Ohne Ratschläge Sascha bekam einen Brief als Foto auf kariertem Papier im Messenger. Blaue Tinte, ordentliche Handschrift, unten die Unterschrift: „Dein Opa, Klaus“. Daneben eine kurze Nachricht von der Mutter: „Er macht das jetzt so. Musst nicht antworten, wenn du nicht willst.“ Sascha vergrößerte das Foto, um die Zeilen zu entziffern. „Hallo, Sascha. Ich schreibe dir aus der Küche. Mein neuer Freund hier ist das Blutzuckermessgerät. Morgens schimpft es, wenn ich zu viel Brot esse. Der Arzt hat gesagt, ich soll mehr spazieren gehen, aber wohin denn, wenn alle meine Freunde schon auf dem Friedhof liegen und du im schönen Hamburg bist. Also gehe ich jetzt in Gedanken spazieren. Heute zum Beispiel habe ich an 1979 gedacht, als wir Waggons am Bahnhof entluden. Die Bezahlung war mager, aber dafür konnte man ein paar Kisten Äpfel abzweigen. Kisten aus Holz, mit Metallbügeln an den Seiten. Die Äpfel waren sauer, grün, aber es war trotzdem ein Fest. Wir haben sie gleich dort gegessen, auf dem Bahndamm, auf Zementsäcken sitzend. Graue Finger, verstaubte Nägel, Sand knirschte zwischen den Zähnen. Trotzdem lecker. Warum ich das erzähle? Eigentlich ohne Grund. Es fiel mir bloß wieder ein. Denk nicht, ich will dir das Leben erklären. Du hast deins, ich meine Blutwerte. Wenn du magst, schreib, wie das Wetter bei euch ist und wie dein Studium läuft. Dein Opa Klaus.“ Sascha schmunzelte. „Blutzuckermessgerät“, „Blutwerte“ — unten der Messenger-Hinweis: „Vor einer Stunde gesendet“. Er hatte schon versucht, die Mutter anzurufen, keine Antwort. Also scheint das jetzt wirklich »so« zu laufen. Er blätterte im Chat zurück. Die letzten Nachrichten vom Opa waren über ein Jahr alt: kurze Sprachnachrichten mit Glückwünschen und einmal „Wie läuft das Studium?“. Damals antwortete Sascha mit einem Emoji und tauchte ab. Jetzt schaute er lang auf das Foto mit dem karierten Blatt, dann öffnete er das Antwortfeld. „Hallo Opa. Wetter: drei Grad plus und nass. Die Prüfungen kommen bald. Äpfel kosten jetzt hundertzwanzig pro Kilo. Mit den Äpfeln läuft’s bei uns schlecht. Sascha.“ Er überlegte kurz, löschte das „Sascha“ und schrieb stattdessen: „Dein Enkel Sascha.“ Und schickte es ab. Ein paar Tage später leitete die Mutter ein neues Foto weiter. „Hallo, Sascha. Dein Brief ist angekommen, ich habe ihn dreimal gelesen. Mir ist nach einer ausführlichen Antwort. Das Wetter hier ist wie bei dir, nur ohne eure hippen Pfützen. Schnee morgens, mittags Wasser, abends eine Eiskruste. Ich bin schon ein paar Mal fast ausgerutscht, aber anscheinend ist es noch nicht so weit. Wenn wir schon bei Äpfeln sind: Ich erzähle dir von meinem ersten richtigen Job. Ich war zwanzig und fing in einer Werkstatt an. Wir haben Aufzugsteile gebaut. Es war laut, es hat ständig irgendwo gehämmert, überall Staub in der Luft. Ich hatte graue Arbeitshosen, die kriegst du nie ganz sauber. Ständig Splitter in den Fingern, Öl unter den Nägeln. Aber ich war stolz auf meinen Werksausweis und dass ich durch das Haupttor wie ein Erwachsener rein konnte. Das Schönste war nicht die Bezahlung, sondern das Mittagessen. In der Kantine gab es Borschtsch in schweren Tellern, und wer früh kam, bekam noch ein Stück Brot extra. Wir saßen mit den Kollegen schweigend am Tisch. Nicht weil wir nichts zu sagen hatten, sondern weil einfach die Kraft fehlte. Der Löffel fühlte sich schwerer an als ein Schraubenschlüssel. Du sitzt jetzt wahrscheinlich am Laptop und hältst das für Archäologie. Aber ich denke manchmal: War ich damals glücklich – oder hatte ich einfach keine Zeit, es zu merken? Was machst du außer Studium? Arbeitest du irgendwo? Oder tüftelt ihr jetzt nur noch an Start-ups rum? Opa Klaus.“ Sascha las die Nachricht, während er in der Dönerbude wartete. Um ihn herum schimpfte und diskutierte jemand, aus den Lautsprechern schallte Reklame. Er ertappte sich dabei, wie er die Stelle über den Borschtsch und die schweren Teller immer wieder las. Er tippte seine Antwort direkt an der Stehbar ein. „Hallo Opa. Ich jobbe nebenbei als Kurier. Bringe Essen, manchmal auch Dokumente. Einen Ausweis habe ich nicht, nur eine App, die ständig abstürzt. Aber ich esse auch manchmal bei der Arbeit. Ich klaue nichts, aber oft reicht die Zeit nicht, um nach Hause zu fahren. Dann nehme ich etwas Schnelles, esse im Treppenhaus oder im Wagen eines Kumpels. Meistens schweigend. Ob ich glücklich bin – keine Ahnung. Ich habe auch nie Zeit, es zu überlegen. Aber Borschtsch in der Kantine klingt gut. Dein Enkel Sascha.“ Er wollte noch etwas zu den Start-ups schreiben, beschloss aber, das zu lassen. Opa sollte ruhig sein eigenes Bild malen. Das nächste Brief war ungewöhnlich kurz. „Hallo Sascha. Kurier – das ist was Ordentliches. Ich sehe dich plötzlich nicht mehr als Jungen am Computer, sondern als jemand in Sneakers, der immer irgendwohin unterwegs ist. Da du von der Arbeit erzählst, erzähle ich dir vom Bauen. Zwischen den Schichten in der Werkstatt, wenn das Geld knapp war, habe ich auf dem Bau geholfen. Wir schleppten Ziegel bis in den fünften Stock, über knarrende Holztreppen. Staub kroch überall rein. Abends schüttete ich den Sand aus den Schuhen. Deine Oma schimpfte, ich würde ihr den Linoleumboden ruinieren. Das Seltsame ist: Ich erinnere mich weniger an die Erschöpfung als an eine Kleinigkeit. Auf dem Bau arbeitete so ein Typ, den nannten alle Sepp. Der war immer als Erster da, saß auf einem umgedrehten Eimer und schälte Kartoffeln mit seinem Taschenmesser. Die kamen dann in seinen alten Kochtopf. Mittags setzte er ihn auf die Herdplatte, und der Duft von gekochten Kartoffeln zog durch das ganze Stockwerk. Wir haben sie mit den Händen gegessen, bestreut mit Salz aus einem Papiertütchen. Und ich schwöre dir: Es gab nichts Besseres. Heute sitze ich in meiner Küche, schaue auf einen Beutel Supermarkt-Kartoffeln und denke, die schmecken nicht mehr wie früher. Vielleicht liegt es gar nicht an den Kartoffeln, sondern am Alter. Was isst du, wenn du richtig fertig bist? Nicht aus der Lieferung, sondern »richtig«? Opa Klaus.“ Sascha antwortete nicht sofort. Er überlegte lange, was „richtig“ essen für ihn bedeutet. Ihm fiel ein, wie er im letzten Winter nach einer Zwölfstundenschicht nachts im Spätkauf Pelmeni holte, sie in einem alten Topf der WG kochte, in dem vorher wohl schon Würstchen lagen. Die Pelmeni zerfielen, das Wasser wurde trüb, aber er aß alles auf, am Fenster stehend – es gab keinen Tisch. Zwei Tage später schrieb er doch noch: „Hallo Opa. Wenn ich kaputt bin, esse ich meist Rührei. Zwei, drei Eier, manchmal mit Wurst. Unsere Pfanne sieht schlimm aus, aber sie brät. Es gibt keinen Sepp bei uns, aber dafür einen Nachbarn, der ständig was anbrennen lässt und flucht wie ein Rohrspatz. Du schreibst viel übers Essen. Warst du damals hungrig – oder bist du es heute? Dein Enkel Sascha.“ Schon beim Abschicken bereute er den letzten Satz. Es klang zu direkt. Aber da war es schon weg. Die Antwort kam schneller als sonst. „Sascha, gute Frage mit dem Hunger. Damals war ich jung und immer hungrig – nicht nur auf Suppe und Kartoffeln. Ich wollte ein Motorrad, neue Schuhe, ein eigenes Zimmer, damit ich nicht das nächtliche Husten meines Vaters hören musste. Ich wollte, dass die Leute mich respektieren. Im Laden stehen und nicht das Kleingeld im Hosensack zählen. Ich wollte, dass die Mädchen mich anschauen. Heute esse ich genug. Der Arzt meint sogar, zu viel. Ich schreibe über Essen, weil das etwas Greifbares ist. Den Geschmack einer Suppe kann man leichter beschreiben als Scham. Weil du fragst, erzähle ich dir noch was – aber ganz ohne Moral. Wie du es magst. Ich war dreiundzwanzig, da war ich schon mit deiner späteren Oma zusammen, aber das war noch unsicher. In der Werkstatt hieß es, eine Truppe ginge in den Norden. Da gab es gutes Geld. In zwei Jahren konnte man sich ein Auto leisten. Ich dachte gleich an einen Lada, mit dem ich dann deine Oma herumkutschieren könnte. Aber es gab einen Haken. Deine Oma sagte, sie kommt nicht mit. Die Mutter war krank, ihr Job, Freundinnen. Sie meinte, sie hält dort die Dunkelheit und Kälte nicht aus. Ich sagte, sie hält mich zurück. Sagte auch härtere Sachen, aber das erspare ich dir. Ich fuhr allein. Nach einem halben Jahr schrieben wir nicht mehr. Nach zwei Jahren kehrte ich zurück – mit Geld und Auto. Sie aber war schon verheiratet. Ich erzählte allen, sie hätte mich verraten. Dass ich alles für sie getan hätte, aber sie… Um ehrlich zu sein: Ich habe Geld und Blech dem Menschen vorgezogen. Und lange so getan, als sei das allein richtig gewesen. So war mein Hunger. Du fragtest, was ich da empfand – ich fühlte mich wichtig und im Recht. Jahre später tat ich so, als fühlte ich gar nichts mehr. Du musst nicht antworten, wenn du nicht willst. Ich verstehe, wenn du grad andere Sorgen hast als Alt-Herren-Geschichten. Opa Klaus.“ Sascha las die Zeilen mehrfach. Das Wort „Scham“ blieb hängen wie ein Haken. Er ertappte sich, dass er eine Entschuldigung zwischen den Zeilen suchte, doch Opa lieferte keine. Er öffnete das Antwortfeld, tippte „Bist du manchmal traurig deswegen?“ – löschte es wieder. Tippte „Was, wenn du geblieben wärst?“ – löschte wieder. Am Ende schrieb er etwas ganz anderes. „Hallo Opa. Danke, dass du das geteilt hast. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. In der Familie redet man über Oma immer so, als wäre sie immer schon nur ‚die Oma‘ gewesen, ohne Alternativen. Ich verurteile dich nicht. Ich habe vor kurzem selbst den Job einer Person vorgezogen. Ich war gerade als Kurier angefangen, bekam gute Schichten, war dauernd unterwegs. Meine Freundin damals sagte, wir würden uns kaum noch sehen, ich sei immer am Handy, ständig genervt. Ich meinte, es wird leichter, man müsse nur durchhalten. Irgendwann sagte sie, sie könne nicht mehr warten. Ich sagte, das sei ihr Problem. Auch ich habe unschön reagiert, lasse das aber weg. Jetzt, wenn ich abends nach elf in der WG ankomme und Rührei mache, denke ich manchmal: Ich habe Geld und Lieferdienste dem Menschen vorgezogen. Und tu so, als wäre das richtig. Vielleicht liegt das bei uns in der Familie. Sascha.“ Der nächste Brief kam nicht mehr auf kariertem, sondern auf liniertem Papier. Mama ließ per Sprachnachricht wissen, dass Opa das Heft vollgeschrieben habe. „Sascha. Das mit dem ‚familiär‘ hast du gut gesagt. Bei uns schiebt man gern alles auf die Familie. Wer trinkt, tut’s, weil der Opa getrunken hat, wer schreit, weil die Oma streng war. In Wahrheit trifft man jede Entscheidung trotzdem selber. Es ist nur bequemer, sich eine Vererbung auszudenken, als sich die Angst einzugestehen. Als ich aus dem Norden zurückkam, dachte ich, ein neues Leben zu beginnen. Auto, Zimmer im Wohnheim, Geld in der Tasche. Abends saß ich dann auf dem Bett und wusste nicht, wohin mit mir. Freunde weggezogen, in der Werkstatt ein neuer Meister, zu Hause warteten nur Staub und ein alter Radio. Einmal fuhr ich zum Haus, in dem deine Fast-Oma wohnte. Stand gegenüber und sah auf ihre Fenster. In dem einen brannte Licht, im anderen nicht. Ich blieb stehen, bis ich durchgefroren war. Irgendwann kam sie raus, mit Kinderwagen, daneben ein Mann, Arm in ihrem Arm, sie lachten miteinander. Ich versteckte mich hinter einem Baum wie ein Junge. Schaute, bis sie um die Ecke verschwanden. Erst Jahre später habe ich kapiert, dass mich keiner verraten hat. Ich habe nur meinen Weg gewählt, sie ihren. Zugeben konnte ich mir das erst nach zehn Jahren. Du schreibst, du hättest den Job der Freundin vorgezogen. Vielleicht hast du nicht den Job gewählt, sondern dich selbst. Vielleicht musst du dich jetzt erst mal aus dem Dreck ziehen – wichtiger als ins Kino gehen. Das ist nicht besser oder schlechter, sondern einfach so. Weißt du, was schade ist? Dass wir nur selten direkt sagen: ‚Mir ist das jetzt wichtiger als du.