Anne, was soll das bitte sein? Thomas schob den Teller von sich, als hätte sie ihm Gift serviert. Schon wieder Frikadellen. Schon wieder Kartoffeln. Denkst du beim Kochen eigentlich überhaupt nach?
Anne hielt inne, die Gabel in der Hand. Der ganze Tag auf den Beinen, Bericht um Bericht, danach Supermarkt, dann Herd und das war der Dank.
Woran sollte ich denn sonst denken? Sie legte die Gabel behutsam auf den Tellerrand. Das ist Abendessen, Thomas. Ein stinknormaler, menschlicher Feierabend.
Normal? Er verzog das Gesicht. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal was Gescheites gegessen habe. Etwas mit Herz, verstehst du? Ich möchte heimkommen und merken, dass meine Frau sich Mühe gibt. Dass sie mich liebt und dass man das auch schmeckt.
Anne lehnte sich langsam zurück. In ihrer Brust ballte sich etwas Warmes, Stacheliges zusammen.
Meinst du das ernst? Ihre Stimme war leise, aber Thomas überhörte die Warnung wohl.
Absolut. Ich will eine Suppe wie bei Mama. Ich will einen Apfelstrudel. Ich will, dass es zuhause nach gutem Essen riecht und nicht immer nur nach Kartoffeln!
Stopp mal, sagte Anne und hob die Hand. Du bist nicht im Restaurant, mein Lieber. Und ich bin kein Sternekoch.
Thomas runzelte die Stirn, rutschte auf dem Stuhl zurück:
Ich will doch nur gut essen. Ist das zu viel verlangt?
Und ich will, dass beide was zur Beziehung beitragen! Anne stand scharf auf, der Stuhl quietschte über das Parkett. Beide, Thomas! Nicht nur ich!
Ich geh doch arbeiten! Auch er wurde lauter. Ich bring das Geld heim, falls dus vergessen hast!
Und ich? Was tu ich deiner Meinung nach? Anne stemmte die Hände in die Hüften. Däumchen drehen? Ich arbeite auch. Vollzeit. Und danach koche, putze und wasche ich. Alleine!
Thomas öffnete den Mund, aber Anne ließ ihn nicht zu Wort kommen.
Das Regal, sie deutete Richtung Flur. Erinnerst du dich? Das, das du mir versprochen hattest?
Welches Regal jetzt wieder?
Genau das, das seit einem Monat da liegt und Staub ansetzt. Einen Monat, Thomas!
Er verzog das Gesicht.
Ich hab halt kein ordentliches Werkzeug…
Doch, hast du!
Ich war einfach im Stress, es war keine Zeit…
Ach, und ich hab zu viel Freizeit? Anne lachte trocken. Klar, ich lieg den ganzen Tag auf der Couch und guck Serien.
Thomas verschränkte die Arme und sah entschlossen weg.
Du drehst mir alles um.
Ich? Anne schüttelte den Kopf. Ich koche dir jedes verdammte Abendessen. Nach einem langen Tag. Und du redest was von Herz in Frikadellen.
Stille. Thomas starrte an die Wand, Kiefer mahlen unter der Haut.
Weißt du was, er ruckte mit dem Stuhl zurück, ich hab keinen Hunger mehr.
So ist das also.
Ja, so.
Er stand auf und ging ins Wohnzimmer. Anne sah ihm nach und wusste nicht, ob sie über die Absurdität lachen oder weinen sollte.
Eine Minute später griff sie zum Handy.
Hallo Claudia. Bist du zuhause? Kann ich vorbeikommen?
Die Freundin antwortete, Anne atmete zum ersten Mal an diesem Abend wirklich auf.
Ja, alles gut. Ich muss nur… einfach raus hier.
Sie warf sich die Jacke über, ohne ins Wohnzimmer wo der beleidigte Thomas saß zu blicken. Hinter ihr fiel die Tür leise ins Schloss. Nicht, weil sie nicht knallen wollte, sondern weil sie nicht mal mehr die Kraft dazu hatte.
