Herr Schmidt, hören Sie endlich auf, mir auf Schritt und Tritt zu folgen! Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich um meinen verstorbenen Mann trauere. Bitte hören Sie auf, mich zu verfolgen! Ich bekomme langsam Angst vor Ihnen!, schrie ich fast, als meine Stimme vor Anspannung zitterte.
Ich erinnere mich, ich weiß… Aber ich habe das Gefühl, dass Sie eher um sich selbst trauern. Es tut mir leid, gab mein beharrlicher Verehrer nicht auf.
Ich war zur Erholung in einer Kurklinik im Schwarzwald. Ich hatte mich nur nach Ruhe gesehnt, nach dem Gesang der Vögel im Wald, nicht nach aufdringlichen Männern. Vor wenigen Wochen war mein Mann Stefan plötzlich gestorben. Ich musste zu mir kommen, irgendwie diese Lücke begreifen.
Wir hatten gerade renoviert, Stefan und ich. Jeder Cent war ins Sparschwein gekommen, wir gönnten uns nichts. Und dann das: Stefan brach zusammen, der Notarzt konnte nichts mehr tun. Sein zweiter Herzinfarkt. Nach der Beerdigung blieb ich zurück ohne Ehemann, ohne fertige Wohnung, dafür aber mit zwei halbwüchsigen Söhnen. Wie sollte ich das bloß überstehen?
Von der Arbeit bekam ich einen Gutschein für die Kurklinik. Zuerst wollte ich gar nicht fort, mich am liebsten zuhause verkriechen. Doch meine Kolleginnen bestanden darauf: Du bist nicht die Erste und nicht die Letzte, die ihren Mann verliert, Clara. Deine Kinder brauchen dich! Fahr, Clara, finde wieder zu dir selbst.
So machte ich mich schweren Herzens auf den Weg.
Vierzig Tage nach Stefans Tod war vergangen. Die Trauer saß tief, ließ nicht locker. Im Zimmer teilte ich mir die Betten mit einer lebenslustigen Frau, Katja. Sie strahlte eine Leichtigkeit aus, die manchmal fast schmerzte. Was sollte ich mit ihr teilen? Mein Leid? Musste sich eine junge Frau wie sie mit sowas belasten? Sie hatte schnell einen Animateur an der Angel, wie das eben so läuft in Kurhäusern: Jeder dort war ledig, geschieden oder verwitwet. Ich durchschaute diesen Typen sofort garantiert zum zweiten oder dritten Mal verheiratet.
Katja lachte und winkte immer ab: Ach Clara, machen Sie sich um mich keine Sorgen! Ich bin kein dummes Mädchen mehr
Und schon verschwand sie abends auf ihre Rendezvous. Ich dagegen saß fast eine Woche im Zimmer fest, blätterte in einem Buch, ohne wirklich zu lesen, starrte auf den Fernseher, ohne etwas zu sehen.
Eines Morgens wachte ich unerwartet in guter Stimmung auf. Der Himmel war klar. Heute mache ich einen Spaziergang durch den Wald, atme einmal tief durch, dachte ich. Genau dort begegnete mir der Unbekannte. Schon in der Cafeteria war er mir aufgefallen ein niedriger, pummeliger Mann mit durchdringendem Blick. Ich mochte ihn nicht. Schick gekleidet, frisch rasiert, aber irgendwie unangenehm. Jedes Mal, wenn wir zu Abend aßen, verneigte er sich grinsend vor mir. Ich nickte pflichtbewusst zurück. Eines Abends setzte er sich dann direkt an meinen Tisch.
Vermissen Sie etwas, gnädige Frau?, fragte er mit samtener Stimme.
Nein., antwortete ich knapp.
Glauben Sie mir doch nicht alles. Man sieht Ihnen den Kummer doch an. Vielleicht kann ich helfen?
Sehr gut erkannt. Ich trauere um meinen verstorbenen Mann. Haben Sie noch weitere Fragen?, ich stand auf, wischte mir die Hände an der Serviette trocken, als Zeichen, dass das Gespräch vorbei war.
