– Sie manipuliert doch nur meinen Mann! – empörte sich Inna Inna blickte verärgert auf ihr Handy. Dieses vertraute Gefühl stieg wieder in ihr auf. Sergej rief schon zum dritten Mal am Abend an. „Inna, bitte verzeih mir“, kam seine erschöpfte, schuldbewusste Stimme am anderen Ende. „Ich weiß, wir wollten heute ins Theater gehen, aber… Also, Olga sagt, bei Dima ist das Fieber wieder bei vierzig. Sie schafft das allein nicht. Du verstehst das doch, oder?“ Inna verstand. Zu gut. „Sergej, wir haben die Karten schon gekauft“, sagte sie ruhig, obwohl in ihr alles schrie. „Wir haben so lange auf dieses Stück gewartet!“ „Ich weiß, Liebling. Ich mach’s wieder gut, versprochen. Aber es ist doch unser Kind. Ich kann ihn nicht einfach im Stich lassen.“ Nachdem sie aufgelegt hatte, rief Inna ihre Freundin Lena an. „Lena, kannst du dir das vorstellen?! Schon wieder! Das ist jetzt das dritte Mal in diesem Monat! Erst ist der Sohn krank, dann geht bei der Ex die Karre kaputt, dann wieder irgendein anderes Drama!“ „Vielleicht ist der Kleine ja wirklich krank?“, meinte Lena vorsichtig. „Ich weiß! Kinder sind halt oft krank. Ist doch normal. Aber warum ruft seine Ex immer ihn an? Hat die keine Eltern? Keine Freundinnen?“ „Naja…“ „Nix ‘naja’! Sie manipuliert ihn! Sergej ist so gutmütig, er merkt das gar nicht. Sie weiß ganz genau, dass er alles stehen und liegen lässt. Und sie nutzt das aus!“ Lena seufzte am anderen Ende. „Bist du sicher, dass sie das Problem ist?“ „Wer denn sonst?!“ „Vielleicht nut… Ach, keine Ahnung. Aber überleg mal: Wenn eine Frau ständig ihren Exmann anruft und er jedes Mal hinrennt – wer nutzt hier eigentlich wen aus?“ Inna öffnete den Mund, schloss ihn wieder und spürte, wie etwas in ihr gezogen wurde. „Lena, red doch keinen Unsinn“, sagte sie schroff. „Sergej ist einfach ein verantwortungsvoller Vater. Er kann das Kind nicht alleine lassen!“ „Schon gut, vergiss es.“ Doch das ließ Inna nicht mehr los. Spät kam Sergej nach Hause. Müde, zerknittert, schuldbewusst. „Verzeih mir, Dussel“, sagte er, umarmte sie von hinten und drückte sein Gesicht an ihren Hals. „Ich besorg‘ uns neue Karten, für die besten Plätze. Versprochen.“ Inna schwieg. Blickte aus dem Fenster und fragte sich: Wie oft hat er das schon versprochen? Fünfmal? Zehnmal? Zwanzigmal? Immer das Gleiche: „Du verstehst doch.“ Ja, dachte sie. Ich verstehe. Nur was – weiß ich selbst nicht mehr. Dann häuften sich die Kleinigkeiten. Sergej versteckte plötzlich sein Handy. Früher lag es überall herum, jetzt nahm er es sogar beim Wasserglas holen mit in die Küche. „Warum musst du dein Handy eigentlich ständig mitnehmen?“, fragte sie einmal abends, bemüht um einen lockeren Ton. „Hmm? Das ist nur Gewohnheit. Im Büro klingelt es ständig.“ Na gut. Doch dann entdeckte Inna zufällig seinen Kalender im Handy. Sie wollte den lange ersehnten Theaterabend eintragen – stattdessen las sie: „Dima vom Kindergarten abholen 16:00“, „Olga die Auto-Papiere bringen“, „Olga an Impfung erinnern“. – Sergej, weißt du eigentlich, wann ich meine Diplomprüfung habe? – fragte sie beim Abendbrot, ewig den Tee rührend. Er sah auf. „Diplom? Im Mai, oder?“ „Im März. In zwei Wochen.“ „Ach so. Stimmt. Sorry, bin zerstreut.“ Alles zu Olga wusste er bis ins Detail. Und dann war da noch das Geld. Wieder zufällig gesehen – drei Überweisungen á 500 Euro an O. Krüger. „Sergej, was ist das?“, fragte sie. Er zuckte kaum: „Olga braucht Hilfe. Mutter krank, Medikamente. Dann Dima und seine Hobbys. Du verstehst doch, sie ist alleinerziehend.“ „1500 Euro in drei Monaten?“ „Na und? Mein Sohn! Soll ich etwa zusehen, wie die darben?!