Ausgenutzt — “Ich zeig’ dich an!”, schrie die Mutter. — “Nur zu! Fang schon an!”, entgegnete Larissa ruhig. Sie machte sich keine Sorgen. Alle Unterlagen waren ordnungsgemäß, bis ins Detail. Schon wieder war die Mutter da, um ihre Nerven zu strapazieren. In die Wohnung ließ Larissa sie nicht rein, aber die Mutter brüllte Drohungen durch die Tür, stand tobend im Hausflur und schlug mit der Faust gegen das Holz. Sie schimpfte ihre Tochter eine Verbrecherin, Diebin, rief, Larissa hätte sich unrechtmäßig fremdes Eigentum angeeignet. Man hätte die Polizei rufen können, doch Larissa brachte es nicht übers Herz – es war schließlich ihre Mutter. Die Nachbarn hielten sich lieber raus. „Wieder Familienstreit…“, seufzte Frau Sauer, die alte Dame aus der Nachbarwohnung, während sie dem Lärm und den Schreien vom Treppenhaus lauschte. „Ach, Semjonowa…“, bedauerte Frau Schmidt, die eine Etage tiefer wohnte, und schüttelte den Kopf. Semjonowa, um die Frau Schmidt sorgenvoll seufzte, war Larissas geliebte Oma: Pauline Semonowa Kortkowa. Sie hatte Larissa von klein auf großgezogen. *** „Sie kommt nicht, steh nicht am Fenster – es zieht, du erkältest dich!“, sagte Pauline Semonowa zur kleinen fünfjährigen Larissa. „Geh lieber malen, schau, Oma hat dir neue, wunderschöne Ausmalbilder gekauft.“ Oma konnte überreden. Larissa vergaß ihren Kummer und setzte sich an den Küchentisch. Ihr Hocker, von Oma mit einer Auflage in Katzenpfotenform versehen, war ihr Lieblingsplatz zum Malen… Pauline Semonowa werkelte in der Küche, kochte Borschtsch, briet Frikadellen, stampfte Kartoffeln fürs Püree. Die Wanduhr mit Pendel tickte gemütlich, der Wasserkocher brodelte, der Kühlschrank summte leise, und draußen tobte ein Schneesturm. Es war herrlich heimelig. „Warum? Warum kommt Mama so selten? Bei uns ist es doch so schön!“, wunderte sich Larissa. Immer und immer wieder wanderten ihre Gedanken zur Mama. Marina, Larissas Mutter, wohnte nicht weit entfernt, nur zwei S-Bahn-Stationen, aber sie wollte nicht zu Mutter und Tochter kommen – sie richtete ihr eigenes Leben ein. Larissa war mit neunzehn zur Welt gekommen, ein Jahr später starb Marinas Mann Nikolai bei einem Motorradunfall. Er hatte in der Wohnung gelebt, die ihm seine Oma hinterlassen hatte. Seine Eltern lebten im Ausland und kümmerten sich nicht, ihn zog die Oma groß. Dort lebten erst Marina und Nikolai, dann auch die kleine Larissa. Nach dem Tod ihres Mannes gehörte die Einzimmerwohnung Marina. Doch lange trauerte Marina nicht. „Ich bin jung, ich will leben“, sagte sie ihrer Mutter. „Ich bin erst zwanzig. Ich suche mir einen neuen Mann.“ „Du musst dein Kind großziehen, keine Zeit für Abenteuer! Und Lernen wäre noch besser! Oder am besten alles gleichzeitig!“, schimpfte Pauline Semonowa. „Ich habe studiert, geheiratet, dich im fünften Semester bekommen und mit Auszeichnung abgeschlossen.“ „Nicht jeder ist so wie du! Außerdem hast du doch selbst gesagt, zuerst warst du auf der Fachschule, dann hast du gearbeitet, dann erst aufs Abendgymnasium – mit dreißig. Und ich bin erst zwanzig. Muss ich alles stemmen – arbeiten, studieren, Kind großziehen?! Du hattest wenigstens einen Mann, ich bin Witwe…“ Dann fing Marina meist an zu weinen, und Pauline Semonowa hatte Mitleid – wie wäre es wohl, mit zwanzig Witwe zu sein? „Bring mir Larissa, ich helfe dir…“ „Danke, Mami!“, war Marina sofort fröhlich und küsste die Mutter auf die Wange. Bald kam Larisas Kindergartenalter. Pauline Semonowa besorgte einen Platz gleich um die Ecke. Sie selbst kündigte ihren Job – sie war ohnehin im Ruhestand. Marina hingegen kam kaum noch zu Mutter und Tochter. Sie arbeitete und stürzte sich in Partnersuche. Studieren wollte sie nicht. Sie war zufrieden so. Pauline Semonowa war enttäuscht, so hatte sie sich das Leben ihrer einzigen Tochter nicht vorgestellt. Zeit zum Grübeln hatte sie trotzdem wenig – alle Fürsorge um die kleine Larissa lag auf ihren Schultern. Hundertmal haderte sie mit sich, dass sie Hilfe angeboten hatte – aber wie hätte sie anders handeln sollen? Dass Marina so schamlos würde, die Tochter komplett der eigenen Mutter zu überlassen, konnte niemand ahnen. Um der Fairness halber muss man sagen: Marina zahlte zumindest Geld für das Kind, und gelegentlich – „wie die liebe Sonne“, wie Pauline Semonowa sagte – tauchte sie auf. Für Larissa war das ein Festtag. Mutter brachte Süßes, Puppen, verschiedene Spielsachen und verschwand, duftend nach Parfum, meist ganz schnell. Oft klebte Larissa danach stundenlang am Fenster und weinte – warum hat Mama so wenig Zeit? Marina versprach jedes Mal, öfter und länger zu kommen – brach das Versprechen aber immer wieder. Die Jahre vergingen. Marina heiratete zweimal neu und ließ sich wieder scheiden. Sie vermietete die Wohnung, zog in die Großstadt – da, so hoffte sie, sei die Partnersuche leichter… Larissa hörte irgendwann auf, auf ihre Mutter zu warten, fand es sogar unangenehm, Zeit mit ihr zu verbringen – sie hatten sich nichts zu sagen. Marina kam jetzt nur noch einmal im Jahr, übernachtete und Larissa musste ihr Zimmer räumen, schlief bei Oma auf dem Sofa. Mit der Mutter verband sie nichts. Die ersten Schritte, der erste Zahn, die ersten Wörter – all die wichtigen Etappen erlebte Larissa mit ihrer Oma. Erster Schultag, Theater-AG, Musikschule – Mutter verpasste alles und interessierte sich auch nicht. Für Larissa war ihre Mutter immer wie ein schöner Schmetterling – einmal kurz zu bestaunen, dann flattert er auch schon weiter. Zu Larisas Studienbeginn heiratete Marina zum vierten Mal. Pauline Semonowa wurde oft krank, musste zum Arzt. Mit 75 war sie lange fit geblieben, doch das Alter machte sich bemerkbar. „Ach, wär ich doch noch länger da… Ich muss dir helfen, Larissa. Deine Mutter braucht dich ja nicht.