‘ Stattdessen erfinden wir schöne Worte, dann sind alle verletzt. Ich schreibe das nicht, damit du sie zurückholst. Ich weiß gar nicht, ob das richtig wäre. Vielleicht stehst du irgendwann vor einem fremden Fenster und merkst, dass man es hätte ehrlicher sagen können. Dein alter Opa Klaus.“ Sascha saß am Fensterbrett im WG-Flur, das Handy in der Hand. Draußen zogen Autos durch die Pfützen, jemand rauchte auf den Stufen. Aus dem Nebenzimmer wummerte Musik gegen die Wand. Lange überlegte er, wie er antworten sollte. Im Kopf erschien das Bild: wie er selbst unter dem Fenster der Ex-Freundin stand, als sie nicht mehr ranging. Sah Gardinen, das Licht im Zimmer und dachte, vielleicht käme sie gleich, würde ihn sehen. Sie kam nicht. Er schrieb: „Hallo Opa. Ich habe auch schon unter einem Fenster gestanden. Habe mich auch versteckt, als sie mit einem anderen Mann rauskam. Er mit Rucksack, sie mit einer Einkaufstüte. Sie lachten. Ich dachte, sie hätten mich ausradiert. Jetzt, nach deinem Brief, glaube ich, dass vielleicht ich selbst gegangen bin. Du hast zehn Jahre gebraucht, um das zu erkennen. Vielleicht geht es bei mir schneller. Ich werde sie nicht zurückholen. Aber ich höre wohl auf zu behaupten, es sei mir egal. Dein Enkel Sascha.“ Das nächste Brief drehte sich um ein anderes Thema. „Sascha. Du hast mich mal nach Geld gefragt. Ich wusste damals nicht, wie ich anfangen sollte. Jetzt versuche ich es. Bei uns in der Familie sind Geldfragen wie Wetter: Man spricht nur darüber, wenn es richtig schlecht oder unerwartet gut läuft. Dein Vater hat mich als Kind einmal gefragt, wie viel ich verdiene. Ich hatte gerade einen Nebenjob und bekam mehr als sonst. Nannte die Zahl stolz. Er staunte: ‚Du bist ja reich!‘ Ich musste lachen, sagte: ‚Ach was, das ist nicht der Rede wert.‘ Ein paar Jahre später wurde ich entlassen, das Gehalt halbierte sich. Dein Vater fragte wieder: ‚Und wie viel bekommst du jetzt?‘ Ich sagte die kleinere Zahl, er wollte wissen: ‚Warum so wenig? Arbeitest du schlechter?‘ Da habe ich ihn angeschrien. Er versteht gar nichts, meinte ich, er sei undankbar. Dabei wollte er nur Zahlen vergleichen. Ich habe ihn so daran gewöhnt, dass er nie wieder nach Geld fragt. Später jobbte er selbst, schleppte Kisten, reparierte Dinge für andere. Ich selbst dachte immer, er solle von alleine merken, wie schwer es für mich ist. Mit dir will ich diesen Fehler nicht wiederholen. Drum sage ich’s dir offen: Die Rente reicht für Medikamente und Essen. Für ein Auto wird’s nicht mehr reichen, brauche ich auch nicht. Jetzt spare ich nur noch auf neue Zähne – die alten halten nicht mehr. Wie läuft’s bei dir? Kommst du zurecht? Ich will dir kein Geld überweisen oder Socken schicken, mir geht’s nur darum, dass du nicht hungrig bist oder auf dem Boden schlafen musst. Wenn dir das unangenehm ist, schreib nur „passt schon“, ich verstehe das. Opa Klaus.“ Sascha spürte eine Enge in der Brust. Er erinnerte sich, wie er als Kind den Vater nach dessen Verdienst gefragt hatte – immer kamen nur Scherze oder ein abwehrendes „Das wirst du schon noch herausfinden“. Also wuchs er mit dem Gefühl auf, dass Geld beschämend ist, Tabu. Er starrte lange auf das Display, schrieb schließlich: „Hallo Opa. Ich habe genug zu essen und schlafe nicht auf dem Boden. Ich habe ein Bett, sogar mit einer Matratze: nicht die beste, aber in Ordnung. Ich bezahle das WG-Zimmer selbst, das war mein Deal mit Papa. Manchmal hinke ich hinterher, aber rausgeworfen hat mich noch niemand. Geld reicht, wenn ich nicht Unnötiges kaufe. Wenn es eng wird, übernehme ich eine Extraschicht, laufe dann aber rum wie ein Zombie, aber das ist meine Entscheidung. Es ist mir eigentlich peinlich, dass du fragst und ich dich nicht auch fragen kann – sowas wie: ‚Kommst du klar, Opa?‘ Aber du hast es ja schon selbst gesagt. Ehrlich gesagt wäre es einfacher für mich, wenn du nur schreiben würdest: ‚Alles ok‘ und keine Erklärung. Aber ich sehe schon, so machen das halt Erwachsene. Danke, dass du über Geld geschrieben hast. Sascha.“ Lange drehte er das Handy in der Hand, dann schrieb er noch eine zweite Nachricht: „Wenn du mal was kaufen möchtest und die Rente reicht nicht, sag Bescheid. Kann nicht versprechen, dass ich helfen kann, aber dann weiß ich zumindest Bescheid.“ Er schickte ab, bevor er es sich anders überlegen konnte. Die Antwort war die am krakeligsten geschriebene bisher – die Buchstaben sprangen, die Zeilen liefen schief. „Sascha. Ich habe deine Nachricht über ‚wenn’s nicht reicht‘ gelesen. Wollte erst schreiben, dass ich nichts brauche. Dass ich alles habe, nur Pillen und Brot. Dann wollte ich scherzen, dass ich, wenn’s drauf ankommt, bei dir einen neuen Roller bestelle. Dann habe ich gemerkt, dass ich mein Leben lang den harten Kerl gespielt habe, der alles allein kann. Am Ende bin ich ein alter Mann, der Angst hat, den Enkel nach einer Kleinigkeit zu fragen. Also sage ich dir: Wenn ich mal wirklich dringend etwas brauche, was ich mir nicht leisten kann, dann tue ich nicht mehr so, als wäre das egal. Im Moment habe ich Tee, Brot, Tabletten – und deine Briefe. Kein Pathos, nur Aufzählung. Weißt du, ich dachte immer, wir wären grundverschieden: Du mit deinen… wie heißen die… Apps, ich mit meinem Radio. Jetzt lese ich dich und merke, wir haben viel gemeinsam. Keiner von uns bittet gern um Hilfe. Beide tun wir, als sei uns alles egal, und das stimmt meistens nicht. Wenn wir schon ehrlich sind, erzähle ich dir noch etwas, worüber in der Familie nie geredet wird. Bin gespannt, wie du das findest. Als dein Vater geboren wurde, war ich nicht bereit. Hatte gerade den neuen Job, endlich eigenes Zimmer im Wohnheim – dachte, jetzt wird alles gut. Dann kam das Kind. Schreien, Windeln, keine Nacht durchgeschlafen. Ich kam von der Nachtschicht – das Kind brüllte. Ich war fertig mit den Nerven. Einmal war ich so wütend, dass ich das Fläschchen mit voller Wucht an die Wand geworfen habe. Die Milch lief die Wand herunter. Deine Oma weinte, Kind schrie, ich stand nur da und wollte nur noch weg. Ich bin damals nicht abgehauen. Habe es später immer als „Nervenzusammenbruch“ abgetan. Es war eigentlich der Punkt, an dem ich fast gegangen wäre. Wäre ich gegangen, würdest du jetzt diese Briefe nicht lesen. Ich weiß nicht, warum ich dir das erzähle. Vielleicht damit du weißt, dass dein Opa kein Held ist, kein Vorbild. Nur ein Mensch, dem manchmal alles zu viel wurde und der einfach gehen wollte. Und wenn du nach so was keine Lust mehr hast, mir zu schreiben – ich verstehe das. Opa Klaus.“ Sascha las – und ihm wurde abwechselnd eiskalt und heiß. Sein Bild vom Opa – immer die Decke, der Duft von Mandarinen an Weihnachten – bekam plötzlich neue Farben: ein erschöpfter Mann im Wohnheim, ein schreiendes Kind, verschüttete Milch. Er erinnerte sich, wie er letzten Sommer im Ferienlager einen heulenden Jungen anschrie. Griff ihn am Arm zu grob, der Kleine erschrak, weinte. Sascha konnte die ganze Nacht nicht schlafen, dachte, er wäre ein schrecklicher Vater. Lange saß er vor dem leeren Nachrichtenfeld. Die Finger tippten: „Du bist kein Monster.“ Er löschte es. Schrieb: „Ich habe dich trotzdem lieb.“ Löschte es, das Wort war ihm zu fremd. Am Ende wurde es: „Hallo Opa. Ich höre nicht auf zu schreiben. Ich weiß nicht, was man auf so etwas antworten soll. Bei uns in der Familie redet darüber keiner – weder über Schreien noch über das Gefühl, wegwollen zu wollen. Alle schweigen oder machen Witze. Ich habe letzten Sommer im Lager gearbeitet. Da gab es einen Jungen, der immer nur geweint hat und nach Hause wollte. Ich bin einmal so ausgerastet, habe ihn derart angeschrien, dass ich mich selbst erschrocken habe. Danach dachte ich die ganze Nacht, ich bin ein schlechter Mensch und sollte am besten nie Kinder haben. Was du geschrieben hast, macht dich für mich nicht schlechter. Es macht dich menschlich. Ich weiß nicht, ob ich das mal so ehrlich einem eigenen Kind sagen könnte. Aber vielleicht kann ich zumindest versuchen, nicht so zu tun, als hätte ich immer recht. Danke, dass du damals geblieben bist. Sascha.“ Er drückte auf „Senden“ – und zum ersten Mal wartete er auf eine Antwort, nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil sie wirklich etwas bedeutete. Die Antwort kam nach zwei Tagen. Diesmal sandte die Mutter kein Foto, sondern schrieb: „Er kann jetzt Sprachnachrichten, wollte dich aber nicht erschrecken. Ich habe es abgeschrieben.“ Ein neues Foto mit liniertem Blatt. „Sascha. Ich habe deinen Brief gelesen und gedacht: Du bist jetzt schon viel mutiger als ich in deinem Alter. Du gibst zu, dass du Angst hast. Ich habe das immer überspielt und stattdessen Möbel zertrümmert. Ob du mal ein guter Vater wirst, weiß ich nicht – und du auch nicht. Das erfährt man erst, wenn es so weit ist. Aber dass du dir überhaupt diese Frage stellst, sagt viel über dich aus. Du hast geschrieben, ich sei für dich lebendig. Das ist das schönste Kompliment, das mir je einer gemacht hat. Eigentlich sagen alle: ‚störrisch‘, ‚eigensinnig‘, ‚stur‘. Aber wirklich lebendig hat mich lange keiner mehr genannt. Wenn ich schon so weit bin, will ich dich noch was fragen. Ich habe mich immer zurückgehalten, aber jetzt mache ich’s: Wenn ich dir mit meinen Geschichten einmal zu viel werde, sag Bescheid. Ich kann seltener schreiben oder nur zu Weihnachten. Ich will dich nicht mit meiner Vergangenheit erdrücken. Und noch was: Falls du irgendwann einfach mal so vorbei schauen willst, ohne Anlass, bei mir ist immer jemand da. Es gibt einen freien Hocker und eine saubere Tasse. Die ist wirklich sauber, habe ich extra nachgesehen. Dein Opa Klaus.“ Sascha musste lächeln bei der Sache mit der Tasse. Er stellte sich die kleine Küche vor, den Hocker, das Blutzuckermessgerät auf dem Tisch, den Kartoffelsack an der Heizung. Er öffnete die Kamera, machte ein Foto von der WG-Küche: Spüle voller Geschirr, die „schlimme“ Pfanne, Eierpackung, Wasserkocher, zwei Tassen, eine mit einer Macke am Rand. Auf dem Fensterbrett steckte ein Glas mit Gabeln. Das Bild schickte er dem Opa und schrieb dazu: „Hallo Opa. Hier ist meine Küche. Zwei Hocker, genug Tassen. Wenn du mal einfach so vorbeikommen willst – ich bin auch da. Also fast daheim. Du gehst mir nicht auf die Nerven. Manchmal weiß ich bloß nicht, wie ich antworten soll – aber ich lese alles. Wenn du magst, erzähl mal was, das nichts mit Arbeit und Essen zu tun hat. Irgendwas, das du nie losgeworden bist, nicht weil’s peinlich wäre, sondern weil nie jemand zum Zuhören da war. S.“ Er schickte es ab und merkte, dass er gerade die erste Frage gestellt hatte, die er noch keinem Erwachsenen in seiner Familie je gestellt hatte. Das Handy legte er neben sich, das Display wurde dunkel. In der Küche zischte leise das Rührei. Im Nebenzimmer lachte jemand. Sascha drehte die Eier, stellte das Gas ab und setzte sich auf seinen Hocker – und stellte sich vor, wie da vielleicht irgendwann Opa Klaus sitzt, Tasse in der Hand, eine Geschichte erzählend – nicht mehr auf Papier, sondern ganz in echt. Ob Opa wirklich mal kommt, was die Zukunft bringt, wusste er nicht. Aber allein die Vorstellung, dass er jemandem das Bild seiner unaufgeräumten Küche schicken und fragen konnte, wie es ihm geht – das machte ihn plötzlich ruhig und irgendwie froh. Er nahm das Handy, blätterte durch den Chat, sah auf die karierten und linierten Briefe, auf seine knappen „S.“. Dann drehte das Handy vorsichtig um, damit er nichts verpasst, falls eine neue Nachricht kommt. Das Rührei war kalt, als er es aß. Doch er aß es zu Ende, langsam und mit dem Gefühl, es mit jemandem zu teilen. Das Wort „Ich hab dich lieb“ fiel nie ausdrücklich. Aber irgendetwas schwang zwischen den Zeilen – und das reichte beiden erst einmal.

