Die Schenkung an den Enkel – Wenn Familie zur Zerreißprobe wird: Wie Luisa gegen die ungerechte Wohnungsübertragung kämpft und fast ihr Zuhause verliert

Schenkungsurkunde für den Enkel

Luise, bitte zappel nicht so herum. Setz dich und unterschreibe. Der Stift liegt auf dem Tisch, das Dokument auch.

Das dauert fünf Minuten, aber das Drama reicht für den ganzen Abend, Viktor Berndt rückt seine Brille zurecht und stützt sich schwerfällig mit den Ellbogen auf den alten, mit Messerschnitten übersäten Wachstisch.

Seine Tochter sitzt auf dem Hocker, schlägt die Beine übereinander und tippt gelangweilt mit den perfekt manikürten Nägeln auf ihrem Handy herum. Sie beachtet Luise dabei nicht einmal.

Ich werde das nicht unterschreiben, Papa. Weißt du überhaupt, was du machst?

Ihr stellt mich praktisch auf die Straße, Luises Stimme bricht, doch sie zwingt sich, ihrem Vater fest in die Augen zu sehen.

Ach komm, jetzt stell dich nicht so an, Luise. Niemand wirft dich raus, Olivia schaut nicht einmal von ihrem Handy auf. Du hast doch dein Zimmer, oder nicht?

Schmeißt dich gerade jemand aus der Wohnung? Nein. Du kannst ruhig wohnen bleiben, bis du mal heiratest.

Aber die Wohnung soll Mark gehören. Es geht um unsere Familientradition.

Mark hat doch schon zwei Wohnungen, Olivia! Eine von Oskar, die andere von den Großeltern!

Was soll ein Zwei-jähriger mit einer dritten Wohnung, während seine Tante nichts bekommt?

Gabriele Dietrich stellt eine Schale Kekse auf den Tisch und vermeidet dabei den Blick der älteren Tochter.

Luischen, mal ehrlich, sei doch nicht so gierig? Du bist schlau, du hast Arbeit, du machst Karriere.

Für Olivia ist es schwerer, sie hat ein kleines Kind.

Wir haben überlegt und uns entschieden: Der Enkel ist unser Erbe.

Und du… du bist doch eine Frau. Irgendwann heiratest du, und dein Mann nimmt dich mit.

Warum solltest du dir unnötigen Stress machen mit eigenem Eigentum?

Unnötiger Stress? Mama, meinst du das ernst? Das ist mein Recht auf ein Dach über dem Kopf!

Wenn euch morgen… irgendwas passiert, schmeißen Olivia und Oskar mich einfach raus, um die Wohnung zu vermieten oder zu verkaufen.

Versteht ihr das nicht?

Olivia legt nun endlich das Handy weg und sieht ihre Schwester mit gespieltem Mitgefühl an.

Du bist einfach nur neidisch, Luise. Weil mein Mann Erfolg hat, weil ich mich als Mutter erfüllt habe. Du… dich interessieren doch nur Zahlen und Papierkram! Familie ist mehr. Da gibt man den Kindern das Beste.

Unsere Eltern haben recht. Mark soll eine gute Ausgangsposition haben.

Dein Startvorteil ist doch eh dein Charakter und Aussehen.

Such dir einen vernünftigen Kerl, dann hast du auch keine Probleme mehr.

Ich unterschreibe diesen Verzicht auf keinen Fall, sagt Luise langsam, deutlich und fest. Ihr geht morgen zum Notar und ich komme mit. Aber nicht, um zu unterschreiben, sondern um diesen Unsinn anzufechten.

Viktor Berndt knallt frustriert die flache Hand auf den Tisch.

Schluss jetzt! Ich bin hier der Hausherr. Wir haben entschieden, so läuft das. Wenn du Teil der Familie bleiben willst, dann wirst du machen, was wir sagen.

Sei nicht so egoistisch, denk an deinen Neffen.

Luise verlässt wortlos die Küche, schließt ihre Zimmertür ab. Ihr Herz brennt. Sie blickt auf ihre Bücherregale, auf den kleinen Kaktus im angeschlagenen Keramiktopf, auf die alte Kommode, die sie selbst vor drei Jahren abgeschliffen und gestrichen hat.

Diese Wohnung ist das Einzige, was sich wie Zuhause anfühlt.

Was soll sie jetzt tun? Sobald die Eltern die Wohnung auf den Enkel überschreiben, wird Olivia sie ohne Zögern hinausdrängen, davon ist Luise überzeugt.

Hinter der Wand hört sie Olivias gedämpfte Stimme.

Mama, sag ihr morgen, sie soll irgendwas Beiges anziehen. Sonst sieht sie auf dem Foto beim Notar wieder total grau aus.

Und überhaupt, nach der Beurkundung müssen wir das Schloss austauschen lassen. Nur zur Sicherheit, damit der Schlüssel nur noch bei uns ist.

