Wer mit uns leben wird… Die Türklingel läutete hartnäckig und verkündete Besuch. Frau Lehmann legte die Schürze ab, wusch sich die Hände und öffnete die Tür. Auf der Schwelle standen ihre Tochter Laura und ein junger Mann. Die Mutter ließ sie in die Wohnung eintreten. – Hallo, Mama, – sagte Laura und gab ihr einen Kuss auf die Wange, – Das ist Tim, er wird ab jetzt bei uns wohnen. – Guten Tag, – grüßte der junge Mann höflich. – Und das ist meine Mutter, Tante Sabine. – Sabi, bitte, – korrigierte Sabine freundlich. – Mama, was gibt es zum Abendessen? – Erbsenpüree und Würstchen. – Ich esse kein Erbsenpüree, – sagte Tim, schlüpfte aus den Schuhen und verschwand im Wohnzimmer. – Also, Mama, Tim mag keine Erbsen, – Laura riss die Augen auf. Tim ließ sich auf dem Sofa nieder und warf seufzend seinen Rucksack auf den Boden. – Das ist eigentlich mein Zimmer, – erklärte Sabine sachlich. – Tim, komm, ich zeige dir, wo wir wohnen werden, – rief Laura. – Aber hier gefällt es mir, – brummte Tim, stand dann aber widerwillig auf. – Mama, mach doch bitte irgendetwas für Tim zu essen. – Ich weiß nicht, wir haben noch einen halben Pack Würstchen, – Sabine zuckte mit den Schultern. – Passt mit Senf, Ketchup und Brot, – rief Tim aus dem Wohnzimmer. – Na gut, – sagte Sabine und ging in die Küche. – Früher brachte sie Kätzchen und Hundewelpen mit nach Hause, jetzt bringt sie ihn mit und ich soll ihn auch noch füttern. Sie nahm sich Erbsenpüree, zwei gebratene Würstchen und einen Teller Salat und genoss ihr Abendessen. – Mama, warum isst du denn allein? – kam Laura in die Küche. – Weil ich gerade von der Arbeit komme und Hunger habe, – entgegnete Sabine, während sie die Wurst kaute. – Wer Hunger hat, kann sich selbst nehmen oder etwas kochen. Und ich hätte da noch eine Frage: Warum wird Tim eigentlich bei uns wohnen? – Wieso? Er ist mein Mann. Sabine verschluckte sich fast. – Dein Mann? – Ja. Ich bin erwachsen und entscheide selbst, ob ich heirate oder nicht. Ich bin schon neunzehn. – Und warum war ich nicht zur Hochzeit eingeladen? – Es gab keine Feier, wir haben einfach standesamtlich geheiratet. Jetzt sind wir Mann und Frau und wohnen hier zusammen, – erwiderte Laura mit einem Seitenblick auf ihre kauende Mutter. – Na toll, dann herzlichen Glückwunsch. Und warum ohne Hochzeit? – Wenn du Geld für eine Feier hast, gib’s uns, wir wissen schon, wofür wir es ausgeben. – Verstehe, – Sabine aß weiter, – Und warum wollt ihr ausgerechnet bei uns wohnen? – Weil sie zu viert in einer Ein-Zimmer-Wohnung leben. – Habt ihr nicht an eine eigene Wohnung gedacht? – Warum mieten, wenn es mein Zimmer gibt? – staunte Laura. – Alles klar. – Also, bekommst du was für uns zu essen? – Laura, der Topf mit dem Püree steht auf dem Herd, die Würstchen sind in der Pfanne. Wenn’s nicht reicht, im Kühlschrank ist noch ein halber Pack. Bedient euch. – Mama, du verstehst nicht, du hast jetzt einen SCHWIEGERSOHN, – Laura betonte das letzte Wort besonders. – Ach ja? Soll ich jetzt einen Freudentanz aufführen? Laura, ich komme von der Arbeit, bin müde, lass uns die Rituale weglassen. Ihr habt Hände und Füße, sorgt bitte selbst für euch. – Deswegen bist du auch immer noch nicht verheiratet! Laura warf ihrer Mutter einen zornigen Blick zu und verschwand in ihrem Zimmer. Sabine aß, spülte