Ach übrigens, ich habe gerade deinen Truthahn entsorgt, zwinkerte die Schwiegermutter verschwörerisch. Was soll der denn nutzlos im Ofen liegen und vor sich hin qualmen?
Die festliche Stille in der großstädtischen Wohnung von Marina und Armin mit ihrer teuren Einrichtung täuschte damals, kurz vor Silvester.
Ein feiner Duft von Orangenschale, Ingwer und Zimt lag in der Luft die Hausherrin hatte ihren dreitägigen Vorbereitungsmarathon beinahe beendet.
Auf den gläsernen Platten, eigens für das Fest erworben, lagen Canapés mit Ziegenkäse und Feigenmarmelade, kleine Pilztörtchen und Röllchen aus Schwarzwälder Schinken mit Birne.
Im Kühlschrank wartete ein in Honig und Rosmarin eingelegter Schinken auf seinen Auftritt, und im Ofen schmorte bei konstanten 95 Grad ein Truthahn zart und saftig, streng nach dem Rezept ihres Lieblingskochs.
Marina trocknete sich die Hände ab und blickte mit tiefer Genugtuung auf ihr vollbrachtes Werk.
Der Tisch war mit schneeweißer Decke gedeckt, Kristallgläser glänzten, und ein Gesteck aus Tannenzweigen, Mandarinen und Zapfen perfektionierte das Bild ihres idealen Silvesterabends.
Und, gefällts dir? umarmte sie Armin von hinten und küsste sie auf den Kopf. Es riecht wie im Feinschmecker-Restaurant. Super. Wenn Mama kommt, wird sie aus allen Wolken fallen.
Ich hoffe, es gefällt ihr wirklich, sagte Marina mit leicht unsicherem Ton. Du weißt ja noch, wie sie letztes Mal über mein Kürbiscremesüppchen gesagt hat, das wäre nur Kinderbrei?
Ach, lass sie doch, winkte Armin ab. Die Generation halt. Sie meint es ja nur gut.
Um halb elf Marina hatte sich schon in ihren neuen Seidenoverall geworfen ertönte kein gewöhnliches Klingeln, sondern ein lautes, durchdringendes Dauerläuten, begleitet von einem Ruf:
Armin! Marinka! Macht endlich auf, ich verliere die Arme!
Armin öffnete die Tür, und schon rollten Ursula und Friedrich mit allem, was sie tragen konnten, in die Wohnung und fegten dabei die Fußmatte beiseite.
Sie ähnelten einer Expedition, ausgerüstet für einen Notstand in Sachen Nahrung.
Friedrich balancierte zwei gewaltige Töpfe mit Deckeln in die Küche, während Ursula, rotwangig vor Kälte und Eifer, eine riesige Kühltasche und einen Einkaufsbeutel trug, aus dem ein Bund Frühlingszwiebeln und ein Tuben-Mayonnaise ragten.
Grüß euch, meine Lieben! Papa wollte unbedingt mitkommen! polterte Ursula und steuerte sofort die Küche an. Was steht ihr so rum? Helft dem Papa mal! Wir wussten ja, dass ihr euch hier mit euren Garnelen und Käsesorten zu Tode hungert! Es muss ein richtiges Fest geben!
Marina verharrte wie versteinert im Türrahmen zum Wohnzimmer.
Ursula wir haben schon alles vorbereitet. Der Tisch ist gedeckt.
Ach Kind, das sind doch nur Häppchen! tadelte die Schwiegermutter gönnerhaft, während sie bereits das Küchenreich in Beschlag nahm. Silvester muss deftig sein, damits auch was zu essen gibt zum Schnaps! Fritz, stell die Töpfe auf den Herd, die müssen warm werden!
Armin warf Marina einen entschuldigenden Blick zu “Halt durch, sie meinen es doch wirklich nur gut”.
Mama, Marinas Truthahn ist noch im Ofen, wagte er einen Versuch.
Truthahn? schnaubte Ursula. Trockenes Vieh! Wer soll das essen? Ich hab hier sie schwenkte triumphierend den Topf echten Kartoffelsalat, nach Geheimrezept, wie bei Oma! Und Heringssalat, und Frikadellen, deine Lieblinge, Armin!
Es roch augenblicklich nach gebratenen Zwiebeln und angebranntem Fett, kaum dass sie den Deckel anhob.
Marina schnappte nach Luft ihr makellos sauberer Glaskeramikherd war übersät mit Spritzern. Ohne zu zögern schaltete die Schwiegermutter den Ofen samt Truthahn aus.
Wozu das arme Tier quälen? Ist doch sicher längst fertig. Gib mal die große Pfanne rüber, die Frikadellen müssen heiß werden!
Ursula, darf ich vielleicht begann Marina, versucht, an den Herd heranzutreten.
Ruh dich aus, Kind! schnitt ihr Ursula das Wort ab, wirbelte mit dem Schaumlöffel. Du hast genug mit deinen Spielereien! Ich mach das. Armin hilft mir jetzt. Sohn, schneid die Zwiebeln für den Heringssalat, schön grob, das muss man schmecken!
Halb in Trance zog sich Marina ins Wohnzimmer zurück, wo Friedrich es sich schon im Sessel bequem gemacht und den Fernseher eingeschaltet hatte.
