Einen Tag vor meiner Hochzeit verstarb mein Verlobter plötzlich. Alles war bereit: Das Kleid hing bereit, die Ringe lagen da, die Gäste hatten zugesagt, das Essen war bestellt. An diesem Tag wollte er einen ruhigen Nachmittag mit Freunden verbringen – kein Junggesellenabschied, nur zusammensitzen, trinken, reden und Geschichten erzählen. Ich blieb zuhause, erledigte die letzten Vorbereitungen. Um 21:30 Uhr klingelte das Telefon – einer seiner Freunde rief an, sagte mir, er sei plötzlich zusammengebrochen, sie brächten ihn ins Krankenhaus. Die ganze Zeit redete ich mir ein, es sei nur ein Schock, vielleicht Erschöpfung wegen des Hochzeitsstresses. Als ich dort ankam, ließ man mich in einem kalten Raum warten. Es dauerte nicht lange: Ein Arzt kam, bat mich, Platz zu nehmen, und sagte mir die Wahrheit… Ich erinnere mich nicht daran, geschrien oder geweint zu haben, nur an die Geräusche im Krankenhaus, das kalte Licht, das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, dass ich so etwas nicht hören dürfte, dass so etwas nicht mir passieren kann. Am nächsten Tag gab es keine Hochzeit – sondern eine Beerdigung. Unser gemeinsames Zuhause wurde mit Trauerkränzen gefüllt. Die Menschen, die mich eigentlich im Brautkleid sehen sollten, kondolierten mir. Ich legte das Kleid beiseite, sagte alles ab, lernte, ans Telefon zu gehen, ohne zu wissen, was ich sagen sollte. Ich musste immer wieder erklären: Nein, es ist kein Irrtum… Ja, es ist wahr… Ja, der Sarg stand einen Tag vor der Hochzeit da. Monate vergingen, dann Jahre. Ich habe nie wieder versucht, eine neue Beziehung einzugehen. Es war kein bewusster Entschluss – ich konnte einfach nicht. Jedes Mal, wenn jemand mir zu nahe kam, verschloss sich etwas in mir. Ich wusste nicht, wie man von vorne anfängt, wenn die eigene Geschichte schon vor dem Anfang zu Ende ist. Ich blieb allein – nicht, weil es keine Möglichkeiten gegeben hätte, sondern weil ich nicht die Kraft fand, mein Herz nochmals so aufs Spiel zu setzen. Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Ich habe mein Leben neu geordnet: gearbeitet, mich um meine Familie gekümmert, gelernt, allein zu sein. Aber ich liebte nie wieder so wie damals. Er war mein letztes Versprechen, mein letzter gemeinsamer Traum. Danach habe ich nur noch gelernt, allein zu leben. Und das ist meine Geschichte.

Es war einmal vor vielen Jahren, kurz bevor ich heiraten sollte. Mein Verlobter, Johann Baumgartner, verließ diese Welt, und alles war bereits vorbereitet. Das Kleid hing gebügelt am Schrank, die Ringe lagen bereit, die Gäste hatten fest zugesagt, das Essen war bei einem guten Münchner Gasthaus bestellt worden. An jenem Tag beschloss Johann, am Nachmittag mit ein paar Freunden bei sich daheim zusammenzusitzen ganz ruhig, wie er sagte, um Abschied vom Junggesellendasein zu nehmen. Keine große Feier, kein Ausufern. Sie saßen nur beisammen, tranken ein paar Bier, erzählten Geschichten aus ihrer Jugend und lachten miteinander. Ich blieb zu Hause in unserer kleinen Wohnung in Schwabing und kümmerte mich um die letzten Vorbereitungen.

Gegen halb zehn abends klingelte das Telefon. Es war Paul, einer von Johanns besten Freunden. Ich werde nie seine Stimme vergessen. Er sagte, Johann sei plötzlich umgekippt, und sie hätten sofort den Notarzt gerufen. Auf dem Weg ins Krankenhaus sagte ich mir immer wieder: Das ist nichts Ernstes vielleicht nur der Stress oder eine Ohnmacht, sicher seine Nerven wegen der bevorstehenden Hochzeit.

Im Krankenhaus musste ich in einem kühlen, sterilen Warteraum Platz nehmen. Es dauerte nicht lange, bis ein Arzt erschien, blass im Gesicht, und mich bat, mich zu setzen. An jenem Ort, unter dem kalten Licht, sagte er mir die Wahrheit. Was genau ich in diesem Moment tat, weiß ich nicht mehr ich erinnere mich nicht daran, geschrien oder geweint zu haben. Was mir geblieben ist, sind die Geräusche: das Klicken von Schuhen auf Fliesen, das Summen der Lampen, und dieses beklemmende Gefühl, dass nicht sein konnte, was ich gerade hörte. Es durfte einfach nicht wahr sein, dass ausgerechnet mir so etwas widerfuhr.