ihr Geschirr, wischte den Tisch ab und fuhr ins Fitnessstudio. Ein paar Mal pro Woche gönnte sie sich Sport und das Schwimmbad – sie war eine unabhängige Frau. Gegen zehn kam sie zurück. Sie freute sich auf einen Tee, aber in der Küche herrschte totales Chaos, offensichtlich hatte jemand „gekocht“. Der Deckel des Püree-Topfs war verschwunden, das Essen war vertrocknet und rissig geworden. Die leere Würstchenpackung lag auf dem Tisch, daneben ein angebissenes Roggenbrot. Die Pfanne war angebrannt und der Antihaftbelag zerkratzt. Das Spülbecken quoll über vor Geschirr, auf dem Boden klebte ein süßer Getränkepfütze. Die Wohnung roch nach Zigaretten. – Wow, das ist mal was Neues. Laura hätte das nie erlaubt. Sabine öffnete die Tür zum Zimmer ihrer Tochter. Die beiden tranken Wein und rauchten. – Laura, geh bitte und bring die Küche in Ordnung. Und morgen kaufst du eine neue Pfanne, – sagte Sabine und ging in ihr Zimmer, die Tür ließ sie offen. Laura sprang auf und lief hinterher. – Warum müssen wir das machen? Und woher soll ich das Geld für die Pfanne nehmen, ich verdiene nichts, ich studiere jetzt. Ist dir das Geschirr so wichtig? – Laura, du kennst die Regeln: Wer isst, räumt auf, wer was kaputt macht, kauft es neu. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Und ja, die Pfanne ist mir wichtig, die war teuer – und jetzt ist sie ruiniert. – Du willst gar nicht, dass wir hier wohnen! – brüllte Laura. – Nein, – antwortete Sabine ruhig. Jetzt zu diskutieren, darauf hatte sie echt keine Lust – und das war ihr noch nie so bewusst gewesen wie jetzt. – Aber das ist mein Zuhause! – Nein, die Wohnung gehört ganz mir. Ich habe sie bezahlt. Du bist nur zum Schein gemeldet. Mach deine Probleme nicht auf meine Kosten. Wenn ihr hier wohnen wollt, haltet euch an die Regeln, – sagte Sabine ruhig. – Ich habe immer nach deinen Regeln gelebt. Aber jetzt bin ich verheiratet und du kannst mir nichts mehr vorschreiben, – weinte Laura. – Und überhaupt, du hattest dein Leben, jetzt solltest du uns das Feld überlassen. Erleben Sie mehr – Ich überlasse euch gerne den Hausflur und eine Bank draußen, meine Liebe. Ach, du bist verheiratet? Mich hast du nicht gefragt. Du kannst gern woanders mit deinem Mann schlafen, aber nicht hier. Er bleibt hier nicht wohnen, – antwortete Sabine streng. – Soll er doch ersticken an der Wohnung! Tim, wir gehen! – schrie Laura und begann, ihre Sachen zu packen. Fünf Minuten später stürmte der neue Schwiegersohn in Sabines Zimmer. – Keine Sorge, „Mutti“, bleib cool, dann läuft das schon. Wir bleiben mit Laura hier. Und wenn du lieb bist, sind wir nachts sogar ganz leise, – lallte er. – Was für Eltern wir wohl sind, – empörte sich Sabine, – Die Eltern wohnten zu Hause, also geh dorthin zurück und nimm deine frisch angetraute Frau gleich mit. – Gleich kriegst du eine… – Tim hob drohend die Faust. – Ja was…? Sabine griff fest nach seiner Faust mit ihren manikürten Nägeln. – Au, spinnst du?! – Mama, was machst du denn?! – schrie Laura und zog an ihrer Mutter. Sabine drängte die Tochter beiseite, kniete Tim einen Stoß in die Mitte und gab ihm mit dem Ellbogen einen Hieb gegen den Hals. – Ich zeige dich wegen Gewalt an! – jammerte Tim, – Ich verklage dich! – Nur zu, ich rufe die Polizei, dann wird sofort alles dokumentiert, – erwiderte