Meine Nachbarin im Schrebergarten dachte, meine Ernte sei für alle, aber ich habe ihr das Schmarotzertum schnell abgewöhnt

Ach komm, lass mal gut sein, Nachbarin! Wegen ein paar Gurken machst du jetzt so ein Theater? Die werden bei dir sowieso überreif und gelb, und meine Enkel sind gerade zu Besuch die brauchen doch Vitamine! Sei nicht so ein Geizkragen, wir wohnen schließlich Wand an Wand!

Gertrud beugte sich über den niedrigen Maschendrahtzaun, der unsere Gärten trennte, und ließ ihr breites Gesicht zuckersüß erstrahlen. In der einen Hand hielt sie eine emaillierte Schüssel, schon halb voll mit meiner Erdbeere, mit der anderen griff sie forsch nach meinen Johannisbeersträuchern.

Ich, Ines, hockte gerade im Möhrenbeet, zupfte winzige Unkräuter und richtete stöhnend meinen Rücken auf. Mein Kreuz knackte protestierend. Den Schweiß wischte ich mir mit dem Handrücken von der Stirn ganz schwarze Erde unter den Nägeln und schaute die Nachbarin streng an. Dieses Wir sind doch unter uns hörte ich nun schon das dritte Jahr, seitdem mein Mann und ich unser Wochenendgrundstück gekauft hatte und das verwilderte Stück Land mit viel Mühe in einen Vorzeigegarten umgewandelt hatten.

Gertrud, sagte ich ruhig, aber bestimmt. Du hast doch auch Erdbeeren. Ich habe sie gesehen. Wieso erntest du deine nicht?

Ach, das bisschen! wedelte Gertrud ab, ganz ungeniert. Die sind klein, sauer, und der Käfer frisst mir alles weg. Du hast alles so schön gedüngt, pflegst und kümmerst dich, und ich… ich lasse halt wachsen, was wächst, ganz natürlich. Aber deine Beeren sind ja groß wie Hühnereier! Das darf doch nicht alles verkommen. Ihr seid doch eh zu zweit, was wollt ihr mit so viel? Ihr platzt ja irgendwann!

Ich seufzte tief. Die Logik meiner Nachbarin war schwer zu knacken wie Panzerglas. Gertrud war tatsächlich überzeugt: Wer viel hat, muss mit anderen teilen, egal warum die anderen wenig haben Faulheit als Grund sah sie nicht ein.

Ihr Garten war ein trauriger Anblick: krumme Apfelbäume, bemoost, unregelmäßige Beete, und überall Löwenzahn, der seine Fallschirmchen fröhlich in alle Winde verstreute am liebsten zu mir herüber. Gertrud fuhr eigentlich nur raus, um Seele baumeln zu lassen: Hängematte, Würstchen auf alten Mauersteinen grillen, lautes Radio hören.

Ich aber war leidenschaftliche Gärtnerin. Kannte jede Pflanze beim Namen, bestellte seltene Tomatensorten online, stand um fünf Uhr auf, um die Frühbeete zu lüften, und wässerte bis spät in die Nacht. Jede Tomate, jede Gurke war Resultat harter Arbeit, schmerzenden Rückens und so mancher schlaflosen Nacht wegen unerwarteter Kälte.

Gertrud, stell die Schüssel weg, sagte ich. Die Erdbeeren sind fürs Einkochen. Jede Beere zählt bei mir.

Jetzt fang nicht schon wieder an! verdrehte Gertrud übertrieben die Augen. Du bist wirklich geizig. Sei doch nicht so. Ich hab nur für die Kinder ein bisschen genommen willst du ihnen das direkt aus dem Mund holen?

Flugs schob sie sich, bevor ich am Zaun war, eine dicke Erdbeere in den Mund, kaute demonstrativ und schwebte stolz mit ihrer Beute zurück zu ihrem Haus.

Wütend stand ich in meinen Möhren, das Ärgernis stieg wie siedendes Wasser in mir auf. Mein Mann, Jens, kam mit Hobel aus dem Schuppen. Er sah die Szene, hielt sich aber raus, Frauenstreit war nicht sein Ding.

Schon wieder die Gertrud auf deiner Wiese? fragte er.

Wieder mal, seufzte ich. Wie eine Ziege im fremden Garten. Letztes Wochenende hat sie klammheimlich unsere Zucchini geerntet, als wir einkaufen waren. Hat behauptet: Hab gedacht, die verkommen eh. Und jetzt klaut sie mitten am Tag!

Stell doch einen Sichtschutz hin, zwei Meter hoch, dann kann sie nicht mehr, schlug Jens vor.

Darf man nicht, erklärte ich. Nach der Gartensatzung nur Draht oder Lattenzaun, darf keinen Schatten werfen. Und neues Geld haben wir gerade eh für das neue Gewächshaus ausgegeben.