“ „Aber Oma, warum redest du so traurig! Alles wird gut, du wirst wieder gesund. Die Medizin ist heute viel besser als früher.“ Larissa war Optimistin, das musste so sein, und Pauline Semonowa war stolz auf sie. Einen Studienplatz hatte die Enkelin selbst geschafft, in einem guten Fach und lernte fleißig. Gleich nach dem Abschluss wurde die Oma krank; Larissa pflegte sie hingebungsvoll, anstatt arbeiten zu gehen. Pauline Semonowa hatte etwas gespart – sie war wieder arbeiten gegangen, sobald Larissa größer war, und blieb bis vor kurzem im Job. Jetzt kam das Ersparte zugute. Larissa pflegte Oma gesund. Marina kam nie, obwohl sie über die Krankheit ihrer Mutter informiert war. Kein Geld, keine Geschenke, keine Besuche – kaum war sie das vierte Mal verheiratet, war Schluss. „Hab keine Zeit“, sagte sie nur am Telefon. Als Larissa sie um Hilfe bat, stellte Marina sich selbst krank. „Weißt du, mir geht’s wahrscheinlich noch schlechter – hab’s nur nie gesagt. Hab selbst Anspruch auf Schwerbehinderung. Du bist bei mir an der falschen Adresse, ich brauche selbst Hilfe.“ Marina verabschiedete sich schnell. Pauline Semonowa lächelte, als sie davon erfuhr. „Die hat gar nichts. Tut nur so, damit sie sich nicht kümmern muss! Ich kenn’ sie doch. Was für ein Pflegefall? Die hat’s lustig. Ist doch frisch verheiratet – wozu sich jetzt kümmern?“ Pauline Semonowa war traurig, ihre Tochter so undankbar und egoistisch. Aber die Enkelin machte alles wett. Larissa pflegte die Oma gesund, sie erholte sich. Als erstes ging Pauline Semonowa zum Notar. „Wir machen jetzt die Wohnung auf dich“, sagte sie. „Oma, nicht schon wieder solche Gedanken!“ „Ich pass auf dich auf. Sieh selbst, das Leben ist unberechenbar. Marina ist wie eine Fremde, hilft dir nie, denkt immer nur an ihre Männer. Sie hat das alles nicht verdient. Auch das Ersparte sollst du bekommen.“ So machten sie es. Pauline Semonowa lebte noch zwei Jahre, dann starb sie – diesmal endgültig erkrankt. „Ich hab’nicht mal geheiratet, keine Kinder bekommen – du wolltest doch meinen Hochzeitstanz und später mit Urenkeln spielen, liebe Oma…“, schluchzte Larissa an ihrem Grab. Marina kam zu Beerdigung nicht. Sie sagte, sie fühle sich zu schlecht. Überwies etwas Geld – sah ihre Pflicht damit als erfüllt an. Larissa organisierte alles alleine. Außer ein paar Nachbarn, Freunde und Kolleginnen von Pauline Semonowa, war niemand da. Die halfen, wo sie konnten – für einen guten Menschen. Kaum hatte Marina erfahren, dass das Erbe an ihr vorbeiging, „wurde sie schlagartig gesund“. „Wahres Wunder, noch eben war sie fast ein Pflegefall“, schimpfte Larissa, als ihre Mutter wieder vor der Tür tobte. Nach dem Tod der Oma ließ Larissa die Mutter genau ein einziges Mal in die Wohnung. Das bedauerte sie bitter. Marina warf aus Wut Omas Lieblingsvase gegen die Wand, zerriss beinahe die notarielle Besitzurkunde. Sie stampfte und schrie, Larissa hatte Mühe, sie hinaus zu befördern. „Das ist MEINE Wohnung! MEINE!“, brüllte Marina. „Diebin! Du hast Omas Krankheit ausgenutzt, um dich illegal zu bereichern! Ich geh’ vor Gericht! Ich werde es beweisen!“ Marina war überzeugt, die Mutter sei bei der Unterschrift nicht mehr zurechnungsfähig gewesen. Sie drohte Larissa, kam mehrmals, aber Larissa ließ sie nicht hinein. „Sie war krank! Das hast du mir selbst erzählt – sie lag nach dem Schlaganfall! Das heißt, das Gehirn war beschädigt! Sie war nicht im Besitz ihrer Geisteskräfte. Das ist illegal!“, schrie Marina und hämmerte an die Tür. „Seht doch, Leute! Hier wohnt eine Diebin! Sie hat eine arme Rentnerin betrogen! Das gehört ihr gar nicht!“ Die Nachbarn lächelten nur – es waren alte Leute, die Pauline Semonowa und Larissa gut kannten. Sie wussten Bescheid. Vor Gericht kam es nie. Marina wurde wirklich ernsthaft krank, der Streit spielte keine Rolle mehr. „Tochter… ich brauche deine Hilfe…“, flüsterte Marina am Telefon. „Männer haben keine Ahnung von Pflege… Du hast doch Oma gepflegt, komm doch zu mir…“ „Sorry, Mama, geht nicht“, entgegnete Larissa. „Ich bin schwanger, und der Arzt sagt, ich darf nichts Schweres heben.“ „Schwanger?!“, schrie Marina (wo war ihre leise Stimme hin?). „Ja, verheiratet, glücklich, erwarte ein Kind“, sagte Larissa mit Würde und fügte bissig hinzu: „Du wolltest doch vor Gericht gehen – warum hast du’s nicht getan?“ „Du Miststück!“, wetterte die Mutter und legte auf. „Marina, schrei doch nicht so!“, mischte sich Marinas Mann, Sergej, ein, der sie verliebt anblickte. „Wir nehmen einen Kredit, engagieren eine Pflegerin…“ „Ach, hau ab!“, giftete Marina. Ihr Mann nervte sie. Sergej, ein zehn Jahre älterer Witwer, hatte sich extra für die Ehe finanziell ins Zeug gelegt und Larissa eine Zeitlang geblendet, obwohl eigentlich kein Geld da war. Inzwischen wusste er um Marinas wahren Charakter – aber das Herz will, was es will. Sie ließ sich nicht gleich scheiden, wollte wenigstens Unterkunft bei Sergej, solange sich kein besserer Kandidat fand. Doch dann kam das Gesundheitsproblem. *** „Hättest du nicht alles auf die leichte Schulter nehmen und dich krank stellen sollen, Mama…“, sagte Larissa leise, sah abends in den Sternenhimmel. „Von oben sieht man eben alles.“ Sie dachte, wie glücklich sie doch war. Und dass ihr geliebter Ehemann Juri vom Schicksal – oder von Oma – zu ihr geführt worden war. Denn die hatte sie immer so geliebt und nur ihr Glück gewünscht…