“ Sie legte den Auszug zurück: „Schon. Nur komisch, dass du’s mir verschwiegen hast.“ „Ach was. Ich wusste, du reagierst wieder so!“ Dieses „so“ klang, als wäre sie kleinlich und hysterisch. Und dann lag da dieser Kinderzeichnung im Auto. Häuschen, Blumen, Sonne – und drei Menschen: Papa, Mama, Dima. Ohne Inna. „Sergej, was ist das?“ Er grinste. „Von Dima. Cooler Junge, oder?“ „Hier steht: Unsere Familie.“ „Für ihn ist das halt so: Ich, Olga und Dima.“ Später tauchte Olga neuerdings selbst auf. Erst „Dimas Sachen holen“, dann „Sommerferien besprechen“, dann einfach nur so. Immer war Olga höflich, lächelte, als wären sie Freundinnen: „Hallo, Inna! Stör ich? Ist Sergej da?“ Danach war Sergej komisch, abwesend, antwortete einsilbig: „Bin müde.“ Inna fühlte sich wie das fünfte Rad am Wagen. Die Störende. Bis sie eines Tages einen Anruf unfreiwillig mithörte. Im Bad, er hielt die Tür für geschlossen: „Olga, bitte… Ich helf dir doch. Du weißt, ich bin immer da.“ Seine Stimme war zärtlich. Fast intim. Da wusste sie es. Er ist es selbst, der diese Situation will und zulässt. Drei Tage schwieg sie, sammelte Beobachtungen. Sergej wusste alles über Olga, vergaß aber Inna. Er schrieb ständig, das Handy vibrierte, sein Gesicht weich dabei – wie ertappt. Einmal rief Olga direkt an, als Sergej unter der Dusche war. Reflexartig nahm Inna ab. „Sergej?“, hörte sie schluchzend. „Kannst du kommen? Mir geht’s so schlecht. Du bist doch immer für mich da.“ Inna sagte nichts, legte einfach auf. Lachte plötzlich leise. Wie naiv sie war. Als Sergej aus dem Bad kam, sagte sie: „Olga hat angerufen. Sie war am Weinen. Du bist ja immer für sie da.“ Er verstummte, rang um Worte. „Olga hat sonst niemanden – nur mich. Ich kann sie nicht im Stich lassen!“ „Im Stich lassen? Ihr seid seit vier Jahren geschieden. Sie ist deine Ex. Du hast sie schon längst verlassen.“ „Aber wir haben ein gemeinsames Kind!“ „Und? Muss das heißen, dass du immer springst, heimlich Geld überweist, alles über ihr Leben weißt?“, fragte sie ruhig. „Du übertreibst!“ „ICH?!“ Da platzte etwas in ihr. Sie packte ihre Sachen. „Sergej, lange habe ich gedacht, die Schuld ist bei ihr, dass sie dich mit dem Sohn manipuliert. Aber eigentlich bist DU das Problem. DU willst das so. Weil es bequem für dich ist. Ein Leben mit deiner Ex, das du als hilfsbereit tarnst, und ein Leben mit mir, das ich tapfer ertragen soll.“ „Inna, geh nicht!“ „Ich geh nicht – ich steige aus. Aus eurem ewigen Dreieck.“ Er stand hilflos da. „Wir müssen reden!“ „Da gibt’s nichts mehr zu sagen. Du hast deine Entscheidung längst getroffen. Ich war nur zu blind, um das zu sehen. Jetzt aber ist es klar.“ Sie zog die Tür hinter sich zu. Einen Monat später saß Inna mit Lena im Café. „Und, wie geht’s dir?“ „Gut“, lächelte Inna. Und es stimmte. Zwar schmerzte es anfangs, aber sie ging aufs eigene Wagnis: mietete eine Einzimmerwohnung, schloss das Studium ab. Sergej schrieb, flehte, wollte alles zurückdrehen. Inna antwortete nicht. Sie wusste – das Problem war nie Olga. Es war Sergej, der nicht wählen wollte. „Vermisst du es?“ „Nein“, sagte sie ehrlich. Es fühlte sich an wie Ballast, den sie abgeworfen hatte. Sergej blieb allein. Olga meldete sich kaum noch; die „Show“ war ohne Publikum sinnlos. Und als Sergej versuchte, Olgas Nähe zurückzugewinnen, bekam er einen kühlen Korb. Inna aber blickte in die Zukunft. „Ich entscheide mich. Für mich.“ „Du hast alles richtig gemacht“, sagte Lena. „Ach, weißt du… Ich bin einfach erwachsener geworden.“ Sergej blieb zurück. Was meint ihr – sollte er nun versuchen, seine Exfrau zurückzugewinnen? Da es mit Inna nicht funktioniert hat?

