Ich zeige dich an!, schrie die Mutter.
Nur zu! Fang doch an!, entgegnete Clarissa. Sie blieb ganz ruhig. Die Unterlagen waren korrekt und nach Vorschrift ausgefüllt.
Die Mutter kam wieder, um ihr das Leben schwer zu machen. Clarissa ließ sie nicht in die Wohnung, aber ihre Mutter rief von draußen, von dem Treppenabsatz, lautstark Drohungen durch die Tür und schlug immer wieder mit der Faust gegen das Holz. Sie beschimpfte ihre Tochter, nannte sie eine Betrügerin, eine Diebin, die sich fremdes Eigentum erschlichen hätte.
Die Polizei rufen hätte Clarissa können, doch dazu konnte sie sich nicht durchringen es war schließlich ihre eigene Mutter. Die Nachbarn hielten sich aus der Sache heraus.
Familiensachen, seufzte die alte Frau, die hinter der nächsten Tür wohnte, während sie den Krach und das Geschrei hörte. Ach, Frau Siebert, schüttelte die Nachbarin vom unteren Stock den Kopf.
Frau Siebert, die da gemeint war, war Clarissas Großmutter, Pauline Siebert. Sie hatte Clarissa von klein auf aufgezogen.
***
Sie kommt heute nicht, mein Kind! Sei nicht so lang am Fenster, hier zieht es noch, sonst erkältest du dich, sagte Pauline Siebert zu der fünfjährigen Clarissa. Schau, ich habe dir neue Buntstifte gekauft. Mal doch ein schönes Bild!
Großmutter wusste immer, wie sie Clarissa ablenken konnte. Die Kleine vergaß ihre Traurigkeit und setzte sich an den Küchentisch. Der Hocker war extra für sie von Oma umhäkelt worden, mit einer beigen Decke, die einer Katzenpfote ähnelte. Clarissa tunkte ihren Pinsel ins Glas und begann verträumt zu malen.
Pauline Siebert wirbelte währenddessen geschäftig herum sie kochte Eintopf, briet Frikadellen, stampfte Kartoffeln für Püree. An der Wand schlug eine alte Pendeluhr betulich die Zeit, der Wasserkessel pfiff, der Kühlschrank brummte leise und draußen tobte ein Schneesturm. Die kleine Wohnung war erfüllt von Wärme und Geborgenheit.
Warum? Warum kommt Mama denn so selten? Es ist doch so schön bei uns!, dachte Clarissa. Die Gedanken des Mädchens kreisten immer wieder um die Mutter.
Marlene, Clarissas Mutter, wohnte gar nicht so weit entfernt; mit der S-Bahn waren es zwei Stationen. Doch sie kam nur selten zu Mutter und Tochter sie ordnete ihr eigenes Leben.
Clarissa war Marlene sehr früh geboren worden; mit neunzehn. Ein Jahr später starb ihr Mann Klaus bei einem tragischen Motorradunfall. Die Wohnung, in der er gelebt hatte, hatte einst seine eigene Großmutter ihm überlassen. Klaus Eltern lebten weit entfernt, im Ausland, um ihren Sohn hatten sie sich nie gekümmert das hatte seine Oma getan.
Dort lebte Marlene mit ihrem Mann, und dann auch mit der kleinen Clarissa. Nach Klaus Tod ging die Ein-Zimmer-Wohnung auf Marlene über.
Marlene trauerte nicht besonders lange.
Ich bin jung und will leben, erklärte sie ihrer Mutter. Ich bin erst zwanzig. Ich muss einen neuen Mann finden.
Du hast ein Kind zu erziehen, nicht viel Zeit zum Ausgehen! Und am besten wäre, du würdest studieren! Oder beides zusammen!, schimpfte Pauline Siebert. Ich habe auch studiert, geheiratet, dich im letzten Studienjahr bekommen und mein Diplom gemacht.