Ohne Belehrungen

Heute habe ich wieder eine Nachricht von Opa bekommen, diesmal als Foto: ein liniertes Papier, blau geschrieben, ordentliche Schrift, unten die Unterschrift: Dein Opa Karl. Daneben die kurze Mitteilung von Mama: Er macht das jetzt so. Wenn du nicht antworten willst, musst du nicht.

Ich habe das Bild vergrößert, um die Schrift besser zu lesen.

Hallo, Annika.

Ich schreibe dir aus der Küche. Ich habe hier einen neuen Freund das Blutzuckermessgerät. Morgens schimpft es, wenn ich zu viel Brot esse. Der Arzt meint, ich soll mehr spazieren gehen aber wohin? Meine alten Freunde liegen alle längst auf dem Friedhof, und du lebst in deinem München. Also gehe ich eben in Gedanken spazieren.

Heute habe ich zum Beispiel daran gedacht, wie wir 1979 am Bahnhof Waggons entladen haben. Verdient hat man fast nichts, aber ab und zu konnten wir eine Kiste Äpfel mitgehen lassen. Die Kisten waren aus Holz, mit Klammern an den Seiten. Die Äpfel waren sauer und grün, aber trotzdem ein Fest. Wir aßen sie dort auf dem Bahndamm, saßen auf Zementsäcken. Die Hände grau, die Fingernägel voller Staub und der Sand knirschte zwischen den Zähnen aber es schmeckte trotzdem gut.

Ich erzähle dir das nicht aus einem bestimmten Grund. Es ist mir einfach eingefallen. Ich will dir nicht vorschreiben, wie du leben sollst. Du hast dein Leben, ich meine Werte.

Wenn du magst, erzähl mir doch, wie das Wetter ist und wie die Prüfungen laufen.

Dein Opa Karl.

Ich musste schmunzeln über das Messgerät und Werte. Unten stand vor einer Stunde gesendet. Ich hatte schon versucht, Mama anzurufen, sie geht nicht ran. Also ist es jetzt wirklich so.

Ich scrollte durch den Chat. Das letzte Mal hatte Opa vor einem Jahr geschickt: kurze Glückwünsche als Sprachnachricht und einmal ein Wie läuft das Studium?. Damals habe ich nur einen Smiley geantwortet und mich dann nicht mehr gemeldet.

Jetzt sah ich lange das Foto von dem linierten Blatt an. Dann öffnete ich das Antwortfeld.

Hallo Opa. Wetter: plus drei Grad, nass. Prüfungsphase: bald. Äpfel kosten jetzt 3,50 Euro das Kilo. Die Apfelsituation ist hier schwierig.

Annika.

Kurz überlegt, dann löschte ich Annika und schrieb nur Deine Enkelin Annika. und schickte die Nachricht ab.

Ein paar Tage später leitete Mama mir ein neues Foto weiter.

Hallo Annika,

Dein Brief ist angekommen, ich habe ihn drei Mal gelesen. Jetzt antworte ich ausführlicher. Das Wetter ist hier wie bei dir, nur ohne eure modernen Pfützen. Morgens Schnee, mittags Wasser, abends eine Eisschicht. Ich bin schon ein, zwei Mal fast ausgerutscht, aber wohl noch nicht reif dafür.