Sie manipuliert meinen Mann ganz offensichtlich, empörte sich Friederike.

Friederike starrte auf ihr Handy und spürte, wie in ihr erneut dieses bekannte Ärgernis aufflammte.

Thomas rief schon zum dritten Mal an diesem Abend an.

Rike, es tut mir wirklich leid, bitte verzeih, seine Stimme war erschöpft, schuldbewusst, ein Tonfall, den sie allzu gut kannte. Ich weiß, wir wollten heute Abend ins Theater, aber… Also, Katrin sagt, dass Paul Fieber hat, über vierzig. Sie kommt allein nicht klar. Du verstehst doch sicher?

Friederike verstand.

Sie verstand es nur allzu gut.

Thomas, wir haben doch schon die Karten gekauft, sagte sie ruhig, auch wenn es in ihr innerlich schrie. Wir haben eineinhalb Monate auf dieses Stück gewartet!

Ich weiß, Liebling. Ich mache das wieder gut, das verspreche ich dir. Aber das ist mein Kind, ich kann ihn doch nicht einfach hängen lassen.

Nachdem sie aufgelegt hatte, rief Friederike ihre Freundin an.

Lena, stell dir das vor! Sie lief im Wohnzimmer herum und fuchtelte mit den Armen. Schon wieder! Das dritte Mal diesen Monat! Erst ist der Sohn krank, dann ist Katrins Auto kaputt, und dann fällt ihr wieder irgendein Quatsch ein!

Rike, vielleicht ist der Kleine ja wirklich krank? warf Lena vorsichtig ein.

Ist er auch! Friederike ließ sich auf das Sofa fallen. Natürlich ist er mal krank. Kinder haben ständig was, das weiß man. Aber was nicht normal ist: Warum ruft seine Ex immer ihn an? Gibt’s da keine Eltern oder Freundinnen, die aushelfen können?

Hmmm…

Nix hmmm! Friederike sprang auf. Sie nutzt ihn aus! Thomas ist einfach zu lieb, er merkt es nicht einmal. Sie weiß ganz genau, dass er alles stehen und liegen lässt. Und das nimmt sie schamlos aus!

Am anderen Ende der Leitung seufzte Lena.

Bist du sicher, dass KATRIN das Problem ist?

Wer denn sonst?! Friederike hielt inne.

Ich weiß nicht. Überleg doch mal. Wenn die Ex immer anruft und er alles stehen und liegen lässt vielleicht liegt das nicht nur an ihr?

Friederike öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Da spürte sie einen stechenden, unangenehmen Gedanken.

Hör auf, Lena, so ein Blödsinn, sagte sie scharf. Thomas ist ein verantwortungsvoller Vater. Er KANN seinen Sohn nicht allein lassen!

Gut, gut, lenkte Lena schnell ein. War ja nur so dahin gesagt.

Aber nur so dahin gesagt blieb als Stachel. Unaufdringlich, aber schmerzhaft. Und ließ sie nicht mehr los.

Thomas kam spät zurück. Müde, zerknittert, mit schuldbewusstem Gesichtsausdruck.

Es tut mir leid, wirklich, murmelte er, als er sie von hinten umarmte und seinen Kopf an ihren Nacken legte. Ich kauf uns neue Karten. Die besten Plätze. Ich schwör’s.

Friederike schwieg. Sie sah aus dem Fenster und dachte: Wie oft hat er das jetzt schon versprochen? Fünfmal? Zehnmal? Zwanzigmal?

Und immer das gleiche: Du verstehst doch.

Ich verstehe, dachte Friederike. Nur was genau ich verstehe, blieb offen.