Die Situation spitzte sich zu. Der Juli war heiß, Ernte groß. Je üppiger meine Beete, desto öfter stand Gertrud am Zaun.

Samstag brachte sie plötzlich eine ganze Schar Gäste: Zehn Leute, laute Musik, Bierkisten. Am Abend, als ich Blumen goss, tauchte Gertrud, sichtlich angeschickert, am Zaun auf.

Ines! Rett mich! Uns fehlt der Salat. Gib mir doch ein paar deiner Ochsenherz-Tomaten und Bund Kräuter. Zum Laden ist zu weit, und unsere Party braucht Nachschub!

Ich stellte den Schlauch ab, das Wasser plätscherte an die Rosen.

Gertrud, meine Tomaten sind noch nicht alle reif. Die reifen bringe ich morgen mit in die Stadt, für meine Tochter.

Ach, red keinen Unsinn! Gertrud lallte, lehnte sich über den Zaun und atmete Bierfahne. Ich seh doch, wie sie da hängen. Für liebe Leute hast du wohl nichts übrig. Später kriegst du von mir… eine Tafel Schokolade.

Nein, sagte ich scharf. Gibt nichts.

Gertrud verzog das Gesicht, lächelte nicht mehr, die Augen wurden schmal.

Na dann! Bleib sitzen auf deinen Tomaten! Hoffentlich platzen sie alle! Bei so Nachbarn… Da kann man nicht mal im Winter um etwas Salz bitten. Pfui!

Sie verschwand wütend. Den ganzen Abend höre ich Gelächter und böse Sprüche von drüben. …Berliner Geizhälse…, … um den letzten Cent feilschen…, …wer will schon ihr Chemie-Gemüse…. Es tat ziemlich weh. Ich zog mich ins Haus zurück, ließ die Fenster zu, machte den Fernseher laut.

Am nächsten Morgen stand ich geschockt auf dem Hof. Die Tür zum neuen Polycarbonat-Gewächshaus stand offen. Mein Herz rutschte in die Hose. Ich stürmte zu den Beeten.

Genau wie befürchtet: Die größten Tomaten an den unteren Trieben fehlten. Zweige abgebrochen, unreife Früchte lagen zertreten auf dem Boden. Auch Gurken und Kräuter waren stark dezimiert.

Es ging nicht um Diebstahl, sondern um Respektlosigkeit. Gegenüber meiner Arbeit, meiner Zeit, mir als Mensch.

Jens! rief ich mit zitternder Stimme.

Er kam, überblickte dann das Chaos.

Unlustig, Ines. Das ist jetzt Strafsache: Diebstahl.

Aber wer will das beweisen, Jens? Wir haben keine Kameras. Sie leugnet alles, behauptet, wir würden nur Gerüchte streuen. Gertrud ist schlagfertig die kann man nicht so leicht unterkriegen.

Am Zaun war alles ruhig die Nachbarn schliefen. Auf der Veranda, zwischen leeren Flaschen, eine Schüssel halbvoll Salat: Meine Ochsenherz-Tomaten, meine krausblättrige Petersilie gut sichtbar.

Jetzt reichts, sagte ich leise, aber mit eisernem Unterton. Geduld weg. Freundlich hat nichts genützt. Jetzt gibt’s Plan B klug und ein wenig schmutzig.

Was hast du vor? Jens wurde nervös. Bitte, keinen Ärger! Brauchen keinen Polizeieinsatz wegen ein paar Tomaten.

Kein Problem, grinste ich. Nur Psychologie. Und ein bisschen Chemie.

Noch am selben Tag fuhr ich in die Stadt zum großen Gartenmarkt. Kam zurück mit: einem knallgelben Schutzanzug, Atemmaske, Sprühgerät, mehreren Beuteln blauer Lebensmittelfarbe und der stinkigsten Seife, die ich finden konnte.

Abends, als Gertrud mit ihren Freunden verkatert auf der Terrasse saß, begann meine Show.

Im gelben Anzug, Maske, Schutzbrille, dicken Gummihandschuhen ging ich an die Beete. Jens dazu im alten Regenmantel und Mundschutz. Ich mischte Wasser, Farbe, Seife zu einer satter blauen Brühe, der ganze Garten roch streng, fast medizinisch.

Jens, weiter weg! rief ich laut, damit alle Nachbarn es hören konnten. Das Zeug ist richtig scharf! Anleitung sagt: Auf keinen Fall ohne Schutz nähern!

Ich sprühte Tomaten, Paprika, Kohl großzügig ein. Die Pflanzen leuchteten bläulich, wie nach radioaktivem Unfall oder kräftiger Chemiekeule.