Da wir von Äpfeln sprechen: Meine allererste richtige Arbeit war mit zwanzig, in einer Werkshalle für Aufzugsteile. Es war immer laut, der Staub hing in der Luft, und meine Arbeitshose wurde nie mehr sauber, egal wie oft ich sie schrubbte. Die Finger voller Grate, das Öl unter den Nägeln. Trotzdem war ich stolz: Ich hatte einen Werksausweis und ging durch das Tor wie ein Erwachsener.

Das Beste war nicht das Geld, sondern das Mittagessen. In der Kantine gab es Bohneneintopf in schweren Tellern; kam man früh, gabs noch extra Brot dazu. Wir saßen zusammen, schwiegen meistens nicht aus Mangel an Gesprächsthemen, sondern weil wir einfach fertig waren. Der Löffel schien schwerer als ein Schraubenschlüssel.

Vielleicht denkst du jetzt vor deinem Laptop, dass das alles Archäologie ist. Aber ich frage mich oft: War ich einfach glücklich oder nur zu beschäftigt, um darüber nachzudenken?

Was machst du sonst noch, außer lernen? Arbeitest du irgendwo? Oder machen eure Leute jetzt alle nur noch Start-ups?

Dein Opa Karl.

Ich las die Nachricht in der Dönerbude beim Anstehen. Um mich herum wurde gestritten, die Lautsprecher brüllten Werbung. Und ich erwischte mich dabei, wie ich Opas Beschreibung vom Eintopf und den schweren Tellern wieder und wieder las.

An der Theke tippte ich direkt meine Antwort.

Hallo Opa,

Ich arbeite nebenbei als Kurier. Bringe Essen herum oder manchmal Dokumente. Einen Ausweis habe ich nicht, nur eine App, die ständig abstürzt. Aber auch ich esse manchmal unterwegs nicht geklaut, aber wenns knapp wird, in einem Treppenhaus oder im Auto eines Bekannten. Auch meistens schweigend.

Ob ich glücklich bin keine Ahnung. Auch ich habe keine Zeit, groß nachzudenken.

Aber Kantineneintopf klingt gar nicht schlecht.

Deine Enkelin Annika.

Ich wollte noch was über Start-ups schreiben, ließ es aber. Opa soll sich das selbst zusammenreimen.

Die nächste Nachricht war diesmal ungewöhnlich kurz.

Annika, hallo.

Kurier das ist was Richtiges. Jetzt stelle ich mir dich gleich anders vor, nicht als Mädchen am Computer, sondern als jemanden in Turnschuhen, immer in Eile.

Jetzt, wo du von der Arbeit sprichst, erzähle ich dir mal, wie ich neben dem Werk auch mal auf dem Bau gearbeitet habe, weil das Geld nie ganz reichte. Wir haben Ziegel in den fünften Stock geschleppt, auf Holzbalken. Staub überall in der Nase, in den Augen, in den Ohren. Abends kam ich nach Hause, zog die Schuhe aus, und der Sand fiel raus. Oma schimpfte, dass ich ihr das Linoleum ruiniere.

Seltsam ist, dass ich mich an den Geschmack von Erschöpfung nicht erinnere, sondern an einen Typen auf der Baustelle, den alle nur Manni nannten. Er kam immer früh und saß auf einem umgedrehten Eimer, schälte Kartoffeln. Die kamen in einen alten Topf. Mittags wurde der Topf auf die Herdplatte gestellt, und schon duftete das ganze Stockwerk nach gekochten Kartoffeln. Wir aßen sie mit den Händen, Salz aus dem Papier-Tütchen dazu. Ich dachte, leckerer geht es nicht.

Jetzt sitze ich in meiner Küche, mit einer Plastiktüte voller Supermarkt-Kartoffeln. Sie schmecken nicht mehr so. Vielleicht liegt es nicht an den Kartoffeln, sondern am Alter.

Was isst du, wenn du richtig erledigt bist? Kein Lieferdienst so richtig echtes Zeug.

Dein Opa Karl.

Ich habe nicht direkt geantwortet. Überlegte, was ich ehrlich zu richtiges Essen sagen kann. Erinnerte mich daran, wie ich letzten Winter, nach zwölf Stunden Schicht, im 24h-Kiosk Tortellini gekauft habe, sie im Gemeinschaftsraum im alten Topf gekocht habe (vorher roch es darin nach Würstchen). Die Tortellini fielen auseinander, das Wasser wurde trüb, trotzdem habe ich alles gegessen, am Fenster, weil es keinen Tisch gab.

Erst zwei Tage später schrieb ich.

Hallo Opa,

Wenn ich richtig platt bin, gibts meist Eier. Zwei, drei, manchmal mit Salami. Unsere Pfanne ist gruselig, aber sie funktioniert. Einen Manni gibts hier nicht, dafür einen Mitbewohner, der ständig was anbrennen lässt und dabei laut flucht.

Du schreibst viel übers Essen. Hast du damals oft Hunger gehabt oder jetzt?

Deine Enkelin Annika.

Kaum abgeschickt, bereute ich die letzte Frage. Kam mir zu forsch vor aber jetzt war es raus.

Die Antwort kam diesmal schnell.

Annika,

Gute Frage, ob ich hungrig war. Damals war ich jung und immer hungrig. Und nicht nur auf Suppe und Kartoffeln. Ich wollte ein Motorrad, neue Schuhe, ein eigenes Zimmer, damit ich Papas Husten nachts nicht höre. Ich wollte Anerkennung. Einfach mal in den Laden gehen, und das Kleingeld reicht im Portemonnaie. Und dass die Mädchen hinschauen, statt an mir vorbeizugehen.

Heute esse ich gut. Der Arzt meint, manchmal zu viel. Ich schreibe wohl so oft über Essen, weil man daran Erinnerungen anfassen kann. Den Geschmack von Suppe kann man besser beschreiben als Schamgefühle.

Da du fragst, eine Geschichte, aber ohne Fazit wie du es magst.

Ich war dreiundzwanzig, hatte schon mit deiner späteren Oma angebandelt. Im Werk hieß es, es werden Leute fürs Team in den Norden gesucht. Viel Geld, damit hätte man sich in ein, zwei Jahren einen Wagen leisten können. Ich war Feuer und Flamme. Träumte schon, wie ich mit nem Opel zurückkomme und deine Oma überall herumfahre.

Es gab nur ein Problem: Deine Oma sagte, sie kommt nicht mit. Wegen der kranken Mutter, Job, Freundinnen. Sie meinte, sie hält dort die Dunkelheit und Kälte nicht aus. Und ich sagte ihr, sie hält mich zurück. Wenn sie mich liebt, soll sie mich unterstützen. Ich war härter, will dir das jetzt nicht wortwörtlich schreiben.

Ich bin dann alleine los. Nach einem halben Jahr schrieben wir uns nicht mehr. Nach zwei Jahren kam ich mit Geld und Auto zurück. Sie war verheiratet. Ich habe damals jahrelang erzählt, sie hätte mich verraten. Dass ich alles für sie tat und sie…

Aber ehrlich gesagt: Ich habe mich für Geld und Technik entschieden und nicht für einen Menschen. Und hab noch lange so getan, als sei das der einzig richtige Weg.

Das war mein Hunger.

Was ich damals gefühlt habe? Ich fühlte mich stark und im Recht. Und habe dann viele Jahre so getan, als fühlte ich gar nichts.

Wenn du nicht antworten magst, ist das okay ich verstehe, dass du anderes zu tun hast.

Dein Opa Karl.

Ich habe die Nachricht mehrmals gelesen. Das Wort Scham blieb hängen, wie ein Haken. Ich ertappte mich dabei, dass ich zwischen den Zeilen nach Rechtfertigung suchte aber Opa bietet keine an.

Ich tippte erst Bereust dus?, löschte es, dann Was, wenn du doch geblieben wärst?. Am Ende schickte ich etwas ganz Anderes.

Hallo Opa,

Danke, dass du das geteilt hast. Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Bei uns wird über Oma nur so gesprochen, als gäbe es nur diese Variante, dass sie eben einfach Oma war.

Ich verurteile dich nicht. Ich habe selbst kürzlich Arbeit einem Menschen vorgezogen. Ich hatte eine Freundin. Ich hab als Kurierin angefangen, gute Schichten bekommen, war ständig unterwegs. Sie meinte, wir sehen uns kaum, ich tippe nur aufs Handy, bin müde und gereizt. Ich sagte, sie soll Geduld haben, bald wird es besser.

Irgendwann meinte sie, sie kann nicht mehr warten. Ich sagte, das sei ihr Problem. Auch etwas härter, aber das musst du nicht hören.

Jetzt, wenn ich abends spät heimkomme, die Eier brate, denke ich manchmal, ich habe Geld und Kurierfahrten dem Menschen vorgezogen. Und tue so, als wäre das richtig gewesen.

Vielleicht ist das Familiensache.

Annika.

Opas nächster Brief war diesmal nicht auf kariertem Papier, sondern auf liniertem. Mama erklärte per Sprachnachricht, dass sein Notizbuch voll ist.

Annika,

Das mit familiensache hast du gut gesagt. Hier wird vieles auf die Familie geschoben: Trinkt jemand war schon der Opa so. Jemand schreit war schon die Oma streng. Aber im Endeffekt entscheidet doch jeder für sich nur zuzugeben ist schwer, also redet man sich auf Gene raus.

Nach dem Norden dachte ich auch, jetzt wird alles anders: eigenes Zimmer im Wohnheim, Auto, Geld. Aber abends saß ich da und wusste nicht, wohin mit mir. Freunde fortgezogen, der Vorarbeiter neu, zu Hause gabs nur Staub und ein altes Radio.

Einmal fuhr ich zu dem Haus, wo deine nicht gewordene Oma wohnte, stand auf der anderen Straßenseite. Ein Fenster hell, das andere dunkel. Ich stand da, bis ich fror. Irgendwann sah ich, wie sie mit einem Kinderwagen rauskam, neben ihr ein Mann, der sie am Arm hielt. Sie lachten, sprachen miteinander. Ich versteckte mich hinter einem Baum wie ein Junge. Schaute zu, bis sie um die Ecke verschwanden.

Da verstand ich zum ersten Mal, dass mich niemand verraten hatte. Ich habe nur meinen Weg gewählt, sie ihren. Zugeben konnte ich das erst viel später.

Du schreibst, du hast Arbeit über deine Freundin gestellt. Vielleicht hast du nicht die Arbeit gewählt, sondern dich selbst. Manchmal muss man erst sich selbst rausziehen, bevor Kinoabende gehen. Das ist nicht gut, nicht schlecht es ist einfach so.

