Fort, und gut so
Wie Teilnehmer nicht erreichbar? Vor fünf Minuten hat er doch noch mit jemandem telefoniert! Hannelore stand mitten im Flur, das Telefon ans Ohr gepresst.
Ihr Blick schweifte zum alten Biedermeier-Sideboard.
Die Schmuckschatulle stand da wie immer. Aber irgendetwas war seltsam der Deckel schloss nicht ganz.
Rolf! rief sie in den langen Korridor hinein. Bist du im Bad?
Langsam schritt Hannelore zum Sideboard. Als ihre Hand das polierte Holz berührte, lief ihr ein eisiger Schauder über den Rücken die Schatulle war leer. Völlig leer.
Sogar der Kassenzettel, den sie als Lesezeichen benutzte, fehlte.
Mit dem Schmuck war auch das Geld verschwunden. Zugegeben, sie hatte es ihm freiwillig gegeben…
Mein Gott… hauchte sie und ließ sich auf den Boden sinken. Wie konnte das passieren? Gestern haben wir uns doch noch um Tapeten gestritten… Du hast versprochen, dass wir im August an die Ostsee fahren…
Dabei hatte alles so alltäglich begonnen. Im Juni letzten Jahres war bei Hannelore an ihrem kleinen Polo der Kolben festsitzend.
Die Werkstatt forderte einen Wucherpreis, und wütend suchte sie Rat in der Facebookgruppe Auto-Hilfe Bayern.
Leute, wer weiß: Kann man einen festgerosteten Bremskolben selber wieder lösen?, hatte sie geschrieben und ein Bild vom verdreckten Rad angehängt.
Die Kommentare prasselten ein. Einige rieten ihr ab: Lass bloß die Finger vom Werkzeug!, andere empfahlen ihr, gleich die ganze Bremsanlage zu ersetzen.
Dann kam eine Nachricht von User Rolf85:
Machen Sie sich nichts draus, kaufen Sie einfach eine Dose WD-40 und einen Reparatursatz für zwanzig Euro. Rad abnehmen, Kolben mit dem Pedal vorsichtig rausdrücken, aber nicht ganz! Mit Bremsenreiniger alles säubern, fetten, wieder zusammenbauen. Wenn das Zylinderinnenleben sauber ist, hält das ewig.
Hannelore nickte anerkennend. Die Erklärung klang sachlich und verständlich.
Und falls das Zylinderinnere Riefen hat? schrieb sie zurück.
Dann hilft nur Austausch. Aber Ihr Auto sieht auf dem Bild gepflegt aus, ich glaub nicht, dass es so schlimm ist. Wenn Sie Fragen haben schreiben Sie mir gern privat.
So fing alles an.
Rolf erwies sich als richtig fit in Technikfragen.
Innerhalb einer Woche hatte er sie beim Ölwechsel beraten, ihr die besten Zündkerzen empfohlen und sogar erklärt, welchen Kühlerschutz sie lieber nicht verwenden sollte.
Hannelore ertappte sich dabei, wie sie auf seine Nachrichten wartete.
Mensch, Rolf, du bist mein Ritter in glänzender Rüstung schrieb sie Ende Juli. Ich hab überlegt Treffen wir uns mal? Kaffee geht auf mich. Oder was Stärkeres vom eingesparten Werkstattgeld.
Die Antwort kam erst nach drei Stunden.
Hanne, ich würd dich echt gern treffen. Wirklich. Aber ich bin unterwegs. Auf längerer Montage. Im Ausland, sozusagen.
Wow, staunte sie, so weit?
Weiter gehts nicht. Ehrlich ich will dich nicht anlügen. Du bist mir richtig sympathisch. Aber ich bin nicht auf Montage ich sitze. JVA Straubing, falls dir das was sagt.
Das Handy fiel ihr aufs Sofa. Ihr Herz schien stillzustehen.
Knacki? Sie? Als Steuerberaterin in einer namhaften Münchner Firma, schreibt seit zwei Wochen mit einem Strafgefangenen?!
Weswegen? tippte sie mit zitternden Fingern.
§263, Betrug. Dummheit gepaart mit Pech und etwas Übermut. Muss noch knapp ein Jahr absitzen. Wenn du willst lösch das Gespräch, ich verstehs.
