Besser allein als beraubt – Als Natashas neuer Lebensgefährte spurlos verschwindet, bleiben nicht nur Erinnerungen, sondern auch eine leere Schmuckschatulle und gebrochene Versprechen zurück — „Wie – Teilnehmer nicht erreichbar? Vor fünf Minuten hat er doch noch telefoniert!“ Natasa stand mitten im Flur und drückte das Handy ans Ohr. Ihr Blick fiel auf die Kommode. Die kleine Kassette mit ihren Wertgegenständen stand noch an Ort und Stelle – doch etwas stimmte nicht: Der Deckel war nicht richtig geschlossen. — „Roman?“, rief sie in die Wohnung. „Bist du im Bad?“ Langsam ging sie zur Kommode. Als sie das polierte Holz berührte, lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken – die Kassette war leer. Vollständig. Nicht einmal der Kassenbon, den sie als Lesezeichen nutzte, war geblieben. Zusammen mit dem Schmuck waren auch die Ersparnisse verschwunden. Dabei hatte sie ihm das Geld doch aus freien Stücken gegeben… — „Gott…“, hauchte sie, als sie auf den Boden sank. „Wie konnte das passieren? Gestern haben wir noch über Tapeten diskutiert… Du hast doch geschworen, dass wir im August ans Meer fahren…“ Dabei hatte alles so harmlos angefangen. Letzten Juni blockierte bei Natasa an ihrem „Käfer“ der Kolben. In der Werkstatt verlangte man fast unverschämt viel, also suchte sie verärgert Hilfe in der Facebook-Gruppe „Auto-Hilfe Stuttgart“. „Kennt sich jemand aus: Kann man einen festsitzenden Bremssattel selbst wieder gangbar machen?“, schrieb sie und postete ein Foto vom verdreckten Reifen. Die Kommentare kamen prompt. Manche rieten ab, andere empfahlen, das Ersatzteil zu kaufen. Da kam die Nachricht von Nutzer Roman85: „Hör nicht auf die, kauf einfach WD-40 und ein Reparaturset! Rad abnehmen, Kolben vorsichtig mit dem Pedal herausdrücken, aber nicht zu weit. Mit Bremsenreiniger spülen, schmieren. Wenn der Zylinder okay aussieht, läuft die Kiste wieder super.“ Natasa fand den Rat sachlich und unaufgeregt. „Was, wenn der Zylinder Riefen hat?“, fragte sie nach. „Dann nur tauschen. Aber laut deinem Foto ist das Auto gepflegt, das wird schon passen. Bei Fragen – schreib ruhig privat.“ So fing alles an. Roman war technikbegeistert und hilfsbereit. Innerhalb einer Woche „beriet“ er sie beim Ölwechsel, Kerzenkauf und warnte vor schlechtem Frostschutz. Bald ertappte sich Natasa dabei, dass sie seine Nachrichten regelrecht erwartete. „Du bist mein Retter“, schrieb sie Ende Juli lachend. „Wie wär’s mal mit Kaffee – oder was Stärkerem, als Dank für die Ersparnis?“ Die Antwort ließ drei Stunden auf sich warten. „Natasa, ich würde wirklich gern. Aber ich bin gerade… auf Dienstreise. Im Ausland, sehr lange.“ „So weit weg?“, staunte sie. „Weiter geht’s nicht. Ich will ehrlich sein: Ich sitze meine Strafe ab. JVA Heimsheim – falls dir das was sagt.“ Das Handy fiel ihr aufs Sofa. In ihrer Brust zog sich alles zusammen. Ein Knacki? Sie, ehrbare Buchhalterin mit Bürojob, chattet seit Wochen mit einem Häftling?! „Weshalb?“, tippte sie mit zitternden Fingern. „Betrug. Dummheit, wurde reingelegt, bisschen übermütig. Bald bin ich draußen. Wenn‘s dir zu viel ist – lösche den Chat, ich versteh’s.“ Natasa antwortete nicht, blockierte ihn – und war tagelang wie benommen. Kollegen fragten schon, ob sie krank sei. Immer wieder dachte sie: „Wieso? So intelligent, so hilfsbereit, und dann: Knast?!“ Eine Woche später bekam sie eine neue Mail – Roman hatte wohl mal nach ihrer Adresse gefragt. Sie hatte ihn nie gelöscht, nur den Chat geschlossen. „Ich bin nicht böse, Natasa. Ich habe gewusst, wie es ausgeht. Du bist ein guter Mensch. Ich danke dir – die Gespräche waren die besten meines Lebens. Mach‘s gut.“ Natasa las die Zeilen in der Küche – und brach in Tränen aus. Sie hatte Mitleid: mit ihm, mit sich, mit der Welt. „Warum hab ich nie Glück? Immer verheiratet, Muttersöhnchen – und der erste richtige Mann sitzt hinter Gittern!“, fragte sie sich. Und wieder schwieg sie… *** Natasa versuchte es mit Dates – doch nichts fühlte sich richtig an. Der eine sprach nur von Briefmarken, der andere hatte schmutzige Nägel und wollte getrennt zahlen. Am 35. Geburtstag fühlte sie sich besonders einsam. Da kam morgens eine Nachricht. „Alles Gute, liebe Natasa! Ich weiß, ich sollte dich nicht stören. Wünsch dir das Beste. Du verdienst es wirklich. Ich habe aus Brotkrume und Draht heute etwas für dich gebastelt… Wenn ich nur könnte, würd‘ ich’s dir schenken. Wenigstens weißt du: Irgendwo in Baden-Württemberg trinkt heute einer auf dich, leider nur schlechten Tee.