Sabine. Das junge Paar flüchtete aus der schönen Zwei-Zimmer-Wohnung. – Du bist nicht mehr meine Mutter! – rief Laura zum Abschied, – Und du wirst NIE Enkelkinder sehen! – Welch ein Verlust, – bemerkte Sabine ironisch, – Endlich kann ich wieder richtig leben. Sie betrachtete ihre Hände – einige Nägel waren abgebrochen. – Und das alles wegen euch … – murmelte Sabine. Nachdem sie gegangen waren, machte sie die Küche sauber, warf das eingetrocknete Püree und die kaputte Pfanne weg und ließ das Schloss austauschen. Drei Monate später wartete Laura vor Sabines Arbeit. Sie war abgemagert, hatte tiefe Augenringe und wirkte unglücklich. – Mama, was gibt es zum Abendessen? – fragte sie leise. – Keine Ahnung, – Sabine zuckte mit den Schultern, – Habe ich noch nicht überlegt. Worauf hättest du Lust? – Hühnchen mit Reis, – schluckte Laura. – Und einen gemischten Salat. – Dann lass uns Hähnchen einkaufen gehen, – sagte Sabine. – Den Salat kannst du selbst machen. Sie stellte Laura keine Fragen mehr, und Tim tauchte nie wieder in ihrem Leben auf.

Wer Wird Bei Uns Wohnen
Die Türklingel läutet penetrant und kündigt Besuch an. Birgit zieht ihre Schürze aus, wäscht die Hände und öffnet die Wohnungstür. Auf der Schwelle stehen ihre Tochter und ein junger Mann. Die Mutter bittet sie herein.
Hallo, Mama, sagt ihre Tochter und gibt ihr einen Kuss auf die Wange, Das ist Sven, er wird ab jetzt bei uns wohnen.
Guten Tag, grüßt der junge Mann.
Und das ist meine Mama, Tante Birgit.
Birgitchen, korrigiert sie die Tochter.
Mama, was gibt es heute zum Abendessen?
Erbsenpüree und Würstchen.
Ich esse kein Erbsenpüree, sagt der junge Mann und verschwindet direkt ins Wohnzimmer.
Mama, Sven mag keine Erbsen, sagt die Tochter mit großen Augen.
Der junge Mann macht es sich auf dem Sofa bequem und schmeißt seinen Rucksack auf den Boden.
Das ist eigentlich mein Zimmer, sagt Birgit.
Komm, Sven, ich zeig dir unser Zimmer, ruft Judith.
Aber ich mags hier, murmelt der junge Mann und erhebt sich langsam vom Sofa.
Mama, vielleicht kannst du Sven was anderes machen?
Ich weiß nicht, wir haben noch einen halben Packen Würstchen, zuckt Birgit die Schultern.
Reicht mit Senf, Ketchup und ein bisschen Brot, meint er.
In Ordnung, sagt Birgit und geht in die Küche. Früher hat sie immer Kätzchen und Hunde angeschleppt, jetzt bringt sie halt sowas mit, muss ich auch noch durchfüttern.
Sie nimmt sich Erbsenpüree, legt zwei gebratene Würstchen auf den Teller, schiebt noch einen Teller Salat dazu und beginnt, ihr Abendessen zu genießen.
Mama, warum isst du ganz allein? fragt die Tochter, die gerade reinkommt.
Ich bin von der Arbeit heimgekommen und hab Hunger, antwortet Birgit, während sie auf einer Wurst kaut. Wer Hunger hat, soll sich selbst was auftun oder kochen. Und ich habe noch eine Frage an dich. Warum wohnt Sven bei uns?
Wieso? Er ist mein Mann.
Birgit verschluckt sich fast.
Dein Mann?
Ja. Deine Tochter ist erwachsen und kann selbst entscheiden, ob sie heiratet oder nicht. Ich bin neunzehn.
Und ich wurde nicht mal zur Hochzeit eingeladen?
Es gab keine Hochzeit, wir haben einfach nur beim Standesamt unterschrieben, das reicht. Jetzt sind wir Mann und Frau und wohnen zusammen, sagt Judith und blickt auf ihre essende Mutter.
Na dann. Herzlichen Glückwunsch. Und warum ohne Feier?
