Ohne Belehrungen
Heute habe ich wieder eine Nachricht von Opa bekommen, diesmal als Foto: ein liniertes Papier, blau geschrieben, ordentliche Schrift, unten die Unterschrift: Dein Opa Karl. Daneben die kurze Mitteilung von Mama: Er macht das jetzt so. Wenn du nicht antworten willst, musst du nicht.
Ich habe das Bild vergrößert, um die Schrift besser zu lesen.
Hallo, Annika.
Ich schreibe dir aus der Küche. Ich habe hier einen neuen Freund das Blutzuckermessgerät. Morgens schimpft es, wenn ich zu viel Brot esse. Der Arzt meint, ich soll mehr spazieren gehen aber wohin? Meine alten Freunde liegen alle längst auf dem Friedhof, und du lebst in deinem München. Also gehe ich eben in Gedanken spazieren.
Heute habe ich zum Beispiel daran gedacht, wie wir 1979 am Bahnhof Waggons entladen haben. Verdient hat man fast nichts, aber ab und zu konnten wir eine Kiste Äpfel mitgehen lassen. Die Kisten waren aus Holz, mit Klammern an den Seiten. Die Äpfel waren sauer und grün, aber trotzdem ein Fest. Wir aßen sie dort auf dem Bahndamm, saßen auf Zementsäcken. Die Hände grau, die Fingernägel voller Staub und der Sand knirschte zwischen den Zähnen aber es schmeckte trotzdem gut.
Ich erzähle dir das nicht aus einem bestimmten Grund. Es ist mir einfach eingefallen. Ich will dir nicht vorschreiben, wie du leben sollst. Du hast dein Leben, ich meine Werte.
Wenn du magst, erzähl mir doch, wie das Wetter ist und wie die Prüfungen laufen.
Dein Opa Karl.
Ich musste schmunzeln über das Messgerät und Werte. Unten stand vor einer Stunde gesendet. Ich hatte schon versucht, Mama anzurufen, sie geht nicht ran. Also ist es jetzt wirklich so.
Ich scrollte durch den Chat. Das letzte Mal hatte Opa vor einem Jahr geschickt: kurze Glückwünsche als Sprachnachricht und einmal ein Wie läuft das Studium?. Damals habe ich nur einen Smiley geantwortet und mich dann nicht mehr gemeldet.
Jetzt sah ich lange das Foto von dem linierten Blatt an. Dann öffnete ich das Antwortfeld.
Hallo Opa. Wetter: plus drei Grad, nass. Prüfungsphase: bald. Äpfel kosten jetzt 3,50 Euro das Kilo. Die Apfelsituation ist hier schwierig.
Annika.
Kurz überlegt, dann löschte ich Annika und schrieb nur Deine Enkelin Annika. und schickte die Nachricht ab.
Ein paar Tage später leitete Mama mir ein neues Foto weiter.
Hallo Annika,
Dein Brief ist angekommen, ich habe ihn drei Mal gelesen. Jetzt antworte ich ausführlicher. Das Wetter ist hier wie bei dir, nur ohne eure modernen Pfützen. Morgens Schnee, mittags Wasser, abends eine Eisschicht. Ich bin schon ein, zwei Mal fast ausgerutscht, aber wohl noch nicht reif dafür.
Da wir von Äpfeln sprechen: Meine allererste richtige Arbeit war mit zwanzig, in einer Werkshalle für Aufzugsteile. Es war immer laut, der Staub hing in der Luft, und meine Arbeitshose wurde nie mehr sauber, egal wie oft ich sie schrubbte. Die Finger voller Grate, das Öl unter den Nägeln. Trotzdem war ich stolz: Ich hatte einen Werksausweis und ging durch das Tor wie ein Erwachsener.
Das Beste war nicht das Geld, sondern das Mittagessen. In der Kantine gab es Bohneneintopf in schweren Tellern; kam man früh, gabs noch extra Brot dazu. Wir saßen zusammen, schwiegen meistens nicht aus Mangel an Gesprächsthemen, sondern weil wir einfach fertig waren. Der Löffel schien schwerer als ein Schraubenschlüssel.
