Ich habe diese Worte nie vergessen: Ich bin müde von deinen Krankheiten. Ich brauche eine gesunde Frau. Mit dir bin ich nur aus Pflichtgefühl. Es war ein Donnerstagabend, als Sabine am Fenster stand und am Handy Medikamente aus der Apotheke bestellte. Siebzehn Jahre zusammen und dann sagt Klaus es einfach so, fast beiläufig, wie eine Wettervorhersage.
Ich bin müde, Sabine. Ich brauche eine gesunde Frau.
Ich drehte mich um. Klaus saß auf dem Sofa, die oberste Hemdknopf offen, wie immer nach der Arbeit. Nur diesmal wirkte seine Geste endgültig, als hätte er schon abgeschlossen.
Was hast du gesagt?
Das, was du gehört hast. Ich bin nur noch aus einer Verpflichtung bei dir. Das ist kein Lieben, das ist Pflicht.
Das Handy fiel mir aus der Hand auf den Boden. Ich spürte, wie mein Magen, dieser verfluchte Magen, sich schmerzlich zusammenzog. Magengeschwür. Colitis. Immer wieder Schübe, Diäten, Tabletten. Drei Jahre lang kämpfte ich, drei Jahre lang sah Klaus mich immer genervter an.
Im Ernst ?
Ja, im Ernst, unterbrach er. Ich habe jemand anderen. Jünger. Gesund. Mit ihr fühle ich mich lebendig.
Nun war es raus. Ich wusste sofort er ist schon woanders, in seinem neuen Leben. Ich aber stand da, vierzig Jahre alt, mein Magen krank, mein Darm, ein wandelnder Patientenfall, seit drei Jahren.
Wer ist sie?
Klaus zuckte mit den Schultern. Es war ihm egal, ob ichs weiß. Diese Gleichgültigkeit tut mehr weh als alles andere.
Niemand besonderes. Wir kennen uns aus dem Fitnessstudio. Sie ist 28, Yoga-Trainerin.
Yoga. Natürlich. Während ich Buscopan und Pantoprazol schluckte, während ich nachts vor Schmerz kaum schlafen konnte, machte er Yoga mit einer achtundzwanzigjährigen.
Und was jetzt?
Ich ziehe aus. Morgen hole ich meine Sachen.
So einfach. Siebzehn Jahre und alles in einer Pappkiste.
Am Freitagmorgen war er weg, nicht mal das Wochenende abgewartet. Ich sah ihm aus der Küche hinterher und klammerte mich an die Tischkante. Die Schmerzen kamen jetzt in Wellen, körperlich und auch anders als hätte die Einsamkeit mich von innen ausgehöhlt.
Die Wohnung eine geräumige Drei-Zimmer im Frankfurter Westen, die wir uns gemeinsam zusammengespart hatten. Jeder Cent war da reingeflossen. Jetzt gehörte sie mir allein mit leeren Regalfächern und dem Duft seines Rasierwassers, der einfach nicht aus dem Schlafzimmer verflog.
Die erste Woche stand ich kaum auf. Ich lag da, starrte an die Decke, trank Wasser in kleinen Schlucken. Alles, was ich versuchte zu essen, schmerzte. Meine Freundin Heike kam jeden Tag vorbei, brachte Brühe, redete mir gut zu.
Sabine, vergiss den Typen doch! meinte sie, am Bettende sitzend. Ein Idiot, weiter nichts. Gibt Millionen von denen.
Ich schwieg. Was soll man auch sagen? Heike verstand nicht, dass das nicht nur eine Trennung war. Es war Verrat in dem Moment, als ich am meisten Unterstützung brauchte.
Ein Monat später sah ich Klaus und seine Yogadame zufällig. In München, vor einem Café. Sie sah genau so aus, wie ich sie mir ausgemalt hatte: lange Beine, glatte Haare bis zu den Schulterblättern, weiße Bluse, Jeans. Klaus hielt sie locker um die Hüften, besitzergreifend. Ich stand auf der anderen Straßenseite mit meiner Apothekentüte und sah zu.
Sie lachten. Er beugte sich vor und küsste sie auf die Stirn leicht, zärtlich. So wie er mich früher geküsst hatte.
Ich ging weg, fast rannte, bis zur U-Bahn. Die Schmerzen im Bauch wurden unerträglich, ich musste mich doppelt beugen. Eine ältere Frau fragte besorgt, ob ich Hilfe brauche. Ich schüttelte den Kopf und stieg an der nächsten Station aus.
Auf der Toilette saß ich auf dem kalten Fliesenboden, weinte laut und lange, bis ich keine Kraft mehr hatte.