Weißt du, traurig macht, dass wir selten ehrlich sagen: Mir ist das hier wichtiger als du. Stattdessen finden wir schöne Worte, und am Ende ist jeder beleidigt.

Ich will dir damit nicht sagen, dass du sie zurückholen sollst. Keine Ahnung, ob das sinnvoll wäre. Nur irgendwann stehst du vielleicht auch mal unter einem fremden Fenster und merkst, dass es einfacher gewesen wäre, ehrlich zu sein.

Dein alter Opa Karl.

Ich saß auf der Fensterbank im Flur vom Wohnheim, das Handy in warmer Hand. Draußen fuhren Autos durch Pfützen, jemand rauchte an der Treppe. In einem Zimmer spielte jemand Musik, dumpfe Bässe.

Lange überlegte ich, was ich schreiben soll. Mir fiel ein, wie ich mal unter dem Fenster meiner Ex stand, als sie nicht mehr ranging. Ich starrte auf die Vorhänge, hoffte, sie geht ans Fenster tat sie aber nicht.

Ich schickte:

Hallo Opa,

Ich stand auch mal unter dem Fenster meiner Ex. Hab mich versteckt, als sie mit einem Typen rauskam. Rucksack, Einkaufstüte, sie lachten. Ich dachte damals, sie hätte mich aus ihrem Leben gestrichen. Jetzt frage ich mich, ob ich nicht selbst schon gegangen war.

Du sagtest bei dir dauerte es zehn Jahre. Ich hoffe, ich darf früher so ehrlich zu mir sein.

Ich renne ihr nicht hinterher. Aber vielleicht höre ich auf, so zu tun, als wäre es mir egal.

Deine Enkelin Annika.

Das nächste Mal schrieb er über ein ganz anderes Thema:

Annika,

Du hast mich mal nach Geld gefragt. Ich wußte nicht sofort, wie ich das anpacken soll. Jetzt probiere ichs mal.

Bei uns zu Hause war Geld wie das Wetter: Man sprach nur darüber, wenn es ganz eng wurde oder überraschend gut lief. Dein Vater hat mich als Kind mal gefragt, wieviel ich verdiene. Ich hatte gerade einen Nebenjob, verdiente mehr und sagte die Summe. Er staunte: Bist du reich. Ich lachte und meinte, das sei lächerlich.

Später verlor ich meine Stelle, das Gehalt war nur noch halb so hoch. Dein Vater fragte wieder nach. Ich sagte ihm die kleinere Zahl, er fragte: Warum so wenig? Arbeitest du jetzt schlechter? Ich bin damals ausgerastet, habe ihn angeschrien, er versteht nix, ist undankbar. Dabei versuchte er nur, Zahlen zu vergleichen.

Lange habe ich mich danach gefragt, ob ich ihm damit abgewöhnt habe, mich nach Geld zu fragen. Später hat er wirklich nie wieder gefragt, sondern einfach Nebenjobs gemacht, Pakete geschleppt, Technik repariert. Und ich dachte immer, er müsste von selbst spüren, wie es mir geht.

Mit dir will ich diesen Fehler vermeiden. Also: Meine Rente ist nicht hoch, aber reicht für Medikamente und Essen. Ein neues Auto gibts nicht mehr, muss auch nicht. Jetzt spare ich bestenfalls für neue Zähne, die alten wollen nicht mehr mitmachen.

Wie siehts bei dir aus? Kommst du zurecht? Nicht, dass ich dir jetzt gleich was überweise oder Socken schicke. Aber ich will wissen, ob du genug zu essen hast und wenigstens ein Bett hast.

Wenn dir die Frage unangenehm ist, schreib einfach okay, das reicht.

Dein Opa Karl.

Es schnürte mir etwas die Brust zu. Ich erinnere mich, wie ich meinen Vater als Kind auch mal nach dem Gehalt fragte und entweder einen Spruch kassierte oder ein gereiztes Das erfährst du schon noch. Am Ende habe ich gelernt, dass Geld etwas ist, worüber man besser schweigt.

Ich habe die Nachricht lange angestarrt, dann geschrieben:

Hallo Opa,

Ich habe genug zu essen und ein Bett. Sogar mit Matratze nicht die beste, aber okay. Die Miete fürs Wohnheim zahle ich selbst, so ists mit Papa abgemacht. Manchmal mit Verspätung, rausgeworfen wurde ich noch nie.

Für Essen reicht es, wenn ich nicht zu viel Extra ausgebe. Wenn es eng wird, schiebe ich halt eine Extraschicht ein, laufe dann aber wie ein Zombie rum. Aber das ist meine Entscheidung.

Es ist seltsam, dass du fragst, während ich nicht wage, dich zu fragen, ob du zurechtkommst. So als dürfte man das bei Alten nicht.

Ehrlich, einfacher wäre es, du würdest einfach schreiben Alles in Ordnung. Dann müsste ich nicht umdenken. Aber ich schätze, ich bin so erzogen worden: Erwachsene erzählen nix.

Danke, dass du mich nach Geld gefragt hast.

Annika.

Nach etwas Grübelei schrieb ich noch eine zweite Nachricht hinterher:

Wenn du mal was brauchst und die Rente reicht nicht dann sag bitte. Ich kann es nicht immer versprechen, aber dann wüsste ich wenigstens Bescheid.

Habe ich abgeschickt, bevor ich michs anders überlegen konnte.

Die Antwort diesmal: ganz zittrig geschrieben, die Zeilen fliehen zur Seite.

Annika,

Deine Nachricht gelesen: Falls du mal was brauchst. Erst wollte ich schreiben, ich hab doch alles, brauche nichts außer Medikamente. Dann wollte ich lustig sein: Wenns ganz hart kommt, wünsche ich mir von dir ein neues Motorrad.

Aber ehrlich: Mein Leben lang habe ich immer so getan, als sei ich der große Kerl, der alles alleine schafft. Jetzt bin ich ein alter Mann, der sich nicht einmal traut, seine Enkelin um eine Kleinigkeit zu bitten.

Also sage ich: Falls ich je unbedingt etwas brauche, was ich mir nicht leisten kann, versuche ich, nicht so zu tun, als wäre es egal. Aber solange es Tee, Brot, Tabletten und deine Briefe gibt reichts erstmal. Das ist kein Pathos, sondern meine Einkaufsliste.

Weißt du, früher dachte ich, dass wir sehr verschieden sind du mit deinen Apps, ich mit meinem Radio. Heute merke ich: Wir haben viel gemein. Wir bitten beide ungern um Hilfe. Und wir tun beide oft so, als wäre uns alles egal, obwohl es nicht so ist.

Da wir ehrlich sind noch eine Sache, die bei uns niemand sagt. Weiß nicht, wie du das findest.

Als dein Vater geboren wurde, war ich nicht bereit. Neuer Job, endlich ein eigenes Zimmer im Wohnheim, ich dachte: jetzt läufts. Dann kam er Geschrei, Windeln, schlaflose Nächte. Ich kam von der Nachtschicht, er schrie weiter. Ich war wütend. Einmal schmiss ich die Flasche so stark an die Wand, dass sie zerbrach. Milch überall. Deine Oma weinte, das Kind schrie ich stand da und wollte weg. Weg für immer.

Ich bin damals nicht gegangen. Aber ich habe es später gern als Nervenausbruch verkauft. In Wahrheit war es der Moment, in dem ich fast geflohen wäre. Wäre ich damals gegangen, würdest du diese Briefe jetzt nicht lesen.

Ich weiß nicht, warum ich dir das schreibe. Vielleicht, damit du weißt: Dein Opa ist kein Held, kein Vorbild. Ich bin ein ganz normaler Mensch, der auch mal alles hinschmeißen wollte.

Wenn du jetzt nicht mehr schreiben willst, versteh ich das.

Dein Opa Karl.

Mir wurde abwechselnd ganz kalt und dann ganz warm, als ich das las. Opa war für mich immer irgendwie wie ein warmer Strickpulli und der Duft nach Zimtsternen zu Weihnachten. Jetzt hatte ich ganz andere Bilder im Kopf: ein erschöpfter Mann im Wohnheim, ein schreiendes Kind und Milch auf dem Fußboden.

Mir fiel ein, wie ich letzten Sommer in einem Jugendcamp gearbeitet hatte wie ich mal einen ständig jammernden Jungen anschrie, packte ihn fester am Arm, als nötig, und dann die ganze Nacht rumlag, überzeugt, ein schrecklicher Mensch zu sein.

Ich saß lange vor dem leeren Antwortfeld. Tippe: Du bist kein Monster. Lösche es. Schreibe: Ich hab dich trotzdem lieb. Lösche es, weil das zu direkt klingt.

Schickte schließlich:

Hallo Opa,

Ich hör nicht auf zu schreiben. Ich weiß nie so recht, was ich auf solche Sachen sagen soll. Über sowas spricht bei uns keiner über Schreien oder Wegwollen. Wir schweigen oder machen einen Witz.

Letzten Sommer im Camp habe ich einen Jungen richtig angeschrien, weil er geweint hat. Danach war mir klar: Ich bin furchtbar und darf nie Kinder haben.

Dass du mir das geschrieben hast, macht dich für mich nicht klein, sondern echt.

Ich weiß nicht, ob ich das so offen meinen eigenen Kindern je sagen könnte falls ich mal welche habe. Aber vielleicht gelingt es mir wenigstens, ihnen nicht vorzumachen, immer im Recht zu sein.

Danke, dass du damals geblieben bist.

Annika.

Ich drückte auf Senden und merkte zum ersten Mal, dass ich jetzt wirklich auf eine Antwort wartete nicht aus Pflicht, sondern aus echtem Bedarf.

Die Antwort kam zwei Tage später. Mama schrieb: Er hat jetzt Sprachnachrichten geschafft, aber wollte dich nicht erschrecken. Ich habs abgeschrieben.

Der nächste Zettel: wieder liniertes Papier.

Annika,

Ich habe deinen Brief gelesen und gedacht: Du bist jetzt schon mutiger, als ich es damals war. Immerhin gibst du zu, wenn dir etwas Angst macht. Ich habe es immer überspielt und dann gegen Möbel gehauen.

Ich weiß nicht, ob du mal eine gute Mutter wirst und du weißt das auch nicht. Das findet man erst raus. Aber allein, dass du dir diese Frage stellst, bedeutet viel.

Dass du meinst, ich wäre für dich echt ist das größte Kompliment, das ich bekommen habe. Über mich sagen sie meist stur oder eigensinnig. Echt nennt mich keiner mehr.

