Ach, Mädchen, du verschwendest deine Zeit mit ihm, er wird dich nicht heiraten. Und selbst wenn, er wird dir das Leben schwer machen. Sobald der Sommer kommt, strömen die hübschen Städterinnen ins Dorf was willst du dann tun? Du wirst vor Eifersucht vergehen. Du brauchst einen anderen Mann, pflegte Tante Maria ihr zu sagen. Aber welche verliebte Jugend hört schon auf die klugen Worte der Alten?
Für Klara war das Leben nie leicht. Sie war gerade sechzehn, als ihre Mutter starb. Ihr Vater war vor sieben Jahren nach München gegangen, um dort zu arbeiten seitdem kein Lebenszeichen, kein Geld, nichts.
Beim Begräbnis half das ganze Dorf. Jeder brachte mit, was er entbehren konnte. Die Patentante Maria, Klaras Taufpatin, schaute oft bei ihr vorbei, zeigte ihr, was sie wie machen sollte. Nach dem Ende der Schule fand sie für Klara eine Stelle bei der Post im Nachbardorf.
Klara war ein kräftiges Mädchen, von der Art, über die man sagt: gesund und voller Leben. Ihr Gesicht leuchtete rosig, die Nase knubbelig, aber die blaugrauen Augen strahlten und ihre dicke, blonde Zopf reichte ihr bis zur Taille.
Der Schönling des Dorfs war ohne Zweifel Leonhard. Zwei Jahre war er nun aus der Bundeswehr zurück und die Mädchen konnten ihm kaum widerstehen selbst die Sommergäste aus der Stadt beachteten ihn. Eigentlich hätte Leonhard besser in deutschen Fernsehserien mitspielen sollen, statt als Fahrer im Dorf zu arbeiten. Heiraten wollte er aber noch lange nicht, das Leben genießen stand ihm mehr im Sinn.
Eines Tages bat Tante Maria ihn, bei Klara den Zaun zu reparieren. Der war baufällig geworden. Ohne männliche Hilfe kam man im Dorf kaum zurecht. Klara schaffte das Gemüsebeet allein, aber das Haus war dann doch zu viel für sie.
Er sagte sofort zu, kam vorbei, sah sich alles an und fing gleich an zu kommandieren: Bring mir das, lauf dorthin, gib mir das Werkzeug. Klara tat, was er verlangte.
Nur ihre Wangen wurden noch roter und ihr Zopf flog von einer Seite zur anderen. Wenn Leonhard müde war, kochte Klara ihm einen kräftigen Eintopf und servierte dazu starken Tee. Sie beobachtete, wie er mit seinen weißen Zähnen ins schwarze Brot biss.
Drei Tage brauchte Leonhard für den Zaun, am vierten kam er einfach so zu Besuch. Klara bewirtete ihn, ein Wort gab das andere, und er blieb über Nacht. So wurde es zur Gewohnheit. Früh am Morgen schlich er sich fort, damit ihn niemand sah aber im Dorf blieb nichts geheim.
Ach, Mädchen, du verschwendest deine Zeit mit ihm, er wird dich nicht heiraten. Und selbst wenn, das Leben mit dem wird hart. Sobald der Sommer kommt, kommen die hübschen Städterinnen. Du wirst wahnsinnig vor Eifersucht. So einen brauchst du nicht, warnte Tante Maria sie.
Aber welche verliebte Jugend hört schon auf die klügen Worte der Alten?
Irgendwann begriff Klara, dass sie schwanger war. Erst dachte sie, sie sei einfach erkältet oder hätte etwas Falsches gegessen doch als die Übelkeit immer wiederkam, wurde ihr klar: sie trug Leonhards Kind unter dem Herzen.
Sie spielte mit dem Gedanken, das Kind nicht auszutragen, zu jung schien ihr das alles. Doch dann dachte sie: besser so, als alleine zu leben.
Ihre Mutter hatte sie großgezogen, Klara würde das auch schaffen. Viel hatte sie von ihrem Vater sowieso nicht gehabt, und was die Leute sagten, würde auch wieder vergessen werden.
Als der Frühling kam und sie die dicke Jacke auszog, sahen alle Dorfbewohner ihren runden Bauch. Mancher schüttelte den Kopf und flüsterte, dass großes Unglück über das Mädchen gekommen sei. Leonhard kam bald vorbei, wollte wissen, was sie vorhatte.
Was soll ich tun? Das Kind bekommen, natürlich. Mach dir keine Sorgen, ich erziehe das alleine. Leb dein Leben weiter, sagte sie und machte sich in der Küche zu schaffen. Die roten Flammen im Herd spiegelten sich auf ihren Wangen und in den Augen.