“ „Danke, Roman – das ist lieb“, antwortete sie endlich. „Du meldest dich!“ – scheinbar überschlug sich seine Freude. „Wie geht’s deinem Käfer? Läuft sie im Winter?“ Und alles begann von vorn. Nun schrieben sie täglich. Roman rief manchmal sogar an – seine Stimme warm und rau. Er erzählte von der Kindheit, dem Bruder, dessen Kindern. Davon, wie er ein neues Leben anfangen will. „Ich gehe nicht zurück in meine Stadt, da ist zu viel Vergangenes. Lieber irgendwohin, wo mich keiner kennt. Arbeiten kann ich, zur Not als Handwerker.“ „Wohin würdest du denn wollen?“, fragte sie vorsichtig. „Am liebsten zu dir nach Stuttgart. Eine kleine Wohnung mieten, einfach wissen, dass du in der Nähe bist.“ Im Mai war Natasa über beide Ohren verliebt. Sie kannte seinen Haftplan; schickte ihm Päckchen: Tee, Süßes, warme Socken – selbst Ersatzteile. „Bitte, Roman, halt den Kopf unten, keine Schlägerei“, sagte sie. „Für dich bleibe ich brav. Im April komme ich raus!“ „Ich warte auf dich!“ *** Im April fuhr Natasa zur JVA. Sie hatte ihm Kleidung gekauft, Schuhe, sogar ein neues Hemd. Ihr Herz klopfte wild. Dann kam er: kompakt gebaut, ergrauter Lockenkopf, ganz anders als auf Fotos. Er lächelte: „Na, Hausdrachen, da bist du ja!“, rief er. Sie flog ihm um den Hals. „Gott, du bist wirklich draußen…“ „Wo soll ich sonst sein? Du riechst nach Blumen. Nach Landleben…“ Sie fuhren zu ihr. Eine Woche lebten sie wie im Märchen. Roman reparierte tropfende Hähne, brachte die Tür zum Laufen. Abends erzählte er Geschichten – nie zu düster. „Du wolltest doch eigentlich eine eigene Wohnung finden“, sprach sie am zehnten Tag an. „Vielleicht… bleib lieber hier. Zu zweit ist’s schöner – das Geld kannst du für Werkzeug sparen.“ „Natasa, das ist nicht richtig. Ich bin Mann, soll selber fürs Heim sorgen. Jetzt lebe ich schon auf deine Kosten.“ „Hör auf“, sagte sie, „du schaffst das noch. Wir sind doch jetzt zu zweit.“ „Mein Bruder hat gestern angerufen“, murmelte er. „Mein Neffe ist schwer krank, braucht eine OP. Er bittet um Geld… und ich habe nichts. Schäme mich so.“ „Wie viel?“, fragte sie. „Sehr viel. Fünfhunderttausend. Aber sie haben einen Teil, ich will zur Not zur Montage nach München – da verdient man mehr.“ Natasa schwieg. Die 500 000 Euro lagen in ihrer Kassette. Sie hatte drei Jahre gespart. Eigentlich war das für die neue Dusche, Fliesen… „Ich habe das Geld“, flüsterte sie. Roman sah sie alarmiert an. „Mach keinen Quatsch! Das kannst du nicht geben.“ „Doch, für Familie. Du gibst es zurück, wir sind doch zusammen!“ Er wehrte sich, zwei Tage lang. Wurde schweigsam, rauchte wieder auf dem Balkon. Am Ende legte Natasa das Geld auf den Tisch. „Nimm’s. Bring es deinem Bruder vorbei, oder überweise es.“ „Ich bring’s lieber selbst – vielleicht gibt’s in deren Gegend einen besseren Job“, sagte er und drückte sie. „Ich bin nur zwei Tage weg. Ich melde mich.“ *** Eine Stunde saß Natasa auf dem Flur. Die Beine waren taub, doch sie fühlte nichts mehr. Sie dachte an den Abend zuvor, an die Komödie, die Umarmungen, das kleine Glück. „Wahrscheinlich fahr ich übermorgen schon los“, hatte er gesagt. Doch er war einen Tag früher gegangen. Sie hatte nichts gehört, nicht, als die Tür zufiel. Erst nachmittags rief sie die Nummer seines Bruders an. Die, die er für Notfälle gegeben hatte. „Hallo?“ – krächzte ein fremder Mann. „Hier ist Natasa, die Freundin von Roman. Ist er bei Ihnen?“ Pause. „Welcher Roman? Mein Bruder heißt anders – und der sitzt noch bis Oktober ein.“ Natasa wurde schwindelig. „Wie – Oktober? Ich hab ihn doch im April von Heimsheim abgeholt…“ „Hören Sie: Mein Bruder Alex sitzt in der JVA Bruchsal.“ Der Roman, von dem sie sprach, sei ein ehemaliger Zellenkamerad, entlassen, habe ihm das Handy gestohlen. Und den Kontakt zu den Frauen übernommen. Ein Profi, mit technischem Studium. Charmant, überzeugend. Natasa legte das Handy weg. Sie erinnerte sich plötzlich an Tipps zum Kerzenwechsel. „Nicht zu fest schrauben, sonst ist das Gewinde hin“, hatte er gesagt. „Jetzt ist alles hin…“, flüsterte sie. „Selbst schuld.“ Sie wusste nicht einmal, ob er wirklich Roman hieß. Nie hatte sie seinen Ausweis gesehen. *** Natürlich ging sie zur Polizei, zeigte sein Bild. Da erfuhr sie einiges mehr: Er heißt tatsächlich Roman – das Einzige, was stimmte. Er wurde schon mehrfach verurteilt, saß viele Jahre ein – sie hatte ihn beim dritten Haftantritt kennengelernt. Natasa wechselte schnell die Schlösser – und fand, sie war noch glimpflich davongekommen. Andere Frauen hatten weit Schlimmeres erlebt…

