Ungerechtigkeit
Mama, fragte Annemarie noch einmal nach, warum habe ich nicht die ganze Million bekommen? Es sind nur dreihundertdreißigtausend Was ist das denn für eine seltsame Summe
Man hörte, wie im Hintergrund der Föhn rauschte. Ihre Mutter, Veronika, schaltete ihn aus und antwortete Annemarie:
Ja, das stimmt so, Veronika, die offenbar gewandt mit fremden Millionen umging, erwiderte ruhig: Dreihundertdreißigtausend.
Doch Annemarie hätte eigentlich viel mehr erhalten sollen.
Dreihundertdreißig? Mama, wo sind denn die übrigen sechshundertsiebzigtausend? Ich habe mit einer Million gerechnet, beinahe ganz genau eine Million. Das ist doch das Geld meines Vaters, du solltest es mir nach dem Wohnungsverkauf überweisen.
Ach Annemarie, fang jetzt nicht schon wieder mit den Zahlen an! Seufzend sagte sie: Du weißt doch, dass ich alles ehrlich gemacht habe!
Was bitte heißt hier ehrlich? Der alte Parkettboden knarrte unter Annemaries Schritten, als würde auch er sich beklagen. Ich habe dir eine Vollmacht zum Verkauf meiner Wohnung ausgestellt, die mir von meinem Vater vererbt wurde. Ich habe dich gebeten, mir das Geld zu überweisen. Und jetzt? Wo ist das alles hin?
Ach, da hatte sie sich wohl zu früh in Sicherheit gewiegt.
Ich habe das Geld überwiesen! Nun dröhnte wieder der Föhn. Aber ich habe als Mutter gehandelt. Als gute Mutter. Ich habe das Geld unter allen Kindern aufgeteilt. Gerecht. Dein rechtmäßiger Anteil ist bei dir.
Ihr rechtmäßiges Ganzes hätte bei ihr sein sollen.
Du hast das Erbe meines Vaters durch drei geteilt? Für mich und für die anderen? Annemarie meinte damit ihre Halbbrüder. Mama, das ist nur mein Geld! Mein Vater! Ich habe einen anderen Vater als sie, falls dich das überrascht.
Was macht das für einen Unterschied, wer der Vater ist? Die Mutter war nun am Stylen ihrer Frisur. Geld gehört zur Familie. Und sie sind deine Brüder. Ich bin deine Mutter. Denkst du wirklich, ich würde zusehen, wie du allein über so viel Geld verfügst und deine Brüder neidisch danebenstehen? Das wäre doch ungerecht! Ich habe die Chancen fair verteilt. Alle gleich viel.
Wie gerne wäre sie in jenen Tag zurückgereist, an dem sie die Vollmacht unterschrieb, und hätte sich selbst davor bewahrt
Gerecht? Du hast meine Million gedrittelt! Dreihundertdreißigtausend Wo ist der Rest, Mama? Die Wohnung war doch sogar etwas mehr wert!
Ja, das war nach allen Abzügen und Gebühren etwas mehr als eine Million, warf Veronika hin. Ich habe abgerundet. Den Rest habe ich als Aufwandspauschale behalten. Hättest du dich mit dem Papierkram herumgeschlagen? Sicher nicht! Ich habe das alles geregelt, während du gearbeitet hast.
Du musstest dich ja richtig ins Zeug legen, was?
So redest du nicht mit mir! schnappte die Mutter. Dein Vater war zwar dein Vater, aber ich bin deine Mutter. Ich treffe die Entscheidungen. Außerdem bist du die Älteste, da brauchst du weniger als die anderen. Die Jungs müssen ja bald eine Familie gründen. Und du, als Mädchen, brauchst nicht viel.
Ach ja? Und ich soll dann nie eine Familie gründen? Oder am Hungertuch nagen, nur weil ich ein Mädchen bin und keiner Erwartungen an mich hat? erwiderte Annemarie spitz. Überweis mir den Rest, Mama. Jetzt gleich.
Nein.
Kurz und scharf.
Ihre Mutter wusste, dass Annemarie nichts tun würde. Wegen Geld gegen die eigene Mutter klagen? Das macht doch keiner. Niemand hätte Verständnis, viele würden sie sogar verurteilen. Und letztlich Mutter bleibt Mutter, der Kontakt riss nicht ab.
