Kommt er zurück jag ihn nicht fort
An ihre Eltern konnte sich Friederike nur vage erinnern sie starben kurz nacheinander, als sie noch ein kleines Mädchen war. Erst wurde der Vater krank, sie erinnert sich, wie die Mutter bei ihm am Bett saß, und er lag nur da, bewegte sich kaum. Dann war er weg. Nach einiger Zeit ging auch die Mutter, ihr Herz hat da wohl nicht mehr mitgemacht. So gingen sie beide einer nach dem anderen.
Aufgewachsen ist Friederike bei den Nachbarn, Elfriede und Gustav, alte Freunde ihrer Eltern. Sie übernahmen das Sorgerecht, denn Verwandte hatte das Mädchen keine mehr. Die Nachbarn hatten einen Sohn, drei Jahre älter als Friederike Konrad. Als Friederike größer wurde und zur jungen Frau heranwuchs, verliebte sich Konrad prompt in sie, und sie war auch nicht abgeneigt. Praktisch, man musste nicht weit suchen die richtige Frau direkt im eigenen Haus aufgewachsen.
Sie heirateten, bezogen das alte Haus von Friederikes Eltern und machten es schick. Es dauerte nicht lange, bis sie ein Kind erwarteten.
Friederikchen, ich freu mich so! Es wird ein Junge, unsere Familie lebt weiter, ich werde ihn lieben und dich sowieso!, schwärmte Konrad.
Friederike brachte im Herbst spät nachts ihren Sohn zur Welt. Die Geburt war alles andere als einfach, völlig erledigt drehte sie sich zur Wand, schloss die Augen und seufzte:
So, das wars mein Sohn ist da, jetzt will ich einfach nur schlafen.
Am Morgen wurde der Zimmernachbarin das Baby zum Stillen gebracht nur Friederike bekam keins. Sie wurde ganz unruhig.
Wo ist mein Sohn? Warum bringt man ihn mir nicht? Der muss doch auch trinken!
Alles gut, beruhigte die Schwester sie, er schläft macht sich schon bemerkbar, wenn er Hunger bekommt.
Tag zwei immer noch kein Baby bei Friederike, und sie fängt an zu weinen.
Wo ist mein Sohn? Was ist passiert?
Die Putzfrau, Oma Herta, wischt durch und murmelt:
Ach Mädel, sieht aus, als würde dein Kleiners wohl schwer haben. Heulen kann er nicht mal richtig.
Wie meinen Sie das, Oma Herta?
Tja, ich bin schon seit Jahrzehnten hier und habs oft gesehen.
Da kommt die Schwester rein und sagt sachlich:
Das Kind war sehr schwach bei der Geburt, bekommt erst mal Vitamine per Infusion. Aber keine Sorge, das wird.
Endlich kam ihr Sohn zu Friederike, und sie bekam einen Schreck: So winzig und leicht, und der Kopf fast größer als der Rest. Zuhause angekommen, begrüßte Konrad sie schon.
Beim Wickeln nimmt Friederike das Tuch weg, Konrad sieht seinen Sohn und erschrickt: Das Kind so klein, der Kopf riesig, die Äuglein rollen herum, nur ein leises Quäken.
Johannes, mein Schatz…, redete Friederike sanft, gleich gibts was zu essen. Wir wachsen schon noch, alles wird gut!
Konrad stand wie versteinert da so hatte er sich seinen Sohn nicht vorgestellt.
Was hast du da geboren? Das sieht aber seltsam aus Großer Kopf, winziges Kind ist der überhaupt von uns? Haben sie dich im Krankenhaus vertauscht?
Konrad, nu sei doch nicht albern. Das ist unser Johannes. Er ist halt so geboren. Die Ärztin sagt, das wird schon.
Friederike badete Johannes liebevoll, Konrad hielt sich fern. Bald kam das nächste: Er kündigte.