Nicht jeder ist so wie du, Mama. Außerdem, hast du selbst gesagt, erst hast du die Ausbildung gemacht, dann gearbeitet und dann erst mit dreißig auf dem Abendgymnasium studiert, und ich bin jetzt gerade einmal zwanzig. Bin ich ein Arbeitspferd, dass ich alles gleichzeitig machen muss? Dann hattest du wenigstens einen Mann ich bin Witwe!
Bei diesen Worten fing Marlene meistens an zu weinen, und Pauline Siebert tat ihre Tochter leid denn wer weiß, wie es ist, mit zwanzig Witwe zu sein?
Bring mir Clarissa, ich helfe dir…
Danke, Mami, rief Marlene dann fröhlich und küsste ihre Mutter auf die Wange.
Während Clarissas Kindergartenzeit sich näherte, kümmerte sich Pauline Siebert darum, ihr Enkelkind in eine nahe Kita anzumelden damit der Weg nicht zu weit war. Sie hatte inzwischen ohnehin aufgehört zu arbeiten sie war im Rentenalter.
Marlene dagegen hörte allmählich ganz auf, ihre Mutter und Clarissa zu besuchen. Sie war in einer neuen Arbeitsstelle und ganz auf die Suche nach einem neuen Mann fixiert. Studieren wollte sie sowieso nicht sie fand auch so Gefallen an ihrem Leben.
Pauline Siebert war betrübt, so hatte sie sich das Leben ihrer einzigen Tochter nicht vorgestellt. Doch Zeit zum Grübeln blieb ihr kaum alle Aufgaben rund um Clarissa nahm sie selbstverständlich auf ihre Schultern.
Oft warf sie sich vor, dass sie ihrer Tochter Hilfe angeboten hatte; aber anders konnte sie es eigentlich auch nicht machen. Wer konnte ahnen, dass Marlene so dreist würde und Kind und Haushalt völlig ihrer Mutter überließ?
Um aber Marlenes Fairness willen muss man sagen: Geld für die Tochter gab sie ihr regelmäßig, und bisweilen kam sie auch vorbei, wie ein Sonnenstrahl, wie Pauline Siebert schmunzelnd sagte.
An solchen Tagen war für Clarissa Festtag. Die Mutter brachte ihr Süßigkeiten, manchmal eine Puppe, vielleicht ein neues Spiel und dann, umhüllt von dem Duft süßer Parfums, verschwand sie wieder.
Clarissa stand oft lange am Fenster und weinte still vor sich hin. Warum hatte es Mama immer so eilig?
Jedes Mal versprach Marlene hoch und heilig, sie würde bald wiederkommen und länger bleiben aber immer wieder hielt sie ihr Versprechen nicht.
Die Jahre vergingen. Marlene heiratete und ließ sich wieder scheiden. Sie vermietete die kleine Wohnung und zog in eine größere Stadt dort schien ihr die Suche nach einem neuen Mann leichter.
Schließlich hörte Clarissa auf, auf die Mutter zu warten. Sie fühlte sich beim Zusammensein sogar verlegen sie hatten sich nichts zu sagen. Marlene kam jetzt höchstens einmal im Jahr, blieb über Nacht, und Clarissa musste ihr zuliebe ihr Zimmer räumen und zu Oma aufs Sofa umziehen.
Mit der Mutter verband sie nichts: Die ersten Schritte, das erste Zähnchen, Buchstaben, all das durchlebte Clarissa mit Oma. Die Einschulung, die ersten guten Noten, Urkunden, der Zeichenkurs, die Theatergruppe, auch die Musikschule die Mutter ließ das alles an sich vorbeigehen.
Für Clarissa war die Mutter immer wie ein Schmetterling schön, flatterhaft, für einen kurzen Moment tauchte sie auf, um gleich wieder zum nächsten Blütenkelch zu fliegen.
Als Clarissa dann das Abitur machte, heiratete Marlene zum vierten Mal.
Pauline Siebert wurde inzwischen häufig krank, musste öfter zum Arzt. Sie war fünfundsiebzig geworden, hatte tapfer durchgehalten, aber das Alter forderte seinen Tribut.