Am nächsten Tag fand keine Hochzeit statt sondern eine Beerdigung. Die Wohnung, die unser gemeinsamer Anfang hätte sein sollen, war voll von Kränzen und stillen Besuchern in Schwarz. Die Menschen, die mich eigentlich im weißen Kleid sehen wollten, kamen, um ihr Beileid auszusprechen. Ich verstaute das Kleid tief im Schrank, sagte alles ab, was geplant war. Ich lernte, ans Telefon zu gehen, ohne zu wissen, was ich sagen sollte. Immer wieder erklärend: Nein, es ist kein Irrtum ja, es ist wahr ja, der Sarg stand dort, wo eigentlich der Brautstrauß liegen sollte.

Wochen vergingen, dann Monate schließlich Jahre. Ich habe nie mehr versucht, eine neue Liebe zu finden. Anfänglich geschah das nicht bewusst. Jedes Mal, wenn mir jemand näherkam, machte etwas in mir zu. Ich konnte nicht begreifen, wie man einen neuen Anfang wagen soll, wenn die eigene Geschichte geendet hat, ohne je begonnen zu haben.

Ich bin allein geblieben nicht, weil es keine Möglichkeiten gegeben hätte, sondern weil ich keinen Mut mehr fand, mein Herz so aufs Spiel zu setzen wie damals. Zwanzig Jahre sind vergangen seit dem Tag, an dem Johann ging. Ich habe mir ein neues Leben aufgebaut, bin in meinem Beruf als Lehrerin aufgegangen, habe mich um meine Mutter gekümmert und Stück für Stück gelernt, ein Leben in Ruhe zu führen. Aber und das weiß ich heute habe ich niemals wieder so geliebt. Er war mein letztes Versprechen, mein letzter gemeinsamer Traum. Nach ihm habe ich gelernt, alleine zu leben.

So ist meine Geschichte, wie ich sie heute längst eine andere Frau geworden behutsam erinnere.

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Homy
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Einen Tag vor meiner Hochzeit verstarb mein Verlobter plötzlich. Alles war bereit: Das Kleid hing bereit, die Ringe lagen da, die Gäste hatten zugesagt, das Essen war bestellt. An diesem Tag wollte er einen ruhigen Nachmittag mit Freunden verbringen – kein Junggesellenabschied, nur zusammensitzen, trinken, reden und Geschichten erzählen. Ich blieb zuhause, erledigte die letzten Vorbereitungen. Um 21:30 Uhr klingelte das Telefon – einer seiner Freunde rief an, sagte mir, er sei plötzlich zusammengebrochen, sie brächten ihn ins Krankenhaus. Die ganze Zeit redete ich mir ein, es sei nur ein Schock, vielleicht Erschöpfung wegen des Hochzeitsstresses. Als ich dort ankam, ließ man mich in einem kalten Raum warten. Es dauerte nicht lange: Ein Arzt kam, bat mich, Platz zu nehmen, und sagte mir die Wahrheit… Ich erinnere mich nicht daran, geschrien oder geweint zu haben, nur an die Geräusche im Krankenhaus, das kalte Licht, das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, dass ich so etwas nicht hören dürfte, dass so etwas nicht mir passieren kann. Am nächsten Tag gab es keine Hochzeit – sondern eine Beerdigung. Unser gemeinsames Zuhause wurde mit Trauerkränzen gefüllt. Die Menschen, die mich eigentlich im Brautkleid sehen sollten, kondolierten mir. Ich legte das Kleid beiseite, sagte alles ab, lernte, ans Telefon zu gehen, ohne zu wissen, was ich sagen sollte. Ich musste immer wieder erklären: Nein, es ist kein Irrtum… Ja, es ist wahr… Ja, der Sarg stand einen Tag vor der Hochzeit da. Monate vergingen, dann Jahre. Ich habe nie wieder versucht, eine neue Beziehung einzugehen. Es war kein bewusster Entschluss – ich konnte einfach nicht. Jedes Mal, wenn jemand mir zu nahe kam, verschloss sich etwas in mir. Ich wusste nicht, wie man von vorne anfängt, wenn die eigene Geschichte schon vor dem Anfang zu Ende ist. Ich blieb allein – nicht, weil es keine Möglichkeiten gegeben hätte, sondern weil ich nicht die Kraft fand, mein Herz nochmals so aufs Spiel zu setzen. Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Ich habe mein Leben neu geordnet: gearbeitet, mich um meine Familie gekümmert, gelernt, allein zu sein. Aber ich liebte nie wieder so wie damals. Er war mein letztes Versprechen, mein letzter gemeinsamer Traum. Danach habe ich nur noch gelernt, allein zu leben. Und das ist meine Geschichte.
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