Verzeihung, das wusste ich nicht. Mein Beileid. Aber lassen wir uns vorstellen: Ich bin Tobias, beeilte er sich.
Man sah Tobias an, wie sehr er um unsere Bekanntschaft bangte.
Clara., sagte ich nur so dahin und verließ schnell den Speisesaal.
Doch von diesem Tag an suchte Tobias bei jeder Mahlzeit meinen Tisch auf, überreichte mir ein kleines Sträußchen Glockenblumen. Diese Blumen wuchsen in der ganzen Region. Das musste ich zugeben: Die kleinen Aufmerksamkeiten waren schön aber Bemühungen in Richtung einer Beziehung? Nein, das konnte ich nicht zulassen.
Tobias gab nicht auf. Bald begleitete er mich bei meinen abendlichen Spaziergängen. Sogar flache Schuhe zog ich inzwischen an, damit der Größenunterschied nicht so auffiel. Tobias war dieser Umstand völlig egal, seine glänzende Glatze ebenso. Er wusste vermutlich, dass sein Bass eine starke Wirkung auf Frauen hatte. Ich hatte so eine Stimme selten gehört sie umschlang einen regelrecht.
Schon gingen wir abends zusammen tanzen, fuhren in die Stadt, um Äpfel und Birnen zu besorgen und mein Begleiter versuchte mehrfach, mich in sein Zimmer einzuladen. Ich aber blieb standhaft wie ein Zinnsoldat.
Schließlich meinte Tobias: Clärchen, morgen fährst du zurück. Vielleicht kommst du heute Abend noch auf einen Tee zu mir ins Zimmer?
Ich überlege es mir, murmelte ich.
Der letzte Abend der Kurklinik kam, und ich wollte Tobias nicht enttäuschen. Ich ging zu ihm, wohl ahnend, wie es enden würde.
Tobias hatte den Tisch liebevoll gedeckt, viele Leckereien aufgebaut. Hat wohl die halbe Cafeteria ausgeräumt, musste ich innerlich schmunzeln. Mit Galanterie schob er mir den Stuhl zurecht. Sogar eine Flasche Sekt stand da.
Wollen wir, Clara? Ich weiß nicht, wie ich morgen ohne dich fahren soll. Gib mir deine Adresse, ich komme dich bestimmt besuchen.
Die hast du doch morgen eh vergessen! Ich kenne euch Männer doch… Worauf trinken wir, Tobias?, fragte ich, mittlerweile bereit, mich fallen zu lassen.
Du weißt es nicht? Auf die Liebe, Clara, auf die Liebe!, hob Tobias das Glas.
Am nächsten Morgen wachten wir umschlungen nebeneinander auf. Mein Gott, warum hatte ich mich nur so lange gewehrt? Hätte ich doch viel früher seinen Einladung angenommen… Wie viel Wertvolles hatte ich verschwendet! Und jetzt hieß es packen, Abschied nehmen.
Ich verabschiedete mich noch von Katja, meiner Zimmergenossin. Sie saß auf ihrem Bett und weinte heftig.
Was ist denn los, Katja?, fragte ich leise.
Ich bin schwanger, Clara. Und ich weiß nicht mal genau, von wem, schluchzte sie los.
Der Animateur?, wollte ich klären, wer hinterher Vater sein würde.
Ich weiß nicht… Habe noch jemanden kennengelernt… Der wohnt im Nebengebäude. Verheiratet, überlegte Katja.
Ach, Katja. Rufen Sie Ihre Eltern an, sie sollen kommen. Wie konnten sie Sie überhaupt allein fahren lassen? Kommen Sie, wir sprechen erstmal mit der Klinikleitung.
Katja rannte weinend aus dem Zimmer. Ja, Mädchen, die Jugend lässt sich immer wieder auf Abenteuer mit den falschen Männern ein…
Ich war abreisefertig. Es zog mir das Herz zusammen. Nach vierundzwanzig Tagen war mir alles vertraut geworden besonders Tobias.
