Gegenangriff
Anna, wer ist diese Frau? fragt Johannes leise, damit die anderen Fahrgäste nichts mitbekommen.
Welche Frau? Anna löst ihren Blick vom Handy. Sie tippt gerade ihrer besten Freundin.
Dort, neben dem letzten Fenster. Sie starrt uns die ganze Zeit an. Ich würde sagen: ziemlich unverschämt.
Anna richtet sich ein wenig auf, um besser sehen zu können, und ihr Gesicht verändert sich schlagartig. Dann besinnt sie sich, setzt eine gleichgültige Miene auf und zuckt betont mit den Schultern:
Keine Ahnung.
Lüg mich nicht an, Johannes wird ärgerlich, ich hab doch gesehen, wie du reagiert hast, als du sie entdeckt hast. Wer ist sie?
Das ist meine Mutter, sagt Anna nach kurzer Überlegung. Sie entscheidet in diesem Moment, dass es besser ist, die Wahrheit zu sagen. Für alle Fälle.
Deine Mutter? staunt Johannes, du hast doch immer gesagt, du hast keine Mutter.
Ist auch so
Ich verstehs nicht, er mustert ihre Gesichtszüge, neugierig, kannst dus vielleicht erklären?
Lass uns lieber zu Hause reden
Und du gehst nicht zu ihr? Lebt sie etwa hier, bei uns in der Stadt?
Johannes, bitte, lass uns erst mal nach Hause fahren, in Annas Stimme liegt flehentliche Bitte, Tränen treten ihr in die Augen.
Gut, sagt ihr Mann kühl und dreht sich zum Fenster. Gekränkt.
Anna versucht ihn nicht zu trösten. Sie ist vielmehr erleichtert, dass sie wenigstens für eine Weile in Ruhe gelassen wird.
Aber zur Ruhe kommt sie nicht. Vor ihrem inneren Auge erscheinen die Bilder aus ihrer Kindheit
***
An ihrem Vater hat Anna keine Erinnerung. Sie weiß nur, was ihre Mutter erzählt hat: Er sei ein schrecklicher Mensch gewesen.
Außerdem erzählte ihre Mutter immer, Anna hätte großes Glück gehabt: In ihrem Leben gäbe es einen wundervollen Menschen ihren Stiefvater.
Den kannte Anna seit etwa ihrem achten Lebensjahr gut. Allerdings verstand sie nie, was an ihm so wundervoll sein sollte.
Grobschlächtig, geizig, unfreundlich. Warum liebt Mama diesen Mann bloß? fragte sich Anna, wenn sie sich in eine Entfernung verkrümelte, um nicht gefunden zu werden.
Nein, er hat sie nie geschlagen oder offen beleidigt.
Aber für einen Menschen hielt er sie auch nicht. Nie nannte er sie beim Namen. Sah durch sie hindurch.
Wenn er mit seiner Frau über Anna sprach, hörte sich das ungefähr so an:
Das Mädchen hat kein Benehmen
Deine Tochter stört meinen Feierabend
Sag ihr, sie soll nicht mit Jungs draußen spielen, dafür ist sie zu jung.
Hast du mal ihr Zeugnis gesehen? Schau rein! Ich schäme mich, dass sie hier in meinem Haus lebt!
In seinem Haus! Dabei ist das doch unsere Wohnung, Mama und ich! dachte Anna als Teenager. Sie wusste noch genau, wie sie nach dem Tod der Oma dorthin gezogen waren.
Eines Tages platzte es aus Anna heraus, als ihr Stiefvater den Satz wiedermal brachte:
Nicht ich, Sie wohnen in unserer Wohnung! Wenn es Ihnen nicht passt, dann gehen Sie doch! Niemand wird Sie vermissen!
Der Stiefvater sprang wütend auf sie zu, als wolle er ihr den Mund zuhalten, hielt im letzten Moment jedoch inne, drehte sich schroff zur Mutter und schnaubte:
Tu was, dass ich sie hier nie mehr sehen muss!
Die Mutter packte Annas Hand, zog sie aus dem Zimmer und sagte:
Natürlich, mein Schatz, alles wird so, wie du willst
Sie schaute ihn immer an, als wäre er ein Gott. Fügte sich, bediente, sprach mit gekünstelter Milde und tat alles, um ihn zufrieden zu machen.