Fort, und gut so

Wie Teilnehmer nicht erreichbar? Vor fünf Minuten hat er doch noch mit jemandem telefoniert! Hannelore stand mitten im Flur, das Telefon ans Ohr gepresst.

Ihr Blick schweifte zum alten Biedermeier-Sideboard.

Die Schmuckschatulle stand da wie immer. Aber irgendetwas war seltsam der Deckel schloss nicht ganz.

Rolf! rief sie in den langen Korridor hinein. Bist du im Bad?

Langsam schritt Hannelore zum Sideboard. Als ihre Hand das polierte Holz berührte, lief ihr ein eisiger Schauder über den Rücken die Schatulle war leer. Völlig leer.

Sogar der Kassenzettel, den sie als Lesezeichen benutzte, fehlte.

Mit dem Schmuck war auch das Geld verschwunden. Zugegeben, sie hatte es ihm freiwillig gegeben…

Mein Gott… hauchte sie und ließ sich auf den Boden sinken. Wie konnte das passieren? Gestern haben wir uns doch noch um Tapeten gestritten… Du hast versprochen, dass wir im August an die Ostsee fahren…

Dabei hatte alles so alltäglich begonnen. Im Juni letzten Jahres war bei Hannelore an ihrem kleinen Polo der Kolben festsitzend.

Die Werkstatt forderte einen Wucherpreis, und wütend suchte sie Rat in der Facebookgruppe Auto-Hilfe Bayern.

Leute, wer weiß: Kann man einen festgerosteten Bremskolben selber wieder lösen?, hatte sie geschrieben und ein Bild vom verdreckten Rad angehängt.

Die Kommentare prasselten ein. Einige rieten ihr ab: Lass bloß die Finger vom Werkzeug!, andere empfahlen ihr, gleich die ganze Bremsanlage zu ersetzen.

Dann kam eine Nachricht von User Rolf85:

Machen Sie sich nichts draus, kaufen Sie einfach eine Dose WD-40 und einen Reparatursatz für zwanzig Euro. Rad abnehmen, Kolben mit dem Pedal vorsichtig rausdrücken, aber nicht ganz! Mit Bremsenreiniger alles säubern, fetten, wieder zusammenbauen. Wenn das Zylinderinnenleben sauber ist, hält das ewig.

Hannelore nickte anerkennend. Die Erklärung klang sachlich und verständlich.

Und falls das Zylinderinnere Riefen hat? schrieb sie zurück.

Dann hilft nur Austausch. Aber Ihr Auto sieht auf dem Bild gepflegt aus, ich glaub nicht, dass es so schlimm ist. Wenn Sie Fragen haben schreiben Sie mir gern privat.

So fing alles an.

Rolf erwies sich als richtig fit in Technikfragen.

Innerhalb einer Woche hatte er sie beim Ölwechsel beraten, ihr die besten Zündkerzen empfohlen und sogar erklärt, welchen Kühlerschutz sie lieber nicht verwenden sollte.

Hannelore ertappte sich dabei, wie sie auf seine Nachrichten wartete.

Mensch, Rolf, du bist mein Ritter in glänzender Rüstung schrieb sie Ende Juli. Ich hab überlegt Treffen wir uns mal? Kaffee geht auf mich. Oder was Stärkeres vom eingesparten Werkstattgeld.

Die Antwort kam erst nach drei Stunden.

Hanne, ich würd dich echt gern treffen. Wirklich. Aber ich bin unterwegs. Auf längerer Montage. Im Ausland, sozusagen.

