Morgens im Kreis
An der Tür des Aufzugs hing mal wieder ein Zettel, angeklebt mit durchsichtigen Tesastreifen: BITTE KEINE TÜTEN VOR DEN MÜLLSCHLUCKER STELLEN. Der Tesafilm hielt nur gerade so, die Ecken des Papiers hatten sich schon eingerollt. Das Licht im Flur flackerte und ließ die Worte je nach Moment entweder grell oder ganz blass wirken ganz wie die Stimmung in der Haus-WhatsApp-Gruppe.
Renate Hoffmann stand mit dem Schlüsselbund in der Hand und hörte, wie eine Bohrmaschine im sechsten Stock kreischte, kurz stoppte und dann wieder loslegte. Nicht der Lärm machte sie wütend. Es war eher das Drumherum: dass jede Störung automatisch einen Hausgericht-Prozess auslöste. Einer tippte im Chat in Großbuchstaben, jemand anderes konterte spitz, wieder jemand anders teilte Bilder von fremden Schuhen vor der Tür, als wären das Beweisstücke für den Verfall der Hausmoral. Und jedes Mal fühlte sich Renate genötigt, irgendwie mitzumischen, obwohl sie sich eigentlich nur eins wünschte: Stille im Kopf.
Sie schleppte ihre Einkaufstüte hoch, stellte sie in der Küche ab den Mantel noch an und öffnete das Handy. Ganz oben stand: WER HAT NACHTS AUF DEM SPIELPLATZ GEPARKT. Gleich darunter ein Foto von einem Autoreifen auf dem Bordstein. Dann: WER GRÜSST EIGENTLICH NIE IM TREPPENHAUS? Renate überflog die Nachrichten, fühlte, wie dieses gewohnte Grollen in ihr aufstieg und plötzlich wurde ihr klar, wie sehr sie es leid war, immer nur Zaungast und Mitläuferin bei fremden Kleinkriegen zu sein. Und wie schnell sie selbst, auch nur im Stillen, Öl ins Feuer goss.
Am nächsten Morgen war sie sehr früh wach, ohne wirklich ausgeschlafen zu sein. Der Körper, so wie ein alter Wecker, einfach routiniert. Die Heizung knisterte, es war frisch im Zimmer. Sie warf sich eine Trainingsjacke über, zog die fürs Laufen gekauften Schuhe an, die kaum je zum Einsatz kamen, und trat ins Treppenhaus. Es roch unverkennbar nach deutschem Mietshaus: ein bisschen abgestandener Staub, hier und da etwas alte Lackfarbe und etwas, das man lieber nicht näher beschreiben möchte.
Vor dem Aufzug warf sie einen Blick auf das schwarze Brett. Da hingen Ausdrucke über Zählerablesungen, einen vermissten Kater und die Einladung zur Eigentümerversammlung. Renate kramte ihren eigenen Zettel hervor, den sie am Abend vorbereitet hatte, glättete ihn und pinnte ihn ordentlich fest.
Morgendliche Spaziergänge um den Block. Ohne Gesprächszwang und ohne Verpflichtung. Wer Lust hat: Treffpunkt 7:15 vor dem Eingang. Einfach eine Runde drehen und wieder gehen. Renate H.
Sie musste selbst schmunzeln, wie einfach das klingen konnte. Kein Lasst uns Freunde werden, kein Wir müssen alle menschlich sein, einfach: Schritte.
Um 7:12 stand sie schon bereit, hatte den Herd und die Fenster gecheckt. Schlüssel und Handy in der Hand, Mütze auf dem Kopf. Sie war fest überzeugt, gleich wieder allein zu verschwinden, als sei es immer so geplant gewesen.
Da fiel die Haustür ins Schloss und eine Frau um die 45 trat heraus, Haare ordentlich zurückgebunden, Gesichtsausdruck wie jemand, der auf alles vorbereitet sein muss.
Sind… sind Sie wegen dem Zettel da? fragte sie dabei, wie zur Verteidigung, am Schal nestelnd.
Ja, sagte Renate. Ich bin Renate.
Martina. Mein Rücken, der Arzt meinte, ich soll laufen. Aber allein ists langweilig. Sie zögerte, als müsste sie sich dafür rechtfertigen: Ich bin eigentlich nicht redselig.
Muss man auch nicht, meinte Renate.
