Wenn ich so eine schlechte Gastgeberin bin wohnt doch im Hotel! sage ich zu meiner Schwiegermutter. Mein Mann merkt schnell, dass es ein Fehler war, die Familie während der Feiertage zu uns nach Berlin einzuladen.
Ach, endlich sind wir da! Meine Lieben, ich freue mich so, euch zu sehen! Und das ist meine Freundin wir haben beschlossen, gemeinsam anzureisen und ein paar Tage das Umfeld zu wechseln. Ich sehe meinen Mann an, er mich das ist wohl der perfekte Moment zu sagen, dass wir nur mit ihr gerechnet hatten. Und ehrlich gesagt, mein Mann hat sie gerade so am Telefon erwischt, denn wenn sie später angerufen hätte, wäre er gar nicht aus dem Büro rausgekommen.
Aber mit deutscher Höflichkeit nimmt man Rücksicht, macht keine Szene vor Fremden. Also lächeln wir gezwungen, begrüßen die Freundin und packen alle ins Auto.
Auf dem Weg spricht eigentlich nur meine Schwiegermutter, ihre Freundin sieht stumm nach draußen. Kurz denke ich: Vielleicht ist sie ja unkompliziert. Tja, hoffen darf man ja…
Die Probleme fangen direkt an der Haustür an, als unser kleiner Dackel auf sie zuläuft. Ach du Schreck! kreischt die Freundin so laut, dass mir fast die Ohren klingeln. Der Hund erschrickt, kläfft und ich trete automatisch zurück, stoße mich am Türrahmen und mir wird kurz schwarz vor Augen. Mein Mann seufzt und macht ihr eine Bemerkung: Bitte nicht so schreien, wir wohnen schließlich in einer Mietwohnung mit Nachbarn. Und unser Gehör hätten wir auch gerne noch ein paar Jahre.
Sie winkt ab. Ich habe noch nie so kleine Hunde gesehen. Mein Mann wiederholt freundlicher, sie könne sich beim nächsten Mal auch etwas ruhiger wundern und bittet alle hereinzukommen.
Ich decke den Tisch mit allem, was ich vorbereitet habe. Fisch esse ich nicht, verzieht die Freundin das Gesicht, als ich die Vorspeisen hinstelle. Es gibt auch Salat, Kartoffeln, Wurst und andere Sachen, sage ich. Mir ist heute gar nicht nach Essen, haucht sie pathetisch.
Mein Mann und ich tauschen Blicke, schauen zur Schwiegermutter. Die findet das Benehmen völlig normal und tut so, als wäre es für einen Gast selbstverständlich, nichts zu essen.
Ich räume den Tisch schweigend ab. Für einen Streit am ersten Abend fehlen mir die Nerven.
Dann kommt die Schlafenszeit. Unsere Wohnung in Charlottenburg ist ziemlich klein, aber wir haben einen Klappstuhl und zwei Luftmatratzen für solche Fälle besorgt. Plan: Schwiegermutter auf den Klappstuhl, die Freundin auf die Luftmatratze in der Küche. Die Freundin schaut die Matratze an, als wäre sie eine Zumutung. Ist das überhaupt bequem? fragt sie. Mein Mann lächelt gezwungen: Darauf haben wir selbst schon geschlafen geht schon. Ich nicke wir beide kämpfen mit uns, nicht alles herauszulassen, was uns auf der Zunge liegt.
Uns zurückzuhalten erweist sich als vergeblich. Die nächsten Tage sind ein Marathon aus alles ist nicht so wie es sollte. Das eine zu salzig, das andere zu fad, das dritte nicht gastgerecht. Die Schwiegermutter nickt und wirft fürsorgliche Kommentare ein, die stechen wie Nadeln.
Und als sie endlich abreisen, fehlen ein neues Bettwäsche-Set und ein paar Handtücher. Außerdem ist alles Leckere aus dem Kühlschrank verschwunden Wurst, Süßes, Obst. Aber das ist gar nichts gegen das Gespräch danach.
Die Schwiegermutter ruft an, um sich zu beschweren wir seien nicht gastfreundlich genug und hätten kein Kulturprogramm geboten. Ausgerechnet sie, bei der ich immer Hausarbeit mache, wenn wir zu Besuch sind, und mein Mann gleich zum Handwerker wird, denn so ist der Brauch hier.
Und dann zündet sie die Lunte: Du bist wirklich eine miserable Gastgeberin. Der Freundin hat gar nichts gefallen und ich habe schon alles erlebt, aber sowas…
Mein Mann wird sauer: Erstens, niemand hat diese Freundin eingeladen. Zweitens, zuhause müssen wir keine Launen ertragen!
Bei mir platzt der Knoten: Wenn ich so schlecht bin, nächstes Mal ab ins Hotel. Du und deine Freundin dort könnt ihr Ansprüche stellen.
Daraufhin kommt von ihrer Seite ein entsetztes im Hotel schlafen sei schlimmer als im Bahnhof, wir hätten für uns bequemes, für sie unbequemes vorbereitet. Das Gespräch endet im Streit und langem Schweigen.
Ganz ehrlich? Mein Mann wirkt erleichtert. Und ich erst recht.
Es vergeht einige Zeit, bis eines Tages mein Handy klingelt natürlich zur denkbar ungünstigsten Stunde. Schwiegermutter. Ich gehe ran, denke: Hoffentlich ist nichts Schlimmes passiert?
Meine Freundin und ich fahren jetzt zu euch falls ihr nicht da seid, bleiben wir zwei Wochen in eurer Wohnung. Wo ist der Ersatzschlüssel?
Ich werde ganz ruhig. Innerlich ist alles klar sortiert. Ohne Schuldgefühl. Ja, es gibt einen Schlüssel. Notieren Sie mal die Adresse.
Sag schon!
Die Adresse vom nächstgelegenen Hotel. An der Rezeption bekommen Sie den Schlüssel entweder fürs Zimmer mit Matratze oder für ein Zimmer mit Königsizebett. Kommt drauf an, was Sie bezahlen möchten.
Stille am anderen Ende. Dann Drohungen, Beleidigungen, ich lade euch nie wieder ein.
Ich lege einfach auf und schalte das Handy aus. Keine Ahnung, wie sie das Problem gelöst haben interessiert mich auch nicht.
Am meisten freut mich eines: Sie meldet sich bis heute nicht mehr.
Und wenn sie je wieder mit Freundin vor der Tür steht diesmal habe ich die Antwort parat.
Frage an euch:
Würdet ihr einen unangekündigten Gast mit Wünschen und Vorwürfen dulden oder gleich sagen: Das Hotel wartet auf Sie?