Dann begannen sich die Kleinigkeiten zu sammeln.

Zuerst kaum merklich, wie Staub auf einem Regal sieht man lange nicht, aber zieht man mit dem Finger drüber, ist er da. Ein grauer Film.

Friederike fiel auf, dass Thomas sein Handy mittlerweile überallhin mitnahm. Früher lag es irgendwo auf dem Tisch, dem Sofa, im Bad. Jetzt trug er es immer bei sich, selbst wenn er nur in die Küche ging.

Thomas, warum schleppst du dein Telefon immer mit dir rum? fragte sie eines Abends möglichst locker.

Was? Ach so… Angewohnheit, auf der Arbeit ruft ständig jemand an.

Na gut.

Dann entdeckte Friederike zufällig seinen Kalender im Handy, wollte den nächsten Theaterbesuch eintragen na, für das Stück, das sie verpasst hatten. Und sah: Paul vom Kindergarten abholen, 16:00 Uhr, Katrin Papiere fürs Auto bringen, Impfberatung mit K.

K. das ist Katrin.

Thomas, sagte sie beim Abendessen, rührte so lange im Tee, bis der Zucker ganz sicher aufgelöst war, weißt du eigentlich, wann meine Bachelorarbeit verteidigt wird?

Er sah vom Teller auf.

Abschlussarbeit? Im Mai, oder?

Im März. In zwei Wochen.

Ach ja, stimmt. Sorry, ich hab’ ein Sieb im Kopf.

Ein Sieb im Kopf. Aber Katrins Zeitplan sitzt hundertprozentig.

Und dann ging’s ums Geld.

Friederike fand zufällig einen Kontoauszug auf dem Tisch. Drei Überweisungen à 600 Euro. Empfänger: K. Schuster.

Thomas? fragte Friederike, hielt ihm den Zettel hin. Was ist das?

Er zuckte nicht mal zusammen. Seufzte nur schwer.

Ich unterstütze Katrin. Ihre Mutter ist krank, es brauchte Medikamente. Und Paul will neue Kurse belegen. Du weißt doch, sie ist alleine mit dem Jungen.

1.800 Euro in drei Monaten, Thomas.

Und? Das ist mein Sohn! Soll ich zuschauen, wie sie irgendwo abkratzt?!

Friederike legte den Auszug schweigend auf den Tisch.

Natürlich nicht. Komisch nur, dass du es mir nicht erzählt hast.

Ich hab’s nicht vergessen! Ich wusste nur, was dann kommt…

Dieses was dann kommt klang, als sei Friederike eine hysterische, kleinliche, eifersüchtige Tusse.

Dann war da die Sache im Auto.

Friederike setzte sich auf den Beifahrersitz und sah auf dem Rücksitz eine Kinderzeichnung. Ein Haus, Blumen, Sonne, und drei Menschen. Papa, Mama, Paul.

Ohne sie.

Friederike nahm das Bild zur Hand. Auf der Rückseite, krakelig: Für Papa von Paul. Unsere Familie.

Thomas? fragte sie leise.

Hm?

Woher ist das?

Er blickte drauf.

Ach, das hat Paul gemalt. Ist süß, oder? Der Junge hat echt Talent.

Friederike sah auf die Zeichnung. Dann zu Thomas. Dann wieder aufs Bild.

Da steht unsere Familie.

Ja, er ist halt noch klein. Für ihn sind das eben ich, Katrin und er. So sieht er das. Kindliche Perspektive.

Sie legte die Zeichnung zurück, setzte sich gerade hin, schnallte sich an und schwieg die ganze Fahrt lang.

Dann begann Katrin, persönlich zu erscheinen.

Zuerst einmal Pauls Sachen abholen, die noch bei Thomas blieben. Dann noch mal Sommerferien besprechen. Dann einfach so War in der Nähe, wollte kurz vorbeischauen.

Katrin war höflich, freundlich, entspannt.

Hallo, Friederike! sagte sie, als wären sie Freundinnen. Hoffe, ich störe nicht? Ist Thomas da?

Und immer nach diesen Besuchen war Thomas völlig abwesend. Blickte ins Leere, gab einsilbige Antworten.

Was ist los? fragte Friederike.

Nichts. Bin müde.

Friederike fühlte sich immer mehr als das dritte Rad am Wagen. Als die, die im Weg ist.

