Die späte Wahrheit einer Ehefrau: Als Jenny das Geheimnis um die inhaftierte Schwiegermutter lüftet und ihre gutbürgerliche Ehe ins Wanken gerät

Das hier suchst du, oder? Dabei hielt sie ihm den Briefumschlag hin.
Klaus wurde kreidebleich.
Johanna, bitte… Denk jetzt nichts Falsches… Das mit Lukas… Das ist…
Was soll ich nicht denken, Klaus? Dass die Mutter meines Mannes am Leben ist und im Gefängnis sitzt? Dass ihr mich beide für ein naives Veilchen haltet?!
Wie, ein Monat? Johanna, wir hatten doch ausgemacht bis zum Herbst locker!

Mein Kleiner hat dieses Jahr gerade erst mit der Kita begonnen, ich habe extra einen Job in der Nähe gefunden…

Was ist denn passiert?

Wir zahlen pünktlich, sind ruhig…

Es liegt nicht an euch…, Johanna wich aus. Ich muss zurück in meine eigene Wohnung ziehen.

Wieso denn? Hast du dich so heftig mit deinem Mann gestritten?

Bitte, frag einfach nichts weiter.

Ganz genau einen Monat ab heute!

Ich rechne euch alles korrekt aus, die Kaution bekommst du natürlich zurück.

Tut mir leid…

Johanna legte auf und fröstelte. Hoffentlich ist das Ganze bald vorbei…

***

Johanna starrte auf den Briefumschlag, der mitten auf dem Küchentisch lag.

Ein ganz gewöhnlicher Umschlag, den sie vor vielleicht fünf Minuten aus dem Briefkasten gefischt hatte zwischen Werbeprospekten und der Internet-Rechnung.

Normalerweise holte Lukas die Post selbst, aber heute hatte sie halt mal reingegriffen…

Der Stempel. Die Absenderadresse. JVA Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Senne.

Und der Name der Absenderin: Lieselotte Müller.

Diesen Namen hatte Johanna von Lukas vielleicht zwei Mal gehört so hieß nämlich seine Mutter. Also, ihre Schwiegermutter, die sie nie zu Gesicht bekommen hatte.

Sie hätte nie gedacht, dass die Frau, die Lukas zur Welt gebracht hatte, noch leben würde.

Ich habe sonst niemanden mehr, Johanna, hatte Lukas beim dritten Date gesagt, als sie in einem billigen Café saßen und versuchten, nach dem Regenspaziergang ihre Finger an heißen Tassen zu wärmen. Mein Vater hat sich verabschiedet, bevor ich überhaupt da war. Den habe ich nie gesehen.

Und meine Mutter Die ist gestorben, da war ich zwanzig. Herzinfarkt. Also bin ich so eine Art Einzelgänger. Einzelkind, Einzelmensch.

Ganz allein? Johanna hätte damals fast geweint vor Mitleid. Kein Onkel, keine Tanten?

Irgendwo in Sachsen gibt’s eine Großcousine, aber wir haben keinen Kontakt.

Weißt du, es ist so entspannt. Keine Familiendramen, kein Pflichtessen sonntags bei Schwiegereltern. Nur du und ich.

Sie dachte damals:

“Weiß der Himmel, wie stark dieser Mensch ist. Hat sowas hinter sich und ist trotzdem kein Stück verbittert…”

Sie tat alles, um die Liebe, die er von seiner Mutter offenbar nie bekam, auszugleichen.

Und dann kam die Hochzeit, klein, familiär, nur der engste Kreis.

Von ihrer Seite die Eltern, ein paar Freundinnen; von ihm nur sein bester Kumpel, Klaus, der den ganzen Abend schweigsam war und Johanna kaum anschaute.

Damals hielt sie das für Schüchternheit. Heute wusste sie: Klaus hatte einfach Angst, sich zu verplappern.

Sag mal, wo ist sie eigentlich begraben? fragte Johanna etwa ein halbes Jahr nach der Hochzeit. Vielleicht könnten wir mal hinfahren und das Grab in Ordnung bringen? Es ist ja schließlich deine Mutter…

Lukas zuckte da richtig komisch zusammen. Drehte sich weg, nestelte am Kragen.

Ist weit weg, Johanna. Irgendwo auf dem Land. Der Friedhof ist alt und fast geschlossen.

Ich fahr mal irgendwann hin, mach dir darum keinen Kopf. Ich will dich da nicht mitnehmen, die Stimmung ist bedrückend.

Komm, lass uns über die Lebenden reden, okay?

Und sie glaubte es. Wie dumm!

***

Die Wohnungstür klappte, Johanna erschrak und versteckte den Umschlag hastig in der Schublade unter den Supermarktcoupons.

Hallo, meine Große! Lukas Stimme aus dem Flur klang genauso warm wie immer. Wie war unser Champion heute? Hat er wieder Rabatz gemacht?

Er kam in die Küche, wollte ihr einen Kuss auf den Kopf geben, doch sie wich unbewusst zurück.

Was ist denn los? Bist du kaputt? Er runzelte die Stirn und schaute ihr prüfend ins Gesicht. Hat Niklas wieder so schlecht geschlafen?