Leonhard sah sie lange an, dann ging er wortlos. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen, als wäre alles an ihm abgeperlt wie Wasser auf einer Gans. Als der Sommer kam, reisten die Städterinnen an jetzt hatte Leonhard kaum noch Zeit für Klara.
Sie arbeitete weiter im Garten, Tante Maria half beim Unkrautjäten. Mit dem Bauch war das schwer, Wasser schleppte sie nur in halben Eimern. Die Frauen im Dorf prophezeiten ihr einen strammen Jungen.
Was Gott eingibt, scherzte Klara.
Mitte September wachte sie eines Morgens auf, ein stechender Schmerz fuhr ihr durch dem Bauch. Die Wehen setzten ein. Sie lief zu Tante Maria. Die merkte sofort, was los war.
Es ist soweit? Bleib sitzen, ich komme gleich! rief sie und stürmte los.
Sie rannte zu Leonhard. Dessen Lastwagen stand vor dem Haus, die Sommergäste waren schon abgereist. Unglücklicherweise hatte er am Vorabend zu tief ins Glas geschaut.
Tante Maria rüttelte ihn wach. Leonhard blickte benommen, verstand nicht sofort, doch dann schrie er:
Zehn Kilometer bis zum Krankenhaus! Bis ich den Arzt hier habe, ist das Kind schon da. Wir fahren sofort! Pack sie ein!
Mit dem Lastwagen? Sie wird völlig durchgeschüttelt, das Kind wird noch auf dem Weg geboren! schimpfte Maria.
Dann komm mit, zur Sicherheit, erwiderte Leonhard bestimmt.
Vorsichtig fuhren sie zwei Kilometer über die holprige Straße. Kaum hatte er einen Graben umfahren, landeten sie schon im nächsten. Tante Maria saß hinten auf einem Sack. Als sie endlich Asphalt erreichten, ging es schneller.
Klara krümmte sich auf dem Beifahrersitz, presste die Lippen zusammen und hielt sich den Bauch. Leonhard war sofort nüchtern geworden.
Er warf rasche Blicke auf sie, seine Kiefer mahlten, die Fingerknöchel wurden weiß am Lenkrad er dachte nach.
Sie kamen rechtzeitig an. Sie brachten Klara ins Krankenhaus und fuhren zurück. Die ganze Fahrt schimpfte Tante Maria auf Leonhard:
Warum musstest du ihr das Leben verderben? Ganz allein, ohne Eltern, selber noch ein Kind und du lässt sie mit all den Sorgen allein. Wie soll sie das nur schaffen?
Die Heimfahrt war noch nicht zu Ende, da war Klara schon Mutter eines starken, gesunden Jungen geworden. Am nächsten Morgen durfte sie ihn zum Stillen in die Arme nehmen. Unsicher wusste sie nicht, wie und was sie tun sollte.
Sie betrachtete ängstlich das rote, runzlige Gesicht des Sohns, presste wieder die Lippen zusammen und tat, was die Schwestern sagten.
Das Herz klopfte ihr vor Freude. Sie streichelte seinem Stirn, pustete auf die kleinen Haare und war einfach nur glücklich.
Holt dich jemand ab? fragte ein strenger älterer Arzt vor der Entlassung.
Klara zuckte mit den Schultern, schüttelte den Kopf.
Wohl kaum.
Der Arzt seufzte und ging. Die Schwester wickelte das Baby in die Krankenhausdecke, damit es zumindest bis nach Hause reichte. Sie schärfte Klara ein, sie zurückzubringen.
Friedrich fährt dich mit dem Krankenwagen ins Dorf. Du kannst ja unmöglich mit dem Linienbus mit dem Säugling fahren, sagte sie mit strengem Blick.
Klara bedankte sich und verließ den Flur, ganz rot vor Scham und Verlegenheit.
Im Wagen drückte sie ihren Sohn an sich und fragte sich, wie das Leben nun weiter gehen sollte.
Das Kindergeld betrug kaum mehr als ein Taschengeld, man konnte niemanden darum beneiden. Klara tat der Kleine leid, aber als sie das zerknitterte Gesicht ihres schlafenden Kindes sah, überkam sie eine Flut an Liebe und verdrängte die schweren Gedanken.
Plötzlich hielt das Auto. Klara sah Friedrich fragend an, einem Mann um die fünfzig.
Was ist los?
Es hat zwei Tage durchgeregnet. Schau mal, die Pfützen! Da komm ich nie durch, da müsstest du auf dem Feldweg stecken bleiben, es geht nur mit Traktor oder Laster.
Sorry, viel ist nicht mehr, bloß zwei Kilometer. Schaffst du das zu Fuß? Er zeigte auf die Straße, wo riesige Wasserlachen den Weg versperrten.