Hannelore antwortete nicht. Sie blockierte ihn stumm. Drei Tage lang wanderte sie rastlos durch die Büroräume, Kolleginnen sorgten sich um ihren seltsamen Geisteszustand.
Immer wieder fragte sie sich:
Weshalb? Warum sitzt ein so kluger, erfahrener Mensch im Knast?
Eine Woche später sah sie eine neue Mail von Rolf. Irgendwann hatte sie ihm mal ihre Adresse geschickt. Sie hatte ihn nicht blockiert, nur den Chat geschlossen.
Hanne, alles okay. Bin null sauer. War klar, dass das passiert. Du bist toll, so ein Mensch wie ich passt nicht zu dir. Danke für die Gespräche. Die letzten zwei Wochen waren meine besten seit Ewigkeiten. Alles Gute für dich. Leb wohl.
Hannelore las die Mail in der Küche und bekam plötzlich einen Weinkrampf. Sie tat ihr leid. Und auch sich selbst und diese ungerechte Welt.
Warum haben alle Glück, nur ich nicht? Entweder verheiratete Männer oder Muttersöhnchen, und der erste normale Mann sitzt im Knast murmelte sie gegen die Wand.
Noch immer antwortete sie nicht.
***
Hannelore versuchte, sich wieder zu verabreden. Erfolglos.
Der eine Typ schwärmte den halben Abend von seiner Briefmarkensammlung, der nächste erschien mit schmutzigen Fingernägeln und schlug vor, die Café-Rechnung zu teilen.
An ihrem fünfunddreißigsten Geburtstag im März fühlte Hannelore sich besonders einsam.
Am Morgen kam eine Nachricht.
Alles Gute zum Geburtstag, liebe Hanne! schrieb Rolf. Ich weiß, ich sollte dich nicht stören, aber ich konnte nicht anders. Ich wünsch dir das Beste. Du verdienst es, auf Händen getragen zu werden. Ich hab hier aus Brot und Draht was gebastelt Wenn ich könnte, würd ichs dir schenken. Zumindest weißt du: Irgendwo in Niederbayern trinkt heute jemand eine Tasse ziemlich gruseligen Tee auf dich.
Danke, Rolf, antwortete sie spontan. Das bedeutet mir viel.
Du hast geantwortet!, schrieb er fast überdreht. Wie gehts dir? Und dem kleinen Polo hat er den Winter überlebt?
Und plötzlich war die Verbindung wieder da.
Ab jetzt schrieben sie täglich. Rolf rief an, wenn er durfte.
Seine Stimme war tiefer, als sie es erwartet hatte, mit angenehmem Knarren.
Er berichtete von seinem Leben: wuchs mit seinem Bruder auf, der inzwischen die Neffen großzog, und dass Rolf alles hinter sich lassen wolle.
In meine alte Stadt geh ich nicht zurück, Hanne, erzählte er beim Telefonat, während sie Milch in den Kaffee rührte. Nur alte Freunde, die einen wieder ins Schlechte ziehen. Ich will irgendwo neu anfangen, wo mich niemand kennt. Arbeiten kann ich, für den Bau oder als Monteur reichts auf jeden Fall.
Und wohin willst du? fragte sie mit angehaltenem Atem.
Zu dir würde ich kommen. Mir ein kleines Zimmer oder eine günstige Einzimmerwohnung mieten. Dann wüsste ich, dass wir die gleiche Luft atmen. Was danach kommt mal sehen. Ich dränge mich dir nicht auf, wirklich nicht…
Im Mai war Hannelore hoffnungslos verliebt.
Sie kannte seinen Stundenplan, wusste, wann er zur Werkstatt musste, wann er Küchendienst hatte.
Sie schickte ihm Päckchen: Tee, Schokolade, Wollsocken, kleine Ersatzteile für seine Basteleien.
Rolfi, bitte halt dich da raus, bat sie. Habe keine Prügelei, hörst du?
Für dich bin ich friedlich wie ein Lamm, lachte er. Im April bin ich frei.
Ich warte auf dich.
***
Im April fuhr Hannelore zur JVA vor. Sie hatte ihm eine neue Jacke gekauft, Jeans, Turnschuhe.