Einige Wochen später, als sie sich beruhigt und ihre Finanzen sortiert hatte, sah Annemarie auf Social Media Bilder: Ivan posierte stolz vor einem neuen blauen Golf. Dieter postete ein Foto mit der Caption:
Mein neues Schätzchen!
Die Brüder hatten sich günstige Autos geleistet. Nun gut. Annemarie legte ihre dreihundertdreißigtausend Euro beiseite und beschloss, abzuwarten. Geduld ist eine Tugend, sagte schon ihre Großmutter immer.
Über ein Jahr verging. Annemarie arbeitete, sparte, plante. Sie vergaß nicht, auch wenn sie die Sache losließ. Die Mutter tat, als wäre nie etwas gewesen: Sie rief an, plapperte am Telefon, erzählte von dies und jenem.
Aber an diesem Tag sprach ihre Mutter mit einer Stimme, die Annemarie eine Gänsehaut verursachte.
Sie wurde hellhörig.
Was ist los, Mama?
Oma Veronika stockte, die Oma von Ivan und Dieter sie ist heute Morgen verstorben.
Annemarie empfand ein seltsames, fast filmreifes Gefühl der Distanz. Diese Oma, die nie wirklich zu ihr gehörte, hatte in ihrem Leben keine Rolle gespielt. Für sie war sie nur die Schwiegermutter meiner Mutter oder eben die Oma der Brüder. Dennoch, menschlich gesehen: schade.
Ach, mein herzliches Beileid, murmelte Annemarie.
Ich muss mich jetzt um die Beerdigung und den ganzen Papierkram kümmern. Die Jungs wissen mit so etwas einfach nicht umzugehen. Kommst du? Hilfst du?
Annemarie konnte nicht aus Prinzip nicht erscheinen es ging schlicht beruflich nicht.
Mama, ich bin im Büro. Es ist mir wirklich nicht möglich, für die Beerdigung jemandes, den ich höchstens zweimal im Leben sah, alles stehen und liegen zu lassen, entgegnete sie ruhig.
Zu dieser Großmutter war sie nie eingeladen worden.
Bitte! flehte ihre Mutter. Es ist wirklich dringend.
Ich kann nicht kommen, aber ich kann mit Geld helfen. Was brauchst du? Sag es, ich überweise es sofort.
Die Mutter wollte erst ablehnen, besann sich aber. Ein wenig Geld schadet nie.
Es ist zwar nicht das Gleiche aber gut. Wenn du zwanzigtausend Euro zusteuern könntest?
Wird gemacht. Und außerdem, sagte Annemarie, spürte, dass jetzt ihr Moment gekommen war, schicke ich dir noch ein bisschen extra, damit du dir über die Kleinigkeiten keine Sorgen machen musst. Betrachte das als meinen Beitrag zum Andenken an ihre Oma.
Danke, Annemarie. Auf dich kann man sich immer verlassen.
Annemarie legte auf. Sie war genervt, aber auch befriedigt. Sie hatte sich damit eine Ausrede gekauft: Nicht erschienen, aber geholfen. Nun konnte ihr keiner einen Vorwurf machen.
Ein halbes Jahr verging. Die Beerdigung war Vergangenheit. Dieter und Ivan hatten offenbar neue Spielzeuge, vielleicht Motorräder oder neue Handys.
An einem ruhigen Dienstagmittag saß Annemarie in der Kantine nahe ihrem Büro, bereitete sich innerlich aufs nächste Meeting vor und entschied, dass es Zeit war. Sie wählte die Nummer ihrer Mutter.
Hallo Mama! Wie gehts?
Annemarie! Alles ruhig. Dieter hat einen neuen Arbeitsplatz gefunden, besser bezahlt als zuvor. Ivan tja, dem gehts auch gut, hat jetzt eine Freundin.
Es freut mich für sie, sagte Annemarie, Mama, ich wollte dich etwas fragen
Was denn? Die Mutter klang vorsichtig.
Ich nehme an, seit dem Tod der Oma ist jetzt alles geregelt, oder? Das Erbe eingetragen?