Warum? Anna verstand es nicht.
Sie war sich sicher: Wenn der Stiefvater wollte, würde ihre Mutter sie sofort vor die Tür setzen.
Was bildest du dir eigentlich ein? zischte ihre Mutter an jenem Tag, Wage es nie, so mit deinem Vater zu sprechen!
Er ist nicht mein Vater! schrie Anna und weinte, und wird es nie sein!
Das zählt nicht! Er ernährt dich, kleidet dich, und du Undankbares Ding!
Ich habe nie darum gebeten, geboren zu werden! rief Anna unter Tränen, und erzogen werden wollte ich auch nicht! Du hättest mich abgeben sollen, dann hättest du weniger Sorgen!
Ich hätte sollen! gab die Mutter höhnisch zurück, aber niemand wollte dich! Und dein Vater ist abgehauen, kaum warst du da! Du hast mir das Leben versaut!
Nach diesen Worten fühlte Anna nur noch tiefen Hass und stieß ihre Mutter von sich, rannte aus der Wohnung.
Niemand lief ihr nach. In der ganzen Woche, in der sie wegblieb, fragte niemand, wo sie war oder wie es ihr ging.
Damals war Anna fünfzehn
Was hätte sie tun können? Nichts.
Die Freundinnen nahmen sie abwechselnd für ein paar Nächte auf, das löste das Problem aber nicht. Sie musste zurück.
Mit zitternden Händen öffnete Anna die Tür
Da bist du ja wieder? meinte die Mutter knapp, Geh in dein Zimmer und zeig dich nicht, bis du gerufen wirst
Sie hat ihn wohl überzeugt, dachte Anna und schlüpfte rasch in ihr Zimmer.
Ab diesem Tag sprach der Stiefvater kein Wort mehr mit ihr. Er verhielt sich, als sei sie überhaupt nicht da
Die Mutter machte natürlich mit: Rief Anna nicht zum Essen, kümmerte sich nicht, sprach kein Wort mit ihr.
Anna spürte deutlich: Über sie haben sie längst entschieden. Sie warten wohl nur noch, bis sie die Schule beendet
Und sie lag richtig. Sobald Anna ihr Abiturzeugnis bekam, ließ sie ihre Mutter wissen, dass jetzt die Zeit käme, sich auf ein eigenes Leben vorzubereiten.
Sobald du achtzehn bist, gehst du deine eigenen Wege, verkündete sie und schwieg wieder.
Anna überlegte und beschloss zu studieren. Erstens würde sie so der Familie nicht mehr zur Last fallen, zweitens bekamen Studierende aus anderen Städten Wohnheimplätze. Das hieß: Fünf Jahre lang ein Dach über dem Kopf
Doch Anna wurde nicht zum freien Studienplatz zugelassen. Nur zum gebührenpflichtigen. Sie wusste, dass niemand für ein Studium zahlen würde, aber sie erzählte es trotzdem der Mutter:
Mama, ich bin jetzt Studentin.
Die Mutter sah sie gleichgültig an:
Und?
Allerdings kostet das Studium etwas gar nicht viel
Nur dass dus weißt: Kein Cent dafür! Wir haben doch schon genug für dich bezahlt! Außer Nerven hast du uns doch nichts gebracht! Und nun sollen wir auch noch Geld für dein Studium aufbringen?!
Sorry. Klar, müsst ihr nicht, antwortete Anna, ich hätte es gar nicht erzählen sollen.
Eben! Such dir mal lieber eine Wohnung.
Aber wie soll ich die bezahlen, Mama?
Geh arbeiten! Lernen, pff Ich geb dir noch einen Monat Danach bist du raus.
Ein Monat ist wenig, versucht Anna sie zu erweichen, kann ich nicht wenigstens ein halbes Jahr noch hier bleiben?
