9. Juni, Donnerstag
Manchmal glaube ich, dass Verrat immer einen lauten Knall hat Türen, die zufallen, Geschirr, das zerbricht, Tränen und Geschrei mitten in der Nacht. Doch heute begreife ich, dass Betrug auch still sein kann. Fast so sanft wie das Flüstern des Windes in den Lindenblättern im Englischen Garten.
Als Martin am Montagmorgen nach Frankfurt zur Dienstreise fuhr, küsste er mich auf die Stirn, ließ ein verschmitztes Lächeln und einen Hauch seines Aftershaves zurück. Ich liebte meinen Mann zumindest antwortete ich immer so, wenn man mich danach fragte. Schnell, sicher, ohne jedes Zögern. Doch seit zwei Jahren klingt diese Sicherheit immer leiser, wie ein altes Radio, dessen Lautstärke langsam gedreht wird.
Heute rief Judith an.
Kommst du mit in den Schlosspark? Ihr Ton war fröhlich, fast ein bisschen zu zwanghaft. Das Wetter ist herrlich, und du sitzt seit einer Woche so klösterlich allein herum!
Ich wollte absagen. Eigentlich wollte ich mich um die Wäsche kümmern, den Kleiderschrank sortieren oder endlich den Roman zu Ende lesen, der seit November auf meinem Nachttisch liegt. Stattdessen ertappte ich mich dabei, wie ich zusagte: Ja, lass uns um zwei am alten Brunnen treffen.
Der Park begrüßte uns mit dem Duft von warmem Nadelholz und frisch gemähtem Gras. Die Linden verloren schon ihre ersten gelben Blätter, die sich glänzend wie Eurostücke auf dem Asphalt sammelten. Ich trug einen hellen Trenchcoat und saubere weiße Sneaker ein wenig zu elegant für einen Spaziergang, doch heute wollte ich mich einfach schön fühlen.
Wir gingen langsam, fast ziellos. Judith erzählte von ihrem neuen Freund, der alles versteht, aber nichts tut, und ich nickte, hörte aber nur mit halbem Ohr zu. Ich dachte daran, wie merkwürdig es ist, sich frei zu fühlen, während der eigene Mann Hunderte Kilometer entfernt ist und man trotzdem alle sieben Minuten aufs Handy schaut.
Gerade als wir die entlegene Allee erreichten, stoppte Judith plötzlich.
Guck mal das gibts doch nicht
Ich folgte ihrem Blick.
Auf einer Holzbank unter einer mächtigen alten Linde saß ein Mann. Allein. Dunkelblauer Anorak, ein aufgeklappter Laptop auf den Knien. Er sah gar nicht auf den Bildschirm, sondern träumte scheinbar vor sich hin. Sonnenflecken tanzten auf seinem Gesicht. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen kein Schreck, keine Überraschung, einfach nur dieses schwere Ziehen, als würde jemand es sanft zusammendrücken.
Das ist doch Erik!, flüsterte Judith. Erik Schneider!
Natürlich erkannte ich ihn sofort. Erik Schneider. Mit ihm habe ich vor fünfzehn Jahren an der Uni in München zusammen studiert. Er war der, der mir abends in der WG, als draußen Schneeregen fiel, Gedichte von Rilke vorlas. Der später plötzlich verschwand umzog, heiratete, löschte sein Profil aus allen sozialen Netzwerken, als hätte es ihn nie gegeben.
Wollen wir Hallo sagen? Judith machte schon einen Schritt vorwärts.
Nein, packte ich sie am Ellenbogen. Viel zu hastig.
Judith sah mich verwundert an. Was ist los?
Ich jetzt nicht.
Doch es war zu spät. Erik hob den Kopf. Unsere Blicke trafen sich zwanzig Meter entfernt, zwischen den alten Linden, und für einen Moment stand die Welt still.
Er stand langsam auf, fast als wolle er den Zauber nicht verscheuchen, klappte seinen Laptop zu, ließ ihn auf der Bank liegen und kam auf uns zu.
Judith, die das Spannungsfeld spürte, plapperte plötzlich los: Erik! Mensch, wie lange nicht gesehen! Wohnst du jetzt hier? Das ist ja eine Überraschung!
Er lächelte dieses Lächeln, das mir früher Gänsehaut an den Fingerspitzen gemacht hat. Doch alles, was ihn interessierte, war mein Blick.
Hallo, sagte er leise. Damit hätte ich niemals gerechnet.
Ich auch nicht, entgegnete ich. Merkwürdig, wie ruhig meine Stimme klang.
Judith verstand, dass sie überflüssig war, murmelte etwas von schau mal beim Eiscafé vorbei, und ließ uns allein.
Wie gehts dir?, fragte er.
Gut Ich bin verheiratet. Arbeite. Ganz normale Sachen.
Ich habe mich vor anderthalb Jahren scheiden lassen, erklärte er plötzlich. Deshalb bin ich zurück nach München gezogen. Irgendwann muss man stehenbleiben.
Ich schwieg; Worte erschienen viel zu klein für all das, was gerade in mir tobte.
Wollen wir ein Stück gehen?
Ich nickte.
Wir schlenderten die menschenleere Allee entlang. Blätter raschelten. Irgendwo bellte ein Hund. Die Welt war gedämpft, wie durch ein feines Leinentuch.