Ich zieh mich eben schnell um, dann übernehme ich ihn, und du ruh dich eine Runde aus.

Essen kann ich mir notfalls selbst machen.

Lass mal, ich bin nicht hungrig. Übrigens, Lukas der Briefträger war heute da

Er hielt einen Moment inne, wirklich nur den Bruchteil einer Sekunde, aber Johanna entging das nicht.

Ach ja? Was gabs denn? Schon wieder Rechnungen?

Rechnungen. Werbung irgendwas Das wars.

Er atmete sichtbar auf, entspannte sich.

Na super! Ich wasch mir fix die Hände und geh zu Niklas. Hab ihn echt vermisst!

Johanna sah ihm hinterher. Der Mann, mit dem sie Zeit, Alltag und ihr ganzes Leben teilte, stand vor ihr und log.

Und das so schamlos, dass ihr übel wurde.

“Tu einfach so, als wärst du Waise,” hatte er gesagt.

Und nun schrieb aus der JVA Lieselotte Müller.

Wegen was war sie da bloß? Jemanden verletzt? Gestohlen? Betrug? Und wie lang würde sie noch sitzen?

Johanna sah förmlich vor sich, wie eines Tages in ein-zwei Jahren an ihrer Tür geklingelt wird und da steht eine Frau mit hartem Blick und Gefängnisvergangenheit.

Und die sagt:

“Guten Tag, Sohnemann, guten Tag, Schwiegertochter. Und wo ist mein Enkelchen? Ich bleibe jetzt bei euch!”

Um sich selbst machte Johanna sich eigentlich keine Sorgen, aber um Niklas hatte sie Angst.

Wie sollte ihr Sohn aufwachsen, wenn die Oma eine Ex-Knacki ist?!

Wie hält man so jemanden überhaupt vom Kind fern?!

Jo, willst du jetzt noch einen Tee? rief Lukas aus dem Wohnzimmer. Im Rewe sind Windelangebote, hab den Prospekt im Schubfach gefunden, könnten morgen hin

Sie antwortete nicht. Stattdessen öffnete sie schon online ihr Bankkonto, um den Kontostand zu checken.

Es sollte fürs Erste reichen. Die Wohnung am anderen Ende der Stadt das passt.

Die Untermieter ziehen in einem Monat aus. Jetzt nur noch durchhalten, sich nichts anmerken lassen.

***

Lukas ging zur Arbeit, küsste Niklas noch eine gefühlte Ewigkeit, und versprach, heute früher daheim zu sein.

Johanna beobachtete die Szene mit wachsender Bitterkeit. Wie konnte er sie nur derart hintergehen? Wie kann man das einfach so verschweigen?

Nachdem Lukas außer Haus war, nahm sie den Brief hervor. Ihre Hände juckten, ihn zu öffnen, aber sie hatte Angst davor.

Und wenn sie liest, was drinsteht kann sie dann überhaupt noch gehen? Oder hält sie dann irgendwas zurück?

Nein, sagte sie laut zu sich. Was drinsteht, spielt keine Rolle. Er hat mich fast zwei Jahre lang angelogen!

Es klingelte. Johanna zuckte zusammen. Wer konnte das jetzt sein?

Die Eltern kündigen sich immer vorher an. Freundinnen? Sie lugte durchs Guckloch auf dem Treppenabsatz stand Klaus.

Er trat nervös von einem Bein aufs andere und schielte immer wieder zum Aufzug.

Johanna machte auf.

Klaus? Lukas ist weg, der arbeitet.

Weiß ich, Johanna… Klaus wühlte in den Jackentaschen. Bin nur grad in der Nähe gewesen. Dachte, vielleicht hat Lukas den Garagenschlüssel zuhause gelassen?

Er meinte, die liegen im Flur.

Schlüssel? Sie hob eine Augenbraue. Da sind keine auf der Kommode. Und im Flur finde ich auch nichts. Sicher, dass er die hier gelassen hat?

Er meinte das so… Sag mal, Johanna, Lukas wollte, dass ich noch sein Postfach checke… Hab ich gemacht, war aber leer. Hast du heute nicht die Post geholt?

Doch, hab ich. Warum?

Klaus schluckte.

Ach so. Wir warten auf ein Päckchen mit Ersatzteilen, Lukas meinte, ich soll schauen, ob ein Zettel da liegt…

Langsam ging Johanna in die Küche, schnappte sich den grauen Umschlag und kehrte zur Tür zurück.

Suchst du das hier? Sie reichte ihm den Brief.

Klaus lief aschfahl an.

Johanna, denk nichts Falsches… Lukas Das…

Was soll ich nicht denken, Klaus? Dass die Mutter meines Mannes am Leben und im Knast ist? Dass ihr mich für naiv haltet?!

Dass ich von einem Mann ein Kind habe, dessen Herkunft ein einziges Rätsel bleibt?

Johanna, er wollte nur das Beste für dich! Klaus fing an zu flüstern, sprach schnell und wirr. Er wollte dir einfach ein normales Leben ohne Scherereien ermöglichen.