Hoffentlich kann ich dich noch lange begleiten…, seufzte Pauline Siebert. Schließlich interessiert sich deine Mutter nicht für dich.
Aber Oma, mach dir keine Sorgen! Du wirst noch gesund! Heutzutage können die Ärzte so viel helfen, antwortete Clarissa optimistisch. Pauline Siebert musste bei solchen Worten lächeln. Sie war stolz auf ihre Enkelin. Clarissa hatte das Studium selbst durchgezogen, einen guten Abschluss gemacht, streng und fleißig gelernt.
Kaum war Clarissa mit ihrem Studium fertig, wurde die Oma sehr krank und konnte das Bett nicht mehr verlassen. Anstatt ins Berufsleben zu starten, pflegte Clarissa sie aufopferungsvoll.
Pauline Siebert hatte etwas gespart; sie war früher wieder arbeiten gegangen, als Clarissa größer war, und so standen etwas Rücklagen zur Verfügung. Clarissa pflegte und umsorgte sie und die Großmutter wurde wirklich wieder gesund.
Marlene hatte in der Zeit nie nach ihrer Mutter gesehen, nicht einmal nachgefragt. Kein Anruf, kein Geld, keine Pakete, und richtig besucht hatte sie ihre Mutter auch nicht, seit der vierten Hochzeit.
Ich habe keine Zeit, so lautete die einzige knappe Antwort am Telefon.
Als Clarissa einmal um Hilfe bat, behauptete Marlene, schwer krank zu sein.
Weißt du, ich bin vielleicht sogar noch kränker als Mutter, nur sag ich das niemandem, gestand sie Clarissa, als die anrief, um zumindest für ein paar Tage Hilfe zu bitten die Oma war seit zwei Monaten ans Bett gefesselt. Ich werde nun einen Antrag auf Erwerbminderungsrente stellen, habe alle Atteste. Du bist bei mir an der falschen Adresse, ich brauche selber Hilfe.
Marlene verabschiedete sich rasch und legte auf. Pauline Siebert musste lächeln, als Clarissa ihr das erzählte.
Nichts hat sie! Die tut nur so, damit sie sich nicht kümmern muss. Mir bleibt nichts erspart…, winkte die alte Frau mit schwacher Hand ab. Welcher Invalidin lebt denn so? Gerade erst geheiratet hat sie! Bloß kein Aufwand, das ist ihr Recht!
Für Pauline Siebert war das bitter. Ihre Tochter dachte nur an sich doch ihre Enkelin tröstete sie.
Dank Clarissa wurde die Großmutter wieder gesund. Ihr erstes Ziel: das Notariat.
Wir regeln jetzt die Schenkung der Wohnung, erklärte sie, noch ganz wackelig, zu Clarissa.
Ach, Oma, du hast immer solche traurigen Gedanken, tadelte Clarissa sacht.
Ich sorge für dich. Siehst du nicht, wie das Leben spielt? Marlene ist doch wie eine Fremde für dich, sie kommt doch nicht mal, wenn ich auf Hilfe angewiesen bin. Deshalb soll sie es auch nicht bekommen, weder Wohnung noch Geld.
So machten sie die Übertragung. Pauline Siebert lebte danach noch zwei Jahre, dann wurde sie so krank, dass sie starb.
Aber ich bin doch nicht einmal verheiratet, habe kein Kind bekommen…, flüsterte Clarissa unter Tränen, als sie am frischen Erdhügel stand, den Kränze umgaben. Du wolltest doch auf meiner Hochzeit tanzen, Oma, und meine Kinder noch auf den Arm nehmen…
Marlene erschien nicht zur Trauerfeier, sie entschuldigte sich gesundheitlich sei sie so angeschlagen, dass sie nicht mal reisen könne. Etwas Geld überwies sie, mehr nicht.
Clarissa musste alles allein organisieren. Neben ein paar Nachbarn kamen nur wenige alte Freunde und Kolleginnen der Großmutter sie halfen der traurigen Enkelin nach Kräften, zur Erinnerung an die gute Pauline Siebert.