Ihr Herz pochte so heftig, dass sie meinte, es müsse bersten.
Als er heraustrat, mittelgroß, kräftig, mit kurzen, leicht ergrauten Haaren, war sie im ersten Moment wie gelähmt.
Auf den Bildern sah er anders aus.
Doch als er lächelte und sagte:
Na, Gräfin, da fiel sie ihm um den Hals.
Mein Gott, du bist da… flüsterte sie und schob das Gesicht in seine stoppelige Wange.
Wohin soll ich denn, sagte er und drückte sie fest. Du riechst so gut, nach Blüten oder so…
Sie fuhren zu ihr.
Die erste Woche war wie ein Märchen. Rolf packte sofort an: reparierte den tropfenden Wasserhahn, brachte das Türschloss in Ordnung, das seit Monaten zickte.
Abends saßen sie am Küchentisch, tranken halbtrockenen Frankenwein, er erzählte urkomische Stories aus dem Knast, um die schwierigen Sachen geschickt drumherum.
Sag mal, Rolf, sagte sie am zehnten Tag, du hast doch gesagt, du willst eine eigene Wohnung mieten.
Musst du gar nicht. Platz ist bei mir genug. Zu zweit ists eh netter. Spar dir das Geld, dann kannst du dir Werkzeug leisten, wenn du arbeitest.
Das kommt mir aber komisch vor, runzelte er die Stirn, zuckerte seinen Kaffee. Ich bin der Mann, ich muss für die Wohnung sorgen. Jetzt lass ich mich bei dir aushalten, das geht doch nicht.
Nun hör schon auf, legte sie ihre Hand auf seine. Wir sind doch kein Fremde. Du wirst schon auf die Beine kommen und Arbeit finden, dann ist alles gut.
Mein Bruder hat gestern angerufen, sagte er plötzlich und blickte weg. Der Neffe ist schwer krank, braucht eine OP, die kostet. Er bittet mich um einen Kredit, aber ich hab nix. Null.
Wie viel braucht ihr denn? fragte sie vorsichtig.
Ganz schön viel Fünfzehntausend Euro. Aber sie haben schon einiges zusammen.
Ich überlege, ob ich nicht nach Hamburg zum Arbeiten gehe, da gibts gutes Geld auf dem Bau.
Hannelore schwieg. Die besagten fünfzehntausend Euro lagen in ihrer Schmuckschatulle. Drei Jahre hatte sie gespart, sich alles versagt.
Sie wollte das Bad umbauen lassen, neue Fliesen, eine Duschkabine mit Massagefunktion…
Ich habe das Geld, sagte sie leise.
Rolf hob ungläubig den Kopf.
Nein! Das ist deins. Ich nehm das nicht.
Rolf, es ist Familie! Du hast gesagt, das ist heilig. Nimms als Kredit. Du gibst es mir zurück. Wir sind doch jetzt ein Team.
Er weigerte sich, zwei Tage lang war er wortkarg, stand ewig rauchend auf dem Balkon obwohl er gesagt hatte, er höre auf.
Am Ende legte Hannelore den Geldumschlag einfach auf den Tisch.
Nimm schon. Fahr zu deinem Bruder, oder überweise es.
Am liebsten bring ichs selbst hin, sagte er und umarmte sie. Dann kann ich gleich nach Arbeit schauen. Bin in zwei Tagen zurück, Hanne, keine Sorge…
***
Schon seit einer Stunde saß Hannelore auf dem Flur und starrte ins Nichts. Die Beine taub, ihre Gedanken wirr.
Sie dachte an den gestrigen Abend. Sie hatten irgendeinen dummen Film geschaut, er hatte sie im Arm gehalten, und alles war himmlisch.
Wahrscheinlich fahr ich übermorgen früh los, hatte er beim Schlafengehen gesagt.
Aber er war schon in der Nacht weg. Sie hatte geschlafen, hatte nicht einmal gehört, wie er ging.
Im Traum glaubte sie, die Haustür sei ins Schloss gefallen, aber sie dachte, das seien die Nachbarn.
Um zwei Uhr rief sie doch noch die Nummer seines Bruders an, die er ihr als Notfallnummer gegeben hatte.