Ich zeige dich an!, schrie die Mutter.

Nur zu! Fang doch an!, entgegnete Clarissa. Sie blieb ganz ruhig. Die Unterlagen waren korrekt und nach Vorschrift ausgefüllt.

Die Mutter kam wieder, um ihr das Leben schwer zu machen. Clarissa ließ sie nicht in die Wohnung, aber ihre Mutter rief von draußen, von dem Treppenabsatz, lautstark Drohungen durch die Tür und schlug immer wieder mit der Faust gegen das Holz. Sie beschimpfte ihre Tochter, nannte sie eine Betrügerin, eine Diebin, die sich fremdes Eigentum erschlichen hätte.

Die Polizei rufen hätte Clarissa können, doch dazu konnte sie sich nicht durchringen es war schließlich ihre eigene Mutter. Die Nachbarn hielten sich aus der Sache heraus.

Familiensachen, seufzte die alte Frau, die hinter der nächsten Tür wohnte, während sie den Krach und das Geschrei hörte. Ach, Frau Siebert, schüttelte die Nachbarin vom unteren Stock den Kopf.

Frau Siebert, die da gemeint war, war Clarissas Großmutter, Pauline Siebert. Sie hatte Clarissa von klein auf aufgezogen.

***

Sie kommt heute nicht, mein Kind! Sei nicht so lang am Fenster, hier zieht es noch, sonst erkältest du dich, sagte Pauline Siebert zu der fünfjährigen Clarissa. Schau, ich habe dir neue Buntstifte gekauft. Mal doch ein schönes Bild!

Großmutter wusste immer, wie sie Clarissa ablenken konnte. Die Kleine vergaß ihre Traurigkeit und setzte sich an den Küchentisch. Der Hocker war extra für sie von Oma umhäkelt worden, mit einer beigen Decke, die einer Katzenpfote ähnelte. Clarissa tunkte ihren Pinsel ins Glas und begann verträumt zu malen.

Pauline Siebert wirbelte währenddessen geschäftig herum sie kochte Eintopf, briet Frikadellen, stampfte Kartoffeln für Püree. An der Wand schlug eine alte Pendeluhr betulich die Zeit, der Wasserkessel pfiff, der Kühlschrank brummte leise und draußen tobte ein Schneesturm. Die kleine Wohnung war erfüllt von Wärme und Geborgenheit.

Warum? Warum kommt Mama denn so selten? Es ist doch so schön bei uns!, dachte Clarissa. Die Gedanken des Mädchens kreisten immer wieder um die Mutter.