Vielleicht denkst du jetzt vor deinem Laptop, dass das alles Archäologie ist. Aber ich frage mich oft: War ich einfach glücklich oder nur zu beschäftigt, um darüber nachzudenken?
Was machst du sonst noch, außer lernen? Arbeitest du irgendwo? Oder machen eure Leute jetzt alle nur noch Start-ups?
Dein Opa Karl.
Ich las die Nachricht in der Dönerbude beim Anstehen. Um mich herum wurde gestritten, die Lautsprecher brüllten Werbung. Und ich erwischte mich dabei, wie ich Opas Beschreibung vom Eintopf und den schweren Tellern wieder und wieder las.
An der Theke tippte ich direkt meine Antwort.
Hallo Opa,
Ich arbeite nebenbei als Kurier. Bringe Essen herum oder manchmal Dokumente. Einen Ausweis habe ich nicht, nur eine App, die ständig abstürzt. Aber auch ich esse manchmal unterwegs nicht geklaut, aber wenns knapp wird, in einem Treppenhaus oder im Auto eines Bekannten. Auch meistens schweigend.
Ob ich glücklich bin keine Ahnung. Auch ich habe keine Zeit, groß nachzudenken.
Aber Kantineneintopf klingt gar nicht schlecht.
Deine Enkelin Annika.
Ich wollte noch was über Start-ups schreiben, ließ es aber. Opa soll sich das selbst zusammenreimen.
Die nächste Nachricht war diesmal ungewöhnlich kurz.
Annika, hallo.
Kurier das ist was Richtiges. Jetzt stelle ich mir dich gleich anders vor, nicht als Mädchen am Computer, sondern als jemanden in Turnschuhen, immer in Eile.
Jetzt, wo du von der Arbeit sprichst, erzähle ich dir mal, wie ich neben dem Werk auch mal auf dem Bau gearbeitet habe, weil das Geld nie ganz reichte. Wir haben Ziegel in den fünften Stock geschleppt, auf Holzbalken. Staub überall in der Nase, in den Augen, in den Ohren. Abends kam ich nach Hause, zog die Schuhe aus, und der Sand fiel raus. Oma schimpfte, dass ich ihr das Linoleum ruiniere.
Seltsam ist, dass ich mich an den Geschmack von Erschöpfung nicht erinnere, sondern an einen Typen auf der Baustelle, den alle nur Manni nannten. Er kam immer früh und saß auf einem umgedrehten Eimer, schälte Kartoffeln. Die kamen in einen alten Topf. Mittags wurde der Topf auf die Herdplatte gestellt, und schon duftete das ganze Stockwerk nach gekochten Kartoffeln. Wir aßen sie mit den Händen, Salz aus dem Papier-Tütchen dazu. Ich dachte, leckerer geht es nicht.
Jetzt sitze ich in meiner Küche, mit einer Plastiktüte voller Supermarkt-Kartoffeln. Sie schmecken nicht mehr so. Vielleicht liegt es nicht an den Kartoffeln, sondern am Alter.
Was isst du, wenn du richtig erledigt bist? Kein Lieferdienst so richtig echtes Zeug.
Dein Opa Karl.
Ich habe nicht direkt geantwortet. Überlegte, was ich ehrlich zu richtiges Essen sagen kann. Erinnerte mich daran, wie ich letzten Winter, nach zwölf Stunden Schicht, im 24h-Kiosk Tortellini gekauft habe, sie im Gemeinschaftsraum im alten Topf gekocht habe (vorher roch es darin nach Würstchen). Die Tortellini fielen auseinander, das Wasser wurde trüb, trotzdem habe ich alles gegessen, am Fenster, weil es keinen Tisch gab.
Erst zwei Tage später schrieb ich.
