2 Jahre nach der Scheidung traf ich meine Exfrau wieder. In diesem Moment wurde mir alles klar, aber sie lächelte nur und schüttelte den Kopf, als ich ihr vorschlug, noch einmal von vorn anzufangen
Liebes Tagebuch,
Als unser zweites Kind geboren wurde, veränderte sich alles bei uns. Anne legte plötzlich keinen Wert mehr auf ihr Äußeres. Früher wechselte sie mehrmals täglich die Kleidung, war immer geschmackvoll gekleidet, mit passenden Accessoires, geschminkt, jede Haarsträhne saß. Doch nachdem sie mit unserem kleinen Sohn aus dem Krankenhaus kam, schien sie vergessen zu haben, dass ihr Kleiderschrank mehr als ein altes T-Shirt und ausgebeulte Jogginghosen beherbergte.
Sie trug oft den ganzen Tag dieselben Sachen, ging sogar manchmal abends damit schlafen. Fragte ich sie nach dem Grund, meinte sie, das sei praktischer, um nachts schneller zu den Kindern zu gehen. Irgendwie verständlich aber was war aus ihrem Spruch geworden, dass eine Frau immer Frau bleiben muss, in jeder Situation? Den hörte ich von ihr nicht mehr. Sie sprach nicht mehr voller Begeisterung von ihrer Lieblingsfriseurin in München, nicht vom Fitnessstudio oder von Kosmetikterminen. Und ich sage das nur ungern sie verzichtete morgens manchmal sogar auf den BH und lief mit hängenden Schultern durch die Wohnung, ohne sich darum zu kümmern.
Auch ihr Körper hatte sich verändert. Ihre Taille, der Bauch, selbst die Beine alles war schwammiger, weicher. Ihr Haar, sonst glänzend gepflegt, war mal ein chaotisches Knäuel aus Locken, mal ein uninspirierter Dutt, aus dem Strähnen wild abstanden. Und ich erinnerte mich so genau: Wie oft wir spazieren gingen und die Männer in der Leopoldstraße ihr hinterherblickten damals war ich regelrecht stolz, dachte, sie gehöre zu mir.
Diese Frau gab es nicht mehr.
Unsere Wohnung spiegelte irgendwie Annes Gemütszustand wider. Das Einzige, was sie nicht aufgab, war das Kochen. Ihre hausgemachten Gerichte waren einfach fantastisch. Doch sonst verschwand etwas an Lebendigkeit, an Freude.
Ich versuchte, sie wachzurütteln. Sagte ihr, sie dürfe sich nicht so gehen lassen, müsse doch wieder ein bisschen mehr auf sich achten. Ihre Antwort: ein müdes, trauriges Lächeln, gepaart mit einem leisen Ich versuchs ja. Monate vergingen, und jeden Tag erkannte ich Anne weniger.
Irgendwann war ich am Ende.
Ich entschied: Scheidung.
Es gab keine lauten Szenen, keinen Streit. Sie versuchte, mich umzustimmen, aber als sie merkte, wie fest ich entschlossen war, seufzte sie nur, ganz leise:
Tu, was du willst Ich dachte eigentlich, du liebst mich noch
Ich schwieg. Es hatte keinen Sinn mehr, über Liebe zu diskutieren. Ich ging zum Amtsgericht, und wenig später unterzeichneten wir die Scheidungspapiere.
Ob ich ein guter Vater war? Ich zahlte den Unterhalt und ließ selten von mir hören. Ich wollte sie nicht sehen. Nicht so wie sie geworden war.
Zwei Jahre später
Es war ein goldener Herbstnachmittag in Hamburg. Ich schlenderte durch die Straßen, in Gedanken versunken, als ich sie plötzlich sah.
Allein wie sie sich bewegte, viel mir sofort auf. Da war eine Leichtigkeit, eine Sicherheit in ihrem Schritt, die Blicke auf sich zog. Und als ich ihr näherkam, blieb mir fast das Herz stehen.
Es war Anne.
Aber nicht die Anne, die ich verlassen hatte.
Diese Frau war noch hinreißender als je zuvor. Hohe Absätze, ein elegantes Kleid, das ihre Figur betonte, das Haar aufwändig frisiert, Fingernägel perfekt lackiert, Make-up dezent, doch wirkungsvoll. Und ihr Duft immer noch der gleiche, von dem ich nie genug bekommen hatte.
Ich muss wohl ziemlich baff ausgesehen haben, denn sie lachte hell auf.
Was ist los? Erkennst du mich etwa nicht wieder? Ich hab dir damals gesagt, ich würde mich verändern du hasts wohl nicht geglaubt.
Gemeinsam gingen wir Richtung Fitnessstudio, in das sie inzwischen regelmäßig ging. Sie erzählte mir vom Leben mit den Kindern, wie zufrieden sie seien, wie viel Freude sie habe. Über sich selbst sprach sie nur wenig, doch das brauchte sie auch nicht. Alles, was ich wissen musste, lag in ihrer Ausstrahlung, in ihren Bewegungen und in ihrem Lächeln.
Und ich
Ich erinnerte mich.
Ich erinnerte mich an jene Morgende, in denen ich wütend war, weil sie im Schlafanzug und mit zerzausten Haaren durchs Haus lief. Daran, wie sehr es mich störte, dass sie sich nicht mehr zurecht machte. An all die Tage, an denen mich ihre Müdigkeit nervte. Ich sah noch genau den Moment vor mir, als ich beschloss zu gehen, aus purem Egoismus, weil ich fand, dass sie mir nicht mehr genügte.
Und ich begriff: Mit ihr hatte ich auch meine Kinder verlassen.
Bevor wir Abschied nahmen, gab ich mir einen Ruck und fragte:
Darf ich dich anrufen? Ich habe alles verstanden Vielleicht könnten wir es noch einmal versuchen.
Anne sah mich ruhig und gelassen an, dann lächelte sie schwach und schüttelte den Kopf.
Es ist zu spät, Markus. Pass auf dich auf.
Und sie drehte sich um und ging.
Ich stand noch eine Weile stumm da und sah ihr nach, wie sie in der Menge verschwand.
Ja.
Jetzt hatte ich verstanden.
Aber leider zu spät.



