Am nächsten Tag hing die Nachbarin schon wieder am Zaun zu unserem Grundstück. Meine Frau ging zu ihr und sagte, dass wir heute sehr viel zu tun hätten und deshalb keine Zeit hätten, wie gestern mit ihr zu sitzen. Und was ist mit morgen?, fragte sie neugierig. Morgen ist es genauso. Generell kommen Sie bitte nicht mehr zu uns.
Mein Wunsch, in der Stadt zu wohnen, hat nichts Gutes gebracht.
Meine Frau besitzt ein Haus auf dem Land, das sie von ihren Eltern geerbt hat. Als Schwiegermutter und Schwiegervater noch lebten, waren wir oft dort. Besonders gefiel mir, wenn wir abends unter dem großen Birnbaum zusammen saßen und stundenlang miteinander erzählt haben so lange, bis es dunkel wurde. Das war jedes Mal so, wenn wir dort waren. Im Winter hat meine Schwiegermutter den alten Kachelofen geheizt und frischen Kuchen gebacken. Dann duftete es im ganzen Haus herrlich nach Gebäck.
Meine Frau und ich haben es immer genossen, im Winter Ski zu fahren oder mit dem Schlitten den Hügel hinunter zu sausen. Später sind die Eltern meiner Frau verstorben. Das Haus haben wir nicht verkauft. Wir hatten uns vorgenommen, genauso oft wie früher herzukommen, aber das hat leider nie geklappt.
Es gab immer irgendetwas zu erledigen. Und irgendwann dachten wir selbst kaum noch an das Elternhaus. Das Leben ging weiter, die Jahre vergingen. Unser Sohn hat eine Freundin gefunden und sie geheiratet. Unsere Schwiegertochter, Veronika, äußerte oft, wie schön es wäre, im Sommer auf dem Land zu leben.
Da haben wir uns wieder an das Haus erinnert. Meine Frau und ich sind als Erste hingefahren immerhin lag unser letzter Besuch schon ewig zurück. Alles war beim Alten, nur das Haus war arg vernachlässigt.
Wir beschlossen, ein bisschen Ordnung zu machen. Anne übernahm das Haus, ich den Garten. Ich hatte gedacht, dass das Haus in all den Jahren, in denen es leer stand, vielleicht total verfallen wäre. Aber nein, nach etwas Arbeit sah es plötzlich ganz anders aus. Am nächsten Tag kamen die Kinder und packten auch mit an. Innerhalb eines Tages hatten wir alles geputzt, und das Haus war wieder richtig gemütlich. Die Frauen bereiteten das Abendessen vor, während mein Sohn und ich uns daran machten, den alten Tisch und die Bänke unter dem Birnbaum zu reparieren.
Währenddessen bemerkte ich, dass eine Frau uns fortwährend vom Nachbargrundstück aus beobachtete. Schließlich stellte sie sich vor: Sie hieß Barbara und hatte gerade das Nachbarhaus gekauft. Sie kam herüber, um uns kennenzulernen. Da wir freundlich sind, luden wir sie zum Abendessen ein. Sie erzählte, dass sie allein hier lebt. Für ihre Tochter habe sie das Haus gekauft die Tochter hat drei Kinder. Barbara ist geschieden, ohne Mann. Sie redete ununterbrochen, aber ich hörte irgendwann nicht mehr richtig zu. Plötzlich spürte ich etwas an meinem Bein.
Unter dem Tisch sah ich, dass Barbara mit ihrem Fuß mein Bein streichelte. Ich zog schnell mein Bein weg, doch sie machte einfach weiter. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich versuchte, mich möglichst unauffällig zurückzuziehen, damit meine Frau nichts merkte. Doch Barbara hörte nicht auf zu reden, während die Kinder nach und nach müde wurden. Ich wünschte mir wirklich, dass sie endlich ging. Beim Abräumen des Tisches bemerkte meine Frau, dass Barbara sich ziemlich aufdringlich verhielt. Ich konnte ihr da nur zustimmen; aber was Barbara unter dem Tisch gemacht hatte, habe ich ihr nicht erzählt. Das war mir einfach peinlich. Und ich vermute, es war nicht das erste Mal, dass diese Frau so etwas versucht hat.
Am nächsten Morgen hing sie schon wieder am Zaun. Meine Frau ging zu ihr und erklärte bestimmt, dass wir viel zu arbeiten hätten und nicht mit ihr zusammensitzen könnten wie gestern.
Und morgen? hakte Barbara interessiert nach.
Morgen ist genauso. Bitte kommen Sie nicht mehr zu uns.
Es war wirklich mutig von meiner Frau. Die Nachbarin murmelte noch eine ganze Weile vor sich hin, aber ich hörte nicht mehr zu. Es war mir egal. Ich glaube, meine Frau hat das einzig Richtige getan. Wir sind eine offene und ehrliche Familie. Wir spüren sofort, wenn uns jemand nicht sympathisch ist, und deshalb werden wir mit dieser Nachbarin auch keinen weiteren Kontakt suchen.




