Irmgard stand am Fenster und beobachtete sie aus dem vierten Stock. In ihren Händen lag ein neuer, automatischer Blutdruckmesser, doch sie hatte ihn längst vergessen. Zum ersten Mal seit Jahren wusste sie nicht, was sie sagen sollte.
Die vierzigjährige Irmgard stand mitten in dem kleinen Zimmer, ihr Blick, scharf und unerbittlich wie ein Messer, glitt durch alle Ecken. Alles erschien ihr fremd, falsch, nicht ordentlich genug. Sie war es gewohnt, ihr Leben zu kontrollieren das eigene, das ihres Mannes, nun auch das ihrer Eltern. Unzufrieden presste sie die Lippen zusammen, als ihr der kaum wahrnehmbare Geruch von Medikamenten und alter Wohnung auffiel, der trotz geöffneter Fenster blieb.
Mama, fuhr sie streng zum Bett herum, wo unter der Decke eine zarte Gestalt lag, achten sie wenigstens darauf, dass deine Bettwäsche frisch ist? Oder tut Birgit nur so, als würde sie sich kümmern?
Im Türrahmen erschien die Schwiegertochter eine junge Frau mit müden Augen. Die Worte von Irmgard ließen sie zusammenzucken; sie drückte instinktiv das Bündel Handtücher an ihre Brust und verließ schweigend den Raum. Ihr Schweigen kränkte Irmgard nur noch mehr.
Warum bist du so hart, mein Kind? hob sich die ruhige Stimme von Vater Wilhelm Seidel. Er stand am Fenster groß, einst stattlich, und nun stemmte sich seine Haltung gegen das Gewicht der Jahre. Birgit ist den ganzen Tag auf den Beinen. Die Kinder, wir beide Sie bemüht sich wirklich.
Ja, ja, Irmgardchen, hauchte Louise Seidel aus dem Bett, sie blickte furchtsam zur Tochter. Ihre Hände, fast durchscheinend, nervös über die Decke gleitend. Sie wollte mich schon früh umziehen, aber ich mochte mich nicht rühren Sei nicht zu streng, sie ist ein guter Mensch.
Irmgard atmete abfällig aus und warf die Ecke der Steppdecke zurück. Ein guter Mensch ist kein Beruf, Mama. Schau, die Bettwäsche ist nicht mehr frisch. Und was kocht sie dir? Schon wieder diesen schweren Grießbrei, von dem es dir nur schlechter geht? Du brauchst Disziplin, eine vernünftige Diät, keine kulinarischen Experimente.
Louise schloss die Augen. Sie wusste: Das Diskutieren mit der Tochter war, als wollte man den Wind aufhalten. Irmgard hatte einen eisernen Willen, aber spürte nichts von leisen Herzensbewegungen. Sohn Andreas, der ebenfalls in der Elternwohnung lebte, war inzwischen schweigsam unter der Last des Alltags geworden. Und Louise, deren Welt durch die Krankheit auf vier Wände geschrumpft war, sehnte sich am meisten nach schlichtem, menschlichem Trost und einem sonnigen Gespräch.
Wenn Gott will, hören wir noch die Nachtigall, Wilhelm, flüsterte sie abends zu ihrem Mann. Die Krankheit fesselte sie ans Bett, doch das Herz blieb voller Hoffnung, und der Blick suchte am Fenster stets ein Stückchen Himmel.
Übrigens, Mama, unterbrach Irmgard ihr zielloses Umhergehen im Zimmer. Bald ist dein Geburtstag. Andreas und ich haben überlegt, was wir dir schenken können. Es muss etwas Praktisches sein. Vielleicht ein neuer Blutdruckmesser? Ein moderner, automatischer.
Oder ein Luftreiniger, ergänzte Andreas, der gerade erschien. Damit es hier nicht immer nach Apotheke riecht.
Louise zögerte einen Moment. Sie sah ihre erwachsenen, beschäftigten Kinder an, und plötzlich leuchtete ein fast kindlicher Glanz in ihren Augen.
Ich hätte gern einen Mantel, flüsterte sie leise.
Stille breitete sich im Zimmer aus. Irmgard war verblüfft. Einen Mantel? Mama, hast du den Verstand verloren? Wo willst du damit hingehen? Du warst monatelang nicht draußen. Was du brauchst, sind Vitamine, spezielle Kissen gegen Rückenschmerzen und du denkst an Kleidung
Er soll himmelblau sein, beharrte Louise und hörte gar nicht auf die Tochter. Ihr Ton wurde stärker: Wie ein Kornblumenfeld im Sonnenlicht. Mein ganzes Leben habe ich geträumt: Der Frühling kommt, die Obstbäume blühen, ich gehe hinaus und trage diesen Mantel. Leicht, schön Dann könnte ich wieder Frau sein, nicht nur Schatten.
