Allergie gegen Oma – Wenn Familienerinnerungen und zerbrochene Versprechen eine Freundschaft in Berlin auf die Probe stellen

Heuschnupfen auf meine Oma

Im Ernst? staunte Friederike, du verpasst meine Hochzeit nur, weil deine Oma krank ist?

Nicht einfach Oma, sondern meine liebste Großmutter, entgegnete Johanna mit verletztem Ton, sie wurde letzte Nacht von der Rettung abgeholt.

Und? zuckte Friederike die Schultern, alle Alten werden mal krank, das ist normal! Aber meine Hochzeit ist übermorgen! Das gibt es nur einmal im Leben! Du hast versprochen, meine Trauzeugin zu sein!

Friederike, ich kann nicht feiern, wenn jemand, der mir nahe steht, leidet. Wie kannst du das nicht verstehen? Johanna schaute ihre Freundin erstaunt an.

Ich verstehe das nicht! brach es aus Friederike heraus, und ich werde es auch nie verstehen! Du hast mich bloßgestellt! Ich will dich nie wieder sehen!

***

Die Hochzeit fand ohne Johanna statt.

Fast ein Monat verging, in dem Friederike nicht vorbeikam und nicht anrief. Sie war schwer enttäuscht.

Doch eines Tages konnte sie nicht mehr. Sie platzte bei Johanna herein und sagte schon auf der Türschwelle:

Johanna, wir müssen reden! Du findest mich vermutlich gefühllos, aber ich kann nichts dafür! Ich habe eine Allergie auf das Wort Oma.

Wie meinst du das? stutzte Johanna.

Genau so! Friederike marschierte in die Küche, ich erzähle es dir gleich, sie zog eine Flasche trockenen Riesling aus der Tasche, natürlich nur, wenn du bereit bist, mir zuzuhören.

Ich bin bereit, lächelte Johanna, ich habe dich auch vermisst.

***

Du wirst es kaum glauben, aber ich hatte auch einmal eine Großmutter, begann Friederike, nachdem sie einen Moment gesammelt hatte. Aber sie hat alles getan, damit wir einander fremd wurden. Unsere ganze Familie konnte sie nicht leiden. Niemand spricht von ihr. Meine Mutter war allein auf ihrer Beerdigung. Mein Vater und ich sind nicht mal hingefahren. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht mal, wo ihr Grab ist.

Das ist heftig, raunte Johanna, was hat sie denn getan?

Es fing alles vor langer Zeit an, Friederike starrte ins Leere, ich war noch nicht mal in der Schule. Wir lebten damals schon in Berlin. Und alles begann mit einem Versprechen, darauf wuchs ich auf.

Wenn Opa und ich mal nicht mehr sind, gehört das alles dir, meine Friederike, sagte meine Oma, während sie den Tisch deckte, schöne Teller, dampfende Maultaschen, du bist unser einziges Enkelkind!

Meine Mutter nickte, mein Vater lächelte.

Es fühlte sich an wie ein Familienpakt. Ich, die einzige Enkelin, galt als Erbin des holzgetäfelten Reichs mit dem Duft alter Möbel und dem Blick ins verwilderte Park. Ich glaubte daran so felsenfest wie an den nächsten Sonnenaufgang. Es schien selbstverständlich. Doch dann …

Opa starb plötzlich an einem Herzinfarkt, mitten in der Küche, an besagtem Tisch. Die Welt zerbrach. Oma schrumpfte, wurde grau und still. Mama und ich weinten, während Oma schon wie ausgetrocknet wirkte, als hätte sie alle Tränen schon vergossen.

Ein halbes Jahr sprach sie kaum mit jemandem, verließ kaum die Wohnung.

Dann plötzlich kam Bewegung auf. Sie rebellierte. Verkündete entschlossen:

Ich ziehe weg. Für immer.

Mama verschluckte sich fast am Frikadellenbrötchen.

Wohin denn, Mama? Warum? Wie sollen wir denn ohne dich?

Doch sie hörte gar nicht richtig zu:

Ich gehe zurück in meine Heimatstadt, zu Ruth, meiner Cousine. Ich will meinen Lebensabend woanders verbringen. Hier ist mir alles zu stickig.

Stickig. In unserer großzügigen Berliner Altbauwohnung mit Parkblick.

Wir baten sie, zu uns zu ziehen, in unsere Zweizimmerwohnung. Damit sie nicht alleine war. Oma lehnte ab.

Egal wie sehr wir flehten, sie blieb dabei.

Und dann, nach nur einem Monat, war die Wohnung verkauft. Wir erfuhren zuletzt davon. Rudolf rief an und verkündete kühl: Alles erledigt. Wohnung verkauft. Das Geld habe ich verliehen. Es geht mir jetzt besser.

