Schon seit Tagen ist Johann völlig außer sich vor Sorge: Seine geliebte Ehefrau Lilli lässt sich gerade in der Stadt ärztlich durchchecken, während er allein im heimatlichen Dorf zurückbleibt – unruhig, voller Angst und Hoffnung auf gute Nachrichten. Dreißig gemeinsame Ehejahre, zwei Kinder, ein liebevoll gepflegtes Zuhause, in dem Lilli nie klagte, alles stemmte, sogar nach der Arbeit im selben Betrieb, während Johann sich nie an Hausarbeit beteiligte, weil „das keine Männeraufgabe ist“. Doch jetzt steht plötzlich alles auf dem Spiel: Lilli fühlt sich schlecht, muss ins Uniklinikum – und Johann erkennt entsetzt, wie sehr er sie und all ihre Fürsorge für selbstverständlich hielt. Als Erinnerungen an verpasste Träume – etwa den nie realisierten Urlaub am Meer – hochkommen und Johann nachts die stille Tränen seiner Frau bemerkt, wird ihm klar, wie viel sie opferte. In banger Sehnsucht blättert er durch alte Fotoalben und quält sich mit der Angst, sie verlieren zu können, bis schließlich der erlösende Anruf kommt: Es ist nichts Lebensbedrohliches, Lilli kommt zurück. Als Johann seine Frau mitsamt einem Strauß weißer Lilien an der Bushaltestelle empfängt, gesteht er ihr seine Liebe, bittet um Verzeihung und überrascht sie mit Tickets für den langersehnten Ostseeurlaub. Denn endlich hat er begriffen, was wirklich zählt: gemeinsam Zeit zu verbringen, den geliebten Menschen zu achten und zu beschützen.

Seit einigen Tagen war Johann völlig aus dem Gleichgewicht. Die Sorge um seine Frau Annalena ließ ihm keine Ruhe. Sie war für eine Untersuchung nach München gefahren. Johann jedoch war im kleinen Heimatdorf geblieben und wartete voller Unruhe und Hoffnung auf Nachrichten seiner Ehefrau.

Annalena beklagte sich eigentlich nie, und Johann hielt es immer für selbstverständlich, dass es ihr gut ging. Dreißig Jahre waren sie nun verheiratet und hatten zwei Kinder großgezogen. Das ganze Haus schien auf Annalena zu ruhen: Kochen, Putzen, alles rund um den Haushalt. Johann fand, das gehöre sich so. Als Mann stand es ihm schließlich nicht zu, den Abwasch zu machen oder am Herd zu stehen.

Dabei war Annalena keine typische Hausfrau. Sie arbeitete als Buchhalterin in derselben Firma wie Johann. Kam Johann abends nach Hause, klagte er seiner Frau stets über den anstrengenden Tag und seine Müdigkeit, bevor er sich aufs Sofa setzte und den Fernseher einschaltete.

Annalena eilte hingegen in die Küche, bereitete das Abendessen und das Mittagessen für den nächsten Tag vor, spülte das Geschirr, brachte die Wohnung in Ordnung, bügelte kurz, sie kümmerte sich ohne Pause um alles, was im Haushalt eben so anfiel.

Bei ihnen war es stets ordentlich und gemütlich. Auf dem Tisch standen immer frische, schmackhafte Gerichte. Johann mochte es nicht, zwei Tage hintereinander das Gleiche zu essen, weshalb Annalena viele Stunden in der Küche verbrachte. Sie beklagte sich nie, bat ihn nicht um Hilfe und Johann kam es auch nicht in den Sinn, Hilfe anzubieten. Wozu auch? Das war ja schließlich Frauensache.

Als Annalena schließlich einen Tag Urlaub nahm, um zur Untersuchung zu fahren, war Johann überrascht.

Was ist denn los?, fragte er seine Frau. Bist du krank?

Ich hoffe nicht, erwiderte Annalena. Aber in letzter Zeit fühle ich mich einfach nicht wohl.

Vielleicht brauchst du Vitamine? Ist doch Frühling, schlug Johann vor.

Vielleicht, murmelte Annalena und zuckte die Schultern.

Als Johann abends zurückkam, sagte Annalena ihm, sie müsse zur Untersuchung nach München fahren.

Wie? Wieso denn?, wundert sich Johann.

Der Arzt hat schlimme Befürchtungen und mich zum Spezialisten überwiesen.

Was für Befürchtungen? Doch nicht… wie deine Mutter damals…, murmelte Johann erschrocken.

Noch ist nichts sicher, beeilte sich Annalena ihn zu beruhigen, obwohl sie selbst schon geweint hatte, während Johann weg war. Der Bus fährt morgen früh um acht. Abendessen steht auf dem Herd: Frikadellen mit Reis, der Salat steht auf dem Tisch. Ich muss noch packen und möchte früh ins Bett.

Hast du schon gegessen?

Nein, ich habe keinen Appetit, antwortete Annalena und packte ihre Tasche.