Wenn du Geld für eine Feier hast, kannst dus uns geben, wir finden schon was zum Ausgeben, sagt Judith.
Verstehe, sagt Birgit und isst weiter. Und warum unbedingt bei uns wohnen?
Weil sie zu viert in einer Einzimmerwohnung leben.
Habt ihr nicht dran gedacht, was Eigenes zu mieten?
Wozu mieten, ich hab doch mein Zimmer hier, wundert sich die Tochter.
Schon klar.
Also gibts für uns was zu essen?
Judith, der Topf mit Püree steht auf dem Herd, die Würstchen in der Pfanne. Falls das nicht reicht, ist noch ein halber Packen im Kühlschrank. Bedient euch.
Mama, du verstehst es nicht du hast jetzt einen SCHWIEGERSON, betont Judith.
Und? Soll ich dafür einen Schuhplattler aufführen oder was? Judith, ich bin müde von der Arbeit. Lasst uns bitte auf extra Zeremonien verzichten. Ihr habt Hände und Füße sorgt für euch selbst.
Deswegen bist du wohl noch Single!
Judith wirft ihrer Mutter einen zornigen Blick zu und verschwindet im Zimmer, knallt die Tür hinter sich zu. Birgit isst in Ruhe weiter, spült ihren Teller, wischt den Tisch ab und macht sich auf ins Fitnessstudio. Sie ist eine unabhängige Frau, verbringt einige Abende pro Woche im Sportstudio und im Schwimmbad.
Gegen zehn kehrt sie heim. Sie wünscht sich einen heißen Tee doch in der Küche herrscht das reinste Chaos, offenbar hat jemand versucht zu kochen. Der Deckel vom Püreetopf ist verschwunden, das Essen ist eingetrocknet und rissig. Die Würstchenpackung liegt geöffnet herum, dazu ein angetrocknetes Stück Brot. Die Pfanne ist angebrannt, die Antihaftbeschichtung verkratzt. Das Spülbecken überquillt mit Geschirr, auf dem Boden klebt eine Limonadenlache. Die Wohnung stinkt nach Zigaretten.
Na sowas, das ist jetzt wirklich neu. Judith hätte das nie gemacht.
Birgit öffnet die Tür zum Zimmer ihrer Tochter. Die jungen Leute trinken Wein und rauchen.
Judith, geh bitte in die Küche und räum auf. Und morgen kaufst du eine neue Pfanne, sagt die Mutter und geht in ihr Zimmer, ohne die Tür zu schließen.
Judith springt auf und läuft ihr hinterher.
Warum sollen wir das aufräumen? Und wo soll ich das Geld für eine neue Pfanne hernehmen? Ich arbeite ja nicht mehr, ich studiere jetzt. Du bist doch nicht ernsthaft traurig um die Pfanne?
Judith, du kennst doch die Regeln im Haus: Wenn du gegessen hast, räumst du auf. Wenn du etwas kaputt machst, kaufst du es neu. Jeder ist selbst verantwortlich. Und ja, ich hänge an meiner Pfanne, die war teuer, und jetzt ist sie ruiniert.
Du willst gar nicht, dass wir hier wohnen, ruft die Tochter.
Nein, antwortet Birgit ruhig.
Sie hat wirklich keine Lust auf einen Streit und so direkt ist sie noch nie zu ihrer Tochter gewesen.
Aber das ist auch mein Zuhause!
Nein, die Wohnung gehört mir allein. Ich habe sie bezahlt. Du bist nur gemeldet. Du kannst deine Probleme nicht auf meine Kosten lösen. Wenn ihr hier leben wollt, haltet euch an meine Regeln, sagt Birgit gelassen.
Mein ganzes Leben habe ich nach deinen Regeln gelebt. Jetzt bin ich verheiratet und du kannst mir gar nichts mehr vorschreiben! schluchzt Judith. Eigentlich solltest du die Wohnung uns überlassen du hast ja schon dein Leben gehabt!
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Ich überlass dir gern das ganze Treppenhaus und auch einen Platz auf der Parkbank. So, meine Liebe, bist du verheiratet? Mich hast du nicht gefragt. Du hast hier immer allein oder mit deinem Mann geschlafen, aber eben anderswo. Er wird hier nicht wohnen, sagt Birgit bestimmt.