Der Bus stand schon bereit. Tobias kam mit einem letzten Strauß Glockenblumen. Ich umarmte ihn fest und die Tränen liefen. So endete eine kurze Romanze. Mein Herz zog sich zusammen ruf mich nur, Tobias, ich käme sofort…
Tobias und ich lebten in verschiedenen Städten. Wir konnten nur Briefe schreiben. Doch eines Tages erreichte mich ein Schreiben… von Tobias Ehefrau: Ich weiß alles aber Sie werden ihn nie bekommen. Ich bin dreißig, Sie sind vierzig. Ich habe nicht geantwortet. Warum auch?
Ein halbes Jahr später stand Tobias aber plötzlich vor meiner Tür. Meine Söhne schauten überrascht, blieben aber höflich.
Tobias? Auf der Durchreise oder was?, fragte ich vorsichtig. (Im Innersten hoffte ich: Sag, dass du für immer hier bist.)
Oder was… Schickst du mich weg, Clara?, Tobias blieb stehen, fast verlegen im Flur.
Meine Jungs zogen sich peinlich berührt ins Kinderzimmer zurück.
Komm rein. Was gibts? Hast Du einen Brief von deiner Frau dabei?, stichelte ich.
Verzeih mir, Clara. Ich hatte dir einen Brief geschrieben, meine Frau hat ihn gefunden… Ich habe mich scheiden lassen.
Ich wusste nicht, dass du verheiratet bist… gewesen jedenfalls. Es wäre nie dazu gekommen. Und jetzt?, wusste ich nicht, was Tobias vorhatte.
Lass uns heiraten, Clara, schlug er unerwartet vor.
Ich weiß nicht. Ich habe doch Kinder du siehst doch, wie das hier läuft. Ich kann mich nicht einfach ins Abenteuer stürzen, zögerte ich, aber freute mich über den Antrag.
Kinder sind wunderbar. Ich selbst habe eine Tochter, sie ist zehn, überraschte Tobias mich.
Wie, eine Tochter? Hast du sie zurückgelassen?
Nein, Clara, nie. Ich hole Alina zu uns. Ihre Mutter trinkt zu viel. Wir werden eine richtige Familie!
Moment mal, Tobias. Ich kenne doch deine Tochter gar nicht, und du hast mich schon zu ihrer Mutter gemacht! Du gehst da zu schnell ran. Lass uns abwarten. Ich rede erstmal mit meinen Jungs. Komm rein, Männerschwarm Ich mach uns was zu essen, schmunzelte ich.
Harmonie war trotzdem Mangelware. Es gab Krisen, Türenschlagen, Spontanauszüge und alles, was dazugehört, wenn Patchwork-Familien aufeinandertreffen. Die Charaktere waren zu verschieden. Nicht jeder kann nachgeben.
Das Leben raste weiter.
Mein ältester Sohn, Martin, und Alina, Tobias Tochter, heirateten und begannen, sich gegen uns zu wenden. Plötzlich waren angebliche Kränkungen aus der Kindheit Thema. Alles wurde aufgerechnet wir hätten die bestehenden Familien zerstört, Tobias hätte seine Frau nicht verlassen dürfen, ich als Witwe hätte besser allein bleiben sollen. Martin und Alina zogen stolz in ihre eigene Mietwohnung.
Tobias und ich zuckten mit den Schultern und liebten uns weiter.
Es verging ein Jahr.
Unsere entfremdete Kinder kehrten nicht zurück. Alina rief Tobias nur noch zu seinem Geburtstag an.
Nach drei Jahren luden uns Alina und Martin schließlich zum Besuch ein. Wir waren überrascht, aber gingen hin. Da erfuhren wir: Sie hatten einen Sohn bekommen. Unser gemeinsamer Enkel. Die Freude war unendlich! Am Esstisch baten sie uns um Vergebung und sagten: Wir haben verstanden das Leben ist voller unerwarteter Wendungen. Man muss vergeben können. Die Eltern verdienen Respekt, sie schenken das Leben. Deshalb heißt unser Sohn jetzt Friedhelm. Möge Frieden in der Familie herrschen.
Das war unser neugeborenes Glück, Tobias und ich.