Marlene, Clarissas Mutter, wohnte gar nicht so weit entfernt; mit der S-Bahn waren es zwei Stationen. Doch sie kam nur selten zu Mutter und Tochter sie ordnete ihr eigenes Leben.

Clarissa war Marlene sehr früh geboren worden; mit neunzehn. Ein Jahr später starb ihr Mann Klaus bei einem tragischen Motorradunfall. Die Wohnung, in der er gelebt hatte, hatte einst seine eigene Großmutter ihm überlassen. Klaus Eltern lebten weit entfernt, im Ausland, um ihren Sohn hatten sie sich nie gekümmert das hatte seine Oma getan.

Dort lebte Marlene mit ihrem Mann, und dann auch mit der kleinen Clarissa. Nach Klaus Tod ging die Ein-Zimmer-Wohnung auf Marlene über.

Marlene trauerte nicht besonders lange.

Ich bin jung und will leben, erklärte sie ihrer Mutter. Ich bin erst zwanzig. Ich muss einen neuen Mann finden.

Du hast ein Kind zu erziehen, nicht viel Zeit zum Ausgehen! Und am besten wäre, du würdest studieren! Oder beides zusammen!, schimpfte Pauline Siebert. Ich habe auch studiert, geheiratet, dich im letzten Studienjahr bekommen und mein Diplom gemacht.

Nicht jeder ist so wie du, Mama. Außerdem, hast du selbst gesagt, erst hast du die Ausbildung gemacht, dann gearbeitet und dann erst mit dreißig auf dem Abendgymnasium studiert, und ich bin jetzt gerade einmal zwanzig. Bin ich ein Arbeitspferd, dass ich alles gleichzeitig machen muss? Dann hattest du wenigstens einen Mann ich bin Witwe!

Bei diesen Worten fing Marlene meistens an zu weinen, und Pauline Siebert tat ihre Tochter leid denn wer weiß, wie es ist, mit zwanzig Witwe zu sein?

Bring mir Clarissa, ich helfe dir…

Danke, Mami, rief Marlene dann fröhlich und küsste ihre Mutter auf die Wange.

Während Clarissas Kindergartenzeit sich näherte, kümmerte sich Pauline Siebert darum, ihr Enkelkind in eine nahe Kita anzumelden damit der Weg nicht zu weit war. Sie hatte inzwischen ohnehin aufgehört zu arbeiten sie war im Rentenalter.

Marlene dagegen hörte allmählich ganz auf, ihre Mutter und Clarissa zu besuchen. Sie war in einer neuen Arbeitsstelle und ganz auf die Suche nach einem neuen Mann fixiert. Studieren wollte sie sowieso nicht sie fand auch so Gefallen an ihrem Leben.

Pauline Siebert war betrübt, so hatte sie sich das Leben ihrer einzigen Tochter nicht vorgestellt. Doch Zeit zum Grübeln blieb ihr kaum alle Aufgaben rund um Clarissa nahm sie selbstverständlich auf ihre Schultern.

Oft warf sie sich vor, dass sie ihrer Tochter Hilfe angeboten hatte; aber anders konnte sie es eigentlich auch nicht machen. Wer konnte ahnen, dass Marlene so dreist würde und Kind und Haushalt völlig ihrer Mutter überließ?

Um aber Marlenes Fairness willen muss man sagen: Geld für die Tochter gab sie ihr regelmäßig, und bisweilen kam sie auch vorbei, wie ein Sonnenstrahl, wie Pauline Siebert schmunzelnd sagte.

An solchen Tagen war für Clarissa Festtag. Die Mutter brachte ihr Süßigkeiten, manchmal eine Puppe, vielleicht ein neues Spiel und dann, umhüllt von dem Duft süßer Parfums, verschwand sie wieder.

Clarissa stand oft lange am Fenster und weinte still vor sich hin. Warum hatte es Mama immer so eilig?

Jedes Mal versprach Marlene hoch und heilig, sie würde bald wiederkommen und länger bleiben aber immer wieder hielt sie ihr Versprechen nicht.

Die Jahre vergingen. Marlene heiratete und ließ sich wieder scheiden. Sie vermietete die kleine Wohnung und zog in eine größere Stadt dort schien ihr die Suche nach einem neuen Mann leichter.

Schließlich hörte Clarissa auf, auf die Mutter zu warten. Sie fühlte sich beim Zusammensein sogar verlegen sie hatten sich nichts zu sagen. Marlene kam jetzt höchstens einmal im Jahr, blieb über Nacht, und Clarissa musste ihr zuliebe ihr Zimmer räumen und zu Oma aufs Sofa umziehen.

Mit der Mutter verband sie nichts: Die ersten Schritte, das erste Zähnchen, Buchstaben, all das durchlebte Clarissa mit Oma. Die Einschulung, die ersten guten Noten, Urkunden, der Zeichenkurs, die Theatergruppe, auch die Musikschule die Mutter ließ das alles an sich vorbeigehen.

Für Clarissa war die Mutter immer wie ein Schmetterling schön, flatterhaft, für einen kurzen Moment tauchte sie auf, um gleich wieder zum nächsten Blütenkelch zu fliegen.

Als Clarissa dann das Abitur machte, heiratete Marlene zum vierten Mal.

Pauline Siebert wurde inzwischen häufig krank, musste öfter zum Arzt. Sie war fünfundsiebzig geworden, hatte tapfer durchgehalten, aber das Alter forderte seinen Tribut.

