Richard wachte in einer seltsamen Stimmung auf, überzeugt davon, dass seine Frau ihn betrügen würde. Deshalb beschloss er, sie auf die Probe zu stellen und das Ergebnis überraschte ihn.
Lieber, wirst du nicht zu spät sein?, fragte ihn Annemarie, während er in der Küche nervös mit dem Handy telefonierte. Dein Flug geht doch in zwei Stunden.
Habe ich dir nicht erzählt?, entgegnete Richard erstaunt und sah seine Frau an. Die Geschäftsreise wurde verschoben. Vermutlich fliege ich erst in ein paar Tagen.
Verstehe, erwiderte Annemarie flüchtig, griff sofort nach ihrem Handy und tippte eine Nachricht. Dann kehrte sie zurück ins Wohnzimmer, als wäre nichts geschehen.
In Richards Kopf brodelte es. Immer ließ Annemarie ihm so erstaunlich viel Freiheit, als ob es ihr egal wäre, wohin er ging, mit wem er sich traf, oder ob er spät und betrunken heimkehrte. Seine Freunde aus Hamburg sagten immer wieder: So eine Frau findest du nur einmal im Leben! aber Richard nagten trotzdem Zweifel.
Er war acht Jahre älter als Annemarie. Was, wenn sie längst einen jüngeren Mann kennengelernt hatte? Zumindest war er klug genug, seine Gedanken für sich zu behalten. Ohne Beweise jemanden zu beschuldigen, das ginge nicht. Aber er wollte sicher sein. In einer verschwommenen Traumlogik kam ihm die Idee, überall im Reihenhaus in Berlin-Kreuzberg kleine Überwachungskameras anzubringen.
Die Geschäftsreise führte ihn nach München und er war niedergeschlagen. Sogar Annemarie bemerkte seine trübe Stimmung. Fast hätte sie ihm Baldriantropfen angeboten. Ihr Mitgefühl tröstete ihn ein wenig und für einen Moment wirkte alles normal, fast zärtlich.
Er wollte sich die Aufnahmen aus der Ferne gar nicht ansehen aber wenn er allein im Hotelzimmer lag, kramte er doch das MacBook hervor, startete die App und spulte rastlos durch die Videos. Nach fünf Minuten klappte er den Laptop meistens wieder zu, als wolle er dem Sog der Neugier entkommen.
Die Zeit verstrich wie gefrorene Milch in einer surrealen Landschaft aus vergilbten Uhren. Als Richard endlich zurückkehrte, schickte er Annemarie morgens zur Arbeit, dann schloss er die Gardinen und startete die Überwachungsvideos.
Zunächst war alles vertraut: Annemarie stand auf, bereitete sich ein Müsli mit Joghurt und Obst, saugte durch die Zimmer. Aber nachmittags saß sie, ganz untypisch ungeschminkt, in Richards altem Fußballtrikot und Jogginghose am Computer. Seltsame Stimmen drangen aus dem Headset: Sie spielte Computerspiele offenbar tagelang.
Das ist sicherlich nicht ideal aber jeder hat sein eigenes Faible, murmelte Richard und beruhigte sich halbwegs.
Er klickte sich im Schnelldurchlauf durch etliche weitere Videos. Keine heimlichen Treffen, keine unbekannten Männer nur Annemarie, der Computer und die alltäglichen Pflichten in einer merkwürdig verschobenen Abfolge.
Er schloss den Laptop und atmete tief durch. Da war nur noch ein schlechtes Gewissen, das wie ein Regenschauer auf ihn niederrasselte, weil er so Schlechtes von Annemarie gedacht hatte. Am nächsten Tag kaufte Richard für 60 Euro einen riesigen Strauß roter Rosen am Bahnhof und bereitete ein Abendessen mit Kerzenlicht, Riesling und Berliner Kartoffelsalat vor. Aber die Kameras ließ er erstmal, unsichtbar wie Träume, im Hintergrund. Schließlich konnte er unmöglich wissen, was als Nächstes geschiehtAls Annemarie abends die Wohnung betrat, duftete es nach Dill und frisch gebratenen Würstchen. Sie blieb einen Moment im Flur stehen, überrascht von Kerzenschein und Musik. Richard, nervös wie beim ersten Rendezvous, reichte ihr die Rosen.
Was ist denn heute los?, fragte sie lachend und zog ihn zu sich. Er schwieg, hielt sie einfach fest, bis in seinem Innersten eine alte Angst langsam wegsickerte.
Sie aßen, sprachen von kleinen Alltagssorgen und großen Plänen. Annemarie erzählte ihm, dass sie sich nach seiner Nähe gesehnt hatte, dass ihr die Tage allein zu lang geworden waren. Am Ende des Abends, als der letzte Kerzenschein verlöschte, fragte sie ganz leise: Wirst du bald wieder wegmüssen?
Richard schüttelte lächelnd den Kopf. Ich bleib zu Hause, versprochen.
Zum ersten Mal seit Monaten fühlte er sich angekommen nicht, weil er Annemarie geprüft hatte, sondern weil er ihr endlich wieder vertraute. Und während draußen der Berliner Niesel über die Fensterscheiben glitt, begriff er: Die Liebe war keine Falle, sondern ein mutiges Wagnis. Manchmal genügte es, einfach zuzuhören dem anderen und dem eigenen Herzen.