Als Marlene hörte, dass sie leer ausging, genas sie sofort.
Eine wundersame Heilung…, wütete Clarissa innerlich, während die Mutter erneut vor der Wohnung schrie.
Nur ein einziges Mal, nach dem Tod der Großmutter, ließ Clarissa die Mutter herein und bereute es sogleich.
Vor Zorn schleuderte Marlene die Lieblingsvase von Oma an die Wand, als sie die Besitzurkunde Clarissas sah. Sie hätte beinahe das Dokument zerrissen, stampfte und tobte. Clarissa konnte sie nur mit Mühe hinausbitten.
Das ist meine Wohnung! Meine!, rief Marlene und schüttelte ihre Fäuste. Du hast Oma im Zustand geistiger Umnachtung ausgenutzt, das werde ich gerichtlich klären lassen! Ich hole mir die Wohnung zurück!
Marlene redete sich ein, dass ihre Mutter nicht mehr zurechnungsfähig gewesen war. Sie kam noch mehrmals und setzte Clarissa zu. Doch die ließ sie nicht mehr ein.
Sie war krank! Du hast es doch selbst gesagt! Nach dem Schlaganfall war ihr Gehirn beschädigt! Sie wusste nicht, was sie tat das ist sittenwidrig!, tobte Marlene hinter der Tür. Seht euch das an, liebe Nachbarn! Hier wohnt eine Diebin! Sie hat die Wohnung der armen alten Dame gestohlen! So etwas darf keine Gültigkeit haben!
Die Nachbarn hörten alles und schmunzelten nur. Sie kannten Pauline Siebert und Clarissa lange und wussten genau, wie es war.
Vorm Gericht kam die Sache nie. Marlene wurde tatsächlich krank und hatte damit andere Sorgen.
Clarissa… Ich… ich brauche deine Hilfe…, flüsterte Marlene am Telefon. Die Männer kennen sich mit Pflege nicht aus… du hast dich doch auch um Mutter gekümmert… komm doch… mir geht’s wirklich schlecht…
Tut mir leid, Mama, das geht nicht, antwortete Clarissa. Ich bin schwanger, der Arzt hat mir alles Schwere verboten.
Schwanger?!, schrie Marlene plötzlich laut ins Telefon fort war der leise Ton.
Ich bin verheiratet, glücklich, und erwarte ein Kind. Und, hast du deinen Prozess eigentlich gewonnen?, fragte Clarissa mit Würde und bissigem Unterton.
Elende…!, keifte ihre Mutter und legte auf.
Marleen, schrei doch nicht so!, schalt Marlenes Ehemann Stefan, der danebenstand und seine Frau liebevoll ansah. Wir nehmen einen Kredit auf, stellen eine Pflegerin ein, das wird schon!
Lass mich in Ruhe!, fauchte Marlene.
Ihr Mann nervte sie ohnehin. Stefan, ein Witwer, zehn Jahre älter, hatte Marlene mit einem scheinbaren Wohlstand beeindruckt (dabei war alles nur Schein, für den er sich bis zur Heirat hoch verschuldet hatte). Nach der Hochzeit zerplatzten ihre Hoffnung rasch. Doch sie ließ sich nicht sofort scheiden kostenlos wohnen, warum nicht? Einen neuen Partner fand sie aber nicht, und das nächste Problem machte ihr die Gesundheit einen Strich durch die Rechnung.
***
Hättest du bloß nie so getan, als wärst du krank, Mama…, murmelte Clarissa leise, während sie abends an das große Fenster trat und in die Sterne blickte. Von da oben sieht man alles.
Sie dachte oft daran, wie glücklich sie eigentlich war gerade jetzt, wo sie ihren lieben Mann Johann hatte. Vielleicht hatte ihn ihr der Himmel geschickt. Oder ihre Oma. Denn sie hatte von Herzen gewollt, dass ihre Enkelin glücklich werden sollte…