Wenn Luise dann anklopfen will Pech gehabt!

Luise schließt die Augen. Sie weiß, die Eltern stehen völlig unter Olivias Einfluss.

Olivia versteht es, sie zu manipulieren: Sie bringt Mark sofort vorbei, wenn die Eltern es wollen, macht Geschenke und erzählt immer wieder, wie großartig ihr Mann Oskar doch ist.

Die Eltern werden da sofort schwach. Tag für Tag bearbeitet Olivia sie mit ihrer Hartnäckigkeit, bis sie bekommt, was sie will.

Diesen Streit um die Wohnung hatte Olivia schon ein Jahr zuvor angefangen. Und jetzt, nach zwölf Monaten, hat sie fast ihr Ziel erreicht.

***

Am Morgen kommt Luise in die Küche, als schon alle versammelt sind. Olivia sitzt im Seidenanzug in der Ecke neben dem Kühlschrank, die Eltern füttern abwechselnd den Enkel mit Grießbrei.

Guten Morgen, Frau Verweigerin, meint Olivia spöttisch. Die Unterlagen sind in der Mappe. Oskars Auto ist in einer halben Stunde da. Wir fahren bequem zusammen hin.

Ich fahre nicht mit euch, sagt Luise ruhig. Wir treffen uns beim Notar.

Wie du willst. Stolz kostet eben, Luise. Nicht, dass du nachher noch ewig U-Bahn fahren musst, Olivia zwinkert ihren Eltern zu.

Viktor Berndt schweigt. Es ist ihm unangenehm, aber zuzugeben, dass die ältere Tochter recht hat, hieße, sich gegen die Frauen im Haus zu stellen.

Wäre es nach ihm gegangen, hätte er vielleicht anders gehandelt, aber… Frau und Tochter haben längst entschieden.

Der Notartermin ist in der Innenstadt. Luise ist als Erste da und wartet draußen auf die Familie.

Als Oskars schwarzer SUV vorfährt, steigt Olivia beschwingt aus, gefolgt von den Eltern.

Oskar bleibt am Steuer sitzen, und nickt Luise nur hinter der getönten Scheibe zu.

Drinnen ist es stickig. Die Notarin legt die Papiere auf den Tisch.

Also, es geht um die Immobilie in der… Die Privatisierung ist erledigt… Heute fertigen wir einen Schenkungsvertrag zugunsten eines Minderjährigen an…

Einen Moment bitte, unterbricht Luise. Ich möchte den Eltern im Beisein der Notarin eine Frage stellen. Mama, Papa, ist euch bewusst, dass ihr mir damit sämtliche Erbansprüche entzieht?

Ach, jetzt geht das wieder los, stöhnt Olivia und widmet sich ihren Nägeln.

Ich frage meine Eltern!

Gabriele Dietrich rutscht verlegen auf ihrem Stuhl hin und her.

Kinder, wir haben doch alles besprochen… Mark braucht die Wohnung nötiger. Bei Oskar läuft das Geschäft, da kann viel passieren. So hat das Kind wenigstens eine Basis.

Und was ist mit mir?

Die Eltern schweigen. Die Notarin blickt von den Dokumenten zu Luise.

Sind Sie in der Wohnung gemeldet?

Ja. Und bei der Privatisierung hätte ich Anspruch auf meinen Anteil. Genau den soll ich zugunsten meines Neffen abgeben.

Gut, die Notarin legt den Stift beiseite. Da es einen Interessenkonflikt gibt, muss ich mit jedem einzeln sprechen. Ich bitte alle, außer Luise Berndt, den Raum zu verlassen.

Olivia explodiert.

Was für Einzelgespräche? Wir haben alles geregelt! Wir zahlen für die Unterlagen!

Olivia Berndt, raus bitte. Sonst endet die Beurkundung jetzt.

Nachdem die Tür geschlossen ist, wendet sich die Notarin Luise zu.

Erzählen Sie bitte kurz und konkret.

Luise berichtet alles: von Marks zwei Wohnungen, vom Druck der Eltern, von Oskars Schulden. Die Notarin hört aufmerksam zu.

Hören Sie, Luise. Ich kann Ihren Eltern nicht verbieten, wie sie ihr Eigentum verteilen. Aber ich sehe, es wird Druck auf Sie ausgeübt.

Tun Sie Folgendes: Ihre Schwester meinte, der Ehemann sei Geschäftsmann. Fragen Sie sie vor den Eltern, warum sie nicht die Wohnung auf ihren eigenen Namen überschreiben lassen will. Die Antwort wird Sie überraschen.

Als alle wieder hereingerufen werden, wirkt Luise gefasster.

In Ordnung, ich unterschreibe. Aber ich habe eine Bedingung, sie sieht Olivia direkt an.

Olivia strahlt triumphierend.

Endlich, Vernunft! Was denn für eine Bedingung?

Dann lass die Wohnung doch direkt auf deinen Namen übertragen, Olivia. Wenn du meinst, sie gehört unserer Familie, dann eben auf dich.