Das Gespräch lastete schwerer als das damals um die dreihundertdreißigtausend.
Annemarie, worauf willst du hinaus? Natürlich ist alles geregelt.
Gut. Wo ist dann mein Anteil an dem Erbe?
Was für ein Erbe? Die Mutter stellte sich ahnungslos, doch Annemarie hörte sofort: Jetzt log sie. Bei ihrer Mutter war das immer hörbar.
Das Erbe der Oma.
Aber das ist doch nicht deine Oma.
Was macht das für einen Unterschied? Annemarie führte ihre Mutter auf deren eigene Argumentation zurück, Ich bin doch dein Kind, und du hast doch immer gesagt, alle Kinder dürfen nicht benachteiligt werden. Meinen Anteil vom Vater hast du gerecht aufgeteilt. Wie du immer sagst: Gleiches Recht für alle.
Annemarie, das ist was ganz anderes! Veronika ging zum Gegenangriff über. Das ist einfach nicht vergleichbar!
Warum denn nicht? Du hast argumentiert, das Erbe müsse gemeinschaftlich genutzt werden, weil du die Mutter bist und alle Kinder unterstützt werden sollen.
Vergleich das nicht ständig!
Aha! entgegnete Annemarie trocken. Schon praktisch, wie man das alles drehen kann: Beim Erbe meines Vaters wurde alles vermischt, Hauptsache gerecht. Aber bei der Wohnung der Oma deiner Söhne wird plötzlich wieder fein nach Blutsbande getrennt?
Jetzt hör aber auf! Die Mutter blies die Backen auf. Willst du etwa ernsthaft am Erbe meiner Schwiegermutter teilhaben? Wie soll ich das den Jungs erklären?
Ich sage nur, dass du mein Vertrauen missbraucht hast, um mir einen Teil meines Geldes zu nehmen mit der Begründung, wir seien alle eine Familie. Jetzt wende ich diese Logik eben an, aber zu meinen Gunsten, da du sie ja so liebst. Du hast die Wohnung für sie verkauft, ja?
Das Geld ist schon ausgegeben.
Wofür? Für Autos? Für Renovierungen? Ich hätte auch gern eine Beteiligung. Wo ist mein Anteil, Mama? Du hast mir immer erklärt, ich müsse mit weniger zufrieden sein, weil ich ein Mädchen bin. Aber das finde ich nicht richtig.
Die Mutter kaute offenbar an einer geeigneten Ausrede schließlich war sie selbst in diese Falle getappt. In ihrer Familie war es immer so: Für die Jungs war der Stiefvater der Vater, sie bekamen das Beste und das Wertvollste. Diese Oma konnte Annemarie nie leiden, für sie war sie immer ein fremdes Mädchen. Und die Mutter hatte nie Partei für sie ergriffen.
Annemarie, was bist du bloß für ein Mensch? Jetzt schien die Mutter keine Argumente mehr zu haben. Warum brauchst du überhaupt das Geld? Du gehst arbeiten. Du bist jung, gesund. Die anderen müssen doch ihren Lebensunterhalt sichern, sie sind Männer! Für sie ist es schwerer!
Ach so: Das Erbe meines Vaters allgemein, weil wir Geschwister sind. Das Erbe ihrer Oma privat, weil sie Männer sind, und ich als Mädchen, an das man keine Erwartungen stellt, draußen bleibe?
Sei nicht frech! sagte die Mutter. Woher kommt nur dieser Geiz in dir?
Ihre Mutter würde nie zugeben, dass sie Unrecht hatte. Annemarie war für sie kleinlich, nur weil sie Gerechtigkeit einforderte.
Übrigens, du bist laut Vollmacht verpflichtet gewesen, mir den gesamten Erlös aus der Wohnung zu überweisen. Die Frist ist noch nicht abgelaufen. Ich will nichts andeuten, aber
Annemarie!! Willst du mir drohen? flüsterte die Mutter nun erschrocken.
Nein, Mama. Aber ich habe immer noch Anspruch auf mein Geld. Denk darüber nach.
Nur einen Monat später bekam Annemarie alles überwiesen, was ihr zustand. Danach blockierte ihre Mutter demonstrativ den Kontakt.




