WAS DU KÜRZST, BEKOMMST DU NICHT ZURÜCK
8. Juli
Ich blättere durch mein Hochzeitsalbum und zeige die Fotos meinen Freundinnen. Jedes Mal sage ich dabei mit einem Lachen:
Ach, was habe ich mich in diesem Kleid gequält! Wunderschön, keine Frage, aber so schwer und wuchtig! Wenn ich noch einmal heiraten sollte, dann nehme ich ein leichtes, luftiges Hochzeitskleid.
Alle sind immer davon überzeugt, dass ich nur scherze. Und ich lache natürlich mit. Klar, ich mache nur Witze. Schließlich wissen alle: Ich habe Heinz aus Liebe geheiratet. Es war wie sollte es anders sein ein klassischer Urlaubsflirt. Ich war 21, er 28.
Es war August an der Ostsee, die Sonne, ein prickelnder Sekt im Strandkorb, Sternenhimmel, Romantik pur Diese Zutaten haben uns zusammengeführt und schließlich zu einer standesamtlichen Anmeldung in Hamburg geführt. Wobei Heinz sich zuvor noch von seiner zweiten Frau scheiden lassen musste und ich extra aus München in seine Heimatstadt gezogen bin.
München Hamburg München. Diese Strecke wurde für mich über die nächsten zehn Jahre fast schon wie eine zweite Heimat vertraut und irgendwie schmerzlich nahe.
Am Anfang haben Heinz und ich uns eine Wohnung genommen. Seine eigene hatte er der zweiten Ehefrau überlassen, die damit drohte, sich Tabletten einzuwerfen, mir Säure über das Gesicht zu schütten oder aus dem Fenster zu springen, sollte er je wieder heimkehren! Mit der Zeit aber verschwand sie aus unserem Leben. Vielleicht hatte Heinz ihr versprochen, irgendwann zurückzukehren? Über die erste Ehefrau schwieg Heinz lieber. Die war Vergangenheit Die erste Ehe hielt gerade mal anderthalb Jahre. Sie passten einfach nicht zusammen. Heinz hatte sie sogar erfolgreich an einen Kumpel weiterverheiratet er machte damit alle glücklich. Einschließlich sich selbst.
Mit der zweiten Ehefrau hielt es etwas länger: Drei Jahre reichten Heinz aus, um die schwierige Natur seiner Frau zu begreifen. Sie nannte Kinder immer kleine Menschenkinder ein Ausdruck, der ihn nur noch mehr abschreckte.
Mich ließen diese Lebensdramen ziemlich unberührt. Ich war unabhängig, ehrgeizig, überzeugt von meiner eigenen Schönheit und Einzigartigkeit. Heinz trug mich wortwörtlich auf Händen. Er fühlte sich wie im Paradies. Blumen schenkte er gleich straußweise, Pelzmäntel kaufte er gleich in drei verschiedenen Farben und Schuhe davon konnte ich mir quasi ein neues Paar pro Tag aussuchen. Mit Heinz reiste ich nach London, Paris, an den Bodensee um meinen Horizont zu erweitern und Kraft für unser erstes Kind zu tanken. Bald darauf kam unsere Tochter Jule zur Welt. Während ich mich um sie kümmerte, kaufte Heinz ein Häuschen und richtete alles liebevoll ein. Für seine beiden liebsten Mädels.
Wir feierten Einzug, gaben Jule in die Kita. Ich widmete mich zielstrebig meiner Weiterbildung. Aber lernen wollte ich nur in München. Da waren meine Freundinnen, meine Mutter und irgendwie wirkten sogar die fremden Menschen freundlicher. Unter den alten Kastanien fühlte ich mich geborgen.
Jule ließ ich guten Gewissens bei meiner Schwiegermutter in Hamburg, die das Mädchen über alles liebte. Während des Semesters weilte ich also in München. Heinz war maßlos eifersüchtig und kam immer wieder zufällig in meine Straße, lauerte mir auf, schickte mir Blumen, als wollte er mich mit seinem Verhalten an sich binden. Doch ich gab keinen Anlass zur Sorge. Ich wollte nur den Alltag und die häuslichen Pflichten hinter mir lassen. Studieren, lernen, weiterkommen bloß keine Teller spülen, keine Böden wischen, kein Kind erziehen müssen. Ich hatte immer das Gefühl, das Leben zieht vorbei, während ich irgend einen “unsinnigen Kram” erledige. Warum sollte ausgerechnet ich, kluge und schöne Frau, mich damit aufhalten?
Bald lagen drei Diplome in meiner Tasche, alle mit Auszeichnung. Mein Hauptfach war Psychologie. Ich suchte mit Leidenschaft nach einer passenden Stelle. Doch Heinz war strikt dagegen:
Fehlt uns denn Geld, Hannah? Ich drehe noch durch vor Sehnsucht, bis du abends nach Hause kommst. Bekommen wir nicht lieber noch ein Kind? Sohn, Tochter, egal Hauptsache, du bist da.
