Ich diene euch nicht mehr! – Die Geschichte einer Frau, die nach 25 Ehejahren entscheidet, kein Dienstmädchen mehr für Mann, Tochter und Schwiegersohn zu sein, sondern ihr eigenes Leben im zauberhaften Kurischen Haff zu beginnen

Ich dien euch nicht mehr!
Ich bin nicht länger eure Dienstmagd!
Hallo, meine Liebe! Ich habe eine große Überraschung für dich! Bereite heute Abend dein berühmtes Gericht zum Abendessen zu!
Was ist denn los? fragte Irmgard besorgt.
Alles bestens! Ich erzähle dir heute Abend alles!
Das Gespräch wurde unterbrochen und die Frau schaute zweifelnd aus dem Fenster. Es war ein rauer Oktober, der Wind peitschte um die Ecken. Der Anruf ihres Mannes hob ihre Laune kein bisschen, denn in fünfundzwanzig Jahren Ehe hatte er nie Überraschungen gemacht schon gar keine großen.
Da klingelte es an der Tür, gerade als sie ihren berühmten Braten mit der geheimen Soße aus dem Ofen holte.
Na, Hausfrau! Wie das duftet! rief Karl mit einer breiten Geste und stellte die Weinflasche auf den Tisch. Deck den Tisch! Der Jäger ist heimgekehrt!
Warum bist du nur so aufgedreht? Ach ja, der Jäger? Irmgard sah ihren Mann prüfend an.
Ich wasche mir jetzt schnell die Hände.
Beim Einschenken des Weins begann Karl feierlich: Ich erhebe dieses Glas auf den besten Mann und Vater der Welt! Und auf uns und auf zwei fantastische Wochen Urlaub in einem erstklassigen Drei-Sterne-Hotel am Atlantik.
Für einen Moment freute sich Irmgard sogar, doch Karl sprach weiter:
Wusstest du, dass Erik tauchen kann mit Sauerstoffflasche?
Wer? Die Frau blickte verwirrt.
Nun wie du, Mama! Erik, der Mann unserer geliebten Tochter Gudrun.
Und was haben Erik und Gudrun damit zu tun?
Irmgard, du bist wohl zuviel zu Hause? Wir fahren alle zusammen, eine große glückliche Familie.
Sie stellte das Glas ab, ohne einen Schluck zu probieren, und sah ihren Mann müde an.
Wer hat den Urlaub bezahlt?
Natürlich ich! sagte Karl stolz und trommelte sich auf die Brust.
Also hast du mir immer vom Urlaub auf einer Trauminsel vorgeschwärmt, über 25 Jahre darauf gespart und jetzt willst du, dass wir mit Tochter und Schwiegersohn verreisen?! Die sehe ich doch sowieso jeden Tag! Zu Hause kochen sie nicht, weil es hier immer was zu essen gibt! Du kaufst sogar für sie ein und zahlst ihre Miete. Weil sie Erwachsenenprobleme nicht verstehen.
Aber Gudrun begann Karl.
Was aber Gudrun?! Ich hab sie mit achtzehn bekommen! Ich hab mir immer gesagt, später werde ich leben! Und jetzt? Ich bin 45, hab nichts gesehen, war nirgends. Arbeite von zu Hause aus, steh fast ununterbrochen am Herd und Spülbecken.
Tränen schimmerten in ihren Augen. Der Kloß im Hals wurde dicker.
Irmgard liebte ihre Tochter das war keine Frage doch für den Schwiegersohn empfand sie kaum etwas. Erwachsene mussten ihrer Meinung nach lernen, für sich selbst zu sorgen. Auch sie hatte als junge Mutter niemand unterstützt, ihr Mann damals ein Mitarbeiter an der Akademie war selten hilfreich gewesen. Irmgard hatte den Beruf der Buchhalterin erlernt und beriet bis heute einige Unternehmen in Hamburg. Die Familie ruhte oft auf ihren Schultern.