Und dann hörte sie zufällig ein Gespräch.

Thomas war im Bad, dachte, die Tür sei zu. Sie war aber nur angelehnt. Friederike hörte:

Katrin, jetzt wein doch nicht… Ich helf dir doch… Klar helf ich. Das weißt du. Ich bin immer da…

Seine Stimme war leise. Sanft. Fast intim.

Friederike entfernte sich von der Tür, setzte sich auf das Sofa. Da wurde ihr schlagartig alles klar.

Nicht mehr sie manipuliert ihn.

Er lässt es zu.

Weil es ihm passt.

Drei Tage schwieg Friederike.

Statt einer Szene beobachtete sie nur, ruhig, sachlich, wie ein Forscher mit einem seltenen Insekt unterm Mikroskop.

Und sie stellte fest:

Thomas wusste Katrins Termine besser als ihre eigenen Friederikes! Er wusste genau, wann Paul in die Kita musste, wann er seinen Kurs hatte, wann Katrin zum Arzt ging. All das stand im Kalender. Ihren wichtigen Termin hatte er vergessen.

Thomas schrieb ständig mit jemandem. Das Handy vibrierte permanent. Er griff danach, las schnell, antwortete, sein Gesicht wurde weicher. Schuldvoll. Als täte er etwas Verbotenes.

Eines Abends klingelte das Handy, während Thomas unter der Dusche stand. Friederike schaute auf das Display. Katrin.

Automatisch nahm sie ab.

Thomas? Katrins Stimme klang leise, verweint. Thomas, kannst du kommen? Mir gehts so schlecht. Ich weiß sonst echt nicht, an wen ich mich wenden kann.

Friederike schwieg.

Thomas? Bist du noch dran? Bitte. Ich kann einfach nicht mehr alleine. Du warst doch immer für mich da…

Friederike legte wortlos auf, legte das Handy zurück. Setzte sich aufs Sofa. Und musste lachen.

Mein Gott. Was für eine Idiotin ich doch war.

Thomas kam aus dem Bad noch feucht, das Handtuch um die Hüften, Wassertropfen in den Haaren.

Katrin hat angerufen, sagte Friederike ruhig.

Er blieb stehen.

Du bist dran gegangen?!

Ja. Friederike stand auf, sah ihn an. Sie hat geweint. Sie sagte, dir ging’s immer darum, für sie da zu sein.

Er schwieg, suchte nach Worten, sortierte in Gedanken Ausreden sie sah es ihm an.

Hör zu, begann er, Katrin ist gerade in einer schlechten Phase. Sie hat niemanden sonst. Nur mich. Ich kann sie doch jetzt nicht hängen lassen!

Hängen lassen? Friederike schnaubte. Thomas, ihr seid seit vier Jahren geschieden. Sie ist nicht mehr deine Frau. Sie ist deine Ex. Du hast sie längst verlassen.

Aber wir haben ein gemeinsames Kind!

Und? Was heißt das? Friederike trat näher. Dass du jedes Mal auftauchen musst, wenn sie das Zauberwort Paul sagt? Dass du ihr heimlich Geld schickst? Dass du ihren Tagesablauf besser kennst als meinen?

Jetzt übertreibst du aber!

ICH?!

Friederike spürte, wie innerlich etwas zerbrach. Sie griff nach ihrer Tasche, begann, Sachen einzupacken.

Weißt du, Thomas, ich hab so lange gedacht, sie ist das Problem. Sie benutzt dich, sie nutzt das Kind aus, sie kann nicht loslassen.

Sie drehte sich um.

Aber in Wahrheit bist DU das Problem. Du LÄSST es zu. Und, was schlimmer ist: Du willst es so. Weil es bequem ist. Zwei Leben. Die Ex, die dich braucht. Die Neue, die alles erträgt. Und du triffst nie eine Entscheidung. Weils einfacher so ist.

Rike, geh nicht.

Ich gehe nicht, sagte sie leise. Ich trete nur aus. Aus diesem Dreieck, in dem ich immer nur dritte Geige spiele. Ich kämpfe nicht um dich gegen deine Ex. Ich verlasse einfach eure Bühne.

Thomas stand im Wohnzimmer nass, hilflos, erbärmlich.

Rike, warte. Lass uns reden.

Da gibts nix mehr zu reden. Friederike zog ihre Jacke an. Du hast längst entschieden. Ich war nur zu blöd, das zu sehen. Jetzt sehe ichs. Glasklar.