Gertrud näherte sich neugierig und rümpfte die Nase.

Was machstn du da, Ines? Ist da was kaputt? Oder Ungeziefer vielleicht? Das stinkt ja fürchterlich!

Ich drehte mich langsam zu ihr, Maske blieb auf.

Schlimmer, Gertrud, rief ich. Hab im Netz gelesen: neue Krankheit, Viren mit Pilz. Kann den ganzen Garten über Nacht vernichten. Hab hier ein experimentelles Mittel besorgt, richtig heftig. Tötet alles Lebendige außer den Pflanzen.

Alles Lebendige? Gertrud wurde blass.

Käfer, Vögel, Mäuse… Und für den Menschen ist das auch sehr riskant. Zwanzig ein Tage Wartezeit. Wer vorher nascht, riskiert schwere Vergiftungen Leberversagen droht direkt. Aber nach drei Wochen ist alles ungefährlich.

Und wenn man bloß anfasst…?

Hände sofort mit Spiritus oder Säure waschen! Sonst kann’s gefährlich werden. Ich verbrenne später sogar den Anzug.

Ich arbeitete weiter, die Nachbarin starrte noch eine Minute, dann schlich sie zurück zu ihrem Haus.

Hört mal! hörte ich sie zu ihren Freunden rufen. Lasst bloß die Reste vom Salat! Der hat bitter geschmeckt, nicht, dass wir noch krank werden!

Ich lächelte unter der Maske. Phase eins der Gratis ist vorbei-Aktion lief.

Die ganze Woche mied Gertrud den Zaun wie einen elektrischen Weidezaun. Sie sah voller Aberglaube auf die blauen Tomaten. Wenn ihre Enkel Richtung Grenze liefen, rief sie panisch:

Lasst das! Da ist Gift! Atmet bloß nicht ein!

Ich kümmerte mich ruhig um meinen Garten. Abends wusch Jens mit der Gießkanne die Farbe von den Gurken die waren mir zu schade niemand sah es, wir ließen sie uns zum Abendbrot schmecken. Die Tomaten blieben blau verscheuchten Diebe und sogar Vögel.

Doch Gertrud war durchtrieben. Nach einer Woche meldete sich die Skepsis zurück.

Ines! rief sie am Samstag morgen. Aber warum isst du jetzt Gurken? Du sagtest doch, man darf drei Wochen nix anfassen. Oder bist du gegen Gift immun?

Ich schlürfte genüsslich meinen Kaffee auf der Terrasse und biss in eine Gurke.

Sind gekauft, Gertrud! Türkische Treibhausware aus dem Supermarkt. Die eigenen sind noch tabu schau mal, wie blau sie sind. Aber was soll ich machen? Muss die eigene Ernte retten.

Sie schielte misstrauisch.

Warum ist denn dann der blaue Saft immer noch dran, trotz Regen?

Das ist das neue Mittel! Nanotechnologie dringt in die Blätter ein und bleibt. Sagte doch, ist next level.

Gertrud schnaubte und zog ab, murmelte was von Chemie in den Boden gekippt. Aber an meine Beete wagte sie sich nicht mehr.

Die endgültige Wende kam im August, als die große Ernte anstand. Die Farbreste an den Tomaten waren durch Sonne und Regen fast verschwunden, nur ein schwacher Blauschleier haftete.

Gertrud glaubte wohl, die Gefahr sei vorbei. Oder die Gier wurde wieder stärker.

Ich musste nach Münster, für ein paar Tage. Schloss zur Sicherheit das Gartentor mit einem dicken Vorhängeschloss und befestigte am Zaun zur Nachbarin ein großes laminiertes Schild:

*Achtung! Videoüberwachung! Grundstück gespritzt mit experimentellen Pflanzenschutzmitteln der Kategorie 3! Verzehr ohne Spezialbehandlung verursacht unumkehrbare Magenschäden. Kleingartenverein ist informiert. Bei Betreten: sofortige Anzeige bei der Polizei.*

Mit den Kameras stimmte es nicht, aber es las sich gut.

Als ich zurückkam, stand Gertrud wütend am Zaun und redete auf Herrn Becker, den Vorsitzenden des Kleingartenvereins, ein.

Herr Becker, das geht nicht! Die Frau experimentiert hier, meine Enkel hatten schon Bauchweh! Und dann diese Überwachung! Die spioniert uns aus!

Becker wischte müde seine Brille. Als er mich sah, winkte er erleichtert.

Guten Tag, Frau Schulze. Es gibt Beschwerden wegen Ihrer Spritzmittel und der angeblichen Kamera.

Ich grüßte freundlich.

Da ist nichts Illegales. Das Schild ist eine reine Abschreckung gegen Diebe, Herr Becker. Und wenn jemand Bauchweh hat, sollte er vielleicht nicht in fremden Gärten naschen.