Keine Minute später gesellte sich ein schmaler Mann, dunkle Jacke, leichte Schultern. Er nickte den beiden zu, als überlege er, ob es nötig sei, extra guten Morgen zu sagen und tat es doch:
Guten, sagte er kurz. Ich bin Thomas. Aus dem Fünften.
Ich aus dem Sechsten, ergänzte Renate zügig sie hatte ihre Nachbarn lange genug studiert, um das ganz automatisch zu wissen. Plötzlich merkte sie, wie ihr Wissensdurst nach Ordnung wieder aufflammte.
Thomas grinste schief.
Dann eben aus dem Sechsten. Mein Fehler.
Zuletzt kam ein größerer Herr um sechzig, Sportmütze, Gang wie einer, der viele Runden auf der Aschenbahn gedreht hat. Ohne Fragen stellte er sich dazu.
Wolfgang, sagte er knapp. Ich geh eh immer morgens. Dachte, ich bin der Einzige.
Pünktlich um 7:16 liefen sie los. Renate hatte den einfachsten Weg ausgesucht: einmal um den Block, am Rewe vorbei, durch den Nachbarhof, an der Schule entlang und zurück. Der Schneematsch war stellenweise glattgetreten, die Luft kalt. Minutenlang kein Wort, jeder hörte auf den eigenen Rhythmus.
Renate merkte, wie sich ihr Körper erst wehrte, dann langsam den Takt annahm. Die Geräuschkulisse aus Kopfrufen, Beschwerden und Chatdebatten löste sich langsam auf. Da war nun Platz. Kein leeres Loch eher wie frisches Papier.
An der Ecke meinte Thomas:
Ich dachte erst, das mit dem Nicht-Reden ist ein Scherz. Bei uns wird sonst immer geredet.
Kann man, wenn man will, sagte Renate. Bloß ohne Rechenschaft.
Martina lachte leise, verzog aber gleich das Gesicht, eine Hand stützte sie an die Hüfte.
Alles okay?, fragte Renate.
Geht schon. Hauptsache nicht plötzlich stehen bleiben.
Wolfgang ging wie im Takt, als würde er Schritte zählen. Auf dem Rückweg sagte er:
Gut so. Ohne Stammtisch-Gelaber. Einfach nur laufen.
Um 7:38 standen sie wieder vor der Haustür. Einen Moment blieb jeder etwas unbeholfen stehen, wie nach einer Sitzung im Büro.
Morgen? fragte Martina.
Wenn jemand kommt, lächelte Renate.
Ich bin dabei, sagte Thomas und hob zum Abschied die Hand.
Am nächsten Tag waren sie zu dritt. Wolfgang blieb weg, dafür erschien Frau Schulz aus dem Vierten Tatjana, etwas über vierzig, in knalliger Daunenjacke und einem Blick, als wolle sie sicherstellen, dass hier keine Sekte gegründet wird.
Ich guck nur mal, murmelte sie, stellte sich nicht vor.
Schau gerne, nickte Renate und marschierte los, bevor einer groß Regeln erklären konnte.
Tatjana ging neben Thomas, schweigend. In der zweiten Woche, beim dritten Spaziergang, erzählte sie dann doch:
Ich mag solche Gruppen eigentlich nicht. Am Ende wird wieder fürs Treppenhaus gesammelt und wer nicht zahlt, ist unten durch.
Hier wird nicht gesammelt, beschwichtigte Thomas. Bin da auch allergisch nach meiner Scheidung hab ich auf Kasse keinen Nerv mehr.
Das Wort Scheidung ließ Renate innehalten. Sie wusste, wie schnell aus persönlichem Schmerz Klatsch wurde oder schlimmer, Munition.
Letztlich hielt sich die Morgenrunde aus eigener Kraft. Immer um 7:15 am Start, um 7:40 waren alle wieder weg. Manchmal fehlte einer, tauchte dann wieder auf. Martina trank zwischendurch Wasser, Thomas kam einmal ohne Mütze und fror vor sich hin, blieb aber tapfer, und Tatjana hielt anfangs Distanz, drängte sich später aber mehr rein.
Und ganz langsam sickerte das in den Hausflur: Leute grüßten sich häufiger. Nicht aus Pflicht, sondern weil sie sich morgens schon in freundlicherer Version begegnet waren.
Eines Abends, sie kam entnervt von der Hausärztin zurück, traf sie Wolfgang beim Aufzug, wie er ärgerlich auf den klemmenden Knopf drückte.
Geht nicht? fragte sie.
Doch, man muss bloß beherzt drücken.