Hoffentlich kann ich dich noch lange begleiten…, seufzte Pauline Siebert. Schließlich interessiert sich deine Mutter nicht für dich.

Aber Oma, mach dir keine Sorgen! Du wirst noch gesund! Heutzutage können die Ärzte so viel helfen, antwortete Clarissa optimistisch. Pauline Siebert musste bei solchen Worten lächeln. Sie war stolz auf ihre Enkelin. Clarissa hatte das Studium selbst durchgezogen, einen guten Abschluss gemacht, streng und fleißig gelernt.

Kaum war Clarissa mit ihrem Studium fertig, wurde die Oma sehr krank und konnte das Bett nicht mehr verlassen. Anstatt ins Berufsleben zu starten, pflegte Clarissa sie aufopferungsvoll.

Pauline Siebert hatte etwas gespart; sie war früher wieder arbeiten gegangen, als Clarissa größer war, und so standen etwas Rücklagen zur Verfügung. Clarissa pflegte und umsorgte sie und die Großmutter wurde wirklich wieder gesund.

Marlene hatte in der Zeit nie nach ihrer Mutter gesehen, nicht einmal nachgefragt. Kein Anruf, kein Geld, keine Pakete, und richtig besucht hatte sie ihre Mutter auch nicht, seit der vierten Hochzeit.

Ich habe keine Zeit, so lautete die einzige knappe Antwort am Telefon.

Als Clarissa einmal um Hilfe bat, behauptete Marlene, schwer krank zu sein.

Weißt du, ich bin vielleicht sogar noch kränker als Mutter, nur sag ich das niemandem, gestand sie Clarissa, als die anrief, um zumindest für ein paar Tage Hilfe zu bitten die Oma war seit zwei Monaten ans Bett gefesselt. Ich werde nun einen Antrag auf Erwerbminderungsrente stellen, habe alle Atteste. Du bist bei mir an der falschen Adresse, ich brauche selber Hilfe.

Marlene verabschiedete sich rasch und legte auf. Pauline Siebert musste lächeln, als Clarissa ihr das erzählte.

Nichts hat sie! Die tut nur so, damit sie sich nicht kümmern muss. Mir bleibt nichts erspart…, winkte die alte Frau mit schwacher Hand ab. Welcher Invalidin lebt denn so? Gerade erst geheiratet hat sie! Bloß kein Aufwand, das ist ihr Recht!

Für Pauline Siebert war das bitter. Ihre Tochter dachte nur an sich doch ihre Enkelin tröstete sie.

Dank Clarissa wurde die Großmutter wieder gesund. Ihr erstes Ziel: das Notariat.

Wir regeln jetzt die Schenkung der Wohnung, erklärte sie, noch ganz wackelig, zu Clarissa.

Ach, Oma, du hast immer solche traurigen Gedanken, tadelte Clarissa sacht.

Ich sorge für dich. Siehst du nicht, wie das Leben spielt? Marlene ist doch wie eine Fremde für dich, sie kommt doch nicht mal, wenn ich auf Hilfe angewiesen bin. Deshalb soll sie es auch nicht bekommen, weder Wohnung noch Geld.

So machten sie die Übertragung. Pauline Siebert lebte danach noch zwei Jahre, dann wurde sie so krank, dass sie starb.

Aber ich bin doch nicht einmal verheiratet, habe kein Kind bekommen…, flüsterte Clarissa unter Tränen, als sie am frischen Erdhügel stand, den Kränze umgaben. Du wolltest doch auf meiner Hochzeit tanzen, Oma, und meine Kinder noch auf den Arm nehmen…

Marlene erschien nicht zur Trauerfeier, sie entschuldigte sich gesundheitlich sei sie so angeschlagen, dass sie nicht mal reisen könne. Etwas Geld überwies sie, mehr nicht.

Clarissa musste alles allein organisieren. Neben ein paar Nachbarn kamen nur wenige alte Freunde und Kolleginnen der Großmutter sie halfen der traurigen Enkelin nach Kräften, zur Erinnerung an die gute Pauline Siebert.

Als Marlene hörte, dass sie leer ausging, genas sie sofort.

Eine wundersame Heilung…, wütete Clarissa innerlich, während die Mutter erneut vor der Wohnung schrie.

Nur ein einziges Mal, nach dem Tod der Großmutter, ließ Clarissa die Mutter herein und bereute es sogleich.

Vor Zorn schleuderte Marlene die Lieblingsvase von Oma an die Wand, als sie die Besitzurkunde Clarissas sah. Sie hätte beinahe das Dokument zerrissen, stampfte und tobte. Clarissa konnte sie nur mit Mühe hinausbitten.

Das ist meine Wohnung! Meine!, rief Marlene und schüttelte ihre Fäuste. Du hast Oma im Zustand geistiger Umnachtung ausgenutzt, das werde ich gerichtlich klären lassen! Ich hole mir die Wohnung zurück!

Marlene redete sich ein, dass ihre Mutter nicht mehr zurechnungsfähig gewesen war. Sie kam noch mehrmals und setzte Clarissa zu. Doch die ließ sie nicht mehr ein.

Sie war krank! Du hast es doch selbst gesagt! Nach dem Schlaganfall war ihr Gehirn beschädigt! Sie wusste nicht, was sie tat das ist sittenwidrig!, tobte Marlene hinter der Tür. Seht euch das an, liebe Nachbarn! Hier wohnt eine Diebin! Sie hat die Wohnung der armen alten Dame gestohlen! So etwas darf keine Gültigkeit haben!

