Eines Tages ruft mich meine entfernte Tante an und lädt mich zur Hochzeit ihrer Tochter ein meiner entfernten Nichte, die ich zuletzt als Sechsjährige gesehen habe. Also, als sie sechs war.
Ich habe nicht unbedingt einen Überfluss an familiären Gefühlen, aber mein Versuch, mich aus der Affäre zu ziehen, scheitert.
Einmal in zwanzig Jahren werden wir uns ja wohl sehen, also wag es ja nicht, nicht zu kommen, sagt meine Tante streng.
Die Einladung mit Tauben und Röschen von Birgit und Matthias trudelt bei mir ein, zwei Tage vorher gibts noch eine Erinnerung da bleibt mir nichts anderes übrig, als hinzugehen.
Na gut. Der Samstag ist dann wohl dahin, aber was solls?
So stehe ich nun also mit Strauß, grimmiger Laune und dem festen Vorsatz, mich nach einer Stunde auf leisen Sohlen davonzuschleichen, vor dem Restaurant, gehe in den Festsaal und werde zu einer Clique ausgelassener junger Leute Freunde des Bräutigams gesetzt. Die haben schon ein, zwei Kurze intus und schwärmen begeistert: Was für eine tolle Tante die Braut hat, überhaupt nicht wie eine Tante, wir sollten uns unbedingt näher kennenlernen und richtig feiern! Gesagt, getan wir feiern.
Die Braut erkenne ich natürlich nicht wieder all die Jahre haben sie aus einem dunklen, schüchternen Mädchen in eine üppige Blondine mit großer Oberweite verwandelt. Früher gefiel sie mir besser.
Eigentlich liegt ziemliche Tristesse in der Luft: eine Horde mürrischer Tanten mit grimmigen Onkeln, der Bräutigam wirkt gehetzt, die Braut scheint nur ihre unfassbare Schönheit und Oberweite zu realisieren, und ohne unsere sich rasant amüsierende Runde würde alles wie ein Leichenschmaus wirken. Die Tanten werfen uns vernichtende Blicke zu.
Den ersten Trinkspruch habe ich verpasst, doch jetzt beginnt die nächste Runde. Und ich bin dran. Der Zeremonienmeister fragt heraus, wer ich bin, freut sich und verkündet strahlend:
Und nun gratuliert die junge, hübsche Tante der Braut!
Also halte ich meine herzlichen Glückwünsche:
Liebe Birgit, lieber Matthias!
Vorher war es schon nicht besonders laut, aber jetzt tritt Totenstille ein. In diesem Moment dämmert mir, dass ich meine Tante gar nicht sehe und dass sie sich doch wohl kaum so sehr verändert haben kann, dass ich sie nicht erkenne.
Die Braut heißt Steffi, zischt die Tante mir gegenüber im rosa Kleid. Und der Bräutigam Thomas.
Wie? Steffi? Und Thomas?!
Sich auf fremden Feierlichkeiten vollstopfen und betrinken wollen, fügt die Tante hinzu. Solche hatten wir auch mal beim Ausmusterungsfest, nur mit Mühe losgeworden. Keinerlei Anstand mehr heutzutage!
Da begreife ich, dass der Spaß jetzt richtig losgeht. Die Gäste rücken zusammen, die Blicke werden stechend und einige stehen schon halb auf. Die Ärmel sind zwar noch unten, aber das kann sich schnell ändern.
Aber bitte, ich habe doch die Einladung! rufe ich (wirklich: rufe!) und schwenke das gute Stück. Alles steht hier: Birgit und Matthias, Restaurant sowieso, Festsaal…
Die Rettung kommt vom Kellner.
Fräulein, sagt er, wir haben noch einen weiteren Festsaal im zweiten Stock, vielleicht gehören Sie ja dorthin?
Na sicher, dahin will sie! Erst hier gratis essen, dann oben weiterfuttern, schneidet die Tante im Rosa dazwischen. Wie können solche unverschämten Leute nur herumlaufen? Eine Hochstaplerin!
Unverschämtheit ist, Irmgard, halbes Glück, meldet sich die Tante in Hellgrün, keine freundlichere Gestalt.
Nur am Rande: Ich sehe nun wirklich nicht aus wie eine Herumtreiberin oder kleine Gaunerin. Aber gut, Außenstehende sehen das vielleicht anders. Die Freunde des Bräutigams nehmen Partei für mich, kassieren prompt von der Tante in Violett:
Aha, da hat sie den Männern auch schon den Kopf verdreht!
Und die Dame im Rosa legt nach:
So eine hat damals unserem Hauptbuchhalter auch den Mann ausgespannt. Kaum dreht man sich um, schneidet sie einem die Schuhe von den Sohlen, hinterhältig!
Ich habe noch nie jemandem den Mann ausgespannt, doch langsam fühle ich mich wie eine skrupellose Verführerin. Fange sogar an, die Herren kritisch zu mustern vielleicht ist ja einer dabei, ganz gleich, für wie viele Vergehen man jetzt schon verantwortlich ist…
Zum Glück schickt der nette Kellner einen Kollegen in den anderen Saal, der tatsächlich meine Tante aufstöbert. Sie hat sofort die Situation begriffen, schwört feierlich, dass sie mich kennt, dabei zwinkert sie seltsam in meine und zugleich in die andere Richtung, als wolle sie damit andeuten, ich sei schon immer etwas verrückt gewesen.
Kurzum: Ich werde gerettet und in den anderen Saal evakuiert, und siehe da: Dort sitzen wirklich die dunkelhaarige, hübsche Birgit und, Namen entfallen, der Matthias und sie bedienen mich ausgiebig mit allerlei Hochprozentigem.
Immerhin habe ich das Geschenk noch nicht überreicht.
Aber verabschiedet haben mich die Freunde des Bräutigams von jener ersten Hochzeit…





