Obwohl meine Schwiegermutter einen Ehemann hat, ruft sie trotzdem immer wieder ihren Schwiegersohn um Hilfe – Warum ich bei Familie Peters weiterhin der Mann für alle Fälle bleibe

Bei seiner Schwiegermutter gab es einen Ehemann, aber trotzdem rief sie immer wieder ihren Schwiegersohn um Hilfe.

Sebastian lag wohlig ausgestreckt auf dem Sofa, die Füße auf dem weichen Polster, als hätte er die Welt hinter sich gelassen. Sonntag der ersehnte, hart erkämpfte Ruhetag nach einer endlosen Arbeitswoche.

Die Wohnung duftete nach Kaffee und sonntäglichem Frieden. Ein Sonnenstrahl, der sich durch die Vorhänge schlich, tanzte auf schwebenden Staubkörnchen.

Das träumerische Idyll dauerte exakt drei Minuten. Plötzlich vibrierte Sebastians Handy und heulte energisch los.

Ohne die Augen zu öffnen, tastete er nach dem Gerät auf dem Beistelltisch. Auf dem Display stand: Mama Hildegard.

Ein gequältes Stöhnen. Mama Hildegard war seine Schwiegermutter: Hildegard Sauer.

Sebastian rang sich zur Freundlichkeit durch und nahm ab.

Guten Morgen, Frau Sauer, murmelte er.

Sebastian, mein Lieber, entschuldige, dass ich störe!, erklang ihre muntere, leicht schrille Stimme. Im Hintergrund klopfte es, als würde irgendwo ein Hammer auf Holz schlagen. Ich hab ein kleines Problemchen.

Kleines Problemchen bedeutete bei Hildegard alles vom blockierten Türschloss bis zum Flügel-Transport.

Um was gehts denn?, fragte Sebastian mit einem Anflug von Nervosität im Nacken.

Also, das Bad… Der Wasserhahn tropft. Na du weißt schon, der schöne, verchromte. Das spritzt und zischt, der ganze Boden ist schon nass. Mein Gustav ist heute früh mit Freunden an den Baggersee gefahren zum Angeln. Kommt erst abends wieder.

Gustav Hildegards neuer Mann. Anfang sechzig, robust, rosige Wangen, seine Angel immer griffbereit, und eine Lebensphilosophie nach dem Motto: Das Leben ist ein Fluss, lass dich treiben.

Er ließ sich treiben meistens zur Angelstelle, in den Hobbykeller oder aufs Sofa vor den Fernseher.

Vor sechs Monaten hatte Hildegard ihn geheiratet, woraufhin Sebastian naiv gehofft hatte, dass seine endlosen Rettungseinsätze mit Schraubenschlüssel und Werkzeugkoffer der Vergangenheit angehörten. Aber weit gefehlt.

Denn Gustav war ein Meister des Nichtstuns. Er konnte stundenlang über Heimwerken philosophieren, doch sobald die Gelegenheit kam, schob er die Verantwortung klammheimlich Sebastian zu.

Frau Sauer, ich bin kein Handwerker, versuchte Sebastian sich herauszuwinden. Vielleicht sollten Sie doch einen Profi rufen? Ich kann Ihnen die Nummer schicken

Ach was, mein Junge! Die nehmen Unsummen für fünf Minuten Arbeit! Du bist doch mein Goldjunge! Erinnerst du dich, wie du mir damals das Regal im Flur angebracht hast? Hält immer noch! Und die schwedische Lampe lauter Kleinteile! Wer, wenn nicht du?!

Sebastian seufzte. Gegen ihre Schmeicheleien war kein Kraut gewachsen. Und nein war für Hildegard einfach kein Argument, wenn es um ihr kleines Heim ging.

Na gut. Ich komme in einer Stunde.

Er legte auf und starrte einen Moment in die Decke. Dann kam Lena mit zwei Tassen Kaffee aus der Küche. Ihr Blick war verständnisvoll.

Schon wieder meine Mutter?

Mhm. Hahn tropft. Gustav beim Angeln.

Hab ich mir gedacht. Lena stellte eine Tasse auf den Tisch und setzte sich zu ihm. Ich kann sie anrufen, dass wir was anderes vorhaben

Lass es. Sie findet hundert Gründe, warum es ausgerechnet heute und nur ich machen muss. Heute Abend, wenn Gustav zurück ist, wird sie ihm begeistert erzählen, dass ich alles repariert habe. Ich bleibe ihr Ersatzspieler.