Sie öffnete die Tür.

Machs gut, Thomas. Grüße Katrin. Und sag ihr, ab jetzt darf sie dich so oft anrufen, wie sie will.

Die Tür fiel sanft ins Schloss.

Einen Monat später saß Friederike mit Lena im Café.

Und? Wie gehts dir? fragte die Freundin leise.

Gut. Friederike lächelte. Wirklich gut.

Und das war wahr. Die erste Woche war schwer es drückte auf die Brust, sie wollte anrufen, schreiben, zurückgehen. Aber sie riss sich zusammen. Suchte eine kleine Studiowohnung, nahm einen Nebenjob, verteidigte ihre Abschlussarbeit.

Thomas rief an. Häufig. Schrieb lange Nachrichten, voller Entschuldigungen, Erklärungen, Versprechen.

Friederike, verzeih mir. Ich hab’s verstanden. Du hattest recht. Lass uns noch mal von vorn anfangen.

Sie antwortete nicht. Sie wusste das bringt nichts. Die Wurzel des Problems war nie Katrin. Es war Thomas. Und solange er das nicht einsieht, wird sich nichts ändern.

Und er? fragte Lena.

Wer?

Thomas natürlich.

Ach so. Friederike zuckte die Schultern. Keine Ahnung. Wir haben keinen Kontakt.

Lena schwieg kurz.

Und? Bereust du es?

Friederike überlegte. Bereut sie? Nein. Seltsam, aber nein. Da war etwas anderes: Erleichterung. Als hätte sie endlich einen schweren Rucksack abgesetzt, den sie ewig getragen hatte.

Ich habe gewählt. Friederike nahm den letzten Schluck Kaffee. Für ihn. Und für mich.

Lena lächelte.

Du bist stark.

Ach was, winkte Friederike ab. Ich bin einfach nur erwachsen geworden.

Thomas blieb allein zurück.

Katrin erstaunlich hörte schnell auf mit ihren Anrufen. Ohne Friederike als unfreiwilliges Publikum machte das Spiel keinen Sinn mehr. Und als Thomas alte Nähe wieder herstellen wollte, erntete er nur kühle Abweisung.

Damals hast du dich für sie entschieden, sagte Katrin nüchtern. Komm damit klar. Ich hab’ mein Leben im Griff. Brauch deine Hilfe nicht mehr.

Thomas versuchte, Friederike zurückzugewinnen. Stand vor ihrer Haustür, wartete an ihrem Arbeitsplatz, schrieb Nachrichten. Aber sie blieb standhaft.

Thomas, lass mich los, sagte sie ein letztes Mal. Lass auch dich selber los. Wir passen nicht zusammen. Du wolltest immer zwei Leben. Ich will nur eins. Aber ein echtes.

Friederike ging durch die abendliche Stadt und dachte darüber nach, wie merkwürdig alles im Leben läuft. So lange hatte sie Angst, allein zu sein. Angst, Thomas zu verlieren. Und als sie ihn verlor, merkte sie: Sie hatte nichts verloren.

Denn wer sich nie entscheidet, kann nichts Echtes geben.

Und sie hatte nur das Echte verdient.

Was meint ihr macht es Sinn, wenn er jetzt seine erste Frau zurückerobern will? Wenn es mit Friederike nicht geklappt hat…

