Tagebucheintrag
Meine Mutter, lächle doch
Als Kind fand ich es immer unangenehm, wenn unsere Nachbarinnen zu Besuch kamen und meine Mutter darum baten, ein Lied zu singen.
Sing doch mal, Anja, du hast so eine schöne Stimme und tanzen kannst du auch so gut! sagten sie, und meine Mutter sang, die Nachbarinnen stimmten ein, manchmal tanzten wir sogar alle zusammen im Hof.
Damals lebten wir mit meinen Eltern in einem eigenen Haus in einem kleinen Dorf in Niedersachsen. Mein jüngerer Bruder Anton war noch sehr klein. Meine Mutter war lebhaft und herzlich; wenn die Nachbarinnen gingen, meinte sie immer:
Kommt gern wieder vorbei, das war ein schöner Nachmittag! Und sie versprachen es lächelnd.
Warum ich nicht mochte, dass meine Mutter sang und tanzte, kann ich bis heute nicht erklären ich schämte mich einfach dafür. Ich war damals in der fünften Klasse und sagte eines Tages:
Mama, bitte, sing und tanz nicht Das ist mir peinlich. Noch heute weiß ich nicht wirklich, warum.
Auch jetzt als Erwachsene, selbst Mutter, kann ich es nicht erklären. Doch Anna, meine Mutter, meinte nur:
Elke, schäm dich nicht für meine Lieder. Sei froh darüber. Ich werde nicht mein ganzes Leben singen und tanzen können jetzt bin ich noch jung
Damals verstand ich das nicht. Ich dachte, das Leben sei immer heiter.
Als ich in der sechsten Klasse war und Anton in der zweiten, verließ uns unser Vater. Er packte seine Sachen und war für immer fort. Was zwischen meinen Eltern vorgefallen war, wusste ich nicht. Erst später, im Teenageralter, fragte ich meine Mutter:
Mama, warum ist Papa gegangen?
Das erfährst du, wenn du älter bist, Elke, antwortete sie nur.
Was sie mir nicht sagen konnte: Sie hatte meinen Vater mit einer anderen Frau aus dem Nachbardorf, Veronika, in unserem eigenen Schlafzimmer erwischt. Anton und ich waren in der Schule, sie kam nur zufällig nach Hause, weil sie ihren Geldbeutel vergessen hatte.
Die Haustür war nicht abgeschlossen sie wunderte sich, denn ihr Mann hätte eigentlich arbeiten müssen, es war erst halb elf. Drinnen dann das Bild, das sie nie vergessen würde: Ihr Mann mit Veronika beide grinsten betreten und wunderten sich, dass sie so früh daheim war.
Am Abend, als mein Vater wieder von der Arbeit kam, gab es einen riesigen Streit. Wir Kinder waren draußen, spielten, bekamen nichts mit.
Nimm deine Sachen ich hab sie im Schlafzimmer gepackt und geh! Deinen Verrat werde ich dir nie verzeihen!
Papa wusste, meine Mutter würde niemals verzeihen, aber versuchte, sie zu beschwichtigen:
Anja, bitte, lass uns einen Schlussstrich ziehen, wir haben Kinder
Ich habe gesagt: Geh!
Das waren ihre letzten Worte an ihn dann verließ sie das Zimmer.
Mein Vater nahm seine Sachen und verschwand. Anna stand unbemerkt am Hauseck und beobachtete ihn. Sie wollte ihn nie mehr sehen zu sehr tat der Verrat weh.
Irgendwie schaffen wir das schon mit den Kindern allein, dachte sie damals unter Tränen. Verzeihen werde ich ihm nie.
Sie blieb mit uns auf sich gestellt zurück. Erst später spürte sie, wie schwer es wirklich werden würde. Sie nahm zwei Jobs an: Tagsüber putzte sie in einer Schule, nachts arbeitete sie in einer Bäckerei. Sie war chronisch übermüdet, das Lächeln verschwand ganz aus ihrem Gesicht.
Obwohl unser Vater ausgezogen war, sahen wir Kinder ihn weiterhin. Er und Veronika wohnten nur vier Häuser weiter. Veronika hatte einen Sohn, Jonas, der so alt war wie Anton. Sie gingen sogar in dieselbe Klasse. Unsere Mutter verbot uns nicht, zu Papa zu gehen. Wir spielten manchmal zu dritt bei Papa Zuhause essen wir aber immer bei Mama; Veronika hat uns nie eingeladen. Spielen durften wir, schon, aber zu essen gabs nichts.