Wow, staunte sie, so weit?

Weiter gehts nicht. Ehrlich ich will dich nicht anlügen. Du bist mir richtig sympathisch. Aber ich bin nicht auf Montage ich sitze. JVA Straubing, falls dir das was sagt.

Das Handy fiel ihr aufs Sofa. Ihr Herz schien stillzustehen.

Knacki? Sie? Als Steuerberaterin in einer namhaften Münchner Firma, schreibt seit zwei Wochen mit einem Strafgefangenen?!

Weswegen? tippte sie mit zitternden Fingern.

§263, Betrug. Dummheit gepaart mit Pech und etwas Übermut. Muss noch knapp ein Jahr absitzen. Wenn du willst lösch das Gespräch, ich verstehs.

Hannelore antwortete nicht. Sie blockierte ihn stumm. Drei Tage lang wanderte sie rastlos durch die Büroräume, Kolleginnen sorgten sich um ihren seltsamen Geisteszustand.

Immer wieder fragte sie sich:

Weshalb? Warum sitzt ein so kluger, erfahrener Mensch im Knast?

Eine Woche später sah sie eine neue Mail von Rolf. Irgendwann hatte sie ihm mal ihre Adresse geschickt. Sie hatte ihn nicht blockiert, nur den Chat geschlossen.

Hanne, alles okay. Bin null sauer. War klar, dass das passiert. Du bist toll, so ein Mensch wie ich passt nicht zu dir. Danke für die Gespräche. Die letzten zwei Wochen waren meine besten seit Ewigkeiten. Alles Gute für dich. Leb wohl.

Hannelore las die Mail in der Küche und bekam plötzlich einen Weinkrampf. Sie tat ihr leid. Und auch sich selbst und diese ungerechte Welt.

Warum haben alle Glück, nur ich nicht? Entweder verheiratete Männer oder Muttersöhnchen, und der erste normale Mann sitzt im Knast murmelte sie gegen die Wand.

Noch immer antwortete sie nicht.

***

Hannelore versuchte, sich wieder zu verabreden. Erfolglos.

Der eine Typ schwärmte den halben Abend von seiner Briefmarkensammlung, der nächste erschien mit schmutzigen Fingernägeln und schlug vor, die Café-Rechnung zu teilen.

An ihrem fünfunddreißigsten Geburtstag im März fühlte Hannelore sich besonders einsam.

Am Morgen kam eine Nachricht.

Alles Gute zum Geburtstag, liebe Hanne! schrieb Rolf. Ich weiß, ich sollte dich nicht stören, aber ich konnte nicht anders. Ich wünsch dir das Beste. Du verdienst es, auf Händen getragen zu werden. Ich hab hier aus Brot und Draht was gebastelt Wenn ich könnte, würd ichs dir schenken. Zumindest weißt du: Irgendwo in Niederbayern trinkt heute jemand eine Tasse ziemlich gruseligen Tee auf dich.

Danke, Rolf, antwortete sie spontan. Das bedeutet mir viel.

Du hast geantwortet!, schrieb er fast überdreht. Wie gehts dir? Und dem kleinen Polo hat er den Winter überlebt?

Und plötzlich war die Verbindung wieder da.

Ab jetzt schrieben sie täglich. Rolf rief an, wenn er durfte.

Seine Stimme war tiefer, als sie es erwartet hatte, mit angenehmem Knarren.

Er berichtete von seinem Leben: wuchs mit seinem Bruder auf, der inzwischen die Neffen großzog, und dass Rolf alles hinter sich lassen wolle.

In meine alte Stadt geh ich nicht zurück, Hanne, erzählte er beim Telefonat, während sie Milch in den Kaffee rührte. Nur alte Freunde, die einen wieder ins Schlechte ziehen. Ich will irgendwo neu anfangen, wo mich niemand kennt. Arbeiten kann ich, für den Bau oder als Monteur reichts auf jeden Fall.

Und wohin willst du? fragte sie mit angehaltenem Atem.

Zu dir würde ich kommen. Mir ein kleines Zimmer oder eine günstige Einzimmerwohnung mieten. Dann wüsste ich, dass wir die gleiche Luft atmen. Was danach kommt mal sehen. Ich dränge mich dir nicht auf, wirklich nicht…

Im Mai war Hannelore hoffnungslos verliebt.

Sie kannte seinen Stundenplan, wusste, wann er zur Werkstatt musste, wann er Küchendienst hatte.

Sie schickte ihm Päckchen: Tee, Schokolade, Wollsocken, kleine Ersatzteile für seine Basteleien.

Rolfi, bitte halt dich da raus, bat sie. Habe keine Prügelei, hörst du?

Für dich bin ich friedlich wie ein Lamm, lachte er. Im April bin ich frei.

Ich warte auf dich.

***

Im April fuhr Hannelore zur JVA vor. Sie hatte ihm eine neue Jacke gekauft, Jeans, Turnschuhe.

Ihr Herz pochte so heftig, dass sie meinte, es müsse bersten.