Die Nachbarn hörten alles und schmunzelten nur. Sie kannten Pauline Siebert und Clarissa lange und wussten genau, wie es war.

Vorm Gericht kam die Sache nie. Marlene wurde tatsächlich krank und hatte damit andere Sorgen.

Clarissa… Ich… ich brauche deine Hilfe…, flüsterte Marlene am Telefon. Die Männer kennen sich mit Pflege nicht aus… du hast dich doch auch um Mutter gekümmert… komm doch… mir geht’s wirklich schlecht…

Tut mir leid, Mama, das geht nicht, antwortete Clarissa. Ich bin schwanger, der Arzt hat mir alles Schwere verboten.

Schwanger?!, schrie Marlene plötzlich laut ins Telefon fort war der leise Ton.

Ich bin verheiratet, glücklich, und erwarte ein Kind. Und, hast du deinen Prozess eigentlich gewonnen?, fragte Clarissa mit Würde und bissigem Unterton.

Elende…!, keifte ihre Mutter und legte auf.

Marleen, schrei doch nicht so!, schalt Marlenes Ehemann Stefan, der danebenstand und seine Frau liebevoll ansah. Wir nehmen einen Kredit auf, stellen eine Pflegerin ein, das wird schon!

Lass mich in Ruhe!, fauchte Marlene.

Ihr Mann nervte sie ohnehin. Stefan, ein Witwer, zehn Jahre älter, hatte Marlene mit einem scheinbaren Wohlstand beeindruckt (dabei war alles nur Schein, für den er sich bis zur Heirat hoch verschuldet hatte). Nach der Hochzeit zerplatzten ihre Hoffnung rasch. Doch sie ließ sich nicht sofort scheiden kostenlos wohnen, warum nicht? Einen neuen Partner fand sie aber nicht, und das nächste Problem machte ihr die Gesundheit einen Strich durch die Rechnung.

***

Hättest du bloß nie so getan, als wärst du krank, Mama…, murmelte Clarissa leise, während sie abends an das große Fenster trat und in die Sterne blickte. Von da oben sieht man alles.

Sie dachte oft daran, wie glücklich sie eigentlich war gerade jetzt, wo sie ihren lieben Mann Johann hatte. Vielleicht hatte ihn ihr der Himmel geschickt. Oder ihre Oma. Denn sie hatte von Herzen gewollt, dass ihre Enkelin glücklich werden sollte…

