Die zweite Familie
Als ich älter wurde, dämmerte es mir, dass mein Vater und seine neue Ehefrau erstaunlich schnell zusammengekommen waren. Und dass Vera, die ungefähr ein halbes Jahr älter war als ich, genau wie Max, der drei Jahre jünger war, uns und meinem Vater merkwürdig ähnlich sahen.
Eines der eindrücklichsten Kindheitserinnerungen ist für mich eine wunderschöne Puppe mit knallroten Haaren, die ich einmal an der Supermarktkasse sah.
Ich erinnere mich daran, wie ich damals an Papas Hand zog und ihn bat, mir diese Puppe zu kaufen. Aber Papa beugte sich zu mir hinunter und sagte leise, doch deutlich tadelnd:
Lieschen, du kannst doch nicht so egoistisch sein. Dein Bruder braucht Medizin, wir müssen irgendwie essen, bis das nächste Gehalt kommt, und du willst eine Puppe.
Als ob zu Hause nicht genug Spielzeug wäre.
Ich hatte das Gefühl, nicht nur mein Vater, sondern auch alle, die das mitbekamen, würden mich missbilligend anschauen.
Wie konnte ein braves Mädchen (und ich wollte unbedingt brav sein) sich ein Spielzeug wünschen, wenn der kleine Bruder Medikamente braucht und es daheim kaum etwas zu essen gibt?
Spielzeug gab es tatsächlich zwar, aber die meisten Sachen waren von Vera und Max schon kaputt gemacht worden. Doch das interessierte keinen.
Die Erwachsenen hatten ohnehin Wichtigeres zu tun als sich um meine Spielsachen oder meinen Wunsch nach dieser besonderen rothaarigen Puppe zu kümmern.
Als Mama noch lebte, bekam ich manchmal eine Puppe.
Nicht immer schon mit fünf konnte ich die Wochentage auseinanderhalten. Ich wusste: Wenn Mama mich nach dem Kindergarten abholt und wir noch in den Laden gehen, bekomme ich trotz allem kein Spielzeug, egal wie sehr ich bettle. Dafür gabs nur einen strengen Blick.
Aber am Wochenende ging Mama mit mir gezielt einkaufen und sagte:
Liesl, wenn das, was du willst, unter fünfzig Euro kostet, kannst du es dir aussuchen.
Ich wusste, was fünfzig Euro waren eine Fünf mit einer Null und dann noch eine Null. Solange auf dem Preisschild zwei Nullen zum Komma standen, durfte ich das Spielzeug nehmen und Mama hielt ihr Versprechen.
Sie liebte mich. Und sie warf mir nie vor, dass ich mir etwas wünschte. Dass ich quengelte, ja, das schon vor allem früher als ich noch kleiner war und dramatisch im Laden auf dem Boden herumschrie (das hatte ich mir von anderen Kindern abgeguckt, die bekamen dann ihr gewünschtes Spielzeug, damit endlich Ruhe war).
Mit Mama funktionierte das nicht da gabs nicht nur Ärger, sondern auch eine Woche keine Fernsehsendungen.
Trotzdem kaufte sie mir am Wochenende das Spielzeug, das ich mir wünschte. Und sie sagte nie, ich sei egoistisch, nur weil ich für mich etwas wollte, während die Familie Probleme hatte.
Und ich muss zugeben, Probleme gab es genug. Mama war krank, wurde lange behandelt, aber es half nichts.
Mit sechs blieb ich allein beim Papa zurück. Im ersten Jahr gab es keine Spielsachen, keine Gutenachtgeschichten eigentlich keine Anzeichen von Zuneigung.
Mein Vater brachte mich nur regelmäßig zum Kindergarten, später zur Schule. Zu Hause kochte er meist Nudeln mit Würstchen. Ich mochte Papas Essen nicht, aber es gab nichts anderes.
Er setzte sich nach dem Essen sofort vor den Fernseher, schaute Fußball, Boxen oder Talkshows bis spät in die Nacht.
Wenn ich fragte, ob ich Zeichentrickfilme sehen dürfte, schickte er mich, Hausaufgaben zu machen oder ein Buch zu lesen. Ich gehorchte notgedrungen wobei ich Lesen schon damals lieben lernte.