Seine Mutter… die ist nicht ohne, Lukas hatte es mit ihr richtig schwer.

Er hat sie einfach ausgeblendet, um dich nicht zu verschrecken.

Ausgeblendet? Johanna lachte bitter auf. Klaus, wie kann man denn einfach die eigene Mutter aus dem Gedächtnis streichen? So perfide noch dazu.

Er hat mir die Wahl genommen! Ich hatte ein Recht darauf zu wissen, in was für eine Familie ich heirate.

Was für Familie denn?! Klaus zuckte die Schultern. Da ist doch keine. Nur sie und ihr… na, dunkles Treiben.

Johanna, gib mir den Brief, ja? Du hast ihn doch nicht gelesen? Ich bring das Lukas er solls dir erklären.

Geh bitte, Klaus, sagte Johanna leise. Und nein, den Brief kriegst du nicht. Der ist an Lukas Müller adressiert. Er kommt, und dann übergebe ich ihm das. Persönlich.

Johanna schloss die Tür entschieden vor Klaus’ verdutztem Gesicht.

***

Der ganze Tag verging wie im Nebel. Johanna fütterte Niklas, zog ihn um, ging spazieren. Gedankenmäßig drehte sich alles nur noch um die Situation.

Was mitnehmen zuerst? Kinderwagen, Reisebett, die Unterlagen. Möbel… egal mit den Möbeln.

In der eigenen Wohnung am Stadtrand gibts ein altes Schlafsofa und einen Schrank. Es reicht.

Um sechs war sie innerlich ruhig.

Sie deckte den Tisch, bereitete das Abendessen, brachte ihren Sohn ins Bett. Dann wartete sie auf Lukas.

Hmm, das duftet gut! Lukas kam heim, machte einen auf Normalbetrieb. Schau mal, was ich für Niklas besorgt habe: ein neues Spielzeug-Handy! Spielt sogar Einschlafmusik.

Johanna saß schweigend am Tisch, davor der graue Umschlag. Lukas schaute in die Küche sein Schauspiel war sofort vorbei.

Hat Klaus es gefunden? fragte er dumpf.

Ich habe es gefunden. Klaus hat versucht, es zu holen auf deinen Wunsch. Aber ich hab es nicht hergegeben

Lukas ließ sich schwer auf den Stuhl fallen.

Wieso, Lukas? Warum hast du behauptet, sie sei tot?

Weil sie für mich vor zwölf Jahren gestorben ist, er sah sie mit tränennassen Augen an. Als sie das erste Mal im Gefängnis saß. Dann war sie ein halbes Jahr raus und gleich wieder drin.

Johanna, du kommst aus einer normalen Familie, dein Vater ist Ingenieur, deine Mutter Lehrerin. Du könntest gar nicht nachvollziehen, wie meine Mutter drauf ist. Sie ist Berufsbetrügerin. Trickserin.

Und deswegen meinst du, du darfst mich belügen? Ein ganzes Jahr? Johanna schrie es fast raus. Merkst du, dass du unser ganzes Vertrauen kaputt gemacht hast?!

Ich hatte Angst, dich zu verlieren! Lukas schlug mit der Faust auf den Tisch. Du wärst doch gegangen! Hättest gesagt: Nee, der hat ‘ne Knacki-Mutter, wer weiß, was da drin steckt!

Ich wollte, dass Niklas normal aufwächst, und ja ich dachte, es klingt besser, als mein Mann ist Waise, als mein Mann ist der Sohn einer Betrügerin!

Jetzt wird Niklas halt ein Scheidungskind, sagte Johanna eisig.

Lukas stockte der Atem.

Was…? Wie meinst du das? Johanna, bitte, das ist doch nur dieser eine Brief gewesen!

Nein, Lukas. Nicht wegen des Briefes. Sondern weil ich dich nicht mehr kenne. Wer weiß, was du sonst noch für Geschichten erzählst?

Wer ist dein Vater? Vielleicht sitzt der ja auch irgendwo?

Red keinen Quatsch…

Ich rede keinen Quatsch. Ich hab schon die Untermieter informiert. In einem Monat ziehe ich aus. Morgen reiche ich die Scheidung ein.

Lukas flehte sie an. Stand minutenlang weinend vor ihr gekniet, bat sie, es noch zu überdenken, sagte, es sei doch alles nur eine Lüge aus Not gewesen.

Aber Johanna hörte ihm nicht mehr zu. Sie war damit durch.

***
Die Untermieter sind inzwischen ausgezogen, Johanna lebt mit Niklas wieder in ihrer eigenen Wohnung. Sie hat die Scheidung durchgezogen, und Lukas gibt die Hoffnung nicht auf, sie vielleicht doch wieder zurückzugewinnen. Er versteht bis jetzt nicht, was er falsch gemacht haben soll er habe doch nur seine Familie beschützen wollen

Niklas sieht er regelmäßig und kümmert sich auch finanziell. Aber das Herz seiner Frau kriegt er nicht wieder. Johanna schließt eine neue Beziehung mit ihm kategorisch aus.

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Homy
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