Hallo Opa,
Wenn ich richtig platt bin, gibts meist Eier. Zwei, drei, manchmal mit Salami. Unsere Pfanne ist gruselig, aber sie funktioniert. Einen Manni gibts hier nicht, dafür einen Mitbewohner, der ständig was anbrennen lässt und dabei laut flucht.
Du schreibst viel übers Essen. Hast du damals oft Hunger gehabt oder jetzt?
Deine Enkelin Annika.
Kaum abgeschickt, bereute ich die letzte Frage. Kam mir zu forsch vor aber jetzt war es raus.
Die Antwort kam diesmal schnell.
Annika,
Gute Frage, ob ich hungrig war. Damals war ich jung und immer hungrig. Und nicht nur auf Suppe und Kartoffeln. Ich wollte ein Motorrad, neue Schuhe, ein eigenes Zimmer, damit ich Papas Husten nachts nicht höre. Ich wollte Anerkennung. Einfach mal in den Laden gehen, und das Kleingeld reicht im Portemonnaie. Und dass die Mädchen hinschauen, statt an mir vorbeizugehen.
Heute esse ich gut. Der Arzt meint, manchmal zu viel. Ich schreibe wohl so oft über Essen, weil man daran Erinnerungen anfassen kann. Den Geschmack von Suppe kann man besser beschreiben als Schamgefühle.
Da du fragst, eine Geschichte, aber ohne Fazit wie du es magst.
Ich war dreiundzwanzig, hatte schon mit deiner späteren Oma angebandelt. Im Werk hieß es, es werden Leute fürs Team in den Norden gesucht. Viel Geld, damit hätte man sich in ein, zwei Jahren einen Wagen leisten können. Ich war Feuer und Flamme. Träumte schon, wie ich mit nem Opel zurückkomme und deine Oma überall herumfahre.
Es gab nur ein Problem: Deine Oma sagte, sie kommt nicht mit. Wegen der kranken Mutter, Job, Freundinnen. Sie meinte, sie hält dort die Dunkelheit und Kälte nicht aus. Und ich sagte ihr, sie hält mich zurück. Wenn sie mich liebt, soll sie mich unterstützen. Ich war härter, will dir das jetzt nicht wortwörtlich schreiben.
Ich bin dann alleine los. Nach einem halben Jahr schrieben wir uns nicht mehr. Nach zwei Jahren kam ich mit Geld und Auto zurück. Sie war verheiratet. Ich habe damals jahrelang erzählt, sie hätte mich verraten. Dass ich alles für sie tat und sie…
Aber ehrlich gesagt: Ich habe mich für Geld und Technik entschieden und nicht für einen Menschen. Und hab noch lange so getan, als sei das der einzig richtige Weg.
Das war mein Hunger.
Was ich damals gefühlt habe? Ich fühlte mich stark und im Recht. Und habe dann viele Jahre so getan, als fühlte ich gar nichts.
Wenn du nicht antworten magst, ist das okay ich verstehe, dass du anderes zu tun hast.
Dein Opa Karl.
Ich habe die Nachricht mehrmals gelesen. Das Wort Scham blieb hängen, wie ein Haken. Ich ertappte mich dabei, dass ich zwischen den Zeilen nach Rechtfertigung suchte aber Opa bietet keine an.
Ich tippte erst Bereust dus?, löschte es, dann Was, wenn du doch geblieben wärst?. Am Ende schickte ich etwas ganz Anderes.
Hallo Opa,
Danke, dass du das geteilt hast. Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Bei uns wird über Oma nur so gesprochen, als gäbe es nur diese Variante, dass sie eben einfach Oma war.
Ich verurteile dich nicht. Ich habe selbst kürzlich Arbeit einem Menschen vorgezogen. Ich hatte eine Freundin. Ich hab als Kurierin angefangen, gute Schichten bekommen, war ständig unterwegs. Sie meinte, wir sehen uns kaum, ich tippe nur aufs Handy, bin müde und gereizt. Ich sagte, sie soll Geduld haben, bald wird es besser.
