz. Doch für den Moment: nichts. Nur Leere.
Ihr Mann kam wie gewohnt nach Hause, entspannt, freundlich, humorvoll. Er war immer der Sanguiniker, das Gleichgewicht in Person ganz im Gegensatz zu ihr, die ständig aufgebracht und getrieben war.
Nun hätte sie sich sein Humor dringend gewünscht. Ihrer funktionierte für diese Situation schlicht nicht.
Am liebsten hätte sie ihn noch am selben Abend konfrontiert. Kühl und sachlich hätte sie gesagt: Na, wie läuft’s mit deiner Geliebten? Hab euch neulich im Café gesehen. Sie ist wirklich attraktiv. Verständlich, ich hätte nicht widerstehen können.
Und dann hätte sie ihm genüsslich beim Verlegenwerden zugeschaut, wie die Röte in sein Gesicht stieg und er versuchte, die Fassung zu bewahren. Sie hätte fortgesetzt: Und wie gehts jetzt weiter? Soll sie die Kinder kennenlernen? Wohin denn mit mir? Hat eure Gute wenigstens eine eigene Wohnung oder bringst du sie zu uns?
Doch sie schwieg. Ihr Mann umarmte sie im Bett, zog sie an sich und schlief schnell ein.
Vielleicht, dachte Klara, läuft zwischen ihnen noch gar nichts Konkretes. Vielleicht ist das alles nur die Anfangsphase ein Tanz aus Blicken, ein Gleichklang der Gedanken. Doch ihr Mann spielte den geheimen Liebhaber perfekt. Keine verräterischen Worte, keine Anzeichen.
Sie wälzte sich hin und her, schlief unruhig. Träumte von leuchtenden Blumen und fremden Frauen in roten Kleidern.
Am Morgen fühlte sie sich wie gerädert. Sie machte die Kinder fertig, schickte sie zur Schule, erledigte ihren Alltag wie immer – und dachte die ganze Zeit: Was jetzt? Was tun Frauen in Deutschland, wenn sie ihren Mann mit einer Geliebten erwischen? Googeln, vielleicht?
Google half nicht, eigene Antworten hatte sie nicht. Weitermachen? Was blieb ihr anderes übrig? Alles lief wie bisher: Der Mann kam pünktlich, keine Lippenstiftspuren, kein fremder Parfümduft. Die Kinder tobten durch die Wohnung, am Sonntag gings ins Kino. Dieselbe Routine, der vertraute Rhythmus. Sogar der Sex planbar, zweimal pro Woche, manchmal auch dreimal.
Vielleicht hatte sie sich im Café getäuscht?
Nein, sie hatte sich nicht getäuscht. Sie rief ihn mittags an, er ging nicht ans Telefon. Klara beschloss, ins gleiche Café zu fahren. Im Taxi erfand sie für den Fahrer eine Arbeitssache: Warten auf Paket. Vor dem Café stand sein Wagen. Sie wartete dann kamen beide heraus und stiegen gemeinsam ein.
Ihr wurde übel, sie bat den Taxifahrer um Wasser. Nahm das Handy, rief theatralisch: Mir reicht’s! Kein Paket, keine Geduld mehr! Ich fahr jetzt zur Arbeit!
Es war wohl doch nicht egal, was der Taxifahrer von ihr dachte.
Die Wahrheit einer Geliebten verändert alles. Scheidung? Wahrscheinlich unumgänglich. Alles andere erschien undenkbar. Wozu bleiben, wozu sich quälen?
Sie erinnerte sich: Vor ein paar Jahren, Freunde von ihnen auch da entdeckte die Ehefrau eine Affäre. Es gab einen Eklat, Beweise, er leugnete alles selbst, als der Chatverlauf noch offen am Laptop war. Hieß, der Account sei gehackt, alles eine Intrige neidischer Kollegen.
Ihr Mann hatte damals süffisant gesagt: Ich würde niemals lügen! Wer baut Mist, muss auch Mut haben, dazu zu stehen. Entweder Familie oder Affäre aber dann bitte ehrlich und fair.
Klara hatte ihn damals bewundert. So viel Verantwortungsgefühl!
Fremdes Leid zu beurteilen, ist immer leicht. Doch wenn man selbst mittendrin steckt, ist Mut plötzlich Mangelware.
Sie trat im Café an ihren Tisch, setzte sich. Die Geliebte schaute überrascht. Ihr Mann wurde blass, starrte sie an. Die Stille zwischen ihnen war dick wie Sirup. Klara beobachtete sie die andere verstand sofort. Vielleicht wusste sie längst Bescheid.
Ihr Mann wollte etwas sagen, doch Klara hob entschlossen die Hand: Lass gut sein, du musst nichts erklären. Es ist keine Überraschung. So was passiert. Jetzt überlegt, wie ihr das lösen wollt: Die Kinder, die gemeinsame Wohnung, meine Schwiegereltern. Ihr seid erwachsen, ihr schafft das.
Langsam stand sie auf und ging. Das frischgebügelte Kleid stand ihr ausgezeichnet. Es war wirklich eine Schande, dass sie es so lange nicht trug.





