Wie, du willst wegziehen? Und wer soll mir denn helfen? Wer soll das Holz im Schrebergarten hacken? Tante Gretel schlug die Hände über dem Kopf zusammen und schaute mich mit großen Augen an.
Damals stand ich, Andreas, am Fenster meiner neuen, fast leeren Wohnung und blickte hinaus auf die fremde Stadt.
Draußen tanzten die Schneeflocken langsam im Licht der Straßenlaternen, bedeckten die Motorhauben und die kahlen Äste der Linden mit einer weißen Decke. Es war ungewöhnlich still. Ich hörte keine Stimmen mehr aus Nachbars Wohnung, keine schlurfenden Schritte im Flur, keines dieser ständigen Spannungen, die im Haus meiner Tante immer in der Luft lagen.
Schweigend nippte ich an meinem mittlerweile kalten Tee. Der Auszug hatte nur drei Tage gedauert: einen für die endgültige Entscheidung, einen weiteren für das Packen und einen für die Fahrt nach München.
Viel hatte ich ohnehin nicht ein Laptop, ein paar Bücher, ein wenig Kleidung, alte Fotos meiner Eltern aus den Achtzigerjahren, aufgenommen noch vor meiner Geburt.
All das lag jetzt verteilt in zwei Taschen und einem Karton, mitten im Zimmer mit nackten Wänden.
Das Handy lag mit dem Bildschirm nach unten auf dem Boden. Ich hatte mir eine neue Nummer zugelegt, die alte SIM-Karte aber in das hinterste Fach meines Rucksacks gesteckt für alle Fälle, auch, wenn ich nicht wusste, für welche.
Den Kontakt zur Tante abzubrechen, der einzigen Verwandten, die ich noch hatte, war wohl das Schwerste, aber auch das Notwendigste.
Das war keine kindliche Kränkung, kein trotziger Moment aus einer Laune heraus, sondern eine Frage des eigenen Überlebens.
Meine Gedanken schweiften zurück, in das überfüllte, schwere Wohnzimmer von Tante Gretel, voller dunkler Schränke und gläserner Staubfänger, die ständig abgewischt werden mussten.
Ich hörte ihren durchdringenden, schrillen Tonfall: Andi, schon wieder hockst du am Handy, statt mal anzupacken. Müll rausbringen hast du vergessen, und das sage ich dir seit drei Stunden! Und schau dich mal an! Läufst rum wie ein Landstreicher in diesem alten Hoodie. Zwanzig und sieben bist du schon und immer noch wie ein Kind!
Ich hatte versucht, ihr zu erklären, zu argumentieren, sie um Ruhe gebeten alles zwecklos.
Jedes Wort wertete sie als Affront, als einen Angriff auf ihre Autorität. Es war nicht nur Kritik, es war systematisches Herabsetzen, Tag für Tag, ein Überfahren meines Selbstwertgefühls.
Nach einem besonders anstrengenden Abend, an dem sie mir wieder alle Fehler das vermasselte Jurastudium (sie wollte mich als Anwalt), die zerbrochenen Beziehungen, meinen Job als Texter vorgeworfen hatte, saß ich mit pochendem Herzen und dröhnenden Schläfen auf dem Linoleumboden meines Zimmers.
Ich wusste: Noch ein bisschen weiter und ich gehe daran zugrunde.
Genau da, auf dem kalten Boden, traf ich die Entscheidung. Ich musste weg, um nicht kaputtzugehen.
Der letzte Wortwechsel mit meiner Tante war kein Gespräch mehr, sondern ein Monolog, den ich stoisch über mich ergehen ließ.
Ich legte einen Briefumschlag mit Geld auf den Küchentisch für die letzten Monate und ein bisschen im Voraus, damit sie mir nichts vorwerfen konnte.
Was ist das? Tante Gretel linste misstrauisch auf den Umschlag.
Ich ziehe um, Tante, in eine andere Stadt. Hab eine neue Arbeit gefunden.
In ihren Augen blitzte etwas zwischen Empörung und Fassungslosigkeit auf.
Umziehen? Wohin willst du denn? Wer hilft mir denn dann? Wer hackt das Holz am Gartenhaus?! Hast du überhaupt nachgedacht?!
Ich habe alles abgewogen, erwiderte ich ruhig und bestimmt. Es muss sich einfach was ändern.