Da ich jetzt so viel schreibe, wollte ich dich fragen: Sag mir bitte Bescheid, wenn ich dir mit meinen Geschichten zu viel werde. Ich kann seltener schreiben oder nur zu Weihnachten. Mir ist wichtig, dich nicht mit meinem Vergangenen zu erdrücken.

Und noch etwas falls du einfach mal vorbeikommen willst, ohne Anlass: Ich bin da. Habe einen freien Hocker und saubere Tasse. Die saubere, das habe ich extra geprüft.

Dein Opa Karl.

Ich musste wegen der Tasse schmunzeln. Sehe die kleine Küche vor mir: den Hocker, das Blutzuckermessgerät auf dem Tisch, eine Tüte Kartoffeln bei der Heizung.

Ich habe ein Foto von meiner Wohnheimküche gemacht: das Spülbecken voll, die gruselige Pfanne, ein Karton Eier, Wasserkessel, zwei Tassen, eine mit Sprung, auf dem Fensterbrett ein Glas mit Gabeln.

Das Bild schickte ich Opa und schrieb dazu:

Hallo Opa,

Hier meine Küche. Zwei Hocker, genug Tassen, du kannst also auch spontan mal vorbeikommen. Na ja, fast wie zu Hause.

Du gehst mir nicht auf die Nerven. Manchmal weiß ich nicht, was ich antworten soll aber das liegt nicht daran, dass ich nicht lese.

Wenn du Lust hast, erzähl doch mal was, das nicht mit Arbeit oder Essen zu tun hat. Irgendwas, worüber du noch nie jemandem gesprochen hast nicht weil es peinlich ist, sondern weil es einfach keinen Zuhörer gab.

A.

Ich drücke auf Senden und merke plötzlich, dass ich zum ersten Mal im Leben einer erwachsenen Person in der Familie so eine Frage stelle.

Das Handy lege ich daneben. Die Eier brutzeln leise auf dem Herd. Im Zimmer nebenan lacht jemand. Ich wende das Ei, drehe die Flamme aus und setze mich auf meinen Hocker. Ich stelle mir vor, wie Opa irgendwann wirklich mir gegenübersitzt, aus seiner sauberen Tasse trinkt und die nächste Geschichte nicht mehr schreibt, sondern erzählt.

Ob er wirklich kommt? Keine Ahnung, und was noch kommt weiß ich nicht. Aber zu wissen, dass ich jetzt jemandem meine chaotische Küche zeigen und fragen kann: Und wie gehts dir so? damit wird es in der Brust ruhig und ein bisschen eng.

Ich schaue auf unser Chat-Fenster: Linien, Karo, meine abgekürzten A.-Antworten. Ich lege das Handy mit dem Bildschirm nach unten damit ich kein neues Zeichen verpasse.

Das Ei ist kalt, aber ich esse es langsam, als würde ich es mit jemandem teilen.

Das Wort liebe steht nirgends in unseren Nachrichten. Aber zwischen den Zeilen ist jetzt etwas, das gerade reicht für uns beide.

