Adam, ich möchte dir nicht wehtun oder dich verletzen, mein Lieber.
Adam saß auf der breiten Fensterbank und sah hinaus auf die Straßen von München. Er wartete auf seinen Vater und hing seinen Gedanken nach. Zwei Jahre war es jetzt her, seit seine Mutter sie verlassen hatte. Sie hat sich ein neues Leben aufgebaut, hatte sein Vater damals mit trauriger Stimme gesagt. Warum sie ihren Sohn verlassen hatte, wusste niemand so genau. Für Adam blieb das unverständlich. Nach und nach begann er sogar, ihr Gesicht zu vergessen.
Sein Vater bemühte sich umso mehr, alles für seinen Sohn zu tun. Adam war inzwischen zehn Jahre alt, verstand schon viel und sein Vater hielt nichts mehr vor ihm geheim. Nur einen Sinn ergab das alles für Adam nicht. Er hatte gelernt, das Geschirr zu spülen und die Sachen ordentlich in die Regale zu räumen. Mit Spielzeug spielte er schon lange nicht mehr.
Fast war Adam schon ein kleiner Erwachsener doch er fühlte sich furchtbar einsam. Schon lange wünschte er sich einen Hund. Aber sein Vater hatte ihm diesen Wunsch verweigert:
Und wer soll sich um den Hund kümmern? Ich arbeite die ganze Zeit, du bist Schüler und noch viel zu jung.
Statt eines Hundes brachte der Vater eines Abends eine Frau mit nach Hause. Sie hieß Annegret. Von da an wohnte sie in ihrer Wohnung. Adam versuchte, mit ihr möglichst kein Wort zu wechseln. Für ihn war sie überflüssig. Aber sein Vater sprach bald von meiner Frau und wollte, dass Adam sie wie eine Mutter akzeptiert.
Ich brauche sie nicht!, antwortete Adam ganz bestimmt. Trotzdem führte das Leben die kleine Familie zusammen. Adam sah, wie glücklich sein Vater mit Annegret war. Sie waren nett zueinander, lachten viel, umarmten sich oft. Trotzdem fühlte Adam immer noch diesen dumpfen Schmerz und wurde nur noch wütender.
Papa, ich möchte, dass sie wieder auszieht.
Adam, aber ich möchte, dass sie bleibt. Für uns beide ist das Leben allein zu schwer ohne Ehefrau und Mutter.
Die Sommertage kamen. Adam spielte viel auf dem Hinterhof mit den anderen Jungen. Seine neuen Freunde erzählten ihm seltsame Sachen: Sein Vater und die neue Frau wollten ihn angeblich ins Heim abschieben.
Er war entsetzt. Warum sollten sie ihn nicht auch verlassen? Vielleicht wollten sie ja wirklich ein neues Kind und er war nur noch ein Hindernis. Also beschloss er, sich lieber darauf vorzubereiten.
Irgendwann hörte er einen Satzfetzen: Dort wird er es bestimmt gut haben, vielleicht sollten wir ihn wirklich dahin bringen.
Das war zu viel. Die ganze Nacht fand Adam keinen Schlaf. Am Morgen entschied er, dass Annegret verschwinden musste. Wegen ihr war sicher alles schlimmer geworden. Erst machte er ihr das Leben schwer er tat Salz in den Tee, ließ den Herd unter einer leeren Pfanne brennen. Er war schroff zu ihr. Sie ahnte, wer dahintersteckte, und rief ihn eines Tages zum Gespräch.
Wir müssen reden. Du bist wütend.
Worauf denn? Ich bin nicht wütend versuchte Adam, sich herauszureden.
Adam, ich möchte dir wirklich nicht wehtun oder dich verletzen, mein Lieber
Wir haben für den Sommer ein Häuschen am Chiemsee gemietet. Eigentlich wollten wir dich überraschen, aber es ist an der Zeit, ehrlich zu sein. Dein Vater hat einen Hund gefunden, und wir fahren heute hin, um ihn abzuholen. Du kannst natürlich mitkommen.
Echt? Kein Scherz? Adam war völlig überrascht und wollte es sofort glauben. Sofort warf er sich Annegret um den Hals und drückte sie ganz fest.
Fast hätte Annegret Tränen in den Augen gehabt: Nun sei doch glücklich, Adam alles wird gut, du musst nicht mehr traurig sein. Sanft strich sie ihm übers Haar.
Als sein Vater von der Arbeit nach Hause kam, fuhren sie los, um den Welpen zu holen. Adams Zorn hatte sich längst in Freude verwandelt, und er sah Annegret nun mit ganz anderen Augen. Zwischen ihnen war Frieden. Am Ende schlief der kleine Hund in Adams Armen ein und zum ersten Mal seit Langem waren alle im Haus glücklich.