Ein halbes Jahr? Sicher nicht! Ich musste den Vater schon überreden, dich noch eine Weile zu dulden. Außerdem, wir wollen renovieren. Dein Zimmer wird unser neues Schlafzimmer. Einen Monat hast du, nicht mehr
Und Anna bezieht ihre eigene Wohnung. Wohnung kann man das kaum nennen: eine winzige Bleibe im Hinterhof, ohne Komfort, mit Ofen. Dafür günstig
Beim Auszug gibt ihr die Mutter ein Besteck, Teller, Tasse, Küchenmesser und einen kleinen Topf. Dann krame sie noch ein Handtuch und ein altes Paar Bettzeug heraus.
Nimm das auch noch, sagt sie und schaut Anna nicht an, Alles Gute, meine Tochter. Vielleicht wirst du ja erwachsen und verstehst mich dann.
Danke, Mama, sagt Anna, kann ich meine Wintersachen später holen?
Aber nicht zu lange warten, sonst sind sie vielleicht nicht mehr da
Willst du sie etwa wegwerfen?
Ich nicht, aber Väterchen könnte das nicht gefallen. Du verstehst schon
Verstehe, Anna umarmt zum Abschied die Mutter, dann geh ich jetzt
So beginnt Annas eigenes Leben mit achtzehn Jahren.
Mit dem Segen der Mutter
Das bisschen Geld, das sie von der Mutter bekam, reicht bis zum ersten Gehalt. Anna spart jeden Cent. Nicht einmal die Straßenbahn benutzt sie, läuft immer zu Fuß zur Fabrik.
Nach dem ersten Gehalt fühlt sie sich wie eine Millionärin! Sie kauft Vorräte Nudeln, Reis, ein Flasche Öl und einen Sack Kartoffeln.
Sie braucht noch Shampoo, Seife, Zahnpasta
Als alles besorgt ist, legt Anna, was übrig bleibt, in einen schönen Umschlag und nimmt sich vor, langsam etwas für eine eigene Wohnung anzusparen.
Nach etwa einem Monat besucht Anna die Mutter: Zum einen aus Sehnsucht (sie glaubt immer noch, dass ihre Mutter sich freuen würde) und zum anderen, um die Wintersachen zu holen, denn es ist schon herbstlich kühl draußen.
Die Tür öffnet ein junger Mann.
Hallo, falsch geklingelt? scherzt er freundlich.
Ich wollte eigentlich zu meiner Mutter, stammelt Anna.
Ah Du bist bestimmt Anna, oder? Komm rein. Mama ist nicht da, aber du kannst warten.
Mach ich, Anna geht entschlossen in die Küche.
Der Mann versucht mit ihr zu plaudern, aber sie schaut ihn so konzentriert an, dass er sich zurückzieht.
Die Mutter kommt und freut sich mäßig. Auf Annas Fragen zum jungen Mann reagiert sie:
Das ist Markus, Sohn meines Mannes aus erster Ehe.
Und warum lebt er hier? Du wolltest doch renovieren.
Er bleibt nicht lange. Will sich hier umschauen, Arbeit suchen, dann zieht er eine eigene Wohnung.
Okay, sagt Anna, ich hab meine Stiefel und die Jacke geholt
Nimm alles mit. Lass hier nichts zurück! Bin das Hin- und Herräumen leid.
Wie kann man das leid sein? Ich war doch nur zwei Monate weg.
Werd nicht frech, fährt die Mutter sie an, hols einfach und geh.
Fragst du mich gar nicht, wie es mir geht?
Das interessiert mich nicht, die Mutter kann offenbar in Markus Gegenwart nicht (oder will nicht) reden.
Das wundert mich kaum, Anna macht sich auf ins Vorzimmer
Soll ich dir helfen? taucht Markus auf, Wie willst du diesen Riesenkoffer alleine schleppen?
Das geht schon, sagt Anna und geht.
Ein paar Monate später kommt sie wieder. Diesmal für den Wintermantel. Wieder öffnet Markus. Diesmal ist die Mutter da. Annas Frage:
Lebt er immer noch bei euch? lässt die Mutter explodieren:
Das geht dich nichts an! Er bleibt hier solange er will! Er ist schließlich wegen seines Vaters da!
Ich habe doch auch hier mit meiner Mutter gelebt, meint Anna, hat mir aber nicht geholfen.