Irmgard! Karls Stimme wurde schärfer. Was ist das für eine Jammerei? Wir verbringen doch sowieso viel Zeit miteinander und die Kinder brauchen uns.
Und du hast nie an mich gedacht?
Natürlich! Du kommst doch auch mit! Wo ist das Problem?
Das Problem liegt wohl bei mir flüsterte sie und verließ das Zimmer.
Am nächsten Tag kam Gudrun vorbei.
Hallo Mama! Ich komm nicht mit leeren Händen, sagte sie und schwenkte eine Packung Tiefkühlpizza.
Hallo. Die Mikrowelle ist da drüben, wies Irmgard in die Küche und setzte sich vor den Computer.
Mama, was ist los? Gleich kommt Erik, ich dachte du kochst eine Suppe und machst Tee zur Pizza.
Die Küche ist da, wiederholte Irmgard, ohne vom Bildschirm aufzublicken.
Warum bist du so missmutig? Papa meinte, du hast seine Überraschung gar nicht gewürdigt.
Um mich zu verstehen, müsstest du einmal ich sein, sagte Irmgard leise.
Was brummelst du? Deine Tochter kommt zu Besuch und du tust so, als sei ich nicht da! Ich dachte, wir probieren Klamotten aus und fahren dann für die Ferien einkaufen. Deshalb hab ich auch Erik dazugeholt zum Tragen!
Irmgard hielt es nicht mehr aus, stand auf.
Hör mal, Tochter, falls du es nicht gemerkt hast: Ich arbeite. Seit 27 Jahren arbeite ich für euch! So dass dein Vater auf dem Sofa sitzen kann ohne Perspektive, ohne anständiges Gehalt! Damit meine Tochter mich als Köchin und Bankkarte benutzen kann!
Sie holte Luft, aber ein Klingeln unterbrach sie. Erik war gekommen; ein Dreißigjähriger mit buschigem Schnurrbart, Bart und seinem ständigen Elektroroller.
Guten Tag, Tante Irmgard! Ich hab ein Geschenk mitgebracht! Von der ganzen Runde. Auch Karl hat dazugelegt! sagte er und zog, übertrieben stolz, einen Stabmixer aus dem Rucksack. Sorry, ohne Karton. Der passte nicht rein, aber ich habe alles Zubehör dabei.
Na, ist das nicht toll, Mama? Du kochst doch so gern, das ist doch das perfekte Geschenk für die Hausfrau!
Irmgard lächelte nur bedrückt und ging in ihr Zimmer.
Was ist denn mit ihr los? hörte sie Eriks genervtes Geflüster.
Keine Ahnung. Papa hat vielleicht Mist gebaut. Lass uns besser gehen.
Wie, und wir essen gar nichts?!
Nimm die Pizza mit iss zu Hause.
Ich hasse Tiefkühlpizza. Frischer Kuchen wäre mir lieber.
Dann back doch selber! knurrte Gudrun.
Als die Tür ins Schloss fiel, hielt sich Irmgard die Hände vors Gesicht und murmelte:
Vielleicht bin ich einfach eine schlechte Mutter und Ehefrau
Von schweren Gedanken geplagt, träumte sie in der Nacht.
Kleine Gudrun erschien ihr, mit Bauchweh. Dann wie Jungen sie auf dem Hof ärgerten und Irmgard sie verteidigte. Sie träumte, wie Karl weniger Lohn bekam und Irmgard ihn tröstete und noch mehr Aufträge annahm. Dann, wie sie einfach nur lief hinter ihr Erik auf dem Roller.
Und plötzlich wurde es ganz still. Ruhig. Sie stand auf einer Hügelspitze, unten schlängelte sich ein Fluss, am Horizont eine Bergkette, die in der Abendsonne glühte.
Als Irmgard erwachte, wusste sie, was zu tun war.
Hallo, meine Liebe! Bin zu Hause! Wie gehts? Gudrun meinte, du wolltest nicht mit in den Laden und das Geschenk hat dir nicht gefallen.
Ich brauch nichts aus dem Laden.