Ich hab gekündigt, zieh weg, will den nicht mal sehen Ich brauche ein normales und gesundes Kind. Leb wohl! das ging so fix, ehe Friederike überlegte, hatte er die Tür zu und war über alle Berge offenbar hatte er schon gepackt.
Aus dem Fenster sah sie nur noch, wie Konrad vom Hof marschierte, nicht mal bei seinen Eltern vorbeischaut schnurstracks zur Bushaltestelle. Friederike klärte Elfriede und Gustav selbst auf, mit Johannes im Arm und Tränen im Gesicht.
Konrad hat uns sitzen lassen. Der will den Kleinen nicht, hat gekündigt und ist weg.
Du meine Güte, was ist nur los mit dem Jungen?!, jammerte Elfriede. Gustav setzte sich mit einem Brummeln dazu: Wird schon, mein Mädchen, wir schaffen das.
So blieb Friederike allein aber mit Schwiegereltern, Gott sei Dank gleich nebenan. Man half sich eben. Elfriede kochte Kräutertees, half beim Baden des Enkels im Sud. Gustav humpelte mit dem Stock durch den Garten, brachte ab und an Holz, schleppte einen Eimer Wasser vom alten Brunnen rüber und abends, beim Tee, wurde manchmal sogar gelacht.
Johannes wurde größer, bekam rosige Wangen ein richtiges Kerlchen, und hing wie ein Äffchen an Opa Gustav. Gustav wiederum war ganz hingerissen vom Enkel, lachte und trug ihn herum, sobald Friederike ihn brachte. Und dann der erste Schritt Johannes wackelte los, und Friederike heulte vor Glück, als er ihr in die Arme plumpste. Zusammen drehten sie sich kichernd durch die Stube.
Mein Goldschatz, der Johannes. Ich habs immer gewusst, dass alles gut wird!
So kamen sie zu den Schwiegereltern. Johannes setzte sich auf die Füße, strahlte, und Opa Gustav grinste stolz:
Na siehste, unser Enkel läuft! Tja, er wollte etwas sagen ließ es dann, Friederike ahnte: Im Herzen schimpfte er mit Konrad, dass er sie alle verlassen hatte.
Aber dass Konrad zurückkommen würde, daran glaubte Friederike nicht wirklich.
Fünf Jahre gingen ins Land. Vieles geschah seit Konrad fort war. Elfriede und Gustav halfen leider nicht lange. Vor fast zwei Jahren verstarb Gustav. Rund ein Jahr später folgte Elfriede, ohne ihren Sohn nochmal gesehen zu haben. Kurz vor dem Abschied weinte die Schwiegermutter und bat Friederike:
Verzeih uns, Kind, wegen unseres Sohnes. Er ging einfach ließ euch allein. Du bist auch eine Mutter, du verstehst mich vielleicht Egal wie Konrad ist, er bleibt mein Sohn. Ich hab nur eine Bitte kommt er zurück, jag ihn nicht fort. Versprichs mir.
Natürlich glaubte Friederike nicht an eine Rückkehr. Aber sie versprach es Elfriede, damit die ruhiger gehen konnte. Sie begrub auch die Schwiegermutter; jetzt waren sie nur noch zu zweit, sie und ihr Sohn Johannes, der pfiffig und klug wurde, redete wie ein kleiner Professor half gar beim Holzholen und wurde gelobt.
Mein kleiner Hausherr, mein Helfer!, und Johannes grinste stolz.
Mit sechs Jahren spielte Johannes im Hof mal wieder Schmetterlingsfänger, als die Gartentür quietschte und Konrad tatsächlich eintrat. Johannes musterte den fremden Mann:
Guten Tag! Wer sind Sie? Ich kenn Sie gar nicht…
Ich äh bin Konrad Gustavsson also Gustavs Sohn, stotterte Konrad.
Ich bin Johannes, aber Mama nennt mich Johannchen, stellte sich Johannes vor.
Konrad setzte sich wie vom Blitz getroffen auf die Bank:
Was du heißt Johannes? Da liefen ihm Tränen die Wangen.