Verzeih ihr. Sie hat sich einfach dran gewöhnt, dass du immer hilfst. Und Gustav… Naja, der ist nett, aber handwerklich nicht besonders talentiert, sagte Lena leise.

Er tut nur so. Er kann das alles, will nur nicht. Weil er genau weiß: Ich komm sowieso.

Vierzig Minuten später stand Sebastian vor Hildegards Wohnungstür. Sie empfing ihn mit offenen Armen.

Sebastian, komm rein, mein Junge! Ich hab dir frische Krautwickel gebacken, nimm unbedingt welche mit, gib Lena davon!

Er zog die Schuhe aus und ging ins Bad. Das Bild war selbsterklärend: Aus dem schicken Wasserhahn, den Gustav neulich noch voller Stolz als High-Tech gepriesen hatte, spritzte mit lautem Zischen ein dünner Wasserstrahl. Auf dem Boden ein Haufen durchtränkter Lappen.

Siehst du das? Eine richtige Katastrophe! Alles steht unter Wasser!, rief Hildegard mit Drama in der Stimme.

Ich sehs, Sebastian stellte seine Werkzeugtasche ab. Ich schau mal.

Er drehte das Wasser ab, schraubte die Armatur auseinander. Die Dichtung war hinüber.

Da brauchts ne Neue. Ich flitz schnell zum Baumarkt.

Oh Sebastian, das ist mir schon fast peinlich!

Geht schon.

Während Sebastian losfuhr, ließ Hildegard keine Sekunde verstreichen.

Sebastian, wenn du schon hier bist, könntest du bitte noch die Balkontür anschauen? Die quietscht fürchterlich.

Mach ich.

Und im Backofen ist das Lämpchen durchgebrannt. Ich komm da nicht ran, verbrenn mir die Hände.

Kümmere ich mich drum, Frau Sauer.

Zurück mit der neuen Dichtung, reparierte Sebastian den Hahn, ölte die Balkontür und schraubte die Backofenlampe ein nicht ohne, sich fast den Arm zu verrenken.

Hildegard beobachtete ihn wie einen Zauberer, schwatze unaufhörlich und packte die Küchendosen mit Krautwickeln voll.

Gott sei Dank! Du bist ein Schatz! Ich weiß echt nicht, was ich ohne dich machen würde!

Sebastian wusch sich die Hände am tropfenfreien Becken und merkte erstaunt, dass es ihm trotz des Ärgers ein seltsames Gefühl von Befriedigung gab.

Er war der, der die Probleme löste. Das hatte etwas.

Da erklang im Flur lautes Getrampel und eine kräftige Stimme: Hilde, ich bin daheim! Einen Hecht gefangen, fast fünf Kilo schwer! Holt die Pfanne!

Gustav kam lachend rein, sonnengebräunt, in Tarnjacke, mit riesigem Angelkasten. Als er Sebastian sah, zuckte er keine Mine.

Na, Sebastian! Defektes Gerät, wie üblich?

Kran läuft jetzt wieder, antwortete Sebastian, die Hände abtrocknend.

Super, danke, dass du geholfen hast! Ich wäre da den halben Tag beschäftigt gewesen. Ich bring lieber Fisch mit, das ist praktischer.

Er witterte: Oh, Krautwickel! Mein Imbiss steht wohl bereit!

Hildegard stürmte zu Gustav, half ihm in die Jacke. Stell dir vor, fast wär das ganze Bad abgesoffen! Sebastian war Gott sei Dank gleich da.

Ja, ja, Glück gehabt, grinste Gustav und ging Richtung Küche. Sebastian, bleib doch noch, essen wir schön zusammen! Rufe Lena an, sie soll auch kommen!

Sebastian sah sich diese Szene an: Zufriedener Gustav, seine glückliche Schwiegermutter und er der immer hilfsbereite Schwiegersohn.

Plötzlich verstand er die ganze Absurdität und auch die Genialität. Gustav brachte Abenteuer und Geschichten mit, und er behob die Schäden.

Gustav, der Ehemann zum Vergnügen, Sebastian der Ehemann für die Pflicht.

Danke, Gustav, aber wir haben schon was vor. Den Fisch probiere ich gerne ein andermal.