Irmgard zog Andreas in den Flur.
Hast du das gehört? Das ist das Alter, Andreas. Was für einen Mantel? Das ist doch Geld zum Fenster hinaus. Wir kaufen einen orthopädischen Lattenrost und Tropfen. Und sag dem Vater, bloß nicht solchen Fantasien zu erliegen.
Eine Woche verging. Der Geburtstag brachte Sonne und ungewohnte Frühlingwärme. Im Zimmer der Jubilarin duftete es nach Birgits frischem Gebäck und nach den Tulpen, die der Sohn brachte.
Na, Vater, mach schon, zeig, was du da hast, sagte Irmgard halb ironisch und blickte auf Wilhelm, der eine große Papiertüte hielt, die geheimnisvoll raschelte.
Wilhelm trat ans Bett seiner Frau. Louise, die in den letzten Tagen noch blasser geworden war, schien zwischen den weißen Laken fast schwerelos. Sie schaute auf die Tüte, als wäre darin ein Stück Ewigkeit verborgen.
Vorsichtig, mit der Feierlichkeit eines alten Offiziers, öffnete Wilhelm das Papier. Irmgard schnappte überrascht nach Luft und hielt sich den Mund zu. Andreas senkte den Blick.
Daraus kam er zum Vorschein der Mantel in strahlendem Kornblumenblau. Das Gewebe schimmerte im Sonnenlicht, am Kragen glänzte eine zarte Brosche in Form einer Blume. Das war kein Kleidungsstück fürs Krankenbett, sondern für ein Fest des Lebens.
Louise streckte mit zitternden Händen nach dem Mantel. In ihren von Jahren und Schmerz umwölkten Augen erschien pures Glück.
Du hast Wilhelm, du hast ihn wirklich gekauft
Mit Hilfe des Sohnes setzte sie sich langsam auf. Ihr von Falten umspieltes Gesicht leuchtete plötzlich in einem Lächeln, ihre Tränen glitzerten wie Tau. Wie lange werde ich ihn wohl noch tragen können, meine Lieben? Nicht mehr lange, ich spüre, wie die Kerze niederbrennt
Was uns bleibt, ist unser, sagte Wilhelm fest und stützte seine Frau unter dem Arm, half ihr aufzustehen. Komm, probier deinen Traum. Heute gehen wir zum Spaziergang.
Seid ihr verrückt? rief Irmgard fassungslos. Sie darf doch nicht aufstehen! Das ist gefährlich, das ist zu viel Mama, leg dich sofort hin, ich messe gleich den Blutdruck!
Lass mal gut sein mit deinem Blutdruck! fuhr Andreas dazwischen, schärfer als sonst. Lass sie einfach atmen. Soll sie gehen, ohne noch einmal die Sonne zu sehen?
Irmgard schwieg, getroffen mehr von der Mutter als vom Bruder. Louise, im blauen Mantel, wirkte plötzlich größer. Die Farbe brachte das letzte Blau in ihren Augen zum Vorschein, und sie schien kein bisschen hilflos.
Eine halbe Stunde später, im Hof, der golden vom Frühlingslicht durchflutet war, spazierte ein älteres Paar langsam dahin. Der pensionierte Offizier hielt seine Frau vorsichtig am Arm. Jeder Schritt war eine Kraftanstrengung, sie stützte sich schwer auf ihn, doch hielt das Haupt stolz erhoben.
Sie trug den leuchtend blauen Mantel; an jedem Strauch, der gerade die ersten Blätter zeigte, blieb sie für einen Atemzug stehen und sog den Duft des Frühlings ein. Vorbeigehende blickten unwillkürlich zurück. Sie sahen nicht Krankheit oder Alter. Sie sahen eine Frau, die endlich ihren Traum eingeholt hatte.
Irmgard stand am Fenster, beobachtete sie von oben. In ihrer Hand lag der neue Blutdruckmesser, doch sie dachte nicht daran. Zum ersten Mal seit Jahren blieb ihr jedes Wort aus. Dort unten, auf dem grauen Asphalt, bewegte sich ein kleiner blauer Fleck wie ein Stück Himmel, das auf die Erde gefallen war, um alle zu erinnern: Das Leben misst sich nicht in Herzschlägen, sondern in jenen Minuten, in denen das Herz vom Glück still wird.