Weißt du noch, wie wir hier geknutscht haben?, fragte er plötzlich.
Ein kurzer Schreck durchfuhr mich.
Nicht hier, widersprach ich.
Doch, hier auf dieser Bank. Damals hast du gesagt, du würdest nie einen Mann heiraten, der nicht schön schweigen kann. Und ich habe geantwortet, dann müsstest du ewig allein schweigen.
Ich schloss für einen Moment die Augen.
Ich habe jemanden geheiratet, der sagt, was notwendig ist.
Erik lächelte schief. Es klang tragisch.
Und, wie fühlt es sich an?
Ich schwieg wiederum.
Am Ende der Allee lag eine kleine runde Fläche mit einem ausgetrockneten Brunnen. Früher spielte hier sonntags Walzermusik, doch nun tanzten nur noch trockene Blätter im Wind.
Ich habe dich nicht gesucht, sage ich leise. Ich habe kaum noch an dich gedacht fast nie.
Aber ich, gab er zu. Jedes Mal, wenn ich in die Stadt kam. Jedes Mal, wenn ich das Licht in deiner Wohnung gesehen habe. Ich wusste, du bist da. Du bist verheiratet. Glücklich vermutlich. Und trotzdem habe ich an dich gedacht.
Mein Hals wurde eng.
Warum sagst du mir das?
Weil ich nicht mehr so tun kann, als würde es mir nichts ausmachen.
Ich wendete mich ab, betrachtete die abgeplatzten Kanten des Brunnens, die Risse, das Moos, das durch den Stein wuchs.
Ich habe einen Mann, flüsterte ich endlich. Er ist gut. Verlässlich. Er würde mich nie
nie so fühlen lassen, dass du wirklich lebst?, ergänzte Erik sanft.
Ich blickte ihn scharf an, Tränen in den Augen.
Bitte hör auf.
Entschuldige.
Er wandte den Blick nicht ab.
Wir standen schweigend, viel zu lange. Bis ich einen Schritt zurücktrat.
Ich muss gehen.
Warte.
Er holte sein Handy hervor.
Ich werde nicht anrufen. Nicht schreiben. Nicht suchen. Aber falls du irgendwann falls auch nur für eine Sekunde dann wähle meine Nummer. Ich trage sie einmal in dein Handy ein. Mehr nicht.
Ich beobachtete seine Finger, wie sie rasch Zahlen eintippten, wie er Kontakt speichern drückte, wie er mir das Handy reichte.
Meine Hände zitterten, als ich es annahm.
Ich werde nicht anrufen, sagte ich.
Ich weiß, antwortete er, aber ich warte trotzdem.
Ich drehte mich um und verließ ihn raschen Schrittes. Schaute nicht zurück.
Judith wartete am Eiscafé mit zwei Eistüten auf mich.
Und? Redet ihr wieder miteinander?
Haben wir.
Und?
Nichts.
Sie musterte mich aufmerksam.
Weinst du?
Der Wind, murmelte ich.
Wir gingen zum Parkausgang. Auf dem Weg zur U-Bahn schwieg ich. An der Glasscheibe lehnte ich meine Stirn und beobachtete das Wechselspiel der Tunnellichter.
Zuhause blieb ich lange im Flur stehen, ohne das Licht einzuschalten. Irgendwann trat ich vor den Spiegel. Ich sah mich an eine Frau von sechsunddreißig, mit feinen Fältchen um die Augen, mit einem Ehering, der plötzlich so fremd wirkte.
Ich öffnete meine Kontakte. Fand die neue Nummer, ohne Namen. Nur sieben Ziffern nach +49.
Mein Finger schwebte über dem Wählknopf.
Ich drückte nicht.
Stattdessen löschte ich die Nummer.
Ich öffnete die Galerie. Ein Foto aus dem letzten Sommer am Meer: Martin umarmt mich von hinten, lacht, ich blinzele in die Sonne. Ein gewöhnliches, glückliches Bild.
Ich schaute lange darauf.
Dann schaltete ich das Handy aus.
Legte es verkehrt herum auf den Tisch.
Und ging in die Küche, um Tee aufzugießen.
Nachts wachte ich auf, Punkt drei Uhr. Martin würde übermorgen wiederkommen. Ich lag wach im Dunkeln und hörte die Uhr im Wohnzimmer ticken. Stand irgendwann auf, zog die Gardinen beiseite und blickte hinaus.
Die Stadt schlief.
Irgendwo da draußen, nur ein paar Kilometer entfernt, unter demselben Mond, schlief oder schlief nicht der Mann, der mir einst Rilke vorgelesen hat, während draußen Schneeregen fiel.
Ich legte eine Hand aufs kalte Fensterglas.
Ich wusste nicht, ob ich ihn jemals anrufen werde.
Wusste nicht, ob er je abheben würde, wenn ich es täte.
Ich wusste nur eines: Etwas in mir ist für immer verändert.
Und diese Veränderung ist leise. Fast tonlos. Wie der Wind in den Lindenblättern.
Sie vergeht nicht mehr. Es war keine Affäre, aber fast so. Irgendwo glaube ich doch, dass die Zeit alles heilt vielleicht auch dieses Gefühl.