Ursula macht das schon richtig, meinte er zufrieden, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden. So ein Festtag ist kein Kindergeburtstag. Da muss was zum Essen auf den Tisch, nicht bloß Deko. Deine Häppchen, Marina, sehen schön aus, aber satt wird da keiner.
In der Küche brach das Chaos los. Alle Flächen waren bald mit Flecken, Bröseln und Zwiebelhäuten übersät.
Armin schnitt folgsam Zwiebeln, schniefte dabei und versuchte Marina aus der Ferne ein aufmunterndes Lächeln zuzuwinken.
Mit Schrecken sah Marina zu, wie ihre zarten Teller beiseite geschoben wurden und stattdessen die alten emaillierten Schüsseln mit Blümchen auftauchten “extra für die Salate, damit deine hübschen Teller nicht leiden”.
Der Höhepunkt kam um zwanzig vor zwölf: Ursula bruzzelte die Frikadellen auf höchster Stufe und hüllte die Küche in dichte Rauchschwaden.
Die Rauchmelder sprangen an. In Panik wollte Armin den Alarm ausschalten und stieß dabei ein Tablett Canapés vom Regal direkt auf den Boden.
Genau in diesem Moment quoll aus dem Ofen, in dem die vom Ofen ausgeschaltete, später aber von Ursula wieder eingeschaltete Truthahnruine stand, beißender schwarzer Rauch. Der Vogel war nur noch eine verkohlte Masse.
Ach du meine Güte! rief Ursula und fächelte mit dem Tuch am Rauchmelder. Naja, Hauptsache die Frikadellen sind frisch! Und den Truthahn wirklich, den hätte eh niemand gegessen. Setz dich, Marina, alles ist fertig!
Der Silvestertisch war ein Anblick für sich: Mitten auf der weißen Tischdecke, neben funkelnden Gläsern, standen riesige emaillierte Schüsseln.
In der einen schwamm Kartoffelsalat, umhüllt von einer Mayo-Lache und großen Zwiebelstücken, in der anderen tropfte der rote Heringssalat. Daneben eine dampfende Frikadellen-Berg, und ein Hering, üppig mit Zwiebelringen belegt. Der Geruch war überwältigend: Mayonnaise, gebratene Zwiebel, Fisch…
Nun denn, ihr Lieben, Prosit Neujahr! erhob Ursula ihr Schnapsglas, als die Glocken Mitternacht schlugen. Auf Traditionen und einen echten, sättigenden Festtisch! Im neuen Jahr wird gefälligst nicht rumgekünstelt, sondern das gegessen, was unsere Vorfahren erfunden haben! Armin, schenk dem Papa noch einen ein der hat seinen schon heimlich gekippt.
Marina saß wie erstarrt. Mit dem Glas in der Hand hatte sie sich auf Atmosphäre, Schönheit und Ruhe gefreut.
Marina, was ist? Armin piekste sie an. Trink doch! Schmeckt alles super, Mama hat sich solche Mühe gegeben.
Wortlos nahm Marina einen Schluck. Der Sekt, den sie so sorgfältig ausgesucht hatte, schmeckte auf einmal nur noch bitter.
Ja, sagte sie leise. Es ist… wirklich sehr reichhaltig.
Na siehst du! meinte Friedrich, kaute auf einer Frikadelle. Deine Sesam-Krabbenstäbchen, das ist was für Vogelfutter. Kaum gemacht, schon sind sie weg. Aber meine Ursula, die weiß, wie man für Generationen kocht. Was überbleibt, wird morgen gegessen!
Marina beobachtete, wie die Schwiegermutter triumphierend Armin einen riesigen Berg Salat auftat. Sie verzog das Gesicht.
Ihr Silvesterabend war systematisch, liebevoll und mit allerbestem Willen überdeckt, mit Mayonnaise übergossen und mit Zwiebeln bestreut worden. Armin, satt und zufrieden, legte den Arm um ihre Schultern.
Na, war doch lustig? Mama hats richtig krachen lassen, wa?
Marina nickte nur still, während Ursula schon schimpfend das Geschirr bewegte, weil “mit dem neumodischen Kram rutscht alles, habs fast zerdeppert”.
Bis vier Uhr früh pendelte Ursula zwischen Küche und Wohnzimmer. Sie brachte leere Schüsseln weg und füllte alles wieder auf.
Ich hab deinen Truthahn entsorgt… flüsterte sie ihrer Schwiegertochter mit einem listigen Augenzwinkern zu. Was soll der denn im Ofen, der hätte doch eh nur noch geräuchert. Richtig so, oder?
Marina, die immer noch wie betäubt von dieser Silvesternacht war, in der alles von den Schwiegereltern überrannt wurde, nickte.
Du wirkst so niedergeschlagen. Bist du krank? erkundigte sich Ursula.
Nein, alles gut, schaffte Marina ein gezwungenes Lächeln. Ihr habt alles richtig gemacht.
Sofort hellte sich Ursulas Gesicht auf und sie ließ sich zufrieden auf ihren Stuhl plumpsen.
Marina betrachtete sie und beschloss, nie wieder Silvester mit den Schwiegereltern zu verbringen egal, ob sie deswegen beleidigt wären.
Armin erzählte sie davon erst am nächsten Morgen. Zuerst schien er protestieren zu wollen, doch nach einem Blick auf Marinas ernsten Gesichtsausdruck schwieg er lieber.