Warum auf die Volljährigkeit des Kindes warten?

Olivia zögert einen Moment.

Nein, auf Mark ist schon besser. Steuern, und so… Die Eltern wollten es so.

Ich glaube, wendet sich Luise an die Eltern, Olivia will nicht, weil Oskar hohe Schulden hat.

Und falls nötig, kann sie als gesetzliche Vertreterin von Mark die Wohnung verkaufen.

Also eine zusätzliche Absicherung, Schwesterchen?

Viktor Berndt runzelt die Stirn.

Welche Schulden?

Frag ihn, Papa. Frag ihn, warum er gestern die halbe Nacht telefoniert hat wegen Kreditaufschub.

Olivia will sich nur absichern, falls das Geschäft platzt. Ebenso wurde Oskars Wohnung vor kurzem schon auf Mark übertragen klar warum.

Wahrscheinlich wollen auch seine Eltern nicht, dass Oskar ihr Haus zum Schuldenausgleich nimmt.

Aber euch, Papa! Sie verkauft die Wohnung und schmeißt euch raus!

Du lügst! Olivia steht wütend auf. Oskar hat keine Schulden!

Dann lass die Wohnung auf dich übertragen, erwidert Luise ruhig. Wenn es keine Schulden gibt, hast du doch nichts zu befürchten.

Das geht nicht… Das wäre ungerecht gegenüber Mark!

Viktor Berndt erhebt sich langsam vom Stuhl.

Olivia, schau mich an. Ist das wahr? Hat Oskar Probleme?

Papa, weißt du doch, in der Wirtschaft gibts immer Risiken… Gerade läufts halt schlecht…

Wie schlecht? Luise zieht eine Ausdruck aus dem Schuldnerregister aus ihrer Tasche. Sehen Sie selbst. Die Summen sind so hoch, die Wohnung reicht nicht mal für die Zinslast.

Gabriele Dietrich schlägt erschrocken die Hände vor den Mund.

Hast du… Viktor nimmt das Papier… Du wolltest uns reinlegen? Die Wohnung still verkaufen, um Oskars Schulden zu zahlen?

Was solls! Bald reicht das Geld eh nicht mehr zum Leben! Und Luise, sie kommt ja eh allein zurecht!

Also hast du dich hier mit Enkelkind vorgeschoben, damit wir unser einziges Zuhause in fremde Hände geben, um Oskars Schulden zu tilgen? brüllt der Vater. Und hättest deine Schwester aus der Wohnung geworfen?

Sie wäre schon klargekommen! Ich habe doch ein Kind!

Die Notarin sammelt ihre Unterlagen ein.

Ich nehme an, die Beurkundung findet heute nicht statt.

Die findet überhaupt nicht mehr statt! schnaubt Viktor Berndt und verlässt das Büro.

***

Luise ist früher zu Hause als die Eltern. Später erfährt sie von ihnen, dass Oskar Olivia und Mark sofort mitgenommen hat, als er von der geplatzten Schenkung hörte.

Die Eltern mussten mit dem Taxi heimfahren.

Sie sitzen jetzt in der Küche, erschöpft und um Jahre gealtert.

Es tut uns leid, Kind, sagt Gabriele leise. Wir waren wirklich wie blind. Immer nur Mark, Mark… Und Olivia… Wie konnte sie nur?

Sie hat sich immer alles leicht genommen, antwortet Luise. Ihr habt sie so erzogen. Ich war immer die Erwachsene, die allein zurechtkommt.

Viktor Berndt sieht zur Seite.

Wir gehen morgen zu einem anderen Notar. Testament. Halbe-Halbe. Alles gesetzlich, damit keiner jemand rauswerfen kann.

Papa, das müsst ihr nicht machen, Luise setzt sich neben ihn. Behaltet die Wohnung. Bleibt noch lange gesund.

Eine Woche später ruft Olivia an und will sich Geld leihen, droht, dass sie Mark nicht mehr vorbeibringt, falls sie das nicht bekommt.

Viktor Berndt legt zum ersten Mal im Leben einfach auf.

Weißt du, Luise, sagt er abends, du wirst bestimmt heiraten, und wir freuen uns. Aber unser Zuhause das ist und bleibt deins.

Vergib uns. Wir waren kurz davor, einen riesigen Fehler zu machen.

Luise lächelt nur.

***

Olivia musste schließlich Oskars Wohnung verkaufen und zu den Schwiegereltern ziehen. Das Geld reichte gerade, um einen Teil von Oskars Schulden zu tilgen.

Sie brachte keine Geschenke mehr zu den Eltern weder aus Zeit- noch Geldmangel.

Luise hat inzwischen einen Partner gefunden, die Hochzeit steht an. Beim Auszug bittet sie die Eltern noch einmal, sich niemals auf fragwürdige Wohnungs-Deals einzulassen.

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Homy
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