Soll sie an ihrer Wohnung ersticken! Sven, wir gehen! brüllt Judith und fängt an, ihre Sachen zu packen.
Nach fünf Minuten stürmt der neue Schwiegersohn in Birgits Zimmer.
Ganz ruhig, Schwiegermama. Kein Grund, sich aufzuregen. Alles bleibt, wies ist, lallt er, schon recht angeschlagen vom Alkohol. Wir bleiben hier. Wenn du lieb bist, sind wir nachts auch ganz leise im Bett.
Was für Eltern sind wir nur empört sich Birgit. Die Eltern sind daheim geblieben, dorthin gehst du jetzt zurück. Und deine soeben angetraute Ehefrau nicht vergessen.
Pass auf, gleich zeig ich dir Der Junge hebt die Faust vor Birgits Gesicht.
Ach ja, gleich.
Birgit packt seinen Arm fest mit ihren manikürten Nägeln.
Aua, lass los! Du bist doch verrückt!
Mama, was machst du denn da?! schreit Judith und versucht, die Mutter von ihrem Liebsten zu lösen.
Birgit stößt die Tochter zur Seite, tritt Sven mit dem Knie zwischen die Beine und rammt ihm dann noch den Ellbogen gegen den Hals.
Ich zeig euch an wegen Körperverletzung! jammert der Junge. Ich zieh dich vor Gericht!
Dann rufe ich gleich die Polizei, das machts einfacher für dich, sagt Birgit.
Die beiden fliehen aus der gut eingerichteten Zweizimmerwohnung.
Du bist nicht mehr meine Mutter! ruft Judith zum Abschied. Und du wirst nie Enkelkinder sehen!
Welch ein Jammer! stellt Birgit sarkastisch fest. Endlich kann ich richtig frei leben.
Sie schaut auf ihre Hände einige Nägel sind abgebrochen.
So viele Verluste nur wegen euch, murmelt Birgit.
Nachdem sie weg sind, räumt sie die Küche auf, wirft das eingetrocknete Püree und die ruinierte Pfanne weg und tauscht die Haustürschlösser aus.
Drei Monate später wartet ihre Tochter nach Feierabend vor Birgits Büro. Judith ist abgemagert, mit eingefallenen Wangen und sieht sehr unglücklich aus.
Mama, was gibts heute zu Abend? fragt sie.
Weiß nicht, zuckt Birgit die Schultern. Hab noch nichts überlegt. Worauf hättest du denn Lust?
Hähnchen mit Reis, sagt Judith leise. Und vielleicht einen gemischten Salat.
Dann lass uns Hähnchen besorgen, sagt die Mutter. Und den Salat kannst du dir selbst machen.
Sie stellt keine Fragen, und von Sven hört man nie wieder.

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Homy
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Wer mit uns leben wird… Die Türklingel läutete hartnäckig und verkündete Besuch. Frau Lehmann legte die Schürze ab, wusch sich die Hände und öffnete die Tür. Auf der Schwelle standen ihre Tochter Laura und ein junger Mann. Die Mutter ließ sie in die Wohnung eintreten. – Hallo, Mama, – sagte Laura und gab ihr einen Kuss auf die Wange, – Das ist Tim, er wird ab jetzt bei uns wohnen. – Guten Tag, – grüßte der junge Mann höflich. – Und das ist meine Mutter, Tante Sabine. – Sabi, bitte, – korrigierte Sabine freundlich. – Mama, was gibt es zum Abendessen? – Erbsenpüree und Würstchen. – Ich esse kein Erbsenpüree, – sagte Tim, schlüpfte aus den Schuhen und verschwand im Wohnzimmer. – Also, Mama, Tim mag keine Erbsen, – Laura riss die Augen auf. Tim ließ sich auf dem Sofa nieder und warf seufzend seinen Rucksack auf den Boden. – Das ist eigentlich mein Zimmer, – erklärte Sabine sachlich. – Tim, komm, ich zeige dir, wo wir wohnen werden, – rief Laura. – Aber hier gefällt es mir, – brummte Tim, stand dann aber widerwillig auf. – Mama, mach