Johann betrachtete seine Frau voller Sorge. Wie konnte es sein, dass Annalena ernsthaft krank sein sollte? Sie war immer so lebendig gewesen, niemals klagte sie und jetzt das…

Ich glaube, ich habe alles dabei, sagte Annalena.

Vergiss das Ladegerät nicht, erinnerte er sie.

Stimmt. Danke, Johann. Warum isst du nichts?

Ich habe auch keinen Hunger…

Habe ich dich traurig gemacht?

Johann nickte nur stumm.

Er sah die Tasche an dieselbe, die sie vor vier Jahren gekauft hatte, um ans Meer zu fahren. Damals war Annalena so glücklich gewesen, sie freute sich auf die Reise so sehr hatte sie sich Urlaub am Meer gewünscht. Aber es kam anders: In der Firma bat der Chef Johann, einen kranken Kollegen zu vertreten. Mit der Aussicht auf eine fette Prämie sagte Johann zu, das Geld könnten sie gut für die Renovierung des Schlafzimmers brauchen.

Damals schien es ihm, als habe Annalena zugestimmt und sich sogar gefreut. In der Nacht aber hörte Johann sie leise weinen. Sie sagte, sie habe schlecht geträumt. Erst jetzt begriff er, dass sie eigentlich um die verpasste Reise geweint hatte, auf die sie sich so gefreut hatte.

Das nächste Jahr klappte es wieder nicht, und irgendwann hörte Annalena auf, überhaupt von einer Reise an die See zu sprechen. Johann war froh darüber. Er selbst mochte keine Reisen warum auch? Sie hatten ja das Wochenendhaus, mit Arbeit und auch Erholung beim Grillen und Freunde einladen. Und die Isar war nicht weit, dort konnte man schön baden. Wozu wegfahren und Geld ausgeben, wenn man auch zu Hause entspannen konnte?

Nun packte Annalena wieder ihre Tasche aber diesmal für eine schwierige Untersuchung in der Stadt. Was, wenn… Dieser Gedanke ließ Johann nicht los.

Abendessen ließ er an jenem Abend stehen, schlaflos wälzte er sich später im Bett. Neben ihm hörte er Annalena leise schluchzen. Er hätte sie so gern getröstet, doch er brachte es nicht über sich.

Am Morgen brachte er sie zum Busbahnhof. Sie umarmten sich innig. Johann wollte sie gar nicht loslassen. Dem abfahrenden Bus sah er mit feuchten Augen nach.

Annalena, flüsterte er, ich hoffe, alles wird gut…

Er fühlte sich leer, aber er musste stark sein und zur Arbeit gehen. Die Ablenkung half ihm für einige Stunden, doch am Abend allein in der Wohnung überkam ihn erneute Traurigkeit. Ohne Annalena war alles so trostlos. Er zwang sich, die Reste des Essens aufzuwärmen und wenigstens ein bisschen zu essen.

Um sich abzulenken, schaltete er den Fernseher ein, fand aber nichts, das ihn interessierte, und stellte ihn wieder aus.

Dann holte er das alte Fotoalbum hervor und blätterte es durch.

Da war das Hochzeitsfoto mit Annalena wie hübsch und zierlich sie damals war. Natürlich, sie war immer noch schön, aber damals… Wie sehr hatte er sich gefreut, sie kennenzulernen!

Kennengelernt hatten sie sich auf dem Geburtstag seines Freundes Sebastian. Annalena war mit einem anderen da, Johann mit einer Bekannten. Doch als er Annalena sah, verliebte er sich sofort. Hätte ihm das vorher jemand gesagt, hätte er nur gelacht. Liebe auf den ersten Blick? So ein Unsinn jedenfalls nicht bei ihm. Und trotzdem war es so gekommen.

Am selben Abend zerstritten er und seine Bekannte sich sie hatte längst gemerkt, dass Johann nur noch Augen für Annalena hatte. Draußen vor der Tür beendete sie die Beziehung.

Ist schon okay, sagte Johann. Wir hätten uns schon längst trennen sollen, ich habe dich ja nie geliebt.

Seine Bekannte verließ ihn weinend. Aber schon eine Woche später war sie mit Viktor zusammen, der ihr schon seit der Schulzeit den Hof machte, und bald heirateten sie.

Annalena hingegen ließ sich Zeit. Selbst als sie sich schließlich von ihrem Freund trennte, rannte sie nicht gleich in Johanns Arme. Doch mit Geduld und Wärme gewann er schließlich ihr Herz.

Blätternd durch das Album, durchlebte Johann noch einmal die schönsten Erlebnisse ihrer gemeinsamen Jahre. Er wurde sich bewusst, wie glücklich er an Annalenas Seite gewesen war und wie wenig er das je geschätzt hatte. Wann hatte er ihr zuletzt gesagt, dass er sie liebte? Wann ihr ein Kompliment gemacht? Nicht einmal Danke hatte er wohl noch für ihr gutes Essen gesagt. Es war für ihn selbstverständlich, dass Annalena sich kümmerte ganz wie es eben ihrer Rolle entsprach.