Er drückte, die Tür fuhr auf. Innen das übliche Licht, das zerkratzte Spiegelglas. Wolfgang sagte plötzlich:
Danke fürs Mitlaufen. Ich dachte schon, mir bleibt nur noch mein Kopfkino. Ist besser so.
Renate nickte. In ihr wurde es ganz warm, ließ es aber nicht zu klebrig werden. Nur: Es tat gut, dass sich jemand leichter fühlte.
Kleine Gefälligkeiten tauchten allmählich auf. Thomas zeigte Martina still auf ihren offenen Schnürsenkel, Martina bedankte sich später im Chat nicht namentlich, aber mit Smileys.
Tatjana brachte eines Morgens ein Paket Streusalz mit.
Ist nicht für alle, nur für mich. Damit ich nicht auf die Klappe fliege.
Danke trotzdem, sagte Renate.
Noch während sie zusammen die Stufen streuten, meinte Tatjana widerwillig:
Na gut, jetzt bin ich ja eh da…
Im Chat wurde der Tonfall sanfter, weniger Großbuchstaben, weniger Gezeter, auch wenn noch über Müll oder Falschparker gemeckert wurde. Man las hin und wieder: Kann man doch ruhig klären, Leute. Das war kein Spruch mehr, sondern ein leiser Reminder.
Kurz vor Weihnachten gabs dann wieder Aufruhr: Im sechsten Stock renovierte Andreas, noch ein junger Nachbar mit Hund. Jetzt lauerte der Bohrer bis spät abends. Im Chat türmten sich Beschwerden: Es reicht! Die Leute haben Kinder! Gehts noch? Tatjana schrieb: Der macht das immer so. Dem ist alles egal.
Beim nächsten Morgenkreis wirkte Martina verkrampfter.
Der über mir Andreas. Gestern bohrte der bis zehn. Ich hab das später immer noch in den Ohren gehabt.
Thomas seufzte.
Rein rechtlich ist das erlaubt bis elf, solange
Mir gehts nicht ums Gesetz, fuhr Martina rein. Mir gehts ums Miteinander.
Tatjana, sonst immer spöttisch, war diesmal ernst.
Da muss man Druck machen. Listen, Hausverwaltung, fertig.
Renate merkte, dass aus der warmen Gruppe fast über Nacht wieder der alte Fronten-Flur werden konnte. Sie grauste es, wie schnell wir gegen ihn wieder aufkam.
Erst reden, dann Listen, schlug sie vor.
Mit dem?, Tatjana war fassungslos. Das bringt doch nichts.
Er ist auch nur ein Mensch. Wir sind keine Kommission, sagte Renate ruhig.
Thomas blickte sie neugierig an.
Gehst du?
Renate wollte eigentlich nicht. Sie hoffte, es ergäbe sich von allein. Aber sie wusste, wenn jetzt die Unterschriftensammler starten, würde alles verloren gehen.
Ich treff ihn. Aber nur zu zweit, keine Meute.
Thomas nickte.
Noch am selben Abend schrieben sie Andreas kurz im Chat an: Könnten wir eben reden? Renate aus dem Haus. Er antwortete zügig: Klar, ich bin da.
Vor seiner Tür standen ordentlich verknotete Müllsäcke, kein Dreck, kein Krawall. Renate klopfte. Kein Bohrlärm.
Andreas machte in T-Shirt und staubigen Händen auf, sein Hund ein freundlicher, rötlicher Mischling lugte hervor, verzog sich gleich wieder.
Hallo. Ist was passiert?
Wir kommen nicht zum Schimpfen, stammelte Renate und fand ihr eigenes Deutsch komisch, aber egal. Es geht um die Baustelle.
Thomas wartete daneben, sagte nichts.
Ich halte meistens bis neun durch, erklärte Andreas sofort. Tagsüber kann meine Truppe nicht, nach Feierabend muss ich ran. Ich geb Gas, ehrlich.
Wir verstehen das, sagte Renate. Die Sache ist nur: Über dir, die Martina, Rückenschmerzen, die braucht nachts Ruhe. Und für uns alle bis zehn Uhr ist halt… viel.
Andreas seufzte.
Wusste ich nicht mit dem Rücken. Ich dachte, ja, Chat-Getue, Gesicht zeigt ja eh keiner.
Renate spürte einen Stich. Es stimmte nie redete man persönlich.
Wie wärs: Sie sagen vorher, an welchen Abenden es wirklich sein muss dann halten wir uns die Zeit frei. An den anderen ticken Sie pünktlich aus. Den Müll, bitte tagsüber.