doch bitte irgendetwas für Tim zu essen. – Ich weiß nicht, wir haben noch einen halben Pack Würstchen, – Sabine zuckte mit den Schultern. – Passt mit Senf, Ketchup und Brot, – rief Tim aus dem Wohnzimmer. – Na gut, – sagte Sabine und ging in die Küche. – Früher brachte sie Kätzchen und Hundewelpen mit nach Hause, jetzt bringt sie ihn mit und ich soll ihn auch noch füttern. Sie nahm sich Erbsenpüree, zwei gebratene Würstchen und einen Teller Salat und genoss ihr Abendessen. – Mama, warum isst du denn allein? – kam Laura in die Küche. – Weil ich gerade von der Arbeit komme und Hunger habe, – entgegnete Sabine, während sie die Wurst kaute. – Wer Hunger hat, kann sich selbst nehmen oder etwas kochen. Und ich hätte da noch eine Frage: Warum wird Tim eigentlich bei uns wohnen? – Wieso? Er ist mein Mann. Sabine verschluckte sich fast. – Dein Mann? – Ja. Ich bin erwachsen und entscheide selbst, ob ich heirate oder nicht. Ich bin schon neunzehn. – Und warum war ich nicht zur Hochzeit eingeladen? – Es gab keine Feier, wir haben einfach standesamtlich geheiratet. Jetzt sind wir Mann und Frau und wohnen hier zusammen, – erwiderte Laura mit einem Seitenblick auf ihre kauende Mutter. – Na toll, dann herzlichen Glückwunsch. Und warum ohne Hochzeit? – Wenn du Geld für eine Feier hast, gib’s uns, wir wissen schon, wofür wir es ausgeben. – Verstehe, – Sabine aß weiter, – Und warum wollt ihr ausgerechnet bei uns wohnen? – Weil sie zu viert in einer Ein-Zimmer-Wohnung leben. – Habt ihr nicht an eine eigene Wohnung gedacht? – Warum mieten, wenn es mein Zimmer gibt? – staunte Laura. – Alles klar. – Also, bekommst du was für uns zu essen? – Laura, der Topf mit dem Püree steht auf dem Herd, die Würstchen sind in der Pfanne. Wenn’s nicht reicht, im Kühlschrank ist noch ein halber Pack. Bedient euch. – Mama, du verstehst nicht, du hast jetzt einen SCHWIEGERSOHN, – Laura betonte das letzte Wort besonders. – Ach ja? Soll ich jetzt einen Freudentanz aufführen? Laura, ich komme von der Arbeit, bin müde, lass uns die Rituale weglassen. Ihr habt Hände und Füße, sorgt bitte selbst für euch. – Deswegen bist du auch immer noch nicht verheiratet! Laura warf ihrer Mutter einen zornigen Blick zu und verschwand in ihrem Zimmer. Sabine aß, spülte ihr Geschirr, wischte den Tisch ab und fuhr ins Fitnessstudio. Ein paar Mal pro Woche gönnte sie sich Sport und das Schwimmbad – sie war eine unabhängige Frau. Gegen zehn kam sie zurück. Sie freute sich auf einen Tee, aber in der Küche herrschte totales Chaos, offensichtlich hatte jemand „gekocht“. Der Deckel des Püree-Topfs war verschwunden, das Essen war vertrocknet und rissig geworden. Die leere Würstchenpackung lag auf dem Tisch, daneben ein angebissenes Roggenbrot. Die Pfanne war angebrannt und der Antihaftbelag zerkratzt. Das Spülbecken quoll über vor Geschirr, auf dem Boden klebte ein süßer Getränkepfütze. Die Wohnung roch nach Zigaretten. – Wow, das ist mal was Neues. Laura hätte das nie erlaubt. Sabine öffnete die Tür zum Zimmer ihrer Tochter. Die beiden tranken Wein und rauchten. – Laura, geh bitte und bring die Küche in Ordnung. Und morgen kaufst du eine neue Pfanne, – sagte Sabine und ging in ihr Zimmer, die Tür ließ sie offen. Laura sprang auf und lief hinterher. – Warum müssen wir das machen? Und woher soll ich das Geld für die Pfanne nehmen, ich verdiene nichts, ich studiere jetzt. Ist dir das Geschirr so wichtig? – Laura, du kennst die Regeln: Wer isst, räumt auf, wer was kaputt macht, kauft es neu. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Und ja, die Pfanne ist mir wichtig, die war teuer – und jetzt ist sie ruiniert. – Du willst gar nicht, dass wir hier wohnen! – brüllte Laura. – Nein, – antwortete Sabine ruhig. Jetzt zu diskutieren, darauf hatte sie echt keine Lust – und das war ihr noch nie so bewusst gewesen wie jetzt. – Aber das ist mein Zuhause! – Nein, die Wohnung gehört ganz mir. Ich habe sie bezahlt. Du bist nur zum Schein gemeldet. Mach deine Probleme nicht auf meine Kosten. Wenn ihr hier wohnen wollt, haltet euch an die Regeln, – sagte Sabine ruhig. – Ich habe immer nach deinen Regeln gelebt. Aber jetzt bin ich verheiratet und du kannst mir nichts mehr vorschreiben, – weinte Laura. – Und überhaupt, du hattest dein Leben, jetzt solltest du uns das Feld überlassen. Erleben Sie mehr – Ich überlasse euch gerne den Hausflur und eine Bank draußen, meine Liebe. Ach, du bist verheiratet? Mich hast du nicht gefragt. Du kannst gern woanders mit deinem Mann schlafen, aber nicht hier. Er bleibt hier nicht wohnen, – antwortete Sabine streng. – Soll er doch ersticken an der Wohnung! Tim, wir gehen! – schrie Laura und begann, ihre Sachen zu packen. Fünf Minuten später stürmte der neue Schwiegersohn in Sabines Zimmer. – Keine Sorge, „Mutti“, bleib cool, dann läuft das schon. Wir bleiben mit Laura hier. Und wenn du lieb bist, sind wir nachts sogar ganz leise, – lallte er. – Was für Eltern wir wohl sind, – empörte sich Sabine, – Die Eltern wohnten zu Hause, also geh dorthin zurück und nimm deine frisch angetraute Frau gleich mit. – Gleich kriegst du eine… – Tim hob drohend die Faust. – Ja was…? Sabine griff fest nach seiner Faust mit ihren manikürten Nägeln. – Au, spinnst du?! – Mama, was machst du denn?! – schrie Laura und zog an ihrer Mutter. Sabine drängte die Tochter beiseite, kniete Tim einen Stoß in die Mitte und gab ihm mit dem Ellbogen einen Hieb gegen den Hals. – Ich zeige dich wegen Gewalt an! – jammerte Tim, – Ich verklage dich! – Nur zu, ich rufe die Polizei, dann wird sofort alles dokumentiert, – erwiderte Sabine. Das junge Paar flüchtete aus der schönen Zwei-Zimmer-Wohnung. – Du bist nicht mehr meine Mutter! – rief Laura zum Abschied, – Und du wirst NIE Enkelkinder sehen! – Welch ein Verlust, – bemerkte Sabine ironisch, – Endlich kann ich wieder richtig leben. Sie betrachtete ihre Hände – einige Nägel waren abgebrochen. – Und das alles wegen euch … – murmelte Sabine. Nachdem sie gegangen waren, machte sie die Küche sauber, warf das eingetrocknete Püree und die kaputte Pfanne weg und ließ das Schloss austauschen. Drei Monate später wartete Laura vor Sabines Arbeit. Sie war abgemagert, hatte tiefe Augenringe und wirkte unglücklich. – Mama, was gibt es zum Abendessen? – fragte sie leise. – Keine Ahnung, – Sabine zuckte mit den Schultern, – Habe ich noch nicht überlegt. Worauf hättest du Lust? – Hühnchen mit Reis, – schluckte Laura. – Und einen gemischten Salat. – Dann lass uns Hähnchen einkaufen gehen, – sagte Sabine. – Den Salat kannst du selbst machen. Sie stellte Laura keine Fragen mehr, und Tim tauchte nie wieder in ihrem Leben auf.
Igel