Ab und zu kam Jonas mit uns zu uns nach Hause und die Nachbarn schauten verwundert. Anna setzte für alle das Mittagessen auf den Tisch, sie hatte nichts gegen den Stiefsohn ihres Mannes. Aber ich habe meine Mutter nie wieder lachen gesehen. Sie war freundlich, fürsorglich, aber verschlossener als hätte sie ihr Herz hinter einer Tür versteckt.
Manchmal, als ich aus der Schule kam, sehnte ich mich danach, dass Mama mit mir redete. Ich erzählte ihr von meinem Tag:
Mama, stell dir mal vor, Hendrik hat heute ein Kätzchen in den Unterricht gebracht. Und es hat laut im Klassenraum miaut! Unsere Lehrerin konnte gar nicht herausfinden, wer da miaute und hat Hendrik ganz schön ausgeschimpft. Wir haben dann gesagt, dass bei ihm in der Tasche das Kätzchen ist. Sie hat ihn dann mit der Katze aus dem Unterricht geschickt und seine Mutter gleich am nächsten Tag in die Schule zitiert
Ach so. Na ja war alles, was sie dazu sagte.
Sie schien sich über nichts mehr zu freuen. Nachts hörte ich, wie sie leise weinte. Sie stand oft stundenlang am Fenster und starrte in die Dunkelheit hinaus. Erst später verstand ich, was los war.
Als Erwachsene wurde mir das klar: Wie erschöpft Mutter war! Nachts backen, tagsüber putzen, kaum Schlaf Wahrscheinlich fehlten ihr Vitamine. Sie tat alles für Anton und mich, wir liefen immer sauber herum, die Sachen frisch gewaschen und gebügelt.
Damals sagte ich oft:
Mama, bitte, lächle mal ich habe dein Lächeln so lange nicht gesehen.
Anna liebte uns Kinder auf ihre ganz eigene Art. Sie umarmte uns selten, aber lobte uns, wenn wir gut in der Schule waren und keine Probleme machten. Sie kochte hervorragend, das Haus war immer ordentlich.
Ich fühlte ihre Liebe besonders, wenn sie mir die Haare flocht. Dann strich sie mir übers Haar, aber sie wirkte dabei immer traurig als würde ihr jedes Mal die Kraft ein bisschen fehlen. Sie verlor früh viele Zähne, ließ sie ziehen, aber ließ sie nie ersetzen.
Nach der Schule dachte ich nie daran, wegzugehen oder zu studieren. Ich wollte Mutter nicht alleine lassen und außerdem fehlte das Geld. Ich nahm eine Stelle als Verkäuferin im kleinen Dorfladen an, nur ein paar Minuten von Zuhause entfernt. Meine Hilfe war wichtig; Anton wuchs schnell, brauchte ständig neue Kleidung.
Eines Tages kam ein Kunde ins Geschäft, Michael, nicht aus dem Dorf, sondern aus einem anderen Ort. Er war neun Jahre älter als ich.
Sag mal, wie heißt du?, fragte er mit einem Lächeln. Du bist neu, oder? Ich habe dich hier noch nie gesehen.
Elke. Ich habe Sie aber auch noch nie gesehen.
Ich komme aus dem Dorf, acht Kilometer von hier. Michael heiße ich.
So lernten wir uns kennen. Michael kam öfter mit dem Auto abends vorbei, holte mich nach der Arbeit ab. Wir gingen spazieren, saßen im Auto, einmal besuchte ich ihn auch bei seiner Mutter daheim. Er lebte mit ihr zusammen, seine Ehe war zerbrochen, seine Frau war mit der Tochter in die Stadt gezogen und wollte sich nicht um die Schwiegermutter kümmern.
Michael hatte einen ordentlichen Hof. Alles, was das Herz begehrte, gab es zum Essen: Sahne, Fleisch, Schokolade. Es gefiel mir bei ihm daheim. Seine Mutter lag meist im Zimmer, sie war krank.
Eines Abends fragte Michael: Elke, willst du mich heiraten? Du gefällst mir sehr. Aber ich muss sagen, meine Mutter braucht Pflege ich helfe dir aber dabei.
Ich war still und meine Freude zeigte ich nicht. Es machte mir gar nichts aus, seiner kranken Mutter zu helfen. Michael wartete angespannt auf meine Antwort.
Na gut, dachte ich, wenigstens gibts immer genug Fleisch und Sahne. Okay, ich willigen ein, sagte ich laut, und Michael strahlte.