Die Wende kam überraschend. Zwei Monate nach Klaus Auszug kam ich mit einem Schub ins Krankenhaus. Ich wurde in der Gastroenterologie der Uniklinik Freiburg aufgenommen und dort passierte, womit ich nicht gerechnet hatte: Es wurde besser.
Die neue Ärztin, eine Frau um die fünfzig mit scharfem Blick, sah sich alle Befunde an und schüttelte den Kopf.
Sie haben ein klassisches psychosomatisches Muster, sagte sie. Das Geschwür ist seit drei Wochen verheilt, aber Sie leiden weiter. Wissen Sie, warum? Weil es einfacher ist. Sie sind in der Rolle der kranken Ehefrau gefangen.
Ich wollte widersprechen, doch die Ärztin hob abwehrend die Hand.
Hören Sie. Die Krankheit war echt, keine Frage. Aber jetzt klammern Sie sich daran wie an einen Rettungsring. Als Patientin dürfen Sie Opfer sein. Opfern ist leichter als Leben.
Diese Worte blieben hängen wie ein Splitter. Ich grübelte darüber, Tage lang, lag im Krankenbett und starrte ins graue Herbstlicht. Hatte ich mich wirklich in diesem Zustand eingerichtet Diäten, Tabletten, Schmerzen?
Nach einer Woche wurde ich entlassen. Zuhause stand ich im Flur vorm Spiegel und sah mich zum ersten Mal seit Monaten richtig an. Blasses Gesicht, stumpfes Haar, tiefe Schatten unter den Augen. Mit vierzig aussehend wie eine Fünfzigjährige.
Schluss jetzt, sagte ich zu meinem Spiegelbild. Genug.
Heike schnappte nach Luft, als ich einen Monat später bei ihr auftauchte.
Sabine?! Bist du das?
Meine Haare frischer Kurzhaarschnitt, dunkelblond mit rötlichem Schimmer. Leichtes Make-Up, die Augen betont. Keine abgewetzte Jogginghose oder altes Shirt, sondern ein bordeauxrotes Kleid, das ich im Sale bei Esprit gekauft hatte.
Ich bins, lächelte ich, und zum ersten Mal seit langer Zeit war mein Lächeln echt.
Wir gingen gemeinsam ins Café am Mainufer Heike bestand darauf, mein neues Ich zu feiern. Wir saßen am Fenster, tranken Cappuccino, und ich erzählte, dass ich einen Kurs in Texten mache, morgens im Stadtpark spazieren gehe, und langsam wieder ins Leben finde.
Und Klaus? Hast du ihn wiedergesehen?
Nein. Er hat zwei Mal wegen den Scheidungspapieren angerufen. Ich meinte, das sollen die Anwälte klären.
Und sonst? Willst du ihm weiß schon eins auswischen?
Ich blickte sie lange an. Sie sah etwas Neues in meinen Augen. Etwas Ruhe. Entschlossenheit.
Heike, Rache ist ein Gericht, das kalt serviert wird. Ich fange gerade erst an, abzukühlen.
Die Info kam zufällig. Ich war in demselben Fitnessstudio, wo Klaus und die Yogadame sich kennengelernt hatten nun hatte ich selbst ein Halbjahresabo dort. Ich lernte die quirlige Rezeptionistin Lisa kennen.
Kennen Sie Martina Schramm? fragte Lisa einmal, als ich das Handtuch holte. Unsere Yoga-Trainerin. Eigentlich, sie wars mal. Bis ihr Mann sie aus dem Job gezogen hat.
Ich wurde hellhörig.
Wie meint sie das?
Na, er ist wohl recht gut situiert, zahlt alles für sie. Sie arbeitet jetzt nur noch für ihn. Miete, Kleider, alles bezahlt. Ich würds an ihrer Stelle nicht riskieren Männer sind launisch.
Ich nickte nur, steckte die Info weg. Klaus bezahlt seiner Geliebten alles. Mietet für sie eine Wohnung, kauft ihr Sachen. Hat mehr Geld als er beim Scheidungstermin angegeben hat. Interessant.
Die nächsten Wochen verbrachte ich in der Bibliothek und am PC, las alles über deutsches Scheidungsrecht. Wenn einer die Vermögenswerte verschweigt, lässt sich die Aufteilung neu verhandeln. Man braucht nur Beweise.
Ich engagierte einen Privatdetektiv einen jungen Typ namens Moritz, der die Sache gründlich anging. Nach vier Wochen lag eine ganze Akte bei mir: Fotos, Kontoauszüge, Belege. Klaus hatte Martina nicht nur eine Wohnung gemietet, sondern gekauft auf seinen Namen, eine Ein-Zimmer im Frankfurter Europaviertel. Außerdem hatte er seinen alten Audi auf eine dubiose Firma überschrieben, damit er nicht geteilt wird.