Wie sich herausstellte, verliehen sie das Geld Marlene, Ruths Tochter, die angeblich eine Schneiderwerkstatt eröffnen wollte und den Kredit mit ordentlichen Zinsen zurückzahlen würde. Oma glaubte ihr. Sie wollte nicht, dass das Geld einfach herumlag. Marlene überzeugte sie, das Geld müsse arbeiten. An uns dachte sie überhaupt nicht.

Dein Mann, erklärte sie meiner Mutter am Telefon, verprasst nur alles. Ich kenne ihn. So bleibt das Geld wenigstens in der Familie, und dir kann im Notfall geholfen werden.

Oma rechnete nicht mit folgendem: Marlene war eine Betrügerin. Die Werkstatt wurde nie eröffnet. Das Geld war weg. Oma zerstritt sich mit Ruth und deren Tochter.

Am Ende musste sie von dem Rest in einer kleinen Wohnung mit Blick auf die graue Wand eines Plattenbaus wohnen, weit entfernt von den lieben Verwandten.

Drei Jahre hörten wir nichts von ihr. Dann rief sie plötzlich wieder an. Die Stimme voller Tränen, völlig verzweifelt.

Mein Kind, hol mich hier raus. Ich habe einen Fehler gemacht

Meine Mutter war bereit, alles stehen und liegen zu lassen und hinzufahren. Doch mein Vater stellte sich quer.

Kein Weg, sagte er so schroff und entschlossen, dass meiner Mutter das Herz stockte. Sie hat ihr eigenes Schicksal gewählt. Jetzt muss sie damit leben. Wir haben eh keinen Platz hier, und sollen jetzt noch sie versorgen, im Alter? Nein! Nein! Und nochmals Nein! Sie hat UNSERE Wohnung verkauft! Meine! Deine! Friederikes!

Die Eltern stritten die ganze Nacht. Ich lag im Zimmer und weinte. Ich war wütend, auf Oma, für ihre Dummheit und ihren Verrat, und auf Papa, für seine Härte.

Ein Jahr später starb sie, ohne wirklich krank gewesen zu sein.

Kurz vor ihrem Tod vermachte sie mir ihre kleine Wohnung. So wurde ich Besitzerin einer Einzimmerwohnung in einer maroden Plattenbausiedlung in einer heruntergekommenen Stadt, in der ich nie war und nie sein wollte.

Mama fuhr zur Beerdigung allein. Papa verweigerte jegliche Teilnahme. Ich auch. Ich konnte nicht. Ich vergaß die Berliner Wohnung nie, unsere geplatzten Träume, und Omas blinde, naive Gutgläubigkeit.

Nach der Beerdigung versuchte Mama, das verliehene Geld zurückzubekommen. Schrieb Briefe, fuhr zu diesen Verwandten. Sie zuckten nur die Schultern.

Welches Geld? Es gibt keine Quittung. Sie hat uns nur geholfen. Es war eine Schenkung.

Das war es. Hunderttausende Euro, die unser Leben hätten sichern können, waren verschwunden wie Rauch.

Seit Jahren lebe ich mit diesem Splitter. Jedes Mal, wenn Mama traurig sagt: Wäre uns doch diese Wohnung geblieben , spreche ich in Gedanken alles aus, was ich meiner Oma sagen möchte. Ich erinnere mich nicht an ihre Kohlrouladen, an ihre warmen Hände, ihre Stimme. Ein einziger Fehler hat alles vergiftet. Sie hat nicht nur Geld verloren. Sie hat unsere Familie zerstört. Nach ihrem Tod blieb nur brennender Groll, den ich einfach nicht loslassen kann. Jetzt verstehst du mich? Friederike tupfte ein paar Tränen fort.

Johanna schwieg.

Warum sagst du nichts? Friederike hielt die Pause nicht aus, Frieden?

Also, sagte Johanna mühsam, deine Großmutter hat einen Fehler gemacht, vertraute den falschen Verwandten, und du verfluchst sie dafür? Hat sie nicht deine Mutter großgezogen? Dich umsorgt? An dich gedacht, selbst als du keinen Kontakt mehr wolltest? Du bist wirklich ein harter Mensch, Friederike. Ich erkenne dich gar nicht mehr

Das siehst du falsch! protestierte Friederike, blass geworden, sie

Ich sehe das ganz klar, in Johannas Stimme lag Eis, einen Menschen zu hassen, den es nicht mehr gibt das ist zu viel, Friederike. Ihr habt also alle nur die Wohnung geliebt und nicht die Oma. Hast du je darüber nachgedacht, wie schlecht sie sich nach ihrem Fehler fühlte? Wie sehr sie sich dafür grämte?!

Wer? Die Oma? hob Friederike die Augenbraue, keineswegs! Sie hat sich nie entschuldigt!

Verstehe, murmelte Johanna gedankenverloren und wurde plötzlich hektisch, Ach, Entschuldige Ich muss los meine Oma wartet

Jetzt sofort?

Ja, sie braucht mich

Sehen wir uns morgen? fragte Friederike, ihren Schmerz kaum verbergend.