Als er heraustrat, mittelgroß, kräftig, mit kurzen, leicht ergrauten Haaren, war sie im ersten Moment wie gelähmt.

Auf den Bildern sah er anders aus.

Doch als er lächelte und sagte:

Na, Gräfin, da fiel sie ihm um den Hals.

Mein Gott, du bist da… flüsterte sie und schob das Gesicht in seine stoppelige Wange.

Wohin soll ich denn, sagte er und drückte sie fest. Du riechst so gut, nach Blüten oder so…

Sie fuhren zu ihr.

Die erste Woche war wie ein Märchen. Rolf packte sofort an: reparierte den tropfenden Wasserhahn, brachte das Türschloss in Ordnung, das seit Monaten zickte.

Abends saßen sie am Küchentisch, tranken halbtrockenen Frankenwein, er erzählte urkomische Stories aus dem Knast, um die schwierigen Sachen geschickt drumherum.

Sag mal, Rolf, sagte sie am zehnten Tag, du hast doch gesagt, du willst eine eigene Wohnung mieten.

Musst du gar nicht. Platz ist bei mir genug. Zu zweit ists eh netter. Spar dir das Geld, dann kannst du dir Werkzeug leisten, wenn du arbeitest.

Das kommt mir aber komisch vor, runzelte er die Stirn, zuckerte seinen Kaffee. Ich bin der Mann, ich muss für die Wohnung sorgen. Jetzt lass ich mich bei dir aushalten, das geht doch nicht.

Nun hör schon auf, legte sie ihre Hand auf seine. Wir sind doch kein Fremde. Du wirst schon auf die Beine kommen und Arbeit finden, dann ist alles gut.

Mein Bruder hat gestern angerufen, sagte er plötzlich und blickte weg. Der Neffe ist schwer krank, braucht eine OP, die kostet. Er bittet mich um einen Kredit, aber ich hab nix. Null.

Wie viel braucht ihr denn? fragte sie vorsichtig.

Ganz schön viel Fünfzehntausend Euro. Aber sie haben schon einiges zusammen.

Ich überlege, ob ich nicht nach Hamburg zum Arbeiten gehe, da gibts gutes Geld auf dem Bau.

Hannelore schwieg. Die besagten fünfzehntausend Euro lagen in ihrer Schmuckschatulle. Drei Jahre hatte sie gespart, sich alles versagt.

Sie wollte das Bad umbauen lassen, neue Fliesen, eine Duschkabine mit Massagefunktion…

Ich habe das Geld, sagte sie leise.

Rolf hob ungläubig den Kopf.

Nein! Das ist deins. Ich nehm das nicht.

Rolf, es ist Familie! Du hast gesagt, das ist heilig. Nimms als Kredit. Du gibst es mir zurück. Wir sind doch jetzt ein Team.

Er weigerte sich, zwei Tage lang war er wortkarg, stand ewig rauchend auf dem Balkon obwohl er gesagt hatte, er höre auf.

Am Ende legte Hannelore den Geldumschlag einfach auf den Tisch.

Nimm schon. Fahr zu deinem Bruder, oder überweise es.

Am liebsten bring ichs selbst hin, sagte er und umarmte sie. Dann kann ich gleich nach Arbeit schauen. Bin in zwei Tagen zurück, Hanne, keine Sorge…

***

Schon seit einer Stunde saß Hannelore auf dem Flur und starrte ins Nichts. Die Beine taub, ihre Gedanken wirr.

Sie dachte an den gestrigen Abend. Sie hatten irgendeinen dummen Film geschaut, er hatte sie im Arm gehalten, und alles war himmlisch.

Wahrscheinlich fahr ich übermorgen früh los, hatte er beim Schlafengehen gesagt.

Aber er war schon in der Nacht weg. Sie hatte geschlafen, hatte nicht einmal gehört, wie er ging.

Im Traum glaubte sie, die Haustür sei ins Schloss gefallen, aber sie dachte, das seien die Nachbarn.

Um zwei Uhr rief sie doch noch die Nummer seines Bruders an, die er ihr als Notfallnummer gegeben hatte.

Hallo? meldete sich eine raue Männerstimme. Wer ist da?

Guten Tag, hier ist… Hannelore, Rolfs Freundin. Ist er gut angekommen?

Stille. Dann ein schwerer Seufzer.

Sie meinen wohl jemand anders. Mein Bruder heißt anders und sitzt noch ein halbes Jahr in der JVA. Ist erst im Oktober raus.

Schwarz wurde es vor Hannelores Augen.

Wie… im Oktober? Rolf ist doch im April entlassen worden. Ich war selbst vor Straubing und hab ihn abgeholt.

Hören Sie, die Stimme wurde hart. Mein Bruder, Thomas, sitzt in der JVA Bernau. Und Rolf… Rolf ist mein ehemaliger Zellengenosse, der wurde vor zwei Monaten entlassen.

Er hat mir damals das Handy geklaut, als ich auf der Baustelle war, Kontakte kopiert.

