Woher hast du eigentlich Geld? Ich dachte, du wärst ohne mich aufgeschmissen…
Sabine brauchte einen Moment, bis sie überhaupt erkannte, dass es tatsächlich ER war. Erst sah sie bloß eine Gestalt auf der Bank vor dem Haus bucklig, nervös, gereizt, als hätte man ihn in einen grauen Mantel eingewickelt. Als der Wagen, in dem sie saß, sanft vor der Tür hielt, sprang dieser Schatten plötzlich auf und wedelte unbeholfen mit der Hand, als wolle er lästige Wespen vertreiben.
Sabine stieg aus, zupfte ihr Wollmantel zurecht, griff nach dem gigantischen Rosenstrauß und dann erst wurde ihr klar, wer das war.
Uwe? Ihr Tonfall klang kälter als der Berliner Novembermorgen.
Ihr Exmann stand auf und erklärte, mit der gleichen Herzlichkeit wie ein Finanzbeamter:
Ich brauche die Unterlagen. Wo warst du überhaupt? Ich warte hier seit einer Stunde!
Sabine betrachtete gelangweilt die Blumen, dann ihn:
Ich hab dir am Telefon gesagt, dass ich nicht zu Hause bin. Dass du dich wie ein Eiszapfen auf die Bank setzt, war deine eigene Entscheidung.
Von wem sind die Blumen? Uwes Gesicht verzog sich regelrecht angeekelt.
Geht dich nichts an.
Sabine rauschte an ihm vorbei, ohne überhaupt vorzuschlagen, dass er reinkommen soll ihr ruhiger Ton schien ihn nur noch weiter zur Weißglut zu treiben. Schließlich platzte er heraus:
Ich geh jetzt trotzdem rein. Die Unterlagen brauche ich.
Schon gut, aber nur für die Unterlagen, schnitt sie ab.
Sie gingen in die Wohnung. Uwe blieb wie angewurzelt stehen.
Das Wohnzimmer strahlte wie das KaDeWe: stylishe Möbel, neue Vorhänge, angenehmes Licht.
Was ist denn das für ein Palast? fragte er mit misstrauischer Stimme. Wo hast du denn das Geld her?
Hast du die Unterlagen?
Jetzt komm, Sabine, wechsel nicht das Thema. Wer bezahlt hier das Ganze?
Das tangiert mich nicht mehr. Und dich schon gar nicht.
Sie bugsierte ihn förmlich zur Tür hinaus. Uwe stand noch da wie ein frisch gekochtes Ei, kaum fähig zu blinzeln.
Als die Tür ins Schloss fiel, zischte er:
Wer will dich denn noch… mit deinem Alter…
Doch irgendwo in seinem Inneren regte sich eine alte Unruhe, die er nie zugeben würde: Plötzlich wurde Sabine für ihn wieder interessant.
Sabine erinnerte sich an den Tag, als alles wie ein schlecht gebackener Berliner zusammenfiel und wie sie gleichzeitig frei wurde.
Damals kam sie zur Mittagspause heim: Kreislauf im Keller, Schädel brummte. Kaum öffnete sie die Tür, hörte sie Gelächter. Männliches. Und helles weibliches.
Noch wackelig ging sie Richtung Schlafzimmer, und ihr Herz schlug wie die Spinntrommel in einer alten Miele.
Christina, hör auf… sie könnte jeden Moment zurückkommen, ein leise gedämpfter männlicher Ton. Ach, komm… nur schnell…
Und dann: Stöhnen.
Sabine öffnete die Tür. Da stand ein fast noch Kind, eine Drittsemester-Studentin, kaum bekleidet, und Uwe, der nicht einmal den Reflex zeigte, sich zu verstecken oder irgendwas zu überspielen.
Tja, Frau Sabine Schmidt, jetzt wissen Sie Bescheid, grinste Uwe. Wenn du’s willst, lass dich scheiden. Mir ist das Schnuppe.
Herr Uwe Müller… wir… murmelte die Studentin verunsichert.