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Ausgenutzt — “Ich zeig’ dich an!”, schrie die Mutter. — “Nur zu! Fang schon an!”, entgegnete Larissa ruhig. Sie machte sich keine Sorgen. Alle Unterlagen waren ordnungsgemäß, bis ins Detail. Schon wieder war die Mutter da, um ihre Nerven zu strapazieren. In die Wohnung ließ Larissa sie nicht rein, aber die Mutter brüllte Drohungen durch die Tür, stand tobend im Hausflur und schlug mit der Faust gegen das Holz. Sie schimpfte ihre Tochter eine Verbrecherin, Diebin, rief, Larissa hätte sich unrechtmäßig fremdes Eigentum angeeignet. Man hätte die Polizei rufen können, doch Larissa brachte es nicht übers Herz – es war schließlich ihre Mutter. Die Nachbarn hielten sich lieber raus. „Wieder Familienstreit…“, seufzte Frau Sauer, die alte Dame aus der Nachbarwohnung, während sie dem Lärm und den Schreien vom Treppenhaus lauschte. „Ach, Semjonowa…“, bedauerte Frau Schmidt, die eine Etage tiefer wohnte, und schüttelte den Kopf. Semjonowa, um die Frau Schmidt sorgenvoll seufzte, war Larissas geliebte Oma: Pauline Semonowa Kortkowa. Sie hatte Larissa von klein auf großgezogen. *** „Sie kommt nicht, steh nicht am Fenster – es zieht, du erkältest dich!“, sagte Pauline Semonowa zur kleinen fünfjährigen Larissa. „Geh lieber malen, schau, Oma hat dir neue, wunderschöne Ausmalbilder gekauft.“ Oma konnte überreden. Larissa vergaß ihren Kummer und setzte sich an den Küchentisch. Ihr Hocker, von Oma mit einer Auflage in Katzenpfotenform versehen, war ihr Lieblingsplatz zum Malen… Pauline Semonowa werkelte in der Küche, kochte Borschtsch, briet Frikadellen, stampfte Kartoffeln fürs Püree. Die Wanduhr mit Pendel tickte gemütlich, der Wasserkocher brodelte, der Kühlschrank summte leise, und draußen tobte ein Schneesturm. Es war herrlich heimelig. „Warum? Warum kommt Mama so selten? Bei uns ist es doch so schön!“, wunderte sich Larissa. Immer und immer wieder wanderten ihre Gedanken zur Mama. Marina, Larissas Mutter, wohnte nicht weit entfernt, nur zwei S-Bahn-Stationen, aber sie wollte nicht zu Mutter und Tochter kommen – sie richtete ihr eigenes Leben ein. Larissa war mit neunzehn zur Welt gekommen, ein Jahr später starb Marinas Mann Nikolai bei einem Motorradunfall. Er hatte in der Wohnung gelebt, die ihm seine Oma hinterlassen hatte. Seine Eltern lebten im Ausland und kümmerten sich nicht, ihn zog die Oma groß. Dort lebten erst Marina und Nikolai, dann auch die kleine Larissa. Nach dem Tod ihres Mannes gehörte die Einzimmerwohnung Marina. Doch lange trauerte Marina nicht. „Ich bin jung, ich will leben“, sagte sie ihrer Mutter. „Ich bin erst zwanzig. Ich suche mir einen neuen Mann.“ „Du musst dein Kind großziehen, keine Zeit für Abenteuer! Und Lernen wäre noch besser! Oder am besten alles gleichzeitig!“, schimpfte Pauline Semonowa. „Ich habe studiert, geheiratet, dich im fünften Semester bekommen und mit Auszeichnung abgeschlossen.“ „Nicht jeder ist so wie du! Außerdem hast du doch selbst gesagt, zuerst warst du auf der Fachschule, dann hast du gearbeitet, dann erst aufs Abendgymnasium – mit dreißig. Und ich bin erst zwanzig. Muss ich alles stemmen – arbeiten, studieren, Kind großziehen?! Du hattest wenigstens einen Mann, ich bin Witwe…“ Dann fing Marina meist an zu weinen, und Pauline Semonowa hatte Mitleid – wie wäre es wohl, mit zwanzig Witwe zu sein? „Bring mir Larissa, ich helfe dir…“ „Danke, Mami!“, war Marina sofort fröhlich und küsste die Mutter auf die Wange. Bald kam Larisas Kindergartenalter. Pauline Semonowa besorgte einen Platz gleich um die Ecke. Sie selbst kündigte ihren Job – sie war ohnehin im Ruhestand. Marina hingegen kam kaum noch zu Mutter und Tochter. Sie arbeitete und stürzte sich in Partnersuche. Studieren wollte sie nicht. Sie war zufrieden so. Pauline Semonowa war enttäuscht, so hatte sie sich das Leben ihrer einzigen Tochter nicht vorgestellt. Zeit zum Grübeln hatte sie trotzdem wenig – alle Fürsorge um die kleine Larissa lag auf ihren Schultern. Hundertmal haderte sie mit sich, dass sie Hilfe angeboten hatte – aber wie hätte sie anders handeln sollen? Dass Marina so schamlos würde, die Tochter komplett der eigenen Mutter zu überlassen, konnte niemand ahnen. Um der Fairness halber muss man sagen: Marina zahlte zumindest Geld für das Kind, und gelegentlich – „wie die liebe Sonne“, wie Pauline Semonowa sagte – tauchte sie auf. Für Larissa war das ein Festtag. Mutter brachte Süßes, Puppen, verschiedene Spielsachen und verschwand, duftend nach Parfum, meist ganz schnell. Oft klebte Larissa danach stundenlang am Fenster und weinte – warum hat Mama so wenig Zeit? Marina versprach jedes Mal, öfter und länger zu kommen – brach das Versprechen aber immer wieder. Die Jahre vergingen. Marina heiratete zweimal neu und ließ sich wieder scheiden. Sie vermietete die Wohnung, zog in die Großstadt – da, so hoffte sie, sei die Partnersuche leichter… Larissa hörte irgendwann auf, auf ihre Mutter zu warten, fand es sogar unangenehm, Zeit mit ihr zu verbringen – sie hatten sich nichts zu sagen. Marina kam jetzt nur noch einmal im Jahr, übernachtete und Larissa musste ihr Zimmer räumen, schlief bei Oma auf dem Sofa. Mit der Mutter verband sie nichts. Die ersten Schritte, der erste Zahn, die ersten Wörter – all die wichtigen Etappen erlebte Larissa mit ihrer Oma. Erster Schultag, Theater-AG, Musikschule – Mutter verpasste alles und interessierte sich auch nicht. Für Larissa war ihre Mutter immer wie ein schöner Schmetterling – einmal kurz zu bestaunen, dann flattert er auch schon weiter. Zu Larisas Studienbeginn heiratete Marina zum vierten Mal. Pauline Semonowa wurde oft krank, musste zum Arzt. Mit 75 war sie lange fit geblieben, doch das Alter machte sich bemerkbar. „Ach, wär ich doch noch länger da… Ich muss dir helfen, Larissa. Deine Mutter braucht dich ja nicht.