Für mich kamen weitere Kinder nicht in Frage ich empfand meine Lebensaufgabe als erfüllt. Ich hatte Heinz eine Tochter geschenkt was sollte ich mehr noch tun? Meine Schwiegermutter, die meine Ambitionen und Reden mit anhörte, bot sich an, die kleine Jule ganz bei sich aufzunehmen. Solange, bis ich erwachsener werde, meinte sie ironisch. Meinte, ich solle weiter meinen Träumen nachjagen, aber das Kind brauche Liebe und beständige Zuwendung. Und ich gab meine Zustimmung, ohne lang zu überlegen. Verschwieg Heinz alles, fuhr zurück nach München, mit der Idee: Ich melde mich dann aus München.
Dort angekommen, überraschte mich Heinz. Er hatte inzwischen gelernt, meine Ausreden zu durchschauen.
Hannah, wo ist Jule? Warum bist du hier und nicht in Hamburg? Gibt es da wen?, fragte er aufgebracht.
Ach, Heinz, entspann dich! Keinerlei Liebhaber, keine Affären. Ich ich langweile mich nur mit dir. Verstehst du? Ich brauche Freiheit!
Freiheit? Von mir und deinem Kind? Wo ist unsere Liebe? Einfach Vergangenheit? Vielleicht ist das eine Midlife-Krise? Gemeinsam schaffen wir das. Das ist doch nicht so schlimm, Hannah.
Schaffen wir eben nicht, sagte ich und machte Schluss.
Heinz rannte zu meiner Mutter, um Hilfe zu suchen. Die zuckte mit den Schultern: Was soll ich tun? Ihr müsst das unter euch klären. Du wirst Hannah eh nicht umstimmen die ist wie ein Fels!
Heinz kehrte allein zurück nach Hamburg. Ratlos. Was sollte er tun, um die Familie zu retten? Wochen und Monate vergingen. Ich blieb in München, antwortete auf Anrufe höchstens kurzangebunden: Mir gehts gut.
Mit der Zeit nahm Heinz all seinen Mut zusammen, verkaufte das Haus, holte Jule und zog nach München. Alles, um die Familie zu retten. Ich begegnete seiner Tat kalt. Versuchte, ihn davon abzubringen warum Kind entwurzeln, Schule wechseln, Freunde verlieren, und was sagt wohl die Oma dazu?
Die Wahrheit war: Ich genoss meine Freiheit und wollte sie nicht mehr verlieren. Leben wie ein Vogel am Himmel das war mein Motto. Ich eröffnete mein eigenes Nähatelier und mietete eine kleine Wohnung. Verehrer hatte ich, männliche wie weibliche. Langeweile? Fehlanzeige. Und plötzlich standen Ehemann und Tochter vor der Tür Wozu das Ganze? Am liebsten hätte ich die Vergangenheit einfach gelöscht. Ich war fest entschlossen. Alles, was früher war, schien mit einer anderen Frau geschehen zu sein.
Heinz ignorierte meine Erklärungen und zog mit Jule nach München. In ihm lebte weiter die Hoffnung auf eine Versöhnung. Die Liebe zu mir hatte er nie verloren. Anfangs holte er mich von der Arbeit ab, brachte unsere Tochter vorbei (sie sah aus wie mein Ebenbild). Vergebens. Ich blieb kühl, kaum eine Regung. Irgendwann sagte ich klipp und klar:
Heinz, lass mich in Ruhe. Lass uns scheiden. Jule kann gerne bei mir wohnen.
Da war Jule elf. Sie brauchte keine Zuflucht sie hatte einen liebevollen Vater und eine betende Oma. Sie liebte mich und verstand doch nicht, warum ich sie so einfach aufgab.
Die Zeit verging, unaufhaltsam. Das Leben ging weiter und zahlte jedem das Seine heim.
Heinz hörte auf, nach meiner Liebe zu angeln. Er hatte längst begriffen, dass mich nichts mehr erreicht. Das Schicksal beschenkte ihn schließlich mit einer bodenständigen Frau, die zwei Söhne mit in die Ehe brachte. Sie wollte keine Reisen nach London oder Paris, keine Pelzmäntel, keine hundert Paar Schuhe. Ein paar Gummistiefel für den Herbst, eine gute Jacke für die Stallarbeit, und die Kinder großziehen das waren ihre Wünsche. Mit ihr war alles einfach, ehrlich, ruhig. Und bald kam noch ein Mädchen zur Welt. Heinz fand endlich sein Glück. Beim vierten Versuch, aber diesmal wirklich. Die ersten drei Ehen blieben einfach Vergangenheit.
Ich lebe nun mit meiner Mutter in ihrem Haus. Einer meiner Geschäftspartner hatte mir das Blaue vom Himmel versprochen und mir schließlich alles genommen. Das Nähatelier musste ich schließen, die Verehrer verschwanden. Jetzt arbeite ich als Schulpsychologin das ganze Lernen war nicht umsonst. Bereuen tue ich nichts. Oder vielleicht doch? Die menschliche Seele ist so tief Unergründlich. Vielleicht entzündet sich in mir, dem Vogel am Himmel, eines Tages ein Funke Reue. Wer weiß.
Jule lebt inzwischen mit ihrem Mann (ja, die Jahre sind vergangen) bei der Oma in Hamburg, die sie aufgezogen hat.
Zu ihrer Hochzeit trug Jule ein leichtes, fast schwebendes Brautkleid. Geschenkt von ihrer Mutter, mir.