Ich saß am Küchentisch, sortierte die Unterlagen, und fühlte dieses warme Kribbeln kein Zorn, sondern Lust am Spiel. Ich hatte Spaß daran, meine Rechte einzufordern.
Im Dezember reichte ich Klage auf Neuberechnung des Vermögens ein. Mein Anwalt ein älterer Herr mit stattlichem Bart nickte anerkennend beim Durchsehen der Papiere.
Sehr gute Arbeit. Das wird ihm schwerfallen.
Klaus bekam eine Woche später Bescheid. Er rief als erster seit vier Monaten an.
Was machst du da?! schrie er ins Telefon. Welche Unterlagen, was für eine Neuberechnung?!
Klaus. Ich blieb ruhig. Du hast Einkommen und Besitz bei der Scheidung verschwiegen. Das Gesetz gibt mir Anspruch auf die Hälfte.
Willst du mich ruinieren? Die Wohnung ist meine, nach der Scheidung gekauft!
Mit Geld aus der Ehe. Die Anwälte klären das. Wir sehen uns vor Gericht.
Ich legte auf. Und zum ersten Mal hörte ich Panik in seiner Stimme, zum ersten Mal hatte ich die Oberhand.
Silvester verbrachte ich bei Heike, mit Freundinnen. Wir tranken Sekt, lachten, schmiedeten Pläne. Heike zeigte mir heimlich ein Foto aus den sozialen Medien Klaus und Martina bei einer Firmenfeier. Er gestresst, sie gelangweilt.
Krisenstimmung? grinste Heike.
Noch nicht. Aber bald.
Den Gerichtstermin legte man auf Februar. Ich sammelte alles, was ich nur konnte Moritz brachte noch mehr: Klaus hatte für Martina einen Kredit aufgenommen, als Konsumentenkredit ausgewiesen. Der zählt auch zur Teilung.
Ich blieb hart. Kein Rabatt, keine Gnade. Klaus rief öfter an, wollte sich einigen. Ich ließ mich nicht darauf ein.
Du hast selbst gesagt, du warst nur aus Pflicht bei mir, erinnerte ich ihn im letzten Gespräch. Nun hast du wirklich eine Schuld finanziell.
Er warf den Hörer hin. Ich lächelte zufrieden.
Eine Woche vor Gericht dann die Überraschung: Martina war weg. Moritz berichtete, sie sei ausgezogen, habe alles mitgenommen. Auf sozialen Netzwerken hatte sie alle Kontakte zu Klaus geblockt.
Später erfuhr ich von Lisa aus dem Studio, warum: Martina hatte einen anderen kennengelernt, einen Unternehmer aus Hamburg. Noch besser situiert. Klaus blieb zurück ohne Geliebte, mit Krediten, und einer fetten Gerichtsverhandlung.
Ich freute mich nicht, aber ich sah ein das Leben ist gerecht. Manchmal.
Der Termin war rasch vorbei. Klaus war bleich, völlig am Boden. Sein Anwalt versuchte alles, aber die Unterlagen waren stichhaltig. Das Urteil: Neuberechnung, Aufteilung zugunsten von mir. Die Wohnung muss verkauft, das Geld halbiert werden. Das Auto ebenso. Dazu Ausgleichszahlungen.
Ich trat aus dem Gerichtsgebäude, atmete die eisige Luft ein. Der Himmel strahlte, der Schnee glitzerte. Ich war endlich frei. Nach all den Jahren wirklich frei.
Klaus holte mich draußen ein.
Sabine, warte
Ich drehte mich um. Er stand da, gebrochen, gealtert.
Bist du zufrieden? Jetzt ist alles ruiniert ich bin pleite, Martina ist weg, alles zerstört
Ich schaute ihn lange an. Lächelte langsam.
Weißt du, Klaus, du wolltest eine gesunde Frau. Schau mich an: Ich bin jetzt gesund. Danke für die Motivation.
Ich wandte mich ab und ging zur U-Bahn ohne mich umzudrehen. Die Vergangenheit, voller Schmerz und Abhängigkeit, blieb zurück. Vor mir lag mein neues Leben.
Und das beginnt jetzt erst wirklich.
Mein Fazit: Manchmal braucht man einen schmerzhaften Anstoß, um sich selbst wiederzuentdecken. Ich habe gelernt, dass Freiheit oft genau dort beginnt, wo man alles hinter sich lässt.