Halt die Klappe. Alles wird gut, schnauzte er sie an.
Dann drehte er sich zu Sabine und sagte:
Du weißt doch längst, dass bei uns alles… naja, den Bach runtergeht. Lass uns’s doch einfach machen.
Sabine sagte kein Wort. Sie ging zum Schrank, schleuderte seine Sachen auf den Boden und knurrte:
Raus mit dir.
Damals glaubte er, der König von Berlin zu sein.
Ohne mich landest du doch beim Sozialamt!
Ich hol dir die Tochter weg!
Ich erzähl jedem, dass DU die Untreue warst!
Jetzt, drei Monate später, stand er unter ihrer Tür mit einem Riesenstrauß Rosen und dem Blick eines geprügelten Pudels.
Sabine, hast du gehört, was er über dich labert? schimpfte ihre beste Freundin Annemarie.
Ach ja, grinste Sabine, während sie sich einen Tee einschenkte.
Er behauptet, DU wärst die Untreue! Dass er dich verlassen hat, weil du so eine saufende Rumtreiberin bist!
Sabine lachte so herzlich, dass Annemarie ganz sprachlos wurde.
Soll er doch erzählen, was er will. Leute, die mich kennen, glauben das nie im Leben. Die anderen sind mir wurscht.
Aber er zieht dich überall durch den Kakao! In der Firma, bei seinen Kumpels…
Annemarie, sah sie ihrer Freundin fest in die Augen, das geht mir ehrlich gesagt am Berliner Fernsehturm vorbei. Uwe ist längst Geschichte. Ich genieße endlich mein Leben.
Du bist richtig anders, seufzte Annemarie. Siehst jünger aus, viel frischer… Man hat das Gefühl, du atmest zum ersten Mal.
Weißt du, warum? zwinkerte Sabine. Weil niemand mehr da ist, der mir jeden Tag sagt, wie nutzlos ich bin.
Uwe hockte in der Küche von Kumpel Dieter und tauchte nervös einen Teebeutel ins olle Porzellan.
Stell dir vor, jetzt bringt ihr irgendein Kerl Blumen! meckerte er.
Und das Makeover. Und sie geht auf Dates!
Was kümmert dich das noch? Ihr seid doch geschieden, zuckte Dieter mit den Schultern.
Darum gehts ja gar nicht! polterte Uwe. Sie… also… sie war meine Frau. Wie kommt das rüber?
Wie eine Frau, die ihr Leben jetzt einfach genießt.
Sie war nie… oh Mann, ohne mich war sie doch…
Dieter grinste schief:
Ach, so siehts aus. Du hattest geglaubt, sie geht unter ohne dich?
Uwe knallte die Faust auf den Tisch.
Sie hätte allein rumsitzen müssen! Sie hat doch eine Tochter, ist nicht mehr die Jüngste… Wer interessiert sich da noch?
Scheinbar einer schon, lachte Dieter.
Uwe spürte, wie seine Welt sich wie ein Berliner Umzugskarton auflöste. Er dachte an Christina nett anzuschauen, aber ansonsten… naja. Nach zwei Monaten wurde das Wohnzimmer schon zur Nervenprobe, und nicht mal ein Spiegelei gelang ihr.
Aber Sabine? Immer zuverlässig, gemütlich, ein echtes Zuhause. Still und heimlich wusste er: Sie war der einzige Mensch, der ihn je wirklich geliebt hatte.
Damals hatte er das alles nicht zu schätzen gewusst.
Am nächsten Tag tauchte Uwe wieder bei ihrer Tür auf frisches Hemd, Haargel, Rosenstrauß, als würde er zur Miss-Wahl gehen.
Er klingelte.
Sabine öffnete nach einer Minute. Gelassen, ganz klar und mit einer souveränen Ruhe.
Was willst du denn?
Die Blumen sind für dich, stotterte er und hielt den Strauß hin.
Kannst gleich wieder mitnehmen. Ich hab allergisch gegen Zirkusnummern.