Was ändern? wiederholte sie spöttisch. Davon hast du wieder im Internet gelesen? Selbstständig warst du nie, du gehst ja unter ohne mich! Wer hat dich damals aufgenommen, als du niemanden mehr hattest? Wer hat deine Wäsche gewaschen, dir die Brötchen geschmiert, als deine Eltern gestorben waren? Und du willst gehen. Undankbar!
Ich hörte ihrem Monolog schweigend zu und starrte auf den Küchenboden.
Hörst du mir überhaupt zu, Andi? Ich rede mit dir! keifte sie.
Ich höre dich, sagte ich mit ruhiger Stimme. Aber ich habe mich entschieden. Morgen fahre ich los.
Tante Gretel tat, als hätte ich sie geohrfeigt. Ihr Gesicht verzog sich schmerzhaft.
Dann geh! Geh nur in dein neues Leben! Wirst schon sehen, wie du klarkommst. Das ganze Geld hast du sicher schon verprasst für deine Zugtickets? Denkst, du schaffst das allein? Du bist schwach, Andi. Du kannst einfach nichts. Du wirst zurückkommen, auf Knien, wart ab!
Ich antwortete nicht mehr. Drehte mich nur wortlos um und ging.
Aus dem Flur hörte ich ihre unterdrückten Schluchzer.
Aber Mitleid hatte ich nicht mehr nicht so wie früher. Nur die eiskalte Gewissheit, diesmal das Richtige zu tun.
Der nächste Morgen war hektisch und kurz. Im Morgengrauen verließ ich das Haus, solange Tante Gretel noch schlief das war einfacher.
Das Taxi stand schon am Eck. Ich verfrachtete mein Gepäck im Kofferraum, stieg ein und schloss die Tür. Sie sah ich danach nie wieder.
Wenn ich heute, Jahre später, an diese Zeit zurückdenke, muss ich schwer aufatmen.
Meine Gedanken wurden von einem Klopfen unterbrochen.
Ich schrak zusammen: Hier kannte mich niemand. Vorsichtig trat ich an die Tür und sah durch den Spion.
Draußen stand eine ältere Dame im gesteppten Bademantel, ihr Gesicht war freundlich und voller Falten.
Wer ist da? fragte ich durch die geschlossene Tür.
Ihre Nachbarin, Frau Margarethe Schröder aus dem Erdgeschoss, tönte es zurück. Entschuldigen Sie die Störung, aber der Postbote bat mich, Ihnen diesen Bescheid vorbeizubringen, da er Sie nicht angetroffen hat.
Misstrauisch steckte ich die Tür auf Kette. Die Dame schob mir einen zusammengefalteten Zettel durch den Spalt.
Danke, murmelte ich.
Neuer Mieter? fragte sie in freundlichem Plauderton. Sind Sie schon lang eingezogen?
Seit ein paar Tagen, antwortete ich knapp.
Ach so, dann wissen Sie ja noch nicht: Hier ist es ruhig, die Nachbarn sind nett. Wenn mal was mit dem Wasserhahn oder so sein sollte, klopfen Sie einfach bei mir, Nummer fünf. Ich hab alle Nummern parat, vom Hausmeister bis zum Schuster. Sie lächelte und nickte. Geben Sie mir lieber auch gleich Ihre Nummer, man weiß ja nie.
Ich zögerte. Freunde wollte ich hier keine machen, aber schließlich nannte ich Frau Schröder meine Nummer.
Sie schickte direkt danach ein paar Nachrichten: erst Bilder, dann gute Wünsche für den Tag und die Nacht, schließlich Einladungen und Bitten um Hilfe.
Ich antwortete höflich ablehnend. Doch Frau Schröder ließ nicht locker sie wurde regelrecht aufdringlich. Schließlich blieb mir nichts anderes übrig, als ihren Kontakt zu blockieren.
Die neue Nachbarin fühlte sich dadurch so provoziert, dass sie mir das Leben schwer machte sie verbreitete Klatsch, beschwerte sich lautstark über Kleinigkeiten.
Und so wurde mir schmerzlich klar, dass man manchmal nicht nur vor Verwandten fliehen muss, sondern sogar vor Fremden.
Ich hielt es einen Monat durch, zog dann erneut um und hatte meiner Lektion gelernt: Neue Bekanntschaften mit Nachbarn würde es nicht mehr geben.