Hallo? meldete sich eine raue Männerstimme. Wer ist da?
Guten Tag, hier ist… Hannelore, Rolfs Freundin. Ist er gut angekommen?
Stille. Dann ein schwerer Seufzer.
Sie meinen wohl jemand anders. Mein Bruder heißt anders und sitzt noch ein halbes Jahr in der JVA. Ist erst im Oktober raus.
Schwarz wurde es vor Hannelores Augen.
Wie… im Oktober? Rolf ist doch im April entlassen worden. Ich war selbst vor Straubing und hab ihn abgeholt.
Hören Sie, die Stimme wurde hart. Mein Bruder, Thomas, sitzt in der JVA Bernau. Und Rolf… Rolf ist mein ehemaliger Zellengenosse, der wurde vor zwei Monaten entlassen.
Er hat mir damals das Handy geklaut, als ich auf der Baustelle war, Kontakte kopiert.
Sie sind offenbar die nächste Brieffreundin, die er reingelegt hat. Er hats echt drauf. Hat ein Ingenieursstudium und weiß, wie man Leute beschwatzt.
Hannelore ließ das Telefon langsam auf den Boden gleiten. Sie erinnerte sich, wie er ihr zeigte, wie Zündkerzen zu wechseln sind.
Bloß nicht zu fest andrehen, sagte er dann. Sonst ist das Gewinde futsch, dann gute Nacht.
Futsch, flüsterte Hannelore. Alles kaputtgedreht. Alles verbockt.
Plötzlich begriff sie, dass sie nichts über den Mann wusste, den sie für ihren Freund gehalten hatte. Sie hatte nie seinen Ausweis gesehen, nie eine Entlassungsurkunde. Vielleicht hieß er nicht einmal Rolf…
***
Natürlich ging Hannelore zur Polizei und stellte Anzeige. Sie zeigte das Foto was sie von ihrem Mitbewohner dann erfuhr, überraschte sie.
Er hieß tatsächlich Rolf, das war das Einzige, das stimmte.
Er hatte wegen schwerer Delikte gesessen, die meiste Zeit seines Lebens hinter Gittern verbracht Hannelore lernte ihn beim dritten Haftantritt kennen.
Sie schluckte, ließ neue Schlösser einbauen und dachte: Im Nachhinein ist sie vielleicht noch glimpflich davongekommen. Wenn sie an seine vorherigen Opfer dachteEinige Wochen vergingen. Die Lücke im Sideboard klaffte wie eine Narbe, aber der Alltag drängte zurück, zwang Hannelore aus ihrer Schockstarre.
Sie arbeitete viel, fuhr mit dem Polo zur Inspektion und sprach ein nachsichtiges Ja, Sie dürfens mal anschauen, aber bitte nicht gleich alles tauschen aus.
Langsam, fast widerwillig, begann sie wieder zu lächeln. Im Mai saß sie eines Nachmittags auf dem Balkon. Vor ihr das Kännchen Kaffee, daneben ein alter Ersatzschlüssel, den Rolf noch poliert hatte. Die Sonne war mild, und irgendwo wurde Rasen gemäht. Sie atmete lange aus.
Er hatte ihr vieles genommen, das war nicht wegzudiskutieren. Aber er hatte ihr auch gezeigt, dass sie immer wieder aufstehen konnte, egal, wie schwer ein Fehler wog.
Als sie später einen neuen Kommentar in der Facebookgruppe Auto-Hilfe Bayern las diesmal von einer Frau, die verzweifelt mit dem Radlager kämpfte , schrieb Hannelore: Nur Mut! Wenns wirklich festsitzt, helfen ein bisschen Geduld, das richtige Werkzeug und ein guter Freund.
Sie hielt inne, überflog ihren Satz und schickte ihn dann lachend ab.
Vielleicht, dachte sie, sollte sie endlich weniger auf glänzende Rüstungen warten. Vielleicht genügt ein bisschen Rost, solange man selbst am Steuer bleibt.
Mit neuer Zuversicht griff sie zum Pinsel: Die Tapeten sollten diesen Sommer doch endlich dran glauben. Und während sie die ersten alten Bahnen abriss, fiel Sonnenlicht auf den leeren Platz im Sideboard. Es war ein Anfang.