Erst jetzt begriff Johann, dass Annalena den ganzen Alltag auf ihren Schultern trug. Er hatte immer gedacht, dass sie alles ohne Mühe schaffte, dass sie nie müde war. Wenn Johann krank wurde, sorgte sie sich um ihn: kochte Hühnersuppe, hörte sich seine Klagen an, bemitleidete ihn wurde sie selbst krank, schluckte sie Tabletten und ging in die Arbeit…

Der Gedanke daran, Annalena vielleicht zu verlieren, machte ihm furchtbare Angst. Die Tage, in denen sie fort war, verbrachte Johann wie im Nebel. Jeden Tag telefonierten sie doch Annalena sagte noch nichts Konkretes, und Johann wurde immer unruhiger.

Er ärgerte sich über sich selbst, weil er so oft selbstsüchtig gewesen war und seiner Frau zu wenig Beachtung geschenkt hatte. Wie gern würde er die Zeit zurückdrehen und es besser machen!

Eines Abends dann endlich der erlösende Anruf:

Johann, ich habe gute Nachrichten! Die Befürchtungen haben sich nicht bestätigt. Es gibt zwar ein paar Probleme, aber nichts Dramatisches.

Wirklich? Johann stieß erleichtert einen Freudenschrei aus. Annalena, ich bin so froh!

Wenige Tage später holte Johann Annalena am Busbahnhof ab mit einem Strauß ihrer geliebten weißen Lilien in der Hand.

Johann, wieso gibst du das Geld für Blumen aus? Aber… es freut mich sehr, danke!

Du glaubst gar nicht, wie sehr ich um dich gebangt habe, sagte Johann und umarmte sie fest. Ich liebe dich… Es tut mir leid.

Wofür denn, Johann?, fragte Annalena überrascht.

Ich war nicht immer der beste Ehemann…

Wie meinst du das? Oder… hast du etwa…?

Nein! Niemals! Aber ich habe mich zu wenig um dich gekümmert, kaum geholfen. Doch das wird sich ändern. Ich habe übrigens noch eine Überraschung.

Was denn?

Ich habe für uns beide Tickets gekauft. In einem Monat beginnt unser Urlaub, und diesmal fahren wir ans Meer.

Ans Meer? Und was wird aus dem Schrebergarten?

Ach, der Schrebergarten läuft uns nicht davon, winkte Johann ab. Vielleicht sollten wir ihn einfach verkaufen? Gemüse bekommen wir auch auf dem Wochenmarkt.

Ich erkenne dich ja gar nicht wieder, Johann…

Ich mich auch nicht, Annalena. Die Angst, dich zu verlieren, hat mir die Augen geöffnet. Von jetzt an werde ich dich schätzen wie einen Schatz. Ich liebe dich.

Ach, Johann, lächelte Annalena, vielleicht musste all das geschehen, damit ich solche Worte einmal von dir höre. Komm, lass uns nach Hause gehen… Ich liebe dich auch.

Das Leben hat Johann gelehrt: Oft merkt man erst im Angesicht der Gefahr, wie wichtig ein Mensch ist und, dass es nie zu spät ist, das eigene Herz zu öffnen und für die zu sorgen, die man liebt.

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Homy
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Schon seit Tagen ist Johann völlig außer sich vor Sorge: Seine geliebte Ehefrau Lilli lässt sich gerade in der Stadt ärztlich durchchecken, während er allein im heimatlichen Dorf zurückbleibt – unruhig, voller Angst und Hoffnung auf gute Nachrichten. Dreißig gemeinsame Ehejahre, zwei Kinder, ein liebevoll gepflegtes Zuhause, in dem Lilli nie klagte, alles stemmte, sogar nach der Arbeit im selben Betrieb, während Johann sich nie an Hausarbeit beteiligte, weil „das keine Männeraufgabe ist“. Doch jetzt steht plötzlich alles auf dem Spiel: Lilli fühlt sich schlecht, muss ins Uniklinikum – und Johann erkennt entsetzt, wie sehr er sie und all ihre Fürsorge für selbstverständlich hielt. Als Erinnerungen an verpasste Träume – etwa den nie realisierten Urlaub am Meer – hochkommen und Johann nachts die stille Tränen seiner Frau bemerkt, wird ihm klar, wie viel sie opferte. In banger Sehnsucht blättert er durch alte Fotoalben und quält sich mit der Angst, sie verlieren zu können, bis schließlich der erlösende Anruf kommt: Es ist nichts Lebensbedrohliches, Lilli kommt zurück. Als Johann seine Frau mitsamt einem Strauß weißer Lilien an der Bushaltestelle empfängt, gesteht er ihr seine Liebe, bittet um Verzeihung und überrascht sie mit Tickets für den langersehnten Ostseeurlaub. Denn endlich hat er begriffen, was wirklich zählt: gemeinsam Zeit zu verbringen, den geliebten Menschen zu achten und zu beschützen.
STIEFMUTTER: Geheimnisse und Leidenschaft im Schatten der Familie