Irgendwann meinte sie, sie kann nicht mehr warten. Ich sagte, das sei ihr Problem. Auch etwas härter, aber das musst du nicht hören.
Jetzt, wenn ich abends spät heimkomme, die Eier brate, denke ich manchmal, ich habe Geld und Kurierfahrten dem Menschen vorgezogen. Und tue so, als wäre das richtig gewesen.
Vielleicht ist das Familiensache.
Annika.
Opas nächster Brief war diesmal nicht auf kariertem Papier, sondern auf liniertem. Mama erklärte per Sprachnachricht, dass sein Notizbuch voll ist.
Annika,
Das mit familiensache hast du gut gesagt. Hier wird vieles auf die Familie geschoben: Trinkt jemand war schon der Opa so. Jemand schreit war schon die Oma streng. Aber im Endeffekt entscheidet doch jeder für sich nur zuzugeben ist schwer, also redet man sich auf Gene raus.
Nach dem Norden dachte ich auch, jetzt wird alles anders: eigenes Zimmer im Wohnheim, Auto, Geld. Aber abends saß ich da und wusste nicht, wohin mit mir. Freunde fortgezogen, der Vorarbeiter neu, zu Hause gabs nur Staub und ein altes Radio.
Einmal fuhr ich zu dem Haus, wo deine nicht gewordene Oma wohnte, stand auf der anderen Straßenseite. Ein Fenster hell, das andere dunkel. Ich stand da, bis ich fror. Irgendwann sah ich, wie sie mit einem Kinderwagen rauskam, neben ihr ein Mann, der sie am Arm hielt. Sie lachten, sprachen miteinander. Ich versteckte mich hinter einem Baum wie ein Junge. Schaute zu, bis sie um die Ecke verschwanden.
Da verstand ich zum ersten Mal, dass mich niemand verraten hatte. Ich habe nur meinen Weg gewählt, sie ihren. Zugeben konnte ich das erst viel später.
Du schreibst, du hast Arbeit über deine Freundin gestellt. Vielleicht hast du nicht die Arbeit gewählt, sondern dich selbst. Manchmal muss man erst sich selbst rausziehen, bevor Kinoabende gehen. Das ist nicht gut, nicht schlecht es ist einfach so.
Weißt du, traurig macht, dass wir selten ehrlich sagen: Mir ist das hier wichtiger als du. Stattdessen finden wir schöne Worte, und am Ende ist jeder beleidigt.
Ich will dir damit nicht sagen, dass du sie zurückholen sollst. Keine Ahnung, ob das sinnvoll wäre. Nur irgendwann stehst du vielleicht auch mal unter einem fremden Fenster und merkst, dass es einfacher gewesen wäre, ehrlich zu sein.
Dein alter Opa Karl.
Ich saß auf der Fensterbank im Flur vom Wohnheim, das Handy in warmer Hand. Draußen fuhren Autos durch Pfützen, jemand rauchte an der Treppe. In einem Zimmer spielte jemand Musik, dumpfe Bässe.
Lange überlegte ich, was ich schreiben soll. Mir fiel ein, wie ich mal unter dem Fenster meiner Ex stand, als sie nicht mehr ranging. Ich starrte auf die Vorhänge, hoffte, sie geht ans Fenster tat sie aber nicht.
Ich schickte:
Hallo Opa,
Ich stand auch mal unter dem Fenster meiner Ex. Hab mich versteckt, als sie mit einem Typen rauskam. Rucksack, Einkaufstüte, sie lachten. Ich dachte damals, sie hätte mich aus ihrem Leben gestrichen. Jetzt frage ich mich, ob ich nicht selbst schon gegangen war.
Du sagtest bei dir dauerte es zehn Jahre. Ich hoffe, ich darf früher so ehrlich zu mir sein.
Ich renne ihr nicht hinterher. Aber vielleicht höre ich auf, so zu tun, als wäre es mir egal.
Deine Enkelin Annika.
Das nächste Mal schrieb er über ein ganz anderes Thema:
Annika,
Du hast mich mal nach Geld gefragt. Ich wußte nicht sofort, wie ich das anpacken soll. Jetzt probiere ichs mal.
