Mein Ehemann verließ mich wegen meiner Schwester und zog zu ihr. Drei Jahre später verließ er auch sie – diesmal für ihre beste Freundin.

16. März

Es gibt Tage, an denen die Vergangenheit mich einholt, und ich mich frage, ob das Leben vielleicht immer im Kreis verläuft. Es fühlt sich an, als müsste ich alles aufschreiben, damit ich Begreifen kann, was damals passiert ist und was das mit mir gemacht hat.

Mein Mann, Johannes, hat mich damals nach sieben Jahren Ehe verlassen aber das war noch nicht das Schlimmste. Viel schlimmer war, dass er mich meiner Schwester zuliebe verlassen hat. Ja, richtig gelesen: Er zog zu meiner Schwester, Friederike. Ich habe das lange Zeit nicht verstanden, nicht begreifen wollen.

Unsere Ehe war nicht perfekt, aber sie war auch nicht schlecht. Wir lebten in München, hatten eine schöne Wohnung in Schwabing, ein solides Leben. Beide arbeiteten wir viel, die Sonntage verbrachten wir mit der Familie, so wie es oft in deutschen Familien Tradition ist. Friederike war häufig bei uns, half mir manchmal im Haushalt oder brachte selbstgebackenen Apfelkuchen mit, so wie früher bei Mutti. Alles schien harmonisch. Ich hatte nie einen Grund, ihr oder ihm zu misstrauen, im Gegenteil: Sie verstanden sich eben gut, aber das ist doch normal, dachte ich.

Und dann kam er eines Morgens es war ein grauer Novemberdonnerstag und ging. Sagte nur, er müsse früh ins Büro. Mittags keine Nachricht, abends blieb er weg. Am nächsten Tag, wieder kein Zeichen. Ich erinnere mich, wie ich damals mit Herzklopfen sein Handy anrief und nur die Mailbox dran war. Erst am dritten Tag nahm er ab und sagte ohne jede Entschuldigung, ohne eine Erklärung: Ich komme nicht zurück. Ich brauche Abstand. Ich dachte, es sei eine Midlife-Crisis, vielleicht ein Streit auf der Arbeit, vielleicht war er bei einem Freund.

Doch schon am Wochenende kam die Wahrheit ans Licht weil es in deutschen Familien eben niemand lange verbergen kann. Ein Cousin von mir erzählte es mir vorsichtig: Johannes lebt bei Friederike. Das Gerücht breitete sich aus wie ein Lauffeuer, meine Eltern hörten es, die Tanten beim Sonntagskaffee, Nachbarn im Treppenhaus. Meine Schwester reagierte nicht mehr auf meine Anrufe, Johannes zeigte sich im Viertel nicht mehr. Wenige Tage später holte sie in meiner Abwesenheit ihre letzten Sachen aus der Wohnung. Niemand sprach ein Wort, niemand erklärte etwas. Es wurde einfach als erledigt betrachtet.

Sie zogen zusammen in einen anderen Stadtteil, Sendling, wie ich hörte. Bald begannen sie, auf Familienfeiern zu erscheinen, als sei das völlig selbstverständlich. Ich blieb diesen Zusammenkünften fern der Gedanke, sie zusammen zu sehen, war unerträglich. Friederike sagte einmal zu unserer Mutter, die Liebe könne man sich nicht aussuchen, und dass das Leben manchmal solche Wege geht. Johannes meinte, er sei mit mir nicht mehr glücklich gewesen. Ich blieb zurück, mit meinem Schmerz, mit der Scham, dass mir so etwas in meiner eigenen Familie widerfahren war. Wenigstens hatten wir keine Kinder der Gedanke daran hätte alles noch schlimmer gemacht.

Es vergingen drei Jahre. Ich richtete mir mein Leben neu ein, so gut es eben ging. Johannes und Friederike schienen glücklich zu sein jedenfalls schien alles nach außen hin harmonisch. Bis ich eines Tages wieder durch jemand Dritten hörte: Johannes hat sich erneut getrennt. Und wieder war eine andere Frau im Spiel: diesmal war es die beste Freundin von Friederike, Annemarie. Sie war immer dabei gewesen, ganz am Anfang, kannte alle Geheimnisse, war Vertrauensperson und wurde nun die neue Frau an seiner Seite.

Friederike war am Boden zerstört. Johannes verteidigte sein Verhalten, wie zuvor: Er sagte, auch bei ihr hätte er sich nicht mehr glücklich gefühlt, sie sei schwierig, alles sei kompliziert gewesen. Doch diesmal glaubte niemand in der Familie mehr seine Rechtfertigungen.

Bis heute ist unsere Familie zerrissen. Mein Verhältnis zu Friederike ist abgebrochen, sie redet nicht mehr mit Annemarie. Johannes hat kein einziges Mal die Verantwortung übernommen, nicht ein einziges Wort der Entschuldigung ausgesprochen. Manchmal frage ich mich im Stillen: Ist das das, was andere Menschen Schicksal oder Karma nennen?

Am meisten schmerzt es, dass es nicht einmal eine Aufarbeitung gab. Alles ist still zerbrochen. Und doch merke ich, wie ich langsam heile. Deutschland ist ein Land der klaren Worte, aber es gibt Wunden, für die gibt es keine Worte. Ich schreibe diese Zeilen, um wenigstens mir selbst gegenüber ehrlich zu bleiben.

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Homy
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