Sie sind offenbar die nächste Brieffreundin, die er reingelegt hat. Er hats echt drauf. Hat ein Ingenieursstudium und weiß, wie man Leute beschwatzt.

Hannelore ließ das Telefon langsam auf den Boden gleiten. Sie erinnerte sich, wie er ihr zeigte, wie Zündkerzen zu wechseln sind.

Bloß nicht zu fest andrehen, sagte er dann. Sonst ist das Gewinde futsch, dann gute Nacht.

Futsch, flüsterte Hannelore. Alles kaputtgedreht. Alles verbockt.

Plötzlich begriff sie, dass sie nichts über den Mann wusste, den sie für ihren Freund gehalten hatte. Sie hatte nie seinen Ausweis gesehen, nie eine Entlassungsurkunde. Vielleicht hieß er nicht einmal Rolf…

***

Natürlich ging Hannelore zur Polizei und stellte Anzeige. Sie zeigte das Foto was sie von ihrem Mitbewohner dann erfuhr, überraschte sie.

Er hieß tatsächlich Rolf, das war das Einzige, das stimmte.

Er hatte wegen schwerer Delikte gesessen, die meiste Zeit seines Lebens hinter Gittern verbracht Hannelore lernte ihn beim dritten Haftantritt kennen.

Sie schluckte, ließ neue Schlösser einbauen und dachte: Im Nachhinein ist sie vielleicht noch glimpflich davongekommen. Wenn sie an seine vorherigen Opfer dachteEinige Wochen vergingen. Die Lücke im Sideboard klaffte wie eine Narbe, aber der Alltag drängte zurück, zwang Hannelore aus ihrer Schockstarre.

Sie arbeitete viel, fuhr mit dem Polo zur Inspektion und sprach ein nachsichtiges Ja, Sie dürfens mal anschauen, aber bitte nicht gleich alles tauschen aus.

Langsam, fast widerwillig, begann sie wieder zu lächeln. Im Mai saß sie eines Nachmittags auf dem Balkon. Vor ihr das Kännchen Kaffee, daneben ein alter Ersatzschlüssel, den Rolf noch poliert hatte. Die Sonne war mild, und irgendwo wurde Rasen gemäht. Sie atmete lange aus.

Er hatte ihr vieles genommen, das war nicht wegzudiskutieren. Aber er hatte ihr auch gezeigt, dass sie immer wieder aufstehen konnte, egal, wie schwer ein Fehler wog.

Als sie später einen neuen Kommentar in der Facebookgruppe Auto-Hilfe Bayern las diesmal von einer Frau, die verzweifelt mit dem Radlager kämpfte , schrieb Hannelore: Nur Mut! Wenns wirklich festsitzt, helfen ein bisschen Geduld, das richtige Werkzeug und ein guter Freund.

Sie hielt inne, überflog ihren Satz und schickte ihn dann lachend ab.

Vielleicht, dachte sie, sollte sie endlich weniger auf glänzende Rüstungen warten. Vielleicht genügt ein bisschen Rost, solange man selbst am Steuer bleibt.

Mit neuer Zuversicht griff sie zum Pinsel: Die Tapeten sollten diesen Sommer doch endlich dran glauben. Und während sie die ersten alten Bahnen abriss, fiel Sonnenlicht auf den leeren Platz im Sideboard. Es war ein Anfang.