Claudia schenkte wortlos Tee ein, schob Anne eine Dose mit Butterkeksen hinüber und setzte sich. Sie unterbrach nicht, keine übertriebenen Seufzer sie hörte einfach zu, während Anne alles losließ, was sich über Monate angestaut hatte. Über Frikadellen und Herz. Über Regale, die verstauben. Darüber, wie sie jeden Abend heimkommt und merkt, dass sie eigentlich gar nicht mehr reden möchte.
Anne, Claudia stellte ihre Tasse ab, willst du das wirklich noch weiter so mitmachen?
Anne zuckte mit den Schultern. Die ehrliche Antwort steckte irgendwo tief innen fest.
Sie kehrte spät heim. Thomas schlief schon oder tat zumindest so. Anne legte sich ganz an den Rand des Betts, zur Wand gedreht, und starrte lange in die Schatten an der Tapete.
Liebe? Sie versuchte sich daran zu erinnern, wann sie sich das letzte Mal gefreut hatte, wenn er von der Arbeit kam. Wann sie ihn vermisst hatte. Es war lange her. Sehr lange. Es blieb nur noch Gewohnheit wie die morgendliche Tasse Kaffee, wie der Weg zur S-Bahn. Ein Automatismus, eingebettet in den Alltag.
Die nächsten Tage krochen vorbei in Schweigen. Thomas sprach kaum mehr mit ihr, nur, wenn es unbedingt sein musste, knappe Sätze. Ja, Nein, Hmm. Anne versuchte nicht einmal mehr, das Eis zu brechen. Keine Kraft, kein Wunsch.
Am Wochenende merkte sie, dass Thomas sie immer öfter anschnupperte. Bedeutungsvolle, erwartungsvolle Blicke. Los, komm, entschuldige dich. Aber Anne reagierte nicht. Wofür sollte sie sich entschuldigen? Dafür, dass sie müde war? Dafür, dass sie einen Partner will und keinen Dauerkritiker?
Am Freitagabend kam Thomas mit einer Pizzaschachtel und einer Flasche Wein.
Pizza, er stellte alles auf den Tisch. Deine Lieblingssorte, mit Champignons.
Anne sah von ihrem Handy auf.
Siehst du, ich versuche es. Für dich. Für uns, murmelte er, irgendwie stolz, aber auch vorwurfsvoll.
Anne nahm schweigend das Glas.
Aber entschuldigen kannst du dich nicht, Thomas lehnte sich zurück. Schweigst seit einer Woche. Ich mache einen Schritt auf dich zu, und du…
Halt, Anne stellte das Glas hin. Entschuldigen? Wofür?
Für alles! Er warf die Arme hoch. Du bist nie auf meiner Seite. Meckerst nur. Ich komm heim, und dein Gesicht…
Welches Gesicht?
Dein Nörgel-Gesicht! Immer unzufrieden, ich mache ständig alles falsch!
In Anne stieg wieder die Welle auf, die sie letzte Woche schon gespürt hatte.
Das Regal, sagte sie leise.
Was?
Das Regal. Liegt immer noch da.
Thomas zuckte.
Fang nicht schon wieder mit dem blöden Regal an! Ich will über uns reden, nicht über Möbel!
Aber das Regal IST unsere Beziehung, Thomas. Ich bitte du ignorierst. Einen Monat lang. Und dann willst du mir was über Unterstützung erzählen?
Er sprang auf. Der Stuhl kippte fast um.
Weißt du was? Ich hab genug. Ich kann nicht mehr.
Thomas…
Nein, Schluss. Ich geh.
Anne sah zu, wie er ins Schlafzimmer stürmte, die Reisetasche packte, Sachen zusammenraffte. Da riss etwas in ihr aber nicht so, wie sie gedacht hätte. Es tat nicht weh.
Es war einfach nur leer.