Bei uns zu Hause war Geld wie das Wetter: Man sprach nur darüber, wenn es ganz eng wurde oder überraschend gut lief. Dein Vater hat mich als Kind mal gefragt, wieviel ich verdiene. Ich hatte gerade einen Nebenjob, verdiente mehr und sagte die Summe. Er staunte: Bist du reich. Ich lachte und meinte, das sei lächerlich.
Später verlor ich meine Stelle, das Gehalt war nur noch halb so hoch. Dein Vater fragte wieder nach. Ich sagte ihm die kleinere Zahl, er fragte: Warum so wenig? Arbeitest du jetzt schlechter? Ich bin damals ausgerastet, habe ihn angeschrien, er versteht nix, ist undankbar. Dabei versuchte er nur, Zahlen zu vergleichen.
Lange habe ich mich danach gefragt, ob ich ihm damit abgewöhnt habe, mich nach Geld zu fragen. Später hat er wirklich nie wieder gefragt, sondern einfach Nebenjobs gemacht, Pakete geschleppt, Technik repariert. Und ich dachte immer, er müsste von selbst spüren, wie es mir geht.
Mit dir will ich diesen Fehler vermeiden. Also: Meine Rente ist nicht hoch, aber reicht für Medikamente und Essen. Ein neues Auto gibts nicht mehr, muss auch nicht. Jetzt spare ich bestenfalls für neue Zähne, die alten wollen nicht mehr mitmachen.
Wie siehts bei dir aus? Kommst du zurecht? Nicht, dass ich dir jetzt gleich was überweise oder Socken schicke. Aber ich will wissen, ob du genug zu essen hast und wenigstens ein Bett hast.
Wenn dir die Frage unangenehm ist, schreib einfach okay, das reicht.
Dein Opa Karl.
Es schnürte mir etwas die Brust zu. Ich erinnere mich, wie ich meinen Vater als Kind auch mal nach dem Gehalt fragte und entweder einen Spruch kassierte oder ein gereiztes Das erfährst du schon noch. Am Ende habe ich gelernt, dass Geld etwas ist, worüber man besser schweigt.
Ich habe die Nachricht lange angestarrt, dann geschrieben:
Hallo Opa,
Ich habe genug zu essen und ein Bett. Sogar mit Matratze nicht die beste, aber okay. Die Miete fürs Wohnheim zahle ich selbst, so ists mit Papa abgemacht. Manchmal mit Verspätung, rausgeworfen wurde ich noch nie.
Für Essen reicht es, wenn ich nicht zu viel Extra ausgebe. Wenn es eng wird, schiebe ich halt eine Extraschicht ein, laufe dann aber wie ein Zombie rum. Aber das ist meine Entscheidung.
Es ist seltsam, dass du fragst, während ich nicht wage, dich zu fragen, ob du zurechtkommst. So als dürfte man das bei Alten nicht.
Ehrlich, einfacher wäre es, du würdest einfach schreiben Alles in Ordnung. Dann müsste ich nicht umdenken. Aber ich schätze, ich bin so erzogen worden: Erwachsene erzählen nix.
Danke, dass du mich nach Geld gefragt hast.
Annika.
Nach etwas Grübelei schrieb ich noch eine zweite Nachricht hinterher:
Wenn du mal was brauchst und die Rente reicht nicht dann sag bitte. Ich kann es nicht immer versprechen, aber dann wüsste ich wenigstens Bescheid.
Habe ich abgeschickt, bevor ich michs anders überlegen konnte.
Die Antwort diesmal: ganz zittrig geschrieben, die Zeilen fliehen zur Seite.
Annika,
Deine Nachricht gelesen: Falls du mal was brauchst. Erst wollte ich schreiben, ich hab doch alles, brauche nichts außer Medikamente. Dann wollte ich lustig sein: Wenns ganz hart kommt, wünsche ich mir von dir ein neues Motorrad.