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Homy
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Besser allein als beraubt – Als Natashas neuer Lebensgefährte spurlos verschwindet, bleiben nicht nur Erinnerungen, sondern auch eine leere Schmuckschatulle und gebrochene Versprechen zurück — „Wie – Teilnehmer nicht erreichbar? Vor fünf Minuten hat er doch noch telefoniert!“ Natasa stand mitten im Flur und drückte das Handy ans Ohr. Ihr Blick fiel auf die Kommode. Die kleine Kassette mit ihren Wertgegenständen stand noch an Ort und Stelle – doch etwas stimmte nicht: Der Deckel war nicht richtig geschlossen. — „Roman?“, rief sie in die Wohnung. „Bist du im Bad?“ Langsam ging sie zur Kommode. Als sie das polierte Holz berührte, lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken – die Kassette war leer. Vollständig. Nicht einmal der Kassenbon, den sie als Lesezeichen nutzte, war geblieben. Zusammen mit dem Schmuck waren auch die Ersparnisse verschwunden. Dabei hatte sie ihm das Geld doch aus freien Stücken gegeben… — „Gott…“, hauchte sie, als sie auf den Boden sank. „Wie konnte das passieren? Gestern haben wir noch über Tapeten diskutiert… Du hast doch geschworen, dass wir im August ans Meer fahren…“ Dabei hatte alles so harmlos angefangen. Letzten Juni blockierte bei Natasa an ihrem „Käfer“ der Kolben. In der Werkstatt verlangte man fast unverschämt viel, also suchte sie verärgert Hilfe in der Facebook-Gruppe „Auto-Hilfe Stuttgart“. „Kennt sich jemand aus: Kann man einen festsitzenden Bremssattel selbst wieder gangbar machen?“, schrieb sie und postete ein Foto vom verdreckten Reifen. Die Kommentare kamen prompt. Manche rieten ab, andere empfahlen, das Ersatzteil zu kaufen. Da kam die Nachricht von Nutzer Roman85: „Hör nicht auf die, kauf einfach WD-40 und ein Reparaturset! Rad abnehmen, Kolben vorsichtig mit dem Pedal herausdrücken, aber nicht zu weit. Mit Bremsenreiniger spülen, schmieren. Wenn der Zylinder okay aussieht, läuft die Kiste wieder super.“ Natasa fand den Rat sachlich und unaufgeregt. „Was, wenn der Zylinder Riefen hat?“, fragte sie nach. „Dann nur tauschen. Aber laut deinem Foto ist das Auto gepflegt, das wird schon passen. Bei Fragen – schreib ruhig privat.“ So fing alles an. Roman war technikbegeistert und hilfsbereit. Innerhalb einer Woche „beriet“ er sie beim Ölwechsel, Kerzenkauf und warnte vor schlechtem Frostschutz. Bald ertappte sich Natasa dabei, dass sie seine Nachrichten regelrecht erwartete. „Du bist mein Retter“, schrieb sie Ende Juli lachend. „Wie wär’s mal mit Kaffee – oder was Stärkerem, als Dank für die Ersparnis?“ Die Antwort ließ drei Stunden auf sich warten. „Natasa, ich würde wirklich gern. Aber ich bin gerade… auf Dienstreise. Im Ausland, sehr lange.“ „So weit weg?“, staunte sie. „Weiter geht’s nicht. Ich will ehrlich sein: Ich sitze meine Strafe ab. JVA Heimsheim – falls dir das was sagt.“ Das Handy fiel ihr aufs Sofa. In ihrer Brust zog sich alles zusammen. Ein Knacki? Sie, ehrbare Buchhalterin mit Bürojob, chattet seit Wochen mit einem Häftling?! „Weshalb?“, tippte sie mit zitternden Fingern. „Betrug. Dummheit, wurde reingelegt, bisschen übermütig. Bald bin ich draußen. Wenn‘s dir zu viel ist – lösche den Chat, ich versteh’s.“ Natasa antwortete nicht, blockierte ihn – und war tagelang wie benommen. Kollegen fragten schon, ob sie krank sei. Immer wieder dachte sie: „Wieso? So intelligent, so hilfsbereit, und dann: Knast?!“ Eine Woche später bekam sie eine neue Mail – Roman hatte wohl mal nach ihrer Adresse gefragt. Sie hatte ihn nie gelöscht, nur den Chat geschlossen. „Ich bin nicht böse, Natasa. Ich habe gewusst, wie es ausgeht. Du bist ein guter Mensch. Ich danke dir – die Gespräche waren die besten meines Lebens. Mach‘s gut.“ Natasa las die Zeilen in der Küche – und brach in Tränen aus. Sie hatte Mitleid: mit ihm, mit sich, mit der Welt. „Warum hab ich nie Glück? Immer verheiratet, Muttersöhnchen – und der erste richtige Mann sitzt hinter Gittern!“, fragte sie sich. Und wieder schwieg sie… *** Natasa versuchte es mit Dates – doch nichts fühlte sich richtig an. Der eine sprach nur von Briefmarken, der andere hatte schmutzige Nägel und wollte getrennt zahlen. Am 35. Geburtstag fühlte sie sich besonders einsam. Da kam morgens eine Nachricht. „Alles Gute, liebe Natasa! Ich weiß, ich sollte dich nicht stören. Wünsch dir das Beste. Du verdienst es wirklich. Ich habe aus Brotkrume und Draht heute etwas für dich gebastelt… Wenn ich nur könnte, würd‘ ich’s dir schenken. Wenigstens weißt du: Irgendwo in Baden-Württemberg trinkt heute einer auf dich, leider nur schlechten Tee.