…Eine Woche später flatterten die Scheidungspapiere ins Haus.
…Drei Monate vergingen seltsam schnell und langsam zugleich. Anne gewöhnte sich an das neue Leben.
An einem Abend räumte sie gerade ihr Zimmer auf, leise Musik dudelte im Hintergrund, als sie einen anderen Laut wahrnahm. Ein leises, beharrliches Kratzen an der Tür.
Anne drehte die Musik leiser, lauschte. Noch ein Klopfen. Dann wieder.
Sie schritt zur Tür, blickte durch den Spion und erstarrte.
Thomas. Er trat von einem Fuß auf den anderen, eine Tüte in der Hand. Anne öffnete, blieb aber im Türrahmen stehen.
Was willst du hier?
Anne… Er versuchte, einen Schritt vorwärts zu machen, aber Anne rührte sich nicht. Lass mich rein, wir müssen reden.
Sag, was du willst, hier.
Thomas seufzte, fuhr sich durchs Haar eine Geste, die Anne beinahe im Schlaf kannte.
Ich hab nachgedacht… Also, ich bin bereit, dir zu verzeihen und zurückzukommen.
Einen Moment schwieg Anne. Dann lachte sie laut, herzhaft, warf den Kopf nach hinten. Thomas zuckte zusammen.
Verzeihen? Sie wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Du willst MIR verzeihen?
Na ja, du hast halt damals über die Stränge geschlagen, ein bisschen zu viel gesagt…
Thomas, unterbrach Anne ihn immer noch lächelnd, ich brauche dein Verzeihen nicht. Hebs dir für dich auf. Du wirst es noch brauchen.
Sein Gesicht wurde lang. Offenbar hatte er mit Tränen, Umarmungen, Danksagung gerechnet. Sein Blick schweifte suchend durch die Wohnung und blieb dann plötzlich hängen.
Was ist denn das? Er nickte nach unten. Wem gehören diese Schuhe?!
Anne drehte sich nicht um. Sie wusste genau, dass da Alex blaue Sneakers, Größe 43, bei der Kommode standen.
Geht dich nichts an.
Wie das nicht? Thomas trat näher heran, die Stimme schnappte. Wir sind noch verheiratet!
Morgen ist die letzte Anhörung, verschränkte Anne die Arme. Dann unterschreibt der Richter, setzt den Stempel und wir sind beide frei.
Du hast also schon wen neuen? In UNSERER Wohnung?
In MEINER Wohnung.
Ist doch egal! Er wurde schon fast laut. Es ist noch offiziell…
Anne? Klang es aus dem Flur, das Abendessen ist fertig. Soll ich dich hier mal unterstützen?
Alex trat um die Ecke, entspannt, im alten T-Shirt, Geschirrtuch lässig über der Schulter. Er sah Thomas neutral an, nicht feindlich, aber ohne besondere Neugier. Als sähe er einen Stuhl.
Anne schüttelte den Kopf:
Ist schon gut. Ich klär das.
Alex nickte und verschwand in die Küche. Thomas warf ihm einen Blick nach, dann wandte er sich wieder an Anne, das Gesicht fleckig vor Wut.
Schnell bist du. Drei Monate und schon der Nächste. Was hat der, was ich nicht hab, hm?
Anne betrachtete schweigend den Mann, mit dem sie fünf Jahre verbracht hatte. Ein Fremder. Völlig fremd.
Er liebt mich, sagte sie ruhig. Und er zeigt es. Jeden Tag. Mit Taten, nicht nur mit Sprüchen über Herz im Essen.
Thomas wollte noch etwas sagen aber Anne schloss schon die Tür. Das Schloss schnappte ein.
Aus der Küche strömte ein herrlicher Geruch.
Manchmal braucht es einen Abschied, damit Platz für echte Zuneigung entsteht. Denn wahre Liebe zeigt sich im täglichen Miteinander in kleinen Taten, nicht in großen Worten.