Vielleicht zog ich mich genauso wie Papa mit seinen Sportübertragungen in eine andere Welt zurück nur dass ich meine Zuflucht bei den Buchhelden suchte.
Ein halbes Jahr später bekamen wir Zuwachs: eine Schwester und einen Bruder. Erst als ich älter wurde, kam mir alles ein wenig zu schnell und auffällig ähnlich vor.
Vera, die ein halbes Jahr älter war als ich, und Max, der drei Jahre jünger war, sahen mir und meinem Vater wirklich zu sehr ähnlich.
Damals aber als Kind hinterfragte ich noch nichts. Verstehen konnte ich nur nicht, warum Papa Vera und Max zu lieben schien, mich aber mit Vorwürfen und Tadel bedachte.
Papa und ich zogen zu Daria ins Haus am Stadtrand von Hamburg. Es gab nicht viel Platz, deshalb bekam ich kein eigenes Zimmer. Ich schlief in einem kleinen Flur zwischen den Zimmern von Max und Vera.
Das Ende des Ganges wurde nur durch einen Vorhang abgetrennt, den Vera liebte, ständig zur Seite zu reißen und mich an den Haaren aus dem Bett zu ziehen.
Ich wecke sie doch, sonst kommen wir zu spät zur Schule!, entschuldigte sie sich immer.
Niemanden störte es, dass Vera mich auch am Wochenende auf die gleiche Weise weckte, obwohl wir gar nicht zur Schule mussten.
Genauso normal war es, dass fast alle meine Sachen und Spielsachen an Vera abgetreten wurden.
Wozu brauchst du diese Spielsachen? Du steckst doch sowieso immer nur in deinen Büchern, schimpfte mein Vater, als ich einmal darauf bestand, dass ich den von Oma aus Flensburg geschickten Teddybären zurückbekommen sollte.
Meine Oma, Mamas Mutter, lebte in einem kleinen Ort im Norden. Sie liebte mich sehr, aber wir sahen uns kaum. Manchmal telefonierten wir, das war aber selten.
In einem dieser Telefonate beklagte ich mich, dass mir der Bär weggenommen und Vera gegeben wurde. Mein Vater wurde furchtbar wütend, dann setzte er mich für ein ernstes Gespräch hin:
Wir leben jetzt in Darias Haus. Sie kümmert sich um uns. Weißt du, wie viel sie für mich getan hat? Nach dem Tod deiner Mutter wäre ich sonst völlig verloren gewesen.
Willst du wirklich, dass dein Vater verschwindet und du ganz allein bleibst? Ich schüttelte mit acht Jahren den Kopf. Ganz ohne Papa wollte ich wirklich nicht sein. Er war ungerecht, aber ich kannte sonst niemanden.
Warum verderbst du dann mein Leben mit deinen ewigen Beschwerden, du undankbares Gör?!
Du machst wegen so einem alten Teddy, einem Stück Stoff mit Watte, so einen Aufstand!
Ja, Vera liebt den Teddy, darum haben wir ihn ihr gegeben!
Du solltest lernen, dass du nicht das einzige Kind bist auch andere wollen mal was Schönes haben!
Du hast eine reiche Oma, die dir immer wieder Geschenke schickt. Vera hat das nicht und wird es nie haben.
Warum sollte sie darunter leiden, dass du ständig Geschenke bekommst und sie nichts abkriegt?
Man muss teilen lernen.
Schon als kleines Mädchen fiel mir auf, dass Papas Argumente einen Haken hatten. Aber ihm aufzuzeigen, wo er im Unrecht lag das hätte niemand interessiert.
Schließlich gab es wichtigere Sorgen.
Vor allem gab es Max. Er hatte, wie ich später verstand, neurologische Probleme wohl wegen Komplikationen bei der Geburt.
Fast das gesamte Geld meines Vaters floß jeden Monat in Max Behandlungen und Medikamente. Sie schleppten ihn von Arzt zu Arzt, in den Schwimmkurs, zur Physiotherapie, ja sogar aufs Reiterhof. Hauptsache, er wurde irgendwie normaler.
Das zeigte auch Wirkung: Zwar war Max in der Entwicklung hintendran, aber er holte langsam auf. Ärzte meinten, als Erwachsener könnte er vielleicht wie ein durchschnittlicher Mann leben.