Vergleich das nicht! Das ist was anderes!
Was denn? hakt Anna nach, Wo ist der Unterschied?
Ich muss mich dir gegenüber nicht rechtfertigen! schreit die Mutter, Das ist mein Haus und ich entscheide, wer hier wohnt!
Klar.
Was ist klar?!
Dass dir ein Fremder mehr bedeutet als deine eigene Tochter, sagt Anna leise und ruhig und treibt die Mutter damit zur Weißglut.
Ich habe keine Tochter! schreit sie, und Markus ist der Sohn meines Mannes! Er ist für mich mehr als ein Sohn!
Herzlichen Glückwunsch, sagt Anna, als wäre die Frau vor ihr eine Unbekannte, dann habe ich auch keine Mutter mehr.
Sie geht.
Fest entschlossen, nie mehr zurückzukehren.
Vier Jahre meldet Anna sich nicht. Kein Anruf, kein Besuch.
Und jetzt dieses Zusammentreffen
***
Während Anna in ihren Erinnerungen versinkt, erhebt sich ihre Mutter und kommt zu ihr.
Johannes steht auf und macht ihr Platz.
Hallo, hört Anna neben sich eine längst vergessene Stimme.
Hallo, bringt sie mühsam heraus.
Das ist? die Mutter deutet auf Johannes.
Mein Mann.
Glückwunsch.
Danke.
Bei uns läufts auch prima. Papa arbeitet, Markus hat schon eine Freundin. Sie ist lieb und ruhig. Nächsten Monat ist Hochzeit. Weißt du, ich werde bald Oma! So ein Glück! Für das Kind richten wir jetzt dein Zimmer her. Renovieren gerade. Die Tapeten ganz teuer, mit niedlichen Kindermotiven. Und wir wollen mit Papa eine Datsche kaufen, irgendwo hier in der Nähe. Will ja, dass das Kind frische Luft bekommt, Obst und Gemüse. Suchen gerade nicht teuer, aber mit Haus und am Wasser, Fluss oder See
Anna hört zu und fragt sich, warum ihr diese fremde Frau überhaupt so viel erzählt.
Und wie lange bist du schon verheiratet?
Seit zwei Jahren, antwortet Anna automatisch.
Schon Kinder?
Unser Sohn ist fast ein Jahr alt.
Dann habe ich einen Enkel?
Sie? Anna sieht jetzt die Mutter direkt an.
Ich, die Mutter wird einmal kurz unsicher, du bist doch meine Tochter.
Da irren Sie sich, meine Mutter ist vor vier Jahren gestorben
Die Mutter wird blass, steht wortlos auf und geht hinaus.
Anna schaut zum Fenster: Mitgefühl empfindet sie nicht für diese Frau.
Johannes hat den beiden aufmerksam zugehört. Nachdenklich blickt er ihnen nach.
Da wird ihm klar: Sie sind einander vollkommen fremd!
Und entscheidet für sich: Über ihre Vergangenheit wird er Anna nicht mehr fragen. Er spürt, dass er lieber nicht in diese dunkle Vergangenheit blicktAnna lehnt sich schwer an die Scheibe und spürt, wie der Zug langsam Fahrt aufnimmt. Die Landschaft draußen zieht vorbei, doch in ihr kehrt zum ersten Mal so etwas wie Ruhe ein. Johannes legt vorsichtig seine Hand auf ihre, sie nimmt sie dankbar an. Sie schaut zu ihm und lächelt zaghaft; zum ersten Mal fühlt sie, dass sie wirklich angekommen ist.
Das alte Bild der Mutter, das sie jahrelang mit sich getragen hat, beginnt zu verblassen. Anna spürt die Sonne, die ins Abteil scheint, und ihr Herz wird leicht. Es gibt kein Zurück mehr aber das macht ihr keine Angst. Sie weiß, dass Familie nicht das ist, was einem in die Wiege gelegt wird, sondern das, was man findet, wenn man sich wirklich öffnet.
Der Zug fährt weiter, und Anna sieht ihrem Leben entgegen. Sie hält Johannes Hand fester. Ihr Sohn wird zu Hause auf sie warten. Und die Zukunft sie gehört ihr.