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Homy
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– Sie manipuliert doch nur meinen Mann! – empörte sich Inna Inna blickte verärgert auf ihr Handy. Dieses vertraute Gefühl stieg wieder in ihr auf. Sergej rief schon zum dritten Mal am Abend an. „Inna, bitte verzeih mir“, kam seine erschöpfte, schuldbewusste Stimme am anderen Ende. „Ich weiß, wir wollten heute ins Theater gehen, aber… Also, Olga sagt, bei Dima ist das Fieber wieder bei vierzig. Sie schafft das allein nicht. Du verstehst das doch, oder?“ Inna verstand. Zu gut. „Sergej, wir haben die Karten schon gekauft“, sagte sie ruhig, obwohl in ihr alles schrie. „Wir haben so lange auf dieses Stück gewartet!“ „Ich weiß, Liebling. Ich mach’s wieder gut, versprochen. Aber es ist doch unser Kind. Ich kann ihn nicht einfach im Stich lassen.“ Nachdem sie aufgelegt hatte, rief Inna ihre Freundin Lena an. „Lena, kannst du dir das vorstellen?! Schon wieder! Das ist jetzt das dritte Mal in diesem Monat! Erst ist der Sohn krank, dann geht bei der Ex die Karre kaputt, dann wieder irgendein anderes Drama!“ „Vielleicht ist der Kleine ja wirklich krank?“, meinte Lena vorsichtig. „Ich weiß! Kinder sind halt oft krank. Ist doch normal. Aber warum ruft seine Ex immer ihn an? Hat die keine Eltern? Keine Freundinnen?“ „Naja…“ „Nix ‘naja’! Sie manipuliert ihn! Sergej ist so gutmütig, er merkt das gar nicht. Sie weiß ganz genau, dass er alles stehen und liegen lässt. Und sie nutzt das aus!“ Lena seufzte am anderen Ende. „Bist du sicher, dass sie das Problem ist?“ „Wer denn sonst?!“ „Vielleicht nut… Ach, keine Ahnung. Aber überleg mal: Wenn eine Frau ständig ihren Exmann anruft und er jedes Mal hinrennt – wer nutzt hier eigentlich wen aus?“ Inna öffnete den Mund, schloss ihn wieder und spürte, wie etwas in ihr gezogen wurde. „Lena, red doch keinen Unsinn“, sagte sie schroff. „Sergej ist einfach ein verantwortungsvoller Vater. Er kann das Kind nicht alleine lassen!“ „Schon gut, vergiss es.“ Doch das ließ Inna nicht mehr los. Spät kam Sergej nach Hause. Müde, zerknittert, schuldbewusst. „Verzeih mir, Dussel“, sagte er, umarmte sie von hinten und drückte sein Gesicht an ihren Hals. „Ich besorg‘ uns neue Karten, für die besten Plätze. Versprochen.“ Inna schwieg. Blickte aus dem Fenster und fragte sich: Wie oft hat er das schon versprochen? Fünfmal? Zehnmal? Zwanzigmal? Immer das Gleiche: „Du verstehst doch.“ Ja, dachte sie. Ich verstehe. Nur was – weiß ich selbst nicht mehr. Dann häuften sich die Kleinigkeiten. Sergej versteckte plötzlich sein Handy. Früher lag es überall herum, jetzt nahm er es sogar beim Wasserglas holen mit in die Küche. „Warum musst du dein Handy eigentlich ständig mitnehmen?“, fragte sie einmal abends, bemüht um einen lockeren Ton. „Hmm? Das ist nur Gewohnheit. Im Büro klingelt es ständig.“ Na gut. Doch dann entdeckte Inna zufällig seinen Kalender im Handy. Sie wollte den lange ersehnten Theaterabend eintragen – stattdessen las sie: „Dima vom Kindergarten abholen 16:00“, „Olga die Auto-Papiere bringen“, „Olga an Impfung erinnern“. – Sergej, weißt du eigentlich, wann ich meine Diplomprüfung habe? – fragte sie beim Abendbrot, ewig den Tee rührend. Er sah auf. „Diplom? Im Mai, oder?“ „Im März. In zwei Wochen.“ „Ach so. Stimmt. Sorry, bin zerstreut.“ Alles zu Olga wusste er bis ins Detail. Und dann war da noch das Geld. Wieder zufällig gesehen – drei Überweisungen á 500 Euro an O. Krüger. „Sergej, was ist das?“, fragte sie. Er zuckte kaum: „Olga braucht Hilfe. Mutter krank, Medikamente. Dann Dima und seine Hobbys. Du verstehst doch, sie ist alleinerziehend.“ „1500 Euro in drei Monaten?“ „Na und? Mein Sohn! Soll ich etwa zusehen, wie die darben?!“ Sie legte den Auszug zurück: „Schon. Nur komisch, dass du’s mir verschwiegen hast.