Aber ehrlich: Mein Leben lang habe ich immer so getan, als sei ich der große Kerl, der alles alleine schafft. Jetzt bin ich ein alter Mann, der sich nicht einmal traut, seine Enkelin um eine Kleinigkeit zu bitten.
Also sage ich: Falls ich je unbedingt etwas brauche, was ich mir nicht leisten kann, versuche ich, nicht so zu tun, als wäre es egal. Aber solange es Tee, Brot, Tabletten und deine Briefe gibt reichts erstmal. Das ist kein Pathos, sondern meine Einkaufsliste.
Weißt du, früher dachte ich, dass wir sehr verschieden sind du mit deinen Apps, ich mit meinem Radio. Heute merke ich: Wir haben viel gemein. Wir bitten beide ungern um Hilfe. Und wir tun beide oft so, als wäre uns alles egal, obwohl es nicht so ist.
Da wir ehrlich sind noch eine Sache, die bei uns niemand sagt. Weiß nicht, wie du das findest.
Als dein Vater geboren wurde, war ich nicht bereit. Neuer Job, endlich ein eigenes Zimmer im Wohnheim, ich dachte: jetzt läufts. Dann kam er Geschrei, Windeln, schlaflose Nächte. Ich kam von der Nachtschicht, er schrie weiter. Ich war wütend. Einmal schmiss ich die Flasche so stark an die Wand, dass sie zerbrach. Milch überall. Deine Oma weinte, das Kind schrie ich stand da und wollte weg. Weg für immer.
Ich bin damals nicht gegangen. Aber ich habe es später gern als Nervenausbruch verkauft. In Wahrheit war es der Moment, in dem ich fast geflohen wäre. Wäre ich damals gegangen, würdest du diese Briefe jetzt nicht lesen.
Ich weiß nicht, warum ich dir das schreibe. Vielleicht, damit du weißt: Dein Opa ist kein Held, kein Vorbild. Ich bin ein ganz normaler Mensch, der auch mal alles hinschmeißen wollte.
Wenn du jetzt nicht mehr schreiben willst, versteh ich das.
Dein Opa Karl.
Mir wurde abwechselnd ganz kalt und dann ganz warm, als ich das las. Opa war für mich immer irgendwie wie ein warmer Strickpulli und der Duft nach Zimtsternen zu Weihnachten. Jetzt hatte ich ganz andere Bilder im Kopf: ein erschöpfter Mann im Wohnheim, ein schreiendes Kind und Milch auf dem Fußboden.
Mir fiel ein, wie ich letzten Sommer in einem Jugendcamp gearbeitet hatte wie ich mal einen ständig jammernden Jungen anschrie, packte ihn fester am Arm, als nötig, und dann die ganze Nacht rumlag, überzeugt, ein schrecklicher Mensch zu sein.
Ich saß lange vor dem leeren Antwortfeld. Tippe: Du bist kein Monster. Lösche es. Schreibe: Ich hab dich trotzdem lieb. Lösche es, weil das zu direkt klingt.
Schickte schließlich:
Hallo Opa,
Ich hör nicht auf zu schreiben. Ich weiß nie so recht, was ich auf solche Sachen sagen soll. Über sowas spricht bei uns keiner über Schreien oder Wegwollen. Wir schweigen oder machen einen Witz.
Letzten Sommer im Camp habe ich einen Jungen richtig angeschrien, weil er geweint hat. Danach war mir klar: Ich bin furchtbar und darf nie Kinder haben.
Dass du mir das geschrieben hast, macht dich für mich nicht klein, sondern echt.
Ich weiß nicht, ob ich das so offen meinen eigenen Kindern je sagen könnte falls ich mal welche habe. Aber vielleicht gelingt es mir wenigstens, ihnen nicht vorzumachen, immer im Recht zu sein.
Danke, dass du damals geblieben bist.
Annika.
Ich drückte auf Senden und merkte zum ersten Mal, dass ich jetzt wirklich auf eine Antwort wartete nicht aus Pflicht, sondern aus echtem Bedarf.