Andreas blickte zu den Säcken.
Die fahr ich morgen früh weg. Natürlich.
Und sonst Zeit?, fragte Thomas.
Ich schaffs meistens bis neun. Halb zehn vielleicht am Limit. Ich schreib Bescheid, fallss mal später wird, und das auch höchstens einmal pro Woche.
Renate nickte.
Und… Ihr Hund. Meist ruhig, aber nachts, wenn er bellt…
Andreas lief rot an.
Nur wenn ich noch unterwegs bin, der vermisst mich. Ich kauf was, damit er abends abgelenkt ist. Sagen Sie es mir einfach direkt, nicht erst in die Gruppe, okay?
Als sie im Treppenhaus runtergingen, meinte Thomas leise:
Eigentlich ganz in Ordnung. Nur noch jung und eben allein.
Sind wir hier irgendwie alle…, entgegnete Renate und wunderte sich, dass sie das aussprach.
Am nächsten Tag schrieb Andreas: Renovierung heute bis 21 Uhr. Wenns mal später sein muss, sag ich vorher Bescheid. Müll geht morgen früh raus. Einer gab einen Emoji, viele schwiegen. Tatjana schrieb: Na, schaun mer mal. Aber kein Großbuchstabengebrüll.
Beim nächsten Spaziergang tauchte Tatjana mit verkniffenem Gesicht auf.
Und, gesprochen?
Ja. Bis neun, mit Vorwarnung.
Das wars schon?, ihr Blick verlangte Anerkennung für den harten Weg.
Mehr muss auch nicht. Es geht nicht ums Gewinnen.
Tatjana schnaufte, lief aber weiter. Nach ein paar Minuten murmelte sie:
Wenns wieder lärmt, sag ich trotzdem was.
Mach ruhig, sagte Renate ruhig. Aber dann erst ihm direkt.
Martina ging mit und sagte leise:
Danke, dass ihr keinen Shitstorm draus gemacht habt. Noch so eine Nummer hätte ich nicht gepackt.
Renate spürte einen Kloß im Hals, atmete die eisige Luft weg.
Eine Woche später kam Wolfgang nicht mehr. Renate traf ihn an den Briefkästen.
Sie fehlen!
Knie, sagte er. Der Arzt sagt: pausieren.
Schade, meinte Renate.
Seh euch trotzdem. Mach das Fenster auf, wenn ihr vorbei geht. Ist fast wie selber laufen.
Das war gleichermaßen rührend und lustig.
Zu Neujahr war die Runde auf Renate, Martina und Thomas geschrumpft. Tatjana kam mal, mal nicht, als würde sie testen, ob das alles nicht sowieso auseinanderfällt. Andreas schaffte es gelegentlich, wenn er vom Renovieren platt war, ging dann aber meist still voraus.
Das Haus blieb Haus: Tüten vor dem Müll, krumm geparkte Autos, der Chat weiterhin Debattenfeld. Aber für Renate hatte sich etwas verändert es gab im Haus nicht nur Streit, sondern auch eine kleine Erinnerung, dass es anders geht.
Im Januar, an einem ganz normalen Morgen, stand sie schon um 7:14 draußen. Thomas kam gerade die Jacke schließend dazu. Er hob kaum die Augenbrauen.
Moin, Renate.
Moin, Thomas.
Martina kam dazu, vorsichtig auf den gestreuten Stufen.
Hallo. Dem Rücken gehts heute einigermaßen, lächelte sie als wäre das Tagesziel schon erreicht.
Da tauchte Tatjana auf, noch müde, dieses Mal ohne Stichelei.
Ich laufe mit. Aber bitte kein Chat-Nachgeplapper, brummte sie.
Abgemacht, meinte Renate.
Sie zogen los. Ihre Schritte fanden den gewohnten Rhythmus nicht perfekt, aber verlässlich. An der Ecke half Thomas Martina fast unmerklich, als sie ausrutschte, niemand bedankte sich explizit.
Als sie zurückkamen, stand Andreas draußen mit Hund an der Leine.
Guten Morgen! Ich muss gleich los zur Arbeit. Danke nochmal… für neulich.
Renate nickte ihm freundlich zu.
Wir wohnen doch hier zusammen, sagte sie.
Das war kein Spruch, sondern einfach Tatsache ein Haus, das langsam gelernt hatte, dass es nicht Grund genug für ewigen Kleinkrieg ist.