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Ohne Ratschläge Sascha bekam einen Brief als Foto auf kariertem Papier im Messenger. Blaue Tinte, ordentliche Handschrift, unten die Unterschrift: „Dein Opa, Klaus“. Daneben eine kurze Nachricht von der Mutter: „Er macht das jetzt so. Musst nicht antworten, wenn du nicht willst.“ Sascha vergrößerte das Foto, um die Zeilen zu entziffern. „Hallo, Sascha. Ich schreibe dir aus der Küche. Mein neuer Freund hier ist das Blutzuckermessgerät. Morgens schimpft es, wenn ich zu viel Brot esse. Der Arzt hat gesagt, ich soll mehr spazieren gehen, aber wohin denn, wenn alle meine Freunde schon auf dem Friedhof liegen und du im schönen Hamburg bist. Also gehe ich jetzt in Gedanken spazieren. Heute zum Beispiel habe ich an 1979 gedacht, als wir Waggons am Bahnhof entluden. Die Bezahlung war mager, aber dafür konnte man ein paar Kisten Äpfel abzweigen. Kisten aus Holz, mit Metallbügeln an den Seiten. Die Äpfel waren sauer, grün, aber es war trotzdem ein Fest. Wir haben sie gleich dort gegessen, auf dem Bahndamm, auf Zementsäcken sitzend. Graue Finger, verstaubte Nägel, Sand knirschte zwischen den Zähnen. Trotzdem lecker. Warum ich das erzähle? Eigentlich ohne Grund. Es fiel mir bloß wieder ein. Denk nicht, ich will dir das Leben erklären. Du hast deins, ich meine Blutwerte. Wenn du magst, schreib, wie das Wetter bei euch ist und wie dein Studium läuft. Dein Opa Klaus.“ Sascha schmunzelte. „Blutzuckermessgerät“, „Blutwerte“ — unten der Messenger-Hinweis: „Vor einer Stunde gesendet“. Er hatte schon versucht, die Mutter anzurufen, keine Antwort. Also scheint das jetzt wirklich »so« zu laufen. Er blätterte im Chat zurück. Die letzten Nachrichten vom Opa waren über ein Jahr alt: kurze Sprachnachrichten mit Glückwünschen und einmal „Wie läuft das Studium?“. Damals antwortete Sascha mit einem Emoji und tauchte ab. Jetzt schaute er lang auf das Foto mit dem karierten Blatt, dann öffnete er das Antwortfeld. „Hallo Opa. Wetter: drei Grad plus und nass. Die Prüfungen kommen bald. Äpfel kosten jetzt hundertzwanzig pro Kilo. Mit den Äpfeln läuft’s bei uns schlecht. Sascha.“ Er überlegte kurz, löschte das „Sascha“ und schrieb stattdessen: „Dein Enkel Sascha.“ Und schickte es ab. Ein paar Tage später leitete die Mutter ein neues Foto weiter. „Hallo, Sascha. Dein Brief ist angekommen, ich habe ihn dreimal gelesen. Mir ist nach einer ausführlichen Antwort. Das Wetter hier ist wie bei dir, nur ohne eure hippen Pfützen. Schnee morgens, mittags Wasser, abends eine Eiskruste. Ich bin schon ein paar Mal fast ausgerutscht, aber anscheinend ist es noch nicht so weit. Wenn wir schon bei Äpfeln sind: Ich erzähle dir von meinem ersten richtigen Job. Ich war zwanzig und fing in einer Werkstatt an. Wir haben Aufzugsteile gebaut. Es war laut, es hat ständig irgendwo gehämmert, überall Staub in der Luft. Ich hatte graue Arbeitshosen, die kriegst du nie ganz sauber. Ständig Splitter in den Fingern, Öl unter den Nägeln. Aber ich war stolz auf meinen Werksausweis und dass ich durch das Haupttor wie ein Erwachsener rein konnte. Das Schönste war nicht die Bezahlung, sondern das Mittagessen. In der Kantine gab es Borschtsch in schweren Tellern, und wer früh kam, bekam noch ein Stück Brot extra. Wir saßen mit den Kollegen schweigend am Tisch. Nicht weil wir nichts zu sagen hatten, sondern weil einfach die Kraft fehlte. Der Löffel fühlte sich schwerer an als ein Schraubenschlüssel. Du sitzt jetzt wahrscheinlich am Laptop und hältst das für Archäologie. Aber ich denke manchmal: War ich damals glücklich – oder hatte ich einfach keine Zeit, es zu merken? Was machst du außer Studium? Arbeitest du irgendwo? Oder tüftelt ihr jetzt nur noch an Start-ups rum? Opa Klaus.“ Sascha las die Nachricht, während er in der Dönerbude wartete. Um ihn herum schimpfte und diskutierte jemand, aus den Lautsprechern schallte Reklame. Er ertappte sich dabei, wie er die Stelle über den Borschtsch und die schweren Teller immer wieder las. Er tippte seine Antwort direkt an der Stehbar ein. „Hallo Opa. Ich jobbe nebenbei als Kurier. Bringe Essen, manchmal auch Dokumente. Einen Ausweis habe ich nicht, nur eine App, die ständig abstürzt. Aber ich esse auch manchmal bei der Arbeit. Ich klaue nichts, aber oft reicht die Zeit nicht, um nach Hause zu fahren. Dann nehme ich etwas Schnelles, esse im Treppenhaus oder im Wagen eines Kumpels. Meistens schweigend. Ob ich glücklich bin – keine Ahnung. Ich habe auch nie Zeit, es zu überlegen. Aber Borschtsch in der Kantine klingt gut. Dein Enkel Sascha.“ Er wollte noch etwas zu den Start-ups schreiben, beschloss aber, das zu lassen. Opa sollte ruhig sein eigenes Bild malen. Das nächste Brief war ungewöhnlich kurz. „Hallo Sascha. Kurier – das ist was Ordentliches. Ich sehe dich plötzlich nicht mehr als Jungen am Computer, sondern als jemand in Sneakers, der immer irgendwohin unterwegs ist. Da du von der Arbeit erzählst, erzähle ich dir vom Bauen. Zwischen den Schichten in der Werkstatt, wenn das Geld knapp war, habe ich auf dem Bau geholfen. Wir schleppten Ziegel bis in den fünften Stock, über knarrende Holztreppen. Staub kroch überall rein. Abends schüttete ich den Sand aus den Schuhen. Deine Oma schimpfte, ich würde ihr den Linoleumboden ruinieren. Das Seltsame ist: Ich erinnere mich weniger an die Erschöpfung als an eine Kleinigkeit. Auf dem Bau arbeitete so ein Typ, den nannten alle Sepp. Der war immer als Erster da, saß auf einem umgedrehten Eimer und schälte Kartoffeln mit seinem Taschenmesser. Die kamen dann in seinen alten Kochtopf. Mittags setzte er ihn auf die Herdplatte, und der Duft von gekochten Kartoffeln zog durch das ganze Stockwerk. Wir haben sie mit den Händen gegessen, bestreut mit Salz aus einem Papiertütchen. Und ich schwöre dir: Es gab nichts Besseres. Heute sitze ich in meiner Küche, schaue auf einen Beutel Supermarkt-Kartoffeln und denke, die schmecken nicht mehr wie früher. Vielleicht liegt es gar nicht an den Kartoffeln, sondern am Alter. Was isst du, wenn du richtig fertig bist? Nicht aus der Lieferung, sondern »richtig«? Opa Klaus.“ Sascha antwortete nicht sofort. Er überlegte lange, was „richtig“ essen für ihn bedeutet. Ihm fiel ein, wie er im letzten Winter nach einer Zwölfstundenschicht nachts im Spätkauf Pelmeni holte, sie in einem alten Topf der WG kochte, in dem vorher wohl schon Würstchen lagen. Die Pelmeni zerfielen, das Wasser wurde trüb, aber er aß alles auf, am Fenster stehend – es gab keinen Tisch. Zwei Tage später schrieb er doch noch: „Hallo Opa. Wenn ich kaputt bin, esse ich meist Rührei. Zwei, drei Eier, manchmal mit Wurst. Unsere Pfanne sieht schlimm aus, aber sie brät. Es gibt keinen Sepp bei uns, aber dafür einen Nachbarn, der ständig was anbrennen lässt und flucht wie ein Rohrspatz. Du schreibst viel übers Essen. Warst du damals hungrig – oder bist du es heute? Dein Enkel Sascha.“ Schon beim Abschicken bereute er den letzten Satz. Es klang zu direkt. Aber da war es schon weg. Die Antwort kam schneller als sonst. „Sascha, gute Frage mit dem Hunger. Damals war ich jung und immer hungrig – nicht nur auf Suppe und Kartoffeln. Ich wollte ein Motorrad, neue Schuhe, ein eigenes Zimmer, damit ich nicht das nächtliche Husten meines Vaters hören musste. Ich wollte, dass die Leute mich respektieren. Im Laden stehen und nicht das Kleingeld im Hosensack zählen. Ich wollte, dass die Mädchen mich anschauen. Heute esse ich genug. Der Arzt meint sogar, zu viel. Ich schreibe über Essen, weil das etwas Greifbares ist. Den Geschmack einer Suppe kann man leichter beschreiben als Scham. Weil du fragst, erzähle ich dir noch was – aber ganz ohne Moral. Wie du es magst. Ich war dreiundzwanzig, da war ich schon mit deiner späteren Oma zusammen, aber das war noch unsicher. In der Werkstatt hieß es, eine Truppe ginge in den Norden. Da gab es gutes Geld. In zwei Jahren konnte man sich ein Auto leisten. Ich dachte gleich an einen Lada, mit dem ich dann deine Oma herumkutschieren könnte. Aber es gab einen Haken. Deine Oma sagte, sie kommt nicht mit. Die Mutter war krank, ihr Job, Freundinnen. Sie meinte, sie hält dort die Dunkelheit und Kälte nicht aus. Ich sagte, sie hält mich zurück. Sagte auch härtere Sachen, aber das erspare ich dir. Ich fuhr allein. Nach einem halben Jahr schrieben wir nicht mehr. Nach zwei Jahren kehrte ich zurück – mit Geld und Auto. Sie aber war schon verheiratet. Ich erzählte allen, sie hätte mich verraten. Dass ich alles für sie getan hätte, aber sie… Um ehrlich zu sein: Ich habe Geld und Blech dem Menschen vorgezogen. Und lange so getan, als sei das allein richtig gewesen. So war mein Hunger. Du fragtest, was ich da empfand – ich fühlte mich wichtig und im Recht. Jahre später tat ich so, als fühlte ich gar nichts mehr. Du musst nicht antworten, wenn du nicht willst. Ich verstehe, wenn du grad andere Sorgen hast als Alt-Herren-Geschichten. Opa Klaus.“ Sascha las die Zeilen mehrfach. Das Wort „Scham“ blieb hängen wie ein Haken. Er ertappte sich, dass er eine Entschuldigung zwischen den Zeilen suchte, doch Opa lieferte keine. Er öffnete das Antwortfeld, tippte „Bist du manchmal traurig deswegen?“ – löschte es wieder. Tippte „Was, wenn du geblieben wärst?“ – löschte wieder. Am Ende schrieb er etwas ganz anderes. „Hallo Opa. Danke, dass du das geteilt hast. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. In der Familie redet man über Oma immer so, als wäre sie immer schon nur ‚die Oma‘ gewesen, ohne Alternativen. Ich verurteile dich nicht. Ich habe vor kurzem selbst den Job einer Person vorgezogen. Ich war gerade als Kurier angefangen, bekam gute Schichten, war dauernd unterwegs. Meine Freundin damals sagte, wir würden uns kaum noch sehen, ich sei immer am Handy, ständig genervt. Ich meinte, es wird leichter, man müsse nur durchhalten. Irgendwann sagte sie, sie könne nicht mehr warten. Ich sagte, das sei ihr Problem. Auch ich habe unschön reagiert, lasse das aber weg. Jetzt, wenn ich abends nach elf in der WG ankomme und Rührei mache, denke ich manchmal: Ich habe Geld und Lieferdienste dem Menschen vorgezogen. Und tu so, als wäre das richtig. Vielleicht liegt das bei uns in der Familie. Sascha.“ Der nächste Brief kam nicht mehr auf kariertem, sondern auf liniertem Papier. Mama ließ per Sprachnachricht wissen, dass Opa das Heft vollgeschrieben habe. „Sascha. Das mit dem ‚familiär‘ hast du gut gesagt. Bei uns schiebt man gern alles auf die Familie. Wer trinkt, tut’s, weil der Opa getrunken hat, wer schreit, weil die Oma streng war. In Wahrheit trifft man jede Entscheidung trotzdem selber. Es ist nur bequemer, sich eine Vererbung auszudenken, als sich die Angst einzugestehen. Als ich aus dem Norden zurückkam, dachte ich, ein neues Leben zu beginnen. Auto, Zimmer im Wohnheim, Geld in der Tasche. Abends saß ich dann auf dem Bett und wusste nicht, wohin mit mir. Freunde weggezogen, in der Werkstatt ein neuer Meister, zu Hause warteten nur Staub und ein alter Radio. Einmal fuhr ich zum Haus, in dem deine Fast-Oma wohnte. Stand gegenüber und sah auf ihre Fenster. In dem einen brannte Licht, im anderen nicht. Ich blieb stehen, bis ich durchgefroren war. Irgendwann kam sie raus, mit Kinderwagen, daneben ein Mann, Arm in ihrem Arm, sie lachten miteinander. Ich versteckte mich hinter einem Baum wie ein Junge. Schaute, bis sie um die Ecke verschwanden. Erst Jahre später habe ich kapiert, dass mich keiner verraten hat. Ich habe nur meinen Weg gewählt, sie ihren. Zugeben konnte ich mir das erst nach zehn Jahren. Du schreibst, du hättest den Job der Freundin vorgezogen. Vielleicht hast du nicht den Job gewählt, sondern dich selbst. Vielleicht musst du dich jetzt erst mal aus dem Dreck ziehen – wichtiger als ins Kino gehen. Das ist nicht besser oder schlechter, sondern einfach so. Weißt du, was schade ist? Dass wir nur selten direkt sagen: ‚Mir ist das jetzt wichtiger als du.