“ „Danke, Roman – das ist lieb“, antwortete sie endlich. „Du meldest dich!“ – scheinbar überschlug sich seine Freude. „Wie geht’s deinem Käfer? Läuft sie im Winter?“ Und alles begann von vorn. Nun schrieben sie täglich. Roman rief manchmal sogar an – seine Stimme warm und rau. Er erzählte von der Kindheit, dem Bruder, dessen Kindern. Davon, wie er ein neues Leben anfangen will. „Ich gehe nicht zurück in meine Stadt, da ist zu viel Vergangenes. Lieber irgendwohin, wo mich keiner kennt. Arbeiten kann ich, zur Not als Handwerker.“ „Wohin würdest du denn wollen?“, fragte sie vorsichtig. „Am liebsten zu dir nach Stuttgart. Eine kleine Wohnung mieten, einfach wissen, dass du in der Nähe bist.“ Im Mai war Natasa über beide Ohren verliebt. Sie kannte seinen Haftplan; schickte ihm Päckchen: Tee, Süßes, warme Socken – selbst Ersatzteile. „Bitte, Roman, halt den Kopf unten, keine Schlägerei“, sagte sie. „Für dich bleibe ich brav. Im April komme ich raus!“ „Ich warte auf dich!“ *** Im April fuhr Natasa zur JVA. Sie hatte ihm Kleidung gekauft, Schuhe, sogar ein neues Hemd. Ihr Herz klopfte wild. Dann kam er: kompakt gebaut, ergrauter Lockenkopf, ganz anders als auf Fotos. Er lächelte: „Na, Hausdrachen, da bist du ja!“, rief er. Sie flog ihm um den Hals. „Gott, du bist wirklich draußen…“ „Wo soll ich sonst sein? Du riechst nach Blumen. Nach Landleben…“ Sie fuhren zu ihr. Eine Woche lebten sie wie im Märchen. Roman reparierte tropfende Hähne, brachte die Tür zum Laufen. Abends erzählte er Geschichten – nie zu düster. „Du wolltest doch eigentlich eine eigene Wohnung finden“, sprach sie am zehnten Tag an. „Vielleicht… bleib lieber hier. Zu zweit ist’s schöner – das Geld kannst du für Werkzeug sparen.“ „Natasa, das ist nicht richtig. Ich bin Mann, soll selber fürs Heim sorgen. Jetzt lebe ich schon auf deine Kosten.“ „Hör auf“, sagte sie, „du schaffst das noch. Wir sind doch jetzt zu zweit.“ „Mein Bruder hat gestern angerufen“, murmelte er. „Mein Neffe ist schwer krank, braucht eine OP. Er bittet um Geld… und ich habe nichts. Schäme mich so.“ „Wie viel?“, fragte sie. „Sehr viel. Fünfhunderttausend. Aber sie haben einen Teil, ich will zur Not zur Montage nach München – da verdient man mehr.“ Natasa schwieg. Die 500 000 Euro lagen in ihrer Kassette. Sie hatte drei Jahre gespart. Eigentlich war das für die neue Dusche, Fliesen… „Ich habe das Geld“, flüsterte sie. Roman sah sie alarmiert an. „Mach keinen Quatsch! Das kannst du nicht geben.“ „Doch, für Familie. Du gibst es zurück, wir sind doch zusammen!“ Er wehrte sich, zwei Tage lang. Wurde schweigsam, rauchte wieder auf dem Balkon. Am Ende legte Natasa das Geld auf den Tisch. „Nimm’s. Bring es deinem Bruder vorbei, oder überweise es.“ „Ich bring’s lieber selbst – vielleicht gibt’s in deren Gegend einen besseren Job“, sagte er und drückte sie. „Ich bin nur zwei Tage weg. Ich melde mich.“ *** Eine Stunde saß Natasa auf dem Flur. Die Beine waren taub, doch sie fühlte nichts mehr. Sie dachte an den Abend zuvor, an die Komödie, die Umarmungen, das kleine Glück. „Wahrscheinlich fahr ich übermorgen schon los“, hatte er gesagt. Doch er war einen Tag früher gegangen. Sie hatte nichts gehört, nicht, als die Tür zufiel. Erst nachmittags rief sie die Nummer seines Bruders an. Die, die er für Notfälle gegeben hatte. „Hallo?“ – krächzte ein fremder Mann. „Hier ist Natasa, die Freundin von Roman. Ist er bei Ihnen?“ Pause. „Welcher Roman? Mein Bruder heißt anders – und der sitzt noch bis Oktober ein.“ Natasa wurde schwindelig. „Wie – Oktober? Ich hab ihn doch im April von Heimsheim abgeholt…“ „Hören Sie: Mein Bruder Alex sitzt in der JVA Bruchsal.“ Der Roman, von dem sie sprach, sei ein ehemaliger Zellenkamerad, entlassen, habe ihm das Handy gestohlen. Und den Kontakt zu den Frauen übernommen. Ein Profi, mit technischem Studium. Charmant, überzeugend. Natasa legte das Handy weg. Sie erinnerte sich plötzlich an Tipps zum Kerzenwechsel. „Nicht zu fest schrauben, sonst ist das Gewinde hin“, hatte er gesagt. „Jetzt ist alles hin…“, flüsterte sie. „Selbst schuld.“ Sie wusste nicht einmal, ob er wirklich Roman hieß. Nie hatte sie seinen Ausweis gesehen. *** Natürlich ging sie zur Polizei, zeigte sein Bild. Da erfuhr sie einiges mehr: Er heißt tatsächlich Roman – das Einzige, was stimmte. Er wurde schon mehrfach verurteilt, saß viele Jahre ein – sie hatte ihn beim dritten Haftantritt kennengelernt. Natasa wechselte schnell die Schlösser – und fand, sie war noch glimpflich davongekommen. Andere Frauen hatten weit Schlimmeres erlebt…
Das Sofa der Neunziger – Kultiges Wohnzimmerfeeling aus Deutschlands bunter Jahrzehnt-Wende