Auf jeden Fall! antwortete Johanna

Und dann sprachen sie nie wieder miteinander.

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Homy
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Allergie gegen Oma – Wenn Familienerinnerungen und zerbrochene Versprechen eine Freundschaft in Berlin auf die Probe stellen
Als mein Mann und ich arm waren, gönnte sich meine Schwiegermutter einen Pelzmantel, einen neuen Fernseher und lebte wie eine Königin – doch Jahre später drehte sich das Blatt! Mit 18 wurde ich schwanger, meine Eltern ließen mich im Stich, weil sie meinten, es sei zu früh für ein Kind. Mein Mann war gerade zur Bundeswehr eingezogen. Unsere Omas sagten beide nur: – Das Baby ist dein Problem. „Ich will jetzt nicht für dein Kind sorgen“, sagte meine Mutter. Und meine Schwiegermutter wollte überhaupt nicht mit mir sprechen. So zog ich zu meiner Tante väterlicherseits. Damals war sie 38, hatte keine eigenen Kinder und widmete ihr Leben ihrer Arbeit. Sie verurteilte meine Eltern nicht: „Ich kann sie verstehen – es war keine leichte Zeit damals, als du geboren wurdest. Deine Eltern haben hart für dich gearbeitet, manchmal hattet ihr nichts zu essen. Dein Vater hat nachts Waggons entladen, um Geld zu verdienen.“ „Aber jetzt stehen sie gut da. Dein Vater verdient richtig, sie haben eine schöne Zwei-Zimmer-Wohnung. Und deine Mutter arbeitet auch. Und ich bekomme bald ein eigenes Kind.“ „Ist es ihnen wirklich egal?“ fragte ich meine Tante. „Sie wollen endlich mehr für sich selbst leben. Du solltest sie nicht verurteilen. Später werden sie bestimmt anders darüber denken.“ Ich bekam also keinerlei Unterstützung von meinen Eltern, packte meine Sachen und zog zu meiner Tante. Als mein Mann aus dem Bund zurückkam, war unser Sohn schon anderthalb Jahre alt. Während seiner Abwesenheit hatte seine Mutter ihren Enkel kein einziges Mal besucht. Meine Eltern waren nur zweimal da. Mein Mann arbeitete als Kfz-Mechaniker, wollte nebenbei studieren, aber das klappte nicht. Wir wohnten weiterhin bei meiner Tante. Als mein Sohn in den Kindergarten kam und ich einen Job fand, musste meine Tante in eine andere Stadt ziehen – wir suchten uns eine Mietwohnung. Bald darauf starb die Oma meines Mannes. Meine Schwiegermutter verkaufte deren Wohnung, renovierte alles nach ihren Wünschen und kaufte sich, was sie wollte. Mein Mann schlug ihr vor, die Wohnung nicht zu verkaufen, er würde sie sogar monatlich abbezahlen und später übernehmen – doch sie weigerte sich. „Warum sollte ich auf meine Wünsche verzichten? Ich wollte schon immer renovieren. Wollt ihr das etwa für mich machen?“ gab sie pampig zurück. Fünf Jahre später wurde unsere Tochter geboren. Wir wussten, wir brauchten eine eigene Wohnung. Mein Mann arbeitete im Ausland, doch Geld für ein Eigenheim zu sparen war schwer. Ich wohnte mit den Kindern weiterhin zur Miete. Meine Mutter lebte derweil nach der Scheidung allein in einer Drei-Zimmer-Wohnung, aber für mich und die Kinder war kein Platz. Zur Schwiegermutter wollte ich auch nicht ziehen, sie renovierte ständig und half uns kein bisschen. Nach einigen Jahren harter Arbeit im Ausland konnten wir uns endlich eine eigene Wohnung leisten. Ganz ohne Hilfe. Heute kommt unser Sohn in die 9. Klasse, die Tochter geht in die zweite. Wir wissen, was Geld wert ist, haben alles aus eigener Kraft geschafft, fahren jedes Jahr ans Meer und haben beide ein Auto. Einzig meiner Tante sind wir zu tiefer Dankbarkeit verpflichtet. Sie kann uns jederzeit anrufen und um Hilfe bitten. Unsere Eltern dagegen haben schwere Zeiten durchgemacht. Meine Mutter wurde entlassen und bat neulich um Unterstützung – ich lehnte ab. Auch meine Schwiegermutter steht alleine da; sie ist nun Rentnerin, gibt das Geld aus ihrer früheren Wohnungsverkauf aus und lebt nicht gerade sparsam. Mein Mann hilft auch ihr nicht und rät, die große renovierte Wohnung zu verkaufen und etwas Kleineres zu nehmen. Mein Mann und ich schulden niemandem etwas und erziehen unsere Kinder anders, als unsere Eltern es bei uns taten. Wir werden unsere Kinder immer unterstützen, und ich glaube fest daran, dass sie auch im Alter für uns da sein werden.