“ „Aber Oma, warum redest du so traurig! Alles wird gut, du wirst wieder gesund. Die Medizin ist heute viel besser als früher.“ Larissa war Optimistin, das musste so sein, und Pauline Semonowa war stolz auf sie. Einen Studienplatz hatte die Enkelin selbst geschafft, in einem guten Fach und lernte fleißig. Gleich nach dem Abschluss wurde die Oma krank; Larissa pflegte sie hingebungsvoll, anstatt arbeiten zu gehen. Pauline Semonowa hatte etwas gespart – sie war wieder arbeiten gegangen, sobald Larissa größer war, und blieb bis vor kurzem im Job. Jetzt kam das Ersparte zugute. Larissa pflegte Oma gesund. Marina kam nie, obwohl sie über die Krankheit ihrer Mutter informiert war. Kein Geld, keine Geschenke, keine Besuche – kaum war sie das vierte Mal verheiratet, war Schluss. „Hab keine Zeit“, sagte sie nur am Telefon. Als Larissa sie um Hilfe bat, stellte Marina sich selbst krank. „Weißt du, mir geht’s wahrscheinlich noch schlechter – hab’s nur nie gesagt. Hab selbst Anspruch auf Schwerbehinderung. Du bist bei mir an der falschen Adresse, ich brauche selbst Hilfe.“ Marina verabschiedete sich schnell. Pauline Semonowa lächelte, als sie davon erfuhr. „Die hat gar nichts. Tut nur so, damit sie sich nicht kümmern muss! Ich kenn’ sie doch. Was für ein Pflegefall? Die hat’s lustig. Ist doch frisch verheiratet – wozu sich jetzt kümmern?“ Pauline Semonowa war traurig, ihre Tochter so undankbar und egoistisch. Aber die Enkelin machte alles wett. Larissa pflegte die Oma gesund, sie erholte sich. Als erstes ging Pauline Semonowa zum Notar. „Wir machen jetzt die Wohnung auf dich“, sagte sie. „Oma, nicht schon wieder solche Gedanken!“ „Ich pass auf dich auf. Sieh selbst, das Leben ist unberechenbar. Marina ist wie eine Fremde, hilft dir nie, denkt immer nur an ihre Männer. Sie hat das alles nicht verdient. Auch das Ersparte sollst du bekommen.“ So machten sie es. Pauline Semonowa lebte noch zwei Jahre, dann starb sie – diesmal endgültig erkrankt. „Ich hab’nicht mal geheiratet, keine Kinder bekommen – du wolltest doch meinen Hochzeitstanz und später mit Urenkeln spielen, liebe Oma…“, schluchzte Larissa an ihrem Grab. Marina kam zu Beerdigung nicht. Sie sagte, sie fühle sich zu schlecht. Überwies etwas Geld – sah ihre Pflicht damit als erfüllt an. Larissa organisierte alles alleine. Außer ein paar Nachbarn, Freunde und Kolleginnen von Pauline Semonowa, war niemand da. Die halfen, wo sie konnten – für einen guten Menschen. Kaum hatte Marina erfahren, dass das Erbe an ihr vorbeiging, „wurde sie schlagartig gesund“. „Wahres Wunder, noch eben war sie fast ein Pflegefall“, schimpfte Larissa, als ihre Mutter wieder vor der Tür tobte. Nach dem Tod der Oma ließ Larissa die Mutter genau ein einziges Mal in die Wohnung. Das bedauerte sie bitter. Marina warf aus Wut Omas Lieblingsvase gegen die Wand, zerriss beinahe die notarielle Besitzurkunde. Sie stampfte und schrie, Larissa hatte Mühe, sie hinaus zu befördern. „Das ist MEINE Wohnung! MEINE!“, brüllte Marina. „Diebin! Du hast Omas Krankheit ausgenutzt, um dich illegal zu bereichern! Ich geh’ vor Gericht! Ich werde es beweisen!“ Marina war überzeugt, die Mutter sei bei der Unterschrift nicht mehr zurechnungsfähig gewesen. Sie drohte Larissa, kam mehrmals, aber Larissa ließ sie nicht hinein. „Sie war krank! Das hast du mir selbst erzählt – sie lag nach dem Schlaganfall! Das heißt, das Gehirn war beschädigt! Sie war nicht im Besitz ihrer Geisteskräfte. Das ist illegal!“, schrie Marina und hämmerte an die Tür. „Seht doch, Leute! Hier wohnt eine Diebin! Sie hat eine arme Rentnerin betrogen! Das gehört ihr gar nicht!“ Die Nachbarn lächelten nur – es waren alte Leute, die Pauline Semonowa und Larissa gut kannten. Sie wussten Bescheid. Vor Gericht kam es nie. Marina wurde wirklich ernsthaft krank, der Streit spielte keine Rolle mehr. „Tochter… ich brauche deine Hilfe…“, flüsterte Marina am Telefon. „Männer haben keine Ahnung von Pflege… Du hast doch Oma gepflegt, komm doch zu mir…“ „Sorry, Mama, geht nicht“, entgegnete Larissa. „Ich bin schwanger, und der Arzt sagt, ich darf nichts Schweres heben.“ „Schwanger?!“, schrie Marina (wo war ihre leise Stimme hin?). „Ja, verheiratet, glücklich, erwarte ein Kind“, sagte Larissa mit Würde und fügte bissig hinzu: „Du wolltest doch vor Gericht gehen – warum hast du’s nicht getan?“ „Du Miststück!“, wetterte die Mutter und legte auf. „Marina, schrei doch nicht so!“, mischte sich Marinas Mann, Sergej, ein, der sie verliebt anblickte. „Wir nehmen einen Kredit, engagieren eine Pflegerin…“ „Ach, hau ab!“, giftete Marina. Ihr Mann nervte sie. Sergej, ein zehn Jahre älterer Witwer, hatte sich extra für die Ehe finanziell ins Zeug gelegt und Larissa eine Zeitlang geblendet, obwohl eigentlich kein Geld da war. Inzwischen wusste er um Marinas wahren Charakter – aber das Herz will, was es will. Sie ließ sich nicht gleich scheiden, wollte wenigstens Unterkunft bei Sergej, solange sich kein besserer Kandidat fand. Doch dann kam das Gesundheitsproblem. *** „Hättest du nicht alles auf die leichte Schulter nehmen und dich krank stellen sollen, Mama…“, sagte Larissa leise, sah abends in den Sternenhimmel. „Von oben sieht man eben alles.“ Sie dachte, wie glücklich sie doch war. Und dass ihr geliebter Ehemann Juri vom Schicksal – oder von Oma – zu ihr geführt worden war. Denn die hatte sie immer so geliebt und nur ihr Glück gewünscht…
Mit 50 Jahren verlor ich vor einem Jahr meinen plötzlich verstorbenen Ehemann – keine lange Krankhei…