“ „Ach was. Ich wusste, du reagierst wieder so!“ Dieses „so“ klang, als wäre sie kleinlich und hysterisch. Und dann lag da dieser Kinderzeichnung im Auto. Häuschen, Blumen, Sonne – und drei Menschen: Papa, Mama, Dima. Ohne Inna. „Sergej, was ist das?“ Er grinste. „Von Dima. Cooler Junge, oder?“ „Hier steht: Unsere Familie.“ „Für ihn ist das halt so: Ich, Olga und Dima.“ Später tauchte Olga neuerdings selbst auf. Erst „Dimas Sachen holen“, dann „Sommerferien besprechen“, dann einfach nur so. Immer war Olga höflich, lächelte, als wären sie Freundinnen: „Hallo, Inna! Stör ich? Ist Sergej da?“ Danach war Sergej komisch, abwesend, antwortete einsilbig: „Bin müde.“ Inna fühlte sich wie das fünfte Rad am Wagen. Die Störende. Bis sie eines Tages einen Anruf unfreiwillig mithörte. Im Bad, er hielt die Tür für geschlossen: „Olga, bitte… Ich helf dir doch. Du weißt, ich bin immer da.“ Seine Stimme war zärtlich. Fast intim. Da wusste sie es. Er ist es selbst, der diese Situation will und zulässt. Drei Tage schwieg sie, sammelte Beobachtungen. Sergej wusste alles über Olga, vergaß aber Inna. Er schrieb ständig, das Handy vibrierte, sein Gesicht weich dabei – wie ertappt. Einmal rief Olga direkt an, als Sergej unter der Dusche war. Reflexartig nahm Inna ab. „Sergej?“, hörte sie schluchzend. „Kannst du kommen? Mir geht’s so schlecht. Du bist doch immer für mich da.“ Inna sagte nichts, legte einfach auf. Lachte plötzlich leise. Wie naiv sie war. Als Sergej aus dem Bad kam, sagte sie: „Olga hat angerufen. Sie war am Weinen. Du bist ja immer für sie da.“ Er verstummte, rang um Worte. „Olga hat sonst niemanden – nur mich. Ich kann sie nicht im Stich lassen!“ „Im Stich lassen? Ihr seid seit vier Jahren geschieden. Sie ist deine Ex. Du hast sie schon längst verlassen.“ „Aber wir haben ein gemeinsames Kind!“ „Und? Muss das heißen, dass du immer springst, heimlich Geld überweist, alles über ihr Leben weißt?“, fragte sie ruhig. „Du übertreibst!“ „ICH?!“ Da platzte etwas in ihr. Sie packte ihre Sachen. „Sergej, lange habe ich gedacht, die Schuld ist bei ihr, dass sie dich mit dem Sohn manipuliert. Aber eigentlich bist DU das Problem. DU willst das so. Weil es bequem für dich ist. Ein Leben mit deiner Ex, das du als hilfsbereit tarnst, und ein Leben mit mir, das ich tapfer ertragen soll.“ „Inna, geh nicht!“ „Ich geh nicht – ich steige aus. Aus eurem ewigen Dreieck.“ Er stand hilflos da. „Wir müssen reden!“ „Da gibt’s nichts mehr zu sagen. Du hast deine Entscheidung längst getroffen. Ich war nur zu blind, um das zu sehen. Jetzt aber ist es klar.“ Sie zog die Tür hinter sich zu. Einen Monat später saß Inna mit Lena im Café. „Und, wie geht’s dir?“ „Gut“, lächelte Inna. Und es stimmte. Zwar schmerzte es anfangs, aber sie ging aufs eigene Wagnis: mietete eine Einzimmerwohnung, schloss das Studium ab. Sergej schrieb, flehte, wollte alles zurückdrehen. Inna antwortete nicht. Sie wusste – das Problem war nie Olga. Es war Sergej, der nicht wählen wollte. „Vermisst du es?“ „Nein“, sagte sie ehrlich. Es fühlte sich an wie Ballast, den sie abgeworfen hatte. Sergej blieb allein. Olga meldete sich kaum noch; die „Show“ war ohne Publikum sinnlos. Und als Sergej versuchte, Olgas Nähe zurückzugewinnen, bekam er einen kühlen Korb. Inna aber blickte in die Zukunft. „Ich entscheide mich. Für mich.“ „Du hast alles richtig gemacht“, sagte Lena. „Ach, weißt du… Ich bin einfach erwachsener geworden.“ Sergej blieb zurück. Was meint ihr – sollte er nun versuchen, seine Exfrau zurückzugewinnen? Da es mit Inna nicht funktioniert hat?
Mein Chef war derjenige, der mir sagte, dass mein Mann mir fremdgeht – Wie meine Ehe in einem kleinen deutschen Familienbetrieb zerbrach und ich durch Ehrlichkeit einen neuen Anfang fand