Allerdings ging das nur, wenn Papa jeden Cent für seine Therapie ausgab.
Mir kam es trotzdem ungerecht vor, dass Max für die kleinsten Erfolge gelobt wurde, während meine guten Aufsätze, Literaturpreise und meine Zeugnisse völlig unbeachtet blieben.
Toll, das ist ja ein Erfolg, meinte Papa ironisch, als ich ihm eine Urkunde zeigte. Davon kannst du vielleicht den Ofen anzünden.
Wenn du mal Geld für Max Medikamente verdienst, dann hast du mir wirklich geholfen.
Aber deine Zettel interessieren keinen.
Danach sprach ich kaum noch mit meinem Vater.
Unerwartet zeigte meine Stiefmutter Daria mehr Anteilnahme, als man glauben wollte. Sie war keineswegs die böse Hexe aus den Märchen.
Mit den Jahren musste ich zugeben, dass ich Daria eigentlich nichts vorwerfen konnte. Sie war nicht verpflichtet, sich um das Kind von jemand anderem zu kümmern. Sie musste mich nicht lieben wie ihre eigene Tochter.
Doch als ich alt genug war, im Haushalt zu helfen, nannte sie mich stolz meine kleine Helferin. Sie lobte mich oft, vor allem, weil ich die Hausarbeit verlässlich erledigte und um das Lob zu bekommen, strengte ich mich noch mehr an.
Es versetzte mir sogar eine seltsame Genugtuung, als Daria und Vera abends stritten, weil Vera ihr vorwarf, sie würde mich mehr lieben als sie selbst.
Du lobst Lieschen ständig, nennst sie Sonnenschein, und auf mich schimpfst du nur! Papa liebt mich wenigstens, und du
Papa liebt mich, darum erträgt er deine Eskapaden überhaupt noch! Mal rauchst du am Schulhof, dann mobbst du die Jüngeren mich nervt es langsam, ständig in die Schule zitiert zu werden!
Liesa macht wenigstens keine Schwierigkeiten, im Gegensatz zu dir
Nach einem solchen Streit lief Vera von zu Hause weg. Die Situation war so ernst, dass Suchtrupps der Polizei nach ihr fahndeten.
Alle waren aufgeregt, doch ich fühlte mich zum ersten Mal seit Jahren zu Hause wirklich sicher.
In diesen Tagen wünschte ich mir fast, Vera würde gar nicht mehr wiederkommen.
Leider fand man sie. Es stellte sich heraus, dass Vera, damals auch elf, ein paar Tage bei einem Klassenkameraden wohnte.
Irgendetwas war noch vorgefallen, jedenfalls interessierte sich plötzlich das Jugendamt sehr intensiv für unsere Familie.
So sehr, dass sie uns Kinder sowohl zusammen als auch einzeln zu verschiedenen Psychologen und sogar Ärzten brachten.
Es wurden viele Fragen gestellt und nach und nach wurde unter der Oberfläche alles aufgedeckt.
Liesl, halt einfach den Mund bei diesen Tanten!, forderte mein Vater bei einer Begegnung.
Ich empfand da nur noch Ekel. An mich erinnerte er sich offenbar nur, wenn es brenzlig wurde.
Jetzt sollte ich wohl bezeugen, wie wunderbar unsere Familie funktionierte und dass wir alle in Ordnung waren. Was bei Vera schiefgelaufen war, wurde bagatellisiert: Selbst die beste Mutter macht mal Fehler, nicht etwa elterliches Versagen.
Aber mit elf war ich schon klug genug zu begreifen: Schuld an Veras Ausbruch trugen Papa, ja sogar Daria.
So leid es mir tat, Daria zu beschuldigen sie war immer noch die Netteste zu mir gewesen aber wie sollte man es aushalten, wenn die Mutter scheinbar nur den kranken Max liebte und für die Tochter nur Vorwürfe übrigblieben?
Ja, Papa versuchte seine Liebe zu zeigen (meist auf meine Kosten), aber davon bekam doch niemand, was er brauchte.
Eine solche gestörte Familienatmosphäre fällt dem Jugendamt irgendwann auf.
Was Papa wirklich beunruhigte, wie ich später erfuhr, war allerdings etwas ganz anderes.