Das Baby schlief ruhig in ihren Armen. Selbst im Sitzen fiel es ihr schwer, ihn zu halten ein echter Wonneproppen. Und jetzt so durch den Matsch?
Klara stieg vorsichtig aus, richtete ihren Sohn bequemer in den Arm und stapfte am Rand der Pfütze entlang. Die Füße versanken knöcheltief im Lehm, ständig drohte sie auszurutschen.
Ihre alten, ausgetretenen Halbschuhe saugten die Matsche auf. Hätte sie doch Gummistiefel getragen. Einer blieb im Morast stecken, sie überlegte aber mit Kind auf dem Arm ließ sich da nichts machen. Sie ging weiter, nun mit nur einem Schuh.
Als sie ins Dorf kam, war es schon dunkel. Ihre Füße spürte sie vor Kälte kaum noch. Kraft hatte sie nicht mehr, um sich über das Licht in der Wohnung zu wundern.
Sie stieg die trockenen Treppen ins Haus hinauf. Die Füße waren eiskalt, aber der Rücken patschnass vor Anstrengung. Sie öffnete die Haustür und erstarrte.
Da stand an der Wand ein Babybett, daneben ein Kinderwagen, mit schönen Sachen für den Säugling. Leonhard saß am Tisch, den Kopf auf die Arme gelegt, schlief.
Ob er sie spürte oder ihren Blick auffing, jedenfalls hob er den Kopf. Klara war rot im Gesicht, die Haare zerzaust, mit dem Kind auf dem Arm stand sie erschöpft in der Tür. Ihr Kleid durchnässt, Beine bis zu den Knien voller Matsch.
Als er bemerkte, dass sie einen Schuh verloren hatte, sprang er auf, nahm das Kind aus ihren Armen und legte es ins Bettchen. Gleich zum Ofen, um einen Topf mit heißem Wasser zu holen.
Er half ihr zu waschen, sich auszuziehen und sich um die Füße zu kümmern. Während Klara sich hinterm Ofen umzog, standen schon Kartoffeln und eine Kanne Milch auf dem Tisch.
Da begann das Baby zu schreien. Klara eilte zu ihm, trat ohne Scheu zum Tisch und stillte ihren Sohn.
Wie hast du ihn genannt? fragte Leonhard mit rauer Stimme.
Emil. Bist du einverstanden? Ihre hellen Augen blickten ihn an.
So viel Sehnsucht und Liebe lagen darin, dass Leonhard das Herz eng wurde.
Ein schöner Name. Morgen gehen wir, melden den Kleinen offiziell an und heiraten gleich.
Das ist doch nicht nötig begann Klara und sah zu, wie der Junge trank.
Mein Sohn braucht einen Vater. Ich habe genug herumgetobt. Muss kein perfekter Mann werden, aber als Vater stehe ich zu ihm.
Klara nickte, ohne aufzublicken.
Zwei Jahre später bekamen sie noch eine Tochter. Sie nannten sie nach Klaras Mutter, Gertrud.
Es spielt keine Rolle, welche Fehler du am Lebensanfang machst wichtig ist nur, dass du sie wieder gutmachen kannst.
So ist das echte Leben. Was meint ihr dazu? Schreibt eure Meinung in die Kommentare und lasst ein Like daUnd im Dorf erzählte man noch lange von Klara und Leonhard, deren Liebe sich allen Widrigkeiten zum Trotz behauptet hatte. Die Kinder tobten durch den Garten, dazwischen klang Klaras fröhliches Lachen bis zur Straße. Tante Maria bereitete Apfelkuchen, die Nachbarn kamen zum Kaffee, und manchmal sah man Leonhard die Wäsche aufhängen, während Klara Briefe bei der Post sortierte.
Wenn Klara abends ihre zwei Kinder ins Bett brachte, strich sie ihnen über die Stirn und flüsterte: Ihr seid meine Welt. Dann trat sie auf die Veranda hinaus, spürte den Wind auf dem Gesicht und sah hinüber zu den Feldern. Alles war ruhig, nur das Rauschen der Blätter und das fernes Muhen der Kühe begleiteten sie. In solchen Momenten fühlte sie, wie aus Kummer und Hoffnung etwas Neues gewachsen war, etwas Starkes und Zärtliches zugleich.
Leonhard trat neben sie, legte vorsichtig den Arm um ihre Schultern, und beide blickten in die Dämmerung, aus der bald wieder ein heller Tag geboren werden würde. Das Leben war vielleicht nicht immer einfach aber miteinander, Hand in Hand, konnte es schön sein.