Wie du willst!, lachte Gustav, während er die Pfanne herauszog. Hilde, wo steht das Sonnenblumenöl?

Sebastian verabschiedete sich. Auf dem Hausflur fiel hinter ihm die Tür ins Schloss. Drinnen hörte er das glückliche Lachen von Gustav und die aufgeregte Stimme von Hildegard.

Sebastian setzte sich ins Auto und saß eine Minute schweigend da.

Noch roch alles nach Krautwickeln und Parfüm seiner Schwiegermutter. Er griff zum Handy, rief Lena an.

Fertig, alles gemacht.

Ging ja flott. Und Gustav?

Gerade zurück, mit Hecht.

War klar, schmunzelte Lena am Telefon. Bis gleich zu Hause.

Abends, neben Lena im Bett, musste Sebastian noch einmal darüber reden.

Weißt du, was das Absurde ist? Ich bleibe wohl ewig in dieser Rolle. Auch wenn wir alt sind und deine Mutter im Seniorenheim wohnt, ruft sie mich an, weil am Rollstuhl die Bremse klemmt. Ihr achter Ehemann, irgendein rüstiger Rentner, spielt derweil Kegeln mit seinen Kumpels.

Lena brach in ein herzliches Lachen aus. Mama vertraut dir halt. Opa Gustav… naja, der tickt anders.

Das ist noch untertrieben. Der hats raus, wie das Leben läuft: Frau mit Wohnung, Haushalt und Schwiegersohn als Handwerker besser gehts nicht.

Er hielt inne. Vielleicht war er selbst auch schuld er mochte diesen Retter-Moment. Es gab ihm Kontrolle, das Gefühl gebraucht zu werden. Und Hildegard, bewusst oder unbewusst, nutzte es aus.

Eine Woche später wiederholte sich alles. Das Telefon klingelte, wieder diese liebliche Stimme: Sebastian, mein Junge, der Türschließer an der Haustür ist kaputt.

Gustav, so hieß es, half einem Freund im Hobbykeller beim Autoschrauben. Sebastian seufzte nur und machte sich auf den Weg.

Er stand auf der Leiter mit dem Inbusschlüssel, um den störrischen Schließer zu regulieren. Hildegard war selbstverständlich daneben und gab Ratschläge.

Dreh nach links, nein, nein, jetzt nach rechts. Oh je, jetzt ist ne Feder raus!

Die Haustür stand offen. Plötzlich hörte Sebastian Schritte Gustav erschien, taufrischer Trainingsanzug, zwei Tüten vom Supermarkt.

Hab euch was mitgebracht!, rief er, verstummte bei Sebastians Anblick auf der Leiter kurz. Ach, Sebastian. Wieder Ärger im Haus?

Schließer, knirschte Sebastian.

Ach, diese blöden Dinger! Da hab ich keine Ahnung von. Gut, dass du da bist, ich hätte da ewig dran rumgebastelt.

Gustav verschwand in der Küche. Kurz darauf roch es nach frischem Kaffee.

Sebastian stellte fertig, kontrollierte die Tür sie schloss jetzt lautlos.

Herzlichen Dank!, strahlte Hildegard. Komm, trink doch nochn Kaffee.

Danke, Frau Sauer, aber ich muss weiter.

Er packte sein Werkzeug, wusch sich kurz die Hände in der Küche. Gustav saß schon am Tisch, biss in ein Stück Käsekuchen. Er deutete mit der Tasse.

Alles geschafft? Goldene Hände, hab ichs doch gesagt! Das ist das Leben, sag ich dir!

Sein Blick war ehrlich fröhlich, völlig frei von Hintergedanken. Sebastian nickte nur und ging.

Im Treppenhaus wurde ihm klar: Auf die Schwiegermutter kann man nicht böse sein. Hildegard bekam die Fürsorge, die sie brauchte. Gustav die Freiheit und den Komfort und er selbst bekam Kuchen, Dankbarkeit und das unbestimmte Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein als nur der eigenen Familie.

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Homy
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Obwohl meine Schwiegermutter einen Ehemann hat, ruft sie trotzdem immer wieder ihren Schwiegersohn um Hilfe – Warum ich bei Familie Peters weiterhin der Mann für alle Fälle bleibe
Lange habe ich geschwiegen und das Verhalten meiner Mutter geduldet. Doch ein Ereignis hat alles verändert