Der kleine Kerl sagte ernst:
Nicht weinen, Mama sagt immer, Männer weinen nicht. Sind Sie mein Papa?
Konrad, der sonst so strang den Kerl, heulte wie ein Schlosshund das Papa war wie ein Fausthieb ins Herz.
Da trat Friederike auf die Veranda, setzte sich fassungslos auf die Stufe.
Du Konrad?
Mama, ist das mein Papa? Ich habs gewusst, dass du wiederkommst!
Friederike drückte Johannes und sagte leise:
Ja Johannchen, das ist dein Papa.
Friederike, verzeih mir ich hab Mist gebaut, bin davongelaufen, hab euch im Stich gelassen. Es tut mir so unendlich leid! Konrad kniete wie ein Büßer auf der Stufe.
Johannes kam herunter, umarmte ihn. Friederike sagte nichts. Aber Konrad sah: Sie wird ihn verzeihen das Herz sagt es ihm.
Und meine Eltern? Ich bin gleich hierher, war gar nicht bei ihnen.
Die haben wir beerdigt, sie ruhen nun, Friederike wies in Richtung Friedhof.
Bald standen alle drei am Grab von Elfriede und Gustav. Konrad brach auf dem Gras neben dem Stein zusammen, heulte bitterlich:
Verzeiht mir, Mama, Papa bitte verzeiht!
Friederike und Johannes standen schweigend, schlenderten nachher Hand in Hand heim. Johannes sah immer wieder nach oben:
Papa, bist du jetzt fertig mit Weinen?
Ja, mein Sohn, ganz sicher. Und ich verspreche, es kommt nicht wieder vor.
Du lieber Gott, Friederike, wie habt ihr das nur alles geschafft ohne mich?
Mal so, mal so, meinte sie. Deine Eltern waren eine große Hilfe, ich und Johannes haben auch versucht, zurückzugeben.
Stimmt, Papa! warf Johannes ein, Mama hat immer Danke gesagt, für Oma Elfriede und Opa Gustav. Ich war ja ein richtiger Schwächling am Anfang und Opa hat mich immer aufgebaut. Bis ich groß war, schau her, bald geh ich in die Schule! Und Mama sagt, ich hab Opa auch mal mit dem Löffel gefüttert, als er krank war, und Oma überredet, was zu essen.
Konrad biss sich auf die Lippen und dachte:
Ich, ein kräftiger Mann, bin vor den Schwierigkeiten davongelaufen, hab den Ballast abgeschüttelt. Zu schwer schien er mir… Aber mein Sohn hat alles ausgehalten und wurde stark groß. Und Friederike sie hat das alles getragen, was auf meinen Schultern gelegen hätte. Alss mir zu schwer wurde, bin ich einfach geflüchtet und jetzt schau, was ich alles hier habe.
Was in Friederikes Herz vorgeht, wusste er nicht.
Verzeihen oder nicht? Alles vergessen, wieder annehmen? Was soll ich tun. Aber schau, wie Johannes an seiner Hand hängt wir müssen zusammenhalten, als Familie. Und Elfriede habe ichs versprochen.
Abends, als Johannes schlief, saßen Friederike und Konrad am Esstisch. Er grübelte:
Schmeißt sie mich jetzt raus oder nicht?
Aber Friederike sagte leise:
Kurz bevor deine Mutter gegangen ist, hat sie gesagt: Kommt mein Sohn jemals zurück, schick ihn nicht fort. Ich habs ihr versprochen
Konrad atmete auf:
Danke Friederike! Ich werde dich nie wieder verletzen und Johannes auch nicht. Ihr seid mein Leben.
Kurz darauf erzählte Konrad Johannes:
Sag mal, was würdest du sagen, wenn du eine Schwester bekommst?
Na ja, meinte Johannes ernst, wieso nicht. Ihr kriegt das schon hin ich hab dann ja Schule.
Das schaffen wir schon, mein Sohn.
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