Was? Ich war nie in deinem Garten! Beweise erst mal was! Keine Kamera, kein Dieb!

Ich habe Aufnahme, gelogen habe ich ohne Wimpernzucken. Ich habe die alten Attrappen abgehängt; jetzt gibts richtige Kameras mit Bewegungssensor. Sollen wir zusammen schauen? Vielleicht sieht man, wer letzten Dienstag über den Zaun gegriffen hat. Wollte eh Anzeige erstatten.

Der Bluff zündete. Gertruds Gesicht lief rot an. Sie wusste genau, dass sie übergriffig gewesen war und konnte nicht sicher sein, ob ich wirklich Filmaufnahmen hatte. Die Angst, sich zu blamieren oder gar Strafe zu kassieren, besiegte die Dreistigkeit.

Pah! Deine Chemie kannste behalten! Die krieg ich selber besser hin. Lass dir deine blöden Tomaten schmecken!

Mit stolz erhobenem Haupt verschwand sie im Haus, schlug die Tür zu.

Becker schmunzelte und zog an seinem Schnauzer.

Ist Ihre Chemie wirklich so scharf, Frau Schulze?

Lebensmittelfarbe und Seife, Herr Becker. Gegen Blattläuse. Aber gegen habgierige Nachbarn ists das wirksamste Mittel von allen.

Hmmm, physische Abwehr durch Psychologie. Verstanden. Schild bleibt stehen Vorbeugung ist immer gut.

Seitdem herrschte Funkstille zwischen mir und Gertrud. Grüße, Blicke Fehlanzeige. Über mich verbreitete sie Gerüchte, ich sei eine Hexe und würde Gift mischen. Mir recht Hauptsache, mein Gemüse blieb unberührt!

Das Unerwartete: Im Frühjahr, beim Saisonstart, ackerte Gertrud selbst im Garten. Sie schimpfte zwar vor sich hin, aber sie grub, setzte Saat, schleppte Kisten mit kläglicher Jungpflanzen aus dem Discounter herbei.

Ich ging zum Zaun. Sie sah mich, stemmte die Schaufel demonstrativ.

Willst wohl schadenfroh zugucken?

Gutes Gelingen, Gertrud, sagte ich friedlich. Pass auf, da drunter ist Lehm, da solltest du etwas Sand einarbeiten.

Kriege ich auch noch allein hin! Meins wird komplett natürlich! Ohne deine… Experimente.

Das eigene schmeckt halt auch besser, lächelte ich.

Im Sommer wuchsen bei ihr tatsächlich die ersten kleinen Gurken und winzigen Tomaten. Stolz drehte sie ihre Runden ums Beet. Und sie holte keine einzige Frucht mehr übern Zaun. Wenn Nachbarskinder den Ball holten, schimpfte sie laut:

Weg von meinen Beeten! Das ist keine Bolzwiese hier! Hier steckt Arbeit drin, kapiert?!

Jens und ich lachten.

Siehst du, Jens, sagte ich. Keine Mauer schützt so gut wie der eigene Fleiß.

Im Herbst, als das Gartenjahr zu Ende ging, kam Gertrud an den Zaun, in der Hand ein Glas mit trübem Gurkenwasser und drei missratenen Gurken.

Hier, murmelte sie. Probier mal. Mein eigenes, nach Rezept eingelegt.

Ich nahm das Glas wie einen Schatz.

Danke, Gertrud. Wir kosten bestimmt. Ich bring dir nächstes Jahr Spezial-Saatgut Ochsenherz. Musst im Februar vorziehen, ich zeig dir das gern.

Von mir aus, murmelte sie, versuchte ein Lächeln zu verstecken. Wenns keine Umstände macht.

Für fleißige Leute ist mir nichts zu schade.

Wir blieben kurz stehen und blickten auf die herbstlichen Gärten. Das Warnschild hatte der Regen längst weggewaschen, doch der unsichtbare Zaun des Respekts blieb und der war stärker als jedes Metall.

Und die Ernte war in jenem Jahr die beste jeder Tomate wurde konserviert, nichts vergammelt.

Nach einer langen Saison im Garten kam mir die Erkenntnis: Wer selbst sät, gärtnert und erntet, der lernt das Wertvolle an der Arbeit kennen, und hat keine Lust mehr, von anderen zu nehmen. Echte Zufriedenheit kommt nicht vom Haben, sondern vom eigenen Tun.

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Homy
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Meine Nachbarin im Schrebergarten dachte, meine Ernte sei für alle, aber ich habe ihr das Schmarotzertum schnell abgewöhnt
Mit dreißig war ich die Frau, von der alle sagten, sie habe „die ganze Welt noch vor sich“ – mit gut…