Die Antwort kam zwei Tage später. Mama schrieb: Er hat jetzt Sprachnachrichten geschafft, aber wollte dich nicht erschrecken. Ich habs abgeschrieben.
Der nächste Zettel: wieder liniertes Papier.
Annika,
Ich habe deinen Brief gelesen und gedacht: Du bist jetzt schon mutiger, als ich es damals war. Immerhin gibst du zu, wenn dir etwas Angst macht. Ich habe es immer überspielt und dann gegen Möbel gehauen.
Ich weiß nicht, ob du mal eine gute Mutter wirst und du weißt das auch nicht. Das findet man erst raus. Aber allein, dass du dir diese Frage stellst, bedeutet viel.
Dass du meinst, ich wäre für dich echt ist das größte Kompliment, das ich bekommen habe. Über mich sagen sie meist stur oder eigensinnig. Echt nennt mich keiner mehr.
Da ich jetzt so viel schreibe, wollte ich dich fragen: Sag mir bitte Bescheid, wenn ich dir mit meinen Geschichten zu viel werde. Ich kann seltener schreiben oder nur zu Weihnachten. Mir ist wichtig, dich nicht mit meinem Vergangenen zu erdrücken.
Und noch etwas falls du einfach mal vorbeikommen willst, ohne Anlass: Ich bin da. Habe einen freien Hocker und saubere Tasse. Die saubere, das habe ich extra geprüft.
Dein Opa Karl.
Ich musste wegen der Tasse schmunzeln. Sehe die kleine Küche vor mir: den Hocker, das Blutzuckermessgerät auf dem Tisch, eine Tüte Kartoffeln bei der Heizung.
Ich habe ein Foto von meiner Wohnheimküche gemacht: das Spülbecken voll, die gruselige Pfanne, ein Karton Eier, Wasserkessel, zwei Tassen, eine mit Sprung, auf dem Fensterbrett ein Glas mit Gabeln.
Das Bild schickte ich Opa und schrieb dazu:
Hallo Opa,
Hier meine Küche. Zwei Hocker, genug Tassen, du kannst also auch spontan mal vorbeikommen. Na ja, fast wie zu Hause.
Du gehst mir nicht auf die Nerven. Manchmal weiß ich nicht, was ich antworten soll aber das liegt nicht daran, dass ich nicht lese.
Wenn du Lust hast, erzähl doch mal was, das nicht mit Arbeit oder Essen zu tun hat. Irgendwas, worüber du noch nie jemandem gesprochen hast nicht weil es peinlich ist, sondern weil es einfach keinen Zuhörer gab.
A.
Ich drücke auf Senden und merke plötzlich, dass ich zum ersten Mal im Leben einer erwachsenen Person in der Familie so eine Frage stelle.
Das Handy lege ich daneben. Die Eier brutzeln leise auf dem Herd. Im Zimmer nebenan lacht jemand. Ich wende das Ei, drehe die Flamme aus und setze mich auf meinen Hocker. Ich stelle mir vor, wie Opa irgendwann wirklich mir gegenübersitzt, aus seiner sauberen Tasse trinkt und die nächste Geschichte nicht mehr schreibt, sondern erzählt.
Ob er wirklich kommt? Keine Ahnung, und was noch kommt weiß ich nicht. Aber zu wissen, dass ich jetzt jemandem meine chaotische Küche zeigen und fragen kann: Und wie gehts dir so? damit wird es in der Brust ruhig und ein bisschen eng.
Ich schaue auf unser Chat-Fenster: Linien, Karo, meine abgekürzten A.-Antworten. Ich lege das Handy mit dem Bildschirm nach unten damit ich kein neues Zeichen verpasse.
Das Ei ist kalt, aber ich esse es langsam, als würde ich es mit jemandem teilen.
Das Wort liebe steht nirgends in unseren Nachrichten. Aber zwischen den Zeilen ist jetzt etwas, das gerade reicht für uns beide.