Ich wollte… also… mich mit dir versöhnen.
Mit wem?
Mit dir!
Uwe, wir sind geschieden.
Und? Dann können wir doch neu anfangen.
Sie lachte nicht verletzt, sondern fast mitleidig.
Uwe, du hast mich vor drei Monaten hinausgeworfen, und behauptet, ich wär für niemanden mehr interessant.
Na ja… Er schluckte. War wohl Blödsinn.
Du hast mich jahrelang betrogen.
Das… also… das war nichts Ernstes.
Du hast mich immer wieder klein gemacht.
War nicht richtig.
Du hast gesagt, dass unsere Tochter und ich ohne dich untergehen.
Damals…
Uwe. Willst du wirklich behaupten, jetzt hast du alles verstanden?
Ja.
Er trat näher, so als wäre er der neue Charles Bukowski:
Lass es uns nochmal probieren! Ich bin echt wie ausgewechselt. Versprochen.
Nein, Uwe. Du verstehst gar nichts. ICH bin ausgewechselt.
Da wollte er noch was entgegnen, aber aus dem Wohnzimmer rief eine männliche Stimme:
Sabine, wer ist da?
Uwe erstarrte.
Ein großer, kräftiger Mann, Bademantel gebunden, trat heraus.
Gibts Probleme? fragte er gelassen.
Wer… ist das? kam es krächzend von Uwe.
Das ist mein Partner, erklärte Sabine ruhig. Und du… bist das Kapitel davor.
Uwe ließ den Strauß fallen. Die Rosen landeten wie Burgermöhren auf dem Boden.
Gehst du selbst, oder brauchen wir Hilfe? fragte der Mann höflich.
Uwe zwängte sich eilig in den Flur.
Und nimm deinen Deko-Gestrüpp gleich mit, rief Sabine ihm lachend nach, als er die Treppen hinunterrannte.
Draußen setzte sich Uwe wieder auf die gleiche Bank wie vorher, mit zerdrücktem Rosenstiel in der Hand.
Wie konnte sie nur…?, dachte er.
Aber die Antwort war klar: Er hatte alles selbst kaputtgemacht.
Er hatte sie erst zum Weinen gebracht, dann zur Verzweiflung, und schließlich zu einer Entscheidung, die ihr Leben zum Besseren gewendet hatte.
Er erinnerte sich daran, wie er sie genannt hatte:
Glucke;
Dramaqueen;
nutzlos;
hässlich;
eine Frau, für die sich niemand interessieren würde.
Und jetzt war da ein Mann an ihrer Seite, der sie anschaute, wie er es nie getan hatte.
Wie schade…, flüsterte er.
Aber Bedauern kam zu spät.
Sabine stand am Fenster und sah ihm nach. Kein Zorn, kein Triumph nur leise Melancholie.
So viele Jahre verschenkt, murmelte sie.
Aber als sie das Fenster schloss, lächelte sie.
Denn zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich frei, begehrenswert und wirklich lebendig Die Stimmen von Sabines Tochter und dem neuen Partner vermischten sich lachend im Wohnzimmer. Sabine atmete tief durch, strich über die Fensterbank und spürte etwas, das sie lange nicht gekannt hatte: Gelassenheit. Die Vergangenheit war jetzt draußen auf der Bank, der Zukunft gehörte der Raum hinter ihr.
Annemarie schickte eine Nachricht: Bist du okay? Sabine grinste, tippte zurück: Noch nie besser. Und als sie ins Wohnzimmer trat, begrüßte sie die Wärme, das der neue Alltag brachte ein Leben, das nicht mehr von Angst, Kleinheit oder Sehnsucht bestimmt war; sondern von Selbstachtung und Freude.
Sie hob ihren Tee. Auf uns, sagte sie lächelnd. Und in diesem Moment wusste sie: Nichts kein Zirkus, keine Rosen und kein bitteres Wort würde ihr die neue Freiheit je wieder nehmen.





