Nichts, liebe Mutter! Du hast doch dein eigenes Zuhause, dort wohnst du. Komm bitte nur noch hierher, wenn wir dich einladen.
Meine Mutter lebt in einem kleinen, gemütlichen Dorf am Ufer der Elbe. Direkt hinter ihrem Grundstück beginnt ein Streifen Wald, und zur richtigen Saison kann man dort eine beeindruckende Ernte von wilden Beeren und Pilzen einsammeln. Seit meiner Kindheit bin ich mit einem Korb durch die vertrauten Wiesen gelaufen und habe die Verbundenheit zur Natur genossen. Ich heiratete eine Mitschülerin, deren Eltern nicht weit entfernt von meiner Mutter wohnen allerdings auf der anderen Seite der Straße. Sie haben keinen Zugang zum Fluss und zum Wald, deshalb übernachten wir, wenn wir aus Hamburg kommen, stets bei meiner Mutter.
In den letzten Jahren hat sich meine Mutter sehr verändert, womöglich wegen ihres Alters oder auch aus Eifersucht auf meinen Vater. Unsere Urlaube im Dorf endeten immer häufiger in Streitigkeiten. Es wurde zunehmend schwerer, alles friedlich zu regeln. Selbst als wir ein paar Mal bei den Eltern meiner Frau übernachteten, schaffte es meine Mutter, einen Streit vom Zaun zu brechen diesmal allerdings nicht mit uns, sondern mit ihrer Nachbarin und wegen völlig unwichtiger Dinge. Das hat die Schwiegermutter so auf die Palme gebracht, dass sie lautstark herumgeschrien hat, und die ganze Dorfstraße hörte mit, wie sie sich gegenseitig ihre alten Kränkungen vorwarfen.
Einen Monat später, als endlich wieder Ruhe eingekehrt war, hatten meine Frau und ich eine Idee wir wollten uns ein eigenes Haus bauen, damit niemand mehr beleidigt ist und wir unseren eigenen Rückzugsort haben, wann immer wir möchten.
Die Suche nach einem geeigneten Baugrund hat lange gedauert, doch irgendwie haben wir es geschafft. Schwiegervater und Schwiegermutter packten kräftig mit an sie waren voller Begeisterung und mein Schwiegervater war fast täglich auf der Baustelle.
Die Einzige, die Probleme machte, war meine Mutter. Sie kam vorbei, gab Ratschläge, kritisierte immer wieder die erledigte Arbeit kurzum: Sie ließ uns auch hier kaum Ruhe. Und so entstand unser Haus, und manchmal fühlte es sich an wie ein Alptraum.
Ein Jahr später war das Haus endlich fertig und ich hoffte auf etwas Entspannung aber die stellte sich nicht ein! Denn meine Mutter hörte einfach nicht auf mit ihren Besuchen, warf uns Egoismus vor und meinte jetzt, wir würden sie im Stich lassen. Dabei ignorierte sie völlig, dass mein Schwiegervater immer alle kleinen Arbeiten an ihrem Haus erledigt hatte Rasen mähen, das Dach reparieren, und so weiter.
Und eines Tages sagte meine Mutter dann:
Warum kommst du überhaupt hierher? Bleib doch in deiner Stadt, und wenn du hier bist, zeigst du nur, was du alles hast!
Das war der Moment, in dem bei meinem Schwiegervater das Fass endgültig überlief. Er trat ruhig zu ihr, aber etwas in seinem Ton brachte meine Mutter dazu, nervös zur Tür zu gehen:
Was machst du, Schwiegersohn …?
Nichts, liebe Mutter! Du hast dein eigenes Haus, oder? Dann bleib dort wohnen. Komm bitte künftig nur noch her, wenn wir dich einladen. Gönn uns wenigstens mal ein freies Wochenende! Und brauchst du Hilfe, ruf an. Wenns brennt, kommen wir!
Was meinst du was für ein Brand!
Daraufhin stürmte meine Mutter fast aus dem Haus. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht laut loszulachen, als ich sie sah, wie sie sich umblickte und eilig zum Gartentor ging. Mein Schwiegervater hob nach kurzem Schweigen die Hände:
Naja, tut mir leid, vielleicht war das mit dem Brand etwas übertrieben.
Nein, genau richtig.
Und wir mussten beide lachen, als wir an den Gesichtsausdruck meiner Mutter dachten. Von diesem Tag an herrscht Ruhe im neuen Haus. Sie besucht uns nicht mehr, nimmt Hilfe von meinem Schwiegervater zwar noch an, aber unsere Gespräche bestehen nur noch aus Ja und Nein. Vermutlich denkt sie heute noch oft an den Brand…
Die Erfahrung hat mir gezeigt: Manchmal ist es wichtig, klare Grenzen zu setzen, auch wenn es weh tut nur so kann aus geteilten Familien das ruhige Zuhause werden, das man sich wünscht.