Und was ist mit Badeanzug und Sonnenhut? Brauch ich noch Shorts und T-Shirts?
Dann fahrt ihr eben selbst. Ich fahr mit euch nirgendwo mehr hin nicht in die Stadt, nicht an den Strand! Ich hab meinen eigenen Ozean. Eure Einkäufe und Vorbereitungen macht ihr selbst. Ich hab viel zu tun.
Karl war völlig verdattert.
Und das Geld? Ich hab doch alles bezahlt!
Sieh es als Entschädigung für meine Nerven.
Karl schniefte laut das bedeutete großen Groll. Von nun an sprach er nichts mehr mit ihr. Irmgard war das recht.
Nach zwei Tagen hatte sie alle wichtigen Arbeiten erledigt, warme Kleidung und den Laptop gepackt und rief ihren Mann an.
Hallo. Hast dus dir anders überlegt? Ich bin auch schon nicht mehr böse.
Deine Gekränktheit interessiert mich nicht mehr, Karl, sagte Irmgard ruhig. Ich rufe nur an, um mitzuteilen, dass ich auf Dienstreise gehe. Weiß nicht, wie lange. Steck den Briefkasten nach Post durch und denk an die Miete. Das wars.
Als sie auflegte, spürte sie mit einem Mal die Leichtigkeit. Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu und trat hinaus.
Der lange Zugweg verdarb ihr die staunende Vorfreude nicht für einen Moment. Die Ankunft im kleinen, windumpeitschten Hotel im Harz alles wie im Nebel.
Und dann war er da, der Moment! Brodelnde Vulkane im Rücken, tosende Nordsee voraus! Irmgard sog die raue Luft der Nordseeküste tief ein und beobachtete fasziniert, wie die Sonne das Wattenmeer blutrot färbte.
Währenddessen, am anderen Ende Europas, lagen Karl und Erik schon am vierten Tag mit heftigem Durchfall im Hotelbett. Gudrun tat, was sie konnte, schimpfte den Barkeeper aus wegen Papas Geiz, denn das “Drei-Sterne-Hotel” war in Wahrheit ein abgewirtschafteter Kasten. Sie redete sich mit ihrem Vater in Rage, er erwiderte es mit Vorwürfen über ihren Egoismus, Erik war einfach nur leidend und dazu juckte sein Bart fürchterlich.
Muss ich mich jetzt noch rasieren?! jammerte er, während er hin- und herlief. Mach was!
Was denn?
Gib mir Tabletten!
Ich hab keine Ahnung, was
Ruf Mama an, die weiß das!
Mama hat ihr Handy ausgeschaltet.
Alle vermissten Irmgard schmerzlich und ihren ausgeschalteten Apparat. Der Urlaub landete wortwörtlich im Abort.
Nach einem Monat kam Irmgard zurück. Sie wurde zu Hause empfangen auf dem Tisch Rouladen und angebrannter Kuchen.
Familienspiele
Ich ziehe an die Nordsee vielleicht sogar auf eine Insel, erklärte Irmgard. Wer mitkommen will, kann drüber reden. Alles andere ist nicht verhandelbar.
Nein, nein, wir besuchen dich lieber dort, Mama Gudrun war zwar angespannt, ließ Irmgard aber ziehen.
Karl versuchte es mit Reden, Drohen, Wut. Doch Irmgard lebte nicht mehr in der Vergangenheit. Zwei Monate später ließen sie sich scheiden.
Am Rande des Landes bekam das Leben endlich echten Geschmack! Salzige Luft auf der Haut Vielleicht würde sie hier ihr wahres Glück finden.

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Homy
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Ich diene euch nicht mehr! – Die Geschichte einer Frau, die nach 25 Ehejahren entscheidet, kein Dienstmädchen mehr für Mann, Tochter und Schwiegersohn zu sein, sondern ihr eigenes Leben im zauberhaften Kurischen Haff zu beginnen
Der Schwiegervater stellte seinen Schwiegersohn absichtlich auf die Probe, um herauszufinden, ob er ein würdiger Ehemann für seine Tochter ist.