‘ Stattdessen erfinden wir schöne Worte, dann sind alle verletzt. Ich schreibe das nicht, damit du sie zurückholst. Ich weiß gar nicht, ob das richtig wäre. Vielleicht stehst du irgendwann vor einem fremden Fenster und merkst, dass man es hätte ehrlicher sagen können. Dein alter Opa Klaus.“ Sascha saß am Fensterbrett im WG-Flur, das Handy in der Hand. Draußen zogen Autos durch die Pfützen, jemand rauchte auf den Stufen. Aus dem Nebenzimmer wummerte Musik gegen die Wand. Lange überlegte er, wie er antworten sollte. Im Kopf erschien das Bild: wie er selbst unter dem Fenster der Ex-Freundin stand, als sie nicht mehr ranging. Sah Gardinen, das Licht im Zimmer und dachte, vielleicht käme sie gleich, würde ihn sehen. Sie kam nicht. Er schrieb: „Hallo Opa. Ich habe auch schon unter einem Fenster gestanden. Habe mich auch versteckt, als sie mit einem anderen Mann rauskam. Er mit Rucksack, sie mit einer Einkaufstüte. Sie lachten. Ich dachte, sie hätten mich ausradiert. Jetzt, nach deinem Brief, glaube ich, dass vielleicht ich selbst gegangen bin. Du hast zehn Jahre gebraucht, um das zu erkennen. Vielleicht geht es bei mir schneller. Ich werde sie nicht zurückholen. Aber ich höre wohl auf zu behaupten, es sei mir egal. Dein Enkel Sascha.“ Das nächste Brief drehte sich um ein anderes Thema. „Sascha. Du hast mich mal nach Geld gefragt. Ich wusste damals nicht, wie ich anfangen sollte. Jetzt versuche ich es. Bei uns in der Familie sind Geldfragen wie Wetter: Man spricht nur darüber, wenn es richtig schlecht oder unerwartet gut läuft. Dein Vater hat mich als Kind einmal gefragt, wie viel ich verdiene. Ich hatte gerade einen Nebenjob und bekam mehr als sonst. Nannte die Zahl stolz. Er staunte: ‚Du bist ja reich!‘ Ich musste lachen, sagte: ‚Ach was, das ist nicht der Rede wert.‘ Ein paar Jahre später wurde ich entlassen, das Gehalt halbierte sich. Dein Vater fragte wieder: ‚Und wie viel bekommst du jetzt?‘ Ich sagte die kleinere Zahl, er wollte wissen: ‚Warum so wenig? Arbeitest du schlechter?‘ Da habe ich ihn angeschrien. Er versteht gar nichts, meinte ich, er sei undankbar. Dabei wollte er nur Zahlen vergleichen. Ich habe ihn so daran gewöhnt, dass er nie wieder nach Geld fragt. Später jobbte er selbst, schleppte Kisten, reparierte Dinge für andere. Ich selbst dachte immer, er solle von alleine merken, wie schwer es für mich ist. Mit dir will ich diesen Fehler nicht wiederholen. Drum sage ich’s dir offen: Die Rente reicht für Medikamente und Essen. Für ein Auto wird’s nicht mehr reichen, brauche ich auch nicht. Jetzt spare ich nur noch auf neue Zähne – die alten halten nicht mehr. Wie läuft’s bei dir? Kommst du zurecht? Ich will dir kein Geld überweisen oder Socken schicken, mir geht’s nur darum, dass du nicht hungrig bist oder auf dem Boden schlafen musst. Wenn dir das unangenehm ist, schreib nur „passt schon“, ich verstehe das. Opa Klaus.“ Sascha spürte eine Enge in der Brust. Er erinnerte sich, wie er als Kind den Vater nach dessen Verdienst gefragt hatte – immer kamen nur Scherze oder ein abwehrendes „Das wirst du schon noch herausfinden“. Also wuchs er mit dem Gefühl auf, dass Geld beschämend ist, Tabu. Er starrte lange auf das Display, schrieb schließlich: „Hallo Opa. Ich habe genug zu essen und schlafe nicht auf dem Boden. Ich habe ein Bett, sogar mit einer Matratze: nicht die beste, aber in Ordnung. Ich bezahle das WG-Zimmer selbst, das war mein Deal mit Papa. Manchmal hinke ich hinterher, aber rausgeworfen hat mich noch niemand. Geld reicht, wenn ich nicht Unnötiges kaufe. Wenn es eng wird, übernehme ich eine Extraschicht, laufe dann aber rum wie ein Zombie, aber das ist meine Entscheidung. Es ist mir eigentlich peinlich, dass du fragst und ich dich nicht auch fragen kann – sowas wie: ‚Kommst du klar, Opa?‘ Aber du hast es ja schon selbst gesagt. Ehrlich gesagt wäre es einfacher für mich, wenn du nur schreiben würdest: ‚Alles ok‘ und keine Erklärung. Aber ich sehe schon, so machen das halt Erwachsene. Danke, dass du über Geld geschrieben hast. Sascha.“ Lange drehte er das Handy in der Hand, dann schrieb er noch eine zweite Nachricht: „Wenn du mal was kaufen möchtest und die Rente reicht nicht, sag Bescheid. Kann nicht versprechen, dass ich helfen kann, aber dann weiß ich zumindest Bescheid.“ Er schickte ab, bevor er es sich anders überlegen konnte. Die Antwort war die am krakeligsten geschriebene bisher – die Buchstaben sprangen, die Zeilen liefen schief. „Sascha. Ich habe deine Nachricht über ‚wenn’s nicht reicht‘ gelesen. Wollte erst schreiben, dass ich nichts brauche. Dass ich alles habe, nur Pillen und Brot. Dann wollte ich scherzen, dass ich, wenn’s drauf ankommt, bei dir einen neuen Roller bestelle. Dann habe ich gemerkt, dass ich mein Leben lang den harten Kerl gespielt habe, der alles allein kann. Am Ende bin ich ein alter Mann, der Angst hat, den Enkel nach einer Kleinigkeit zu fragen. Also sage ich dir: Wenn ich mal wirklich dringend etwas brauche, was ich mir nicht leisten kann, dann tue ich nicht mehr so, als wäre das egal. Im Moment habe ich Tee, Brot, Tabletten – und deine Briefe. Kein Pathos, nur Aufzählung. Weißt du, ich dachte immer, wir wären grundverschieden: Du mit deinen… wie heißen die… Apps, ich mit meinem Radio. Jetzt lese ich dich und merke, wir haben viel gemeinsam. Keiner von uns bittet gern um Hilfe. Beide tun wir, als sei uns alles egal, und das stimmt meistens nicht. Wenn wir schon ehrlich sind, erzähle ich dir noch etwas, worüber in der Familie nie geredet wird. Bin gespannt, wie du das findest. Als dein Vater geboren wurde, war ich nicht bereit. Hatte gerade den neuen Job, endlich eigenes Zimmer im Wohnheim – dachte, jetzt wird alles gut. Dann kam das Kind. Schreien, Windeln, keine Nacht durchgeschlafen. Ich kam von der Nachtschicht – das Kind brüllte. Ich war fertig mit den Nerven. Einmal war ich so wütend, dass ich das Fläschchen mit voller Wucht an die Wand geworfen habe. Die Milch lief die Wand herunter. Deine Oma weinte, Kind schrie, ich stand nur da und wollte nur noch weg. Ich bin damals nicht abgehauen. Habe es später immer als „Nervenzusammenbruch“ abgetan. Es war eigentlich der Punkt, an dem ich fast gegangen wäre. Wäre ich gegangen, würdest du jetzt diese Briefe nicht lesen. Ich weiß nicht, warum ich dir das erzähle. Vielleicht damit du weißt, dass dein Opa kein Held ist, kein Vorbild. Nur ein Mensch, dem manchmal alles zu viel wurde und der einfach gehen wollte. Und wenn du nach so was keine Lust mehr hast, mir zu schreiben – ich verstehe das. Opa Klaus.“ Sascha las – und ihm wurde abwechselnd eiskalt und heiß. Sein Bild vom Opa – immer die Decke, der Duft von Mandarinen an Weihnachten – bekam plötzlich neue Farben: ein erschöpfter Mann im Wohnheim, ein schreiendes Kind, verschüttete Milch. Er erinnerte sich, wie er letzten Sommer im Ferienlager einen heulenden Jungen anschrie. Griff ihn am Arm zu grob, der Kleine erschrak, weinte. Sascha konnte die ganze Nacht nicht schlafen, dachte, er wäre ein schrecklicher Vater. Lange saß er vor dem leeren Nachrichtenfeld. Die Finger tippten: „Du bist kein Monster.“ Er löschte es. Schrieb: „Ich habe dich trotzdem lieb.“ Löschte es, das Wort war ihm zu fremd. Am Ende wurde es: „Hallo Opa. Ich höre nicht auf zu schreiben. Ich weiß nicht, was man auf so etwas antworten soll. Bei uns in der Familie redet darüber keiner – weder über Schreien noch über das Gefühl, wegwollen zu wollen. Alle schweigen oder machen Witze. Ich habe letzten Sommer im Lager gearbeitet. Da gab es einen Jungen, der immer nur geweint hat und nach Hause wollte. Ich bin einmal so ausgerastet, habe ihn derart angeschrien, dass ich mich selbst erschrocken habe. Danach dachte ich die ganze Nacht, ich bin ein schlechter Mensch und sollte am besten nie Kinder haben. Was du geschrieben hast, macht dich für mich nicht schlechter. Es macht dich menschlich. Ich weiß nicht, ob ich das mal so ehrlich einem eigenen Kind sagen könnte. Aber vielleicht kann ich zumindest versuchen, nicht so zu tun, als hätte ich immer recht. Danke, dass du damals geblieben bist. Sascha.“ Er drückte auf „Senden“ – und zum ersten Mal wartete er auf eine Antwort, nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil sie wirklich etwas bedeutete. Die Antwort kam nach zwei Tagen. Diesmal sandte die Mutter kein Foto, sondern schrieb: „Er kann jetzt Sprachnachrichten, wollte dich aber nicht erschrecken. Ich habe es abgeschrieben.“ Ein neues Foto mit liniertem Blatt. „Sascha. Ich habe deinen Brief gelesen und gedacht: Du bist jetzt schon viel mutiger als ich in deinem Alter. Du gibst zu, dass du Angst hast. Ich habe das immer überspielt und stattdessen Möbel zertrümmert. Ob du mal ein guter Vater wirst, weiß ich nicht – und du auch nicht. Das erfährt man erst, wenn es so weit ist. Aber dass du dir überhaupt diese Frage stellst, sagt viel über dich aus. Du hast geschrieben, ich sei für dich lebendig. Das ist das schönste Kompliment, das mir je einer gemacht hat. Eigentlich sagen alle: ‚störrisch‘, ‚eigensinnig‘, ‚stur‘. Aber wirklich lebendig hat mich lange keiner mehr genannt. Wenn ich schon so weit bin, will ich dich noch was fragen. Ich habe mich immer zurückgehalten, aber jetzt mache ich’s: Wenn ich dir mit meinen Geschichten einmal zu viel werde, sag Bescheid. Ich kann seltener schreiben oder nur zu Weihnachten. Ich will dich nicht mit meiner Vergangenheit erdrücken. Und noch was: Falls du irgendwann einfach mal so vorbei schauen willst, ohne Anlass, bei mir ist immer jemand da. Es gibt einen freien Hocker und eine saubere Tasse. Die ist wirklich sauber, habe ich extra nachgesehen. Dein Opa Klaus.“ Sascha musste lächeln bei der Sache mit der Tasse. Er stellte sich die kleine Küche vor, den Hocker, das Blutzuckermessgerät auf dem Tisch, den Kartoffelsack an der Heizung. Er öffnete die Kamera, machte ein Foto von der WG-Küche: Spüle voller Geschirr, die „schlimme“ Pfanne, Eierpackung, Wasserkocher, zwei Tassen, eine mit einer Macke am Rand. Auf dem Fensterbrett steckte ein Glas mit Gabeln. Das Bild schickte er dem Opa und schrieb dazu: „Hallo Opa. Hier ist meine Küche. Zwei Hocker, genug Tassen. Wenn du mal einfach so vorbeikommen willst – ich bin auch da. Also fast daheim. Du gehst mir nicht auf die Nerven. Manchmal weiß ich bloß nicht, wie ich antworten soll – aber ich lese alles. Wenn du magst, erzähl mal was, das nichts mit Arbeit und Essen zu tun hat. Irgendwas, das du nie losgeworden bist, nicht weil’s peinlich wäre, sondern weil nie jemand zum Zuhören da war. S.“ Er schickte es ab und merkte, dass er gerade die erste Frage gestellt hatte, die er noch keinem Erwachsenen in seiner Familie je gestellt hatte. Das Handy legte er neben sich, das Display wurde dunkel. In der Küche zischte leise das Rührei. Im Nebenzimmer lachte jemand. Sascha drehte die Eier, stellte das Gas ab und setzte sich auf seinen Hocker – und stellte sich vor, wie da vielleicht irgendwann Opa Klaus sitzt, Tasse in der Hand, eine Geschichte erzählend – nicht mehr auf Papier, sondern ganz in echt. Ob Opa wirklich mal kommt, was die Zukunft bringt, wusste er nicht. Aber allein die Vorstellung, dass er jemandem das Bild seiner unaufgeräumten Küche schicken und fragen konnte, wie es ihm geht – das machte ihn plötzlich ruhig und irgendwie froh. Er nahm das Handy, blätterte durch den Chat, sah auf die karierten und linierten Briefe, auf seine knappen „S.“. Dann drehte das Handy vorsichtig um, damit er nichts verpasst, falls eine neue Nachricht kommt. Das Rührei war kalt, als er es aß. Doch er aß es zu Ende, langsam und mit dem Gefühl, es mit jemandem zu teilen. Das Wort „Ich hab dich lieb“ fiel nie ausdrücklich. Aber irgendetwas schwang zwischen den Zeilen – und das reichte beiden erst einmal.
„Ich bin arbeitslos, gibt es hier irgendetwas zu tun?“, fragte ich die bescheidene junge Frau, ohne zu ahnen, dass der Cowboy…