Elke, ich bin so glücklich! Ich war mir gar nicht sicher, ob du als junge Frau einen Mann wie mich willst. Ich verspreche, dich nie unglücklich zu machen, wir werden eine schöne Zeit haben.
Nach der Hochzeit zog ich in Michaels Dorf. Ehrlich gesagt, wollte ich sowieso nicht mehr zuhause wohnen. Anton war inzwischen älter und besuchte im Nachbarort die Berufsschule für Kfz-Mechaniker. Am Wochenende und in den Ferien kam er noch nach Hause.
Die Zeit verging. Ich war mit Michael tatsächlich sehr glücklich. Wir bekamen bald zwei Söhne, einer nach dem anderen. Ich blieb zuhause, die Arbeit am Haus und mit den Kindern war genug. Die Schwiegermutter starb zwei Jahre später. Aber der große Hof machte viel Arbeit. Michael half, wo er konnte.
Manchmal sagte er: Warum schleppst du so schwere Eimer? Ich mach das schon. Du musst nur melken und die Hühner und Enten füttern, um die Schweine kümmere ich mich.
Ich wusste, Michael liebt mich und die Kinder. Obwohl ich früher nie einen Bauernhof hatte, konnte ich alles Notwendige erledigen. Michael war ein großzügiger Ehemann.
Oft sagte er: Elke, lass uns deiner Mutter Fleisch und Sahne, Milch bringen. Sie muss sonst alles im Laden kaufen, wir haben es frisch vom Hof.
Anna nahm alles dankbar an, doch lächelte sie nie. Auch beim Umgang mit ihren Enkeln blieb sie ernst. Wir fuhren oft zu ihr, und ich wünschte mir, ich könnte ihr wieder Freude ins Leben bringen.
Elke, vielleicht gehst du mal zum Pfarrer, vielleicht hat er einen Rat, schlug Michael vor, und ich hielt mich an diesen Gedanken.
Der Pfarrer versprach, für Anna zu beten, und meinte: Bitte Gott, dass deine Mutter einen lieben Menschen findet. Ich tat es und betete für sie.
Einmal bat Anna mich: Kind, könntest du mir etwas Geld leihen? Ich will mir Zähne machen lassen, mir fehlt noch etwas dafür.
Natürlich, Mama! Ich bezahlt dir das, so oft du willst!, antwortete ich voller Freude, wusste aber, dass sie auf eine Rückzahlung bestand.
Ich gab ihr die fehlende Summe. In der Zeit besuchte ich sie nicht, wir telefonierten nur, weil mein Mann mit seinem Onkel Klaus beschäftigt war. Onkel Klaus zog neu ins Nachbardorf, nachdem es mit seiner Frau vorbei war. Die Kinder waren groß, seine Frau hatte ihn rausgeworfen. Michael half ihm beim Einzug ins neue Haus ein ordentlicher Hof, schönes Heim.
Ab und zu besuchten Michael und ich Onkel Klaus. Eines Tages kam mein Mann nach Hause und sagte:
Sag mal, ich glaube, Onkel Klaus will neu heiraten. Als ich neulich da war, hat er mit einer Frau telefoniert, irgendwie habe ich das herausgehört
Das ist doch super!, sagte ich. Er ist noch jung, und so ein schöner Hof braucht eine Frau.
Bald darauf kam Onkel Klaus tatsächlich vorbei.
Wollt ihr nicht mal vorbeikommen? Ich habe meine Jugendliebe wiedergefunden, die war mit mir in der Schule. Morgen kommt sie her, und übermorgen könnt ihr uns besuchen.
Zwei Tage später fuhren Michael und ich mit einem Geschenkpaket zu Klaus. Als ich das Haus betrat, blieb ich wie angewurzelt stehen. Vor mir stand meine eigene Mutter, sie errötete, lächelte aber. Anna sah viel besser aus, sie hatte sich völlig verändert.
Mama! Ich freu mich so! Warum hast du denn nichts gesagt?
Ich wollte euch nicht vorher beunruhigen, falls es doch nichts wird
Klaus, warum hast du denn nichts erzählt?
Ich hatte Angst, Anna überlegt es sich sonst nochmal. Aber jetzt sind wir glücklich.
Michael und ich waren überglücklich, dass sich Anna und Klaus gefunden hatten. Sie war jetzt wie verwandelt und lächelte wieder von Herzen.
Was ich daraus gelernt habe? Das Leben ist voller Wendungen, auch nach großen Enttäuschungen kann einem ein neues Glück begegnen. Und manchmal reicht ein Lächeln, um alles zu verändern.





