Mit sieben Kindern zur perfekten Ruhe: Wie Annas genialer Plan ihre lauten Nachbarn in einem Münchner Neubau zum Schweigen brachte

Schnell entwöhnt

Gib mal her vorsichtig mit der Ecke!

Markus griff nach dem schweren Karton, während Greta die Tür mit dem Ellenbogen offenhielt. Die Pappe bog sich verdächtig und offenbarte einen Stapel Bücher reflexartig stützte Greta mit dem Knie nach.

Du hast doch gesagt, da ist Geschirr drin.
Habe ich mich wohl vertan, murmelte Markus und zwängte sich in den Flur, hinterließ eine graue Schramme auf der frisch gestrichenen Wand. Das Geschirr ist im Blauen.

Greta rollte mit den Augen, aber schwieg. Die neue Wohnung roch nach Putz, Farbe und etwas Unbestimmtem der Duft eines Neubeginns. Moderner Wohnkomplex, bodentiefe Fenster, Tiefgarage. Drei Jahre hatten sie darauf gespart, jeden freien Cent zur Seite gelegt.

Weißt du, mir wurde angeboten, ein neues Projekt zu leiten, setzte sich Greta auf die Fensterbank und sah ihrem Mann beim Auspacken zu. Wenn ich das wuppe, ist die Beförderung quasi durch.

Markus schaute auf, in seinem Blick mischte sich Stolz mit einer Prise Sorge.

Sitzt du dann wieder bis Mitternacht im Büro?
Keine Angst, diesmal musst du dich nicht nur von belegten Broten ernähren. Das Pensum ist machbar.

Er grinste. Die Ansammlung von Umzugsstress verflog ein kleines bisschen

…Eine Woche später zog in die Nachbarwohnung ein neues Paar. Sie begegneten sich im Treppenhaus: ein hochgewachsener Kerl mit breitem Kreuz und offener Miene, dazu eine zierliche Blondine, die mit Tüten edler Boutiquen behangen war.

Ich bin Uwe!, rief er, wie wenn sie schon längst beste Freunde wären. Und das ist meine Frau Heike. Wir sind jetzt Nachbarn, macht euch auf Spaß gefasst!
Greta, erwiderte sie und schüttelte die angebotene Hand, bemerkte die feste Begrüßung und die lautstarke Stimme. Freut uns.
Kommt Samstag rüber!, rief Heike und klammerte sich an Uwe. Wir feiern Einzug.

Markus strahlte:

Auf jeden Fall!

Greta schwieg, spürte aber ein leichtes Zwicken in der Magengrube ein Vorahnung, vielleicht auch einfach nur Erschöpfung.

Der erste Freitag blieb harmlos die Musik verstummte um Mitternacht. Der zweite endete um zwei Uhr nachts. Am dritten Wochenende lag Greta wach und starrte die Decke an, während der Bass durch die Wand vibrierte. Drei Uhr, vier Uhr

Markus, stieß sie ihrem Mann in die Seite. Markus, hörst du das?

Er brummelte etwas und zog die Decke über den Kopf. Sein Talent: einschlafen wie ein Stein, völlig immun gegen die nächtlichen Klänge.

Am Montag holte sie der Chef zu sich ins Büro.

Greta, was ist los? Drei Fehler im Bericht. In all den Jahren nie ein einziger, und jetzt drei!

Sie blinzelte und versuchte sich zu fokussieren. Die Lider schwer, die Gedanken träge und störrisch.

Tut mir leid. Kommt nicht wieder vor.

Natürlich tat es das doch. Wieder und wieder.

Du könntest auch einfach mit denen reden, warf Markus beim Abendessen ein, die Pasta am Tellerrand stochernd. Uwe ist ein anständiger Typ, das kann man klären.

Greta atmete durch die Zähne.

Na gut, ich versuchs.

Uwe öffnete und hinter ihm dröhnte die Musik, Schatten von Gästen huschten vorbei.

Ach, die Nachbarin! Komm rein, wir haben grade…
Uwe, verschränkte Greta die Hände vor sich, um das Zittern zu verbergen. Wir müssen reden. Eure Musik… Wir können nicht schlafen. Ich arbeite, brauch meinen Schlaf.

Uwe legte den Kopf schief, begutachtete sie mit einer Mischung aus Belustigung und Neugier.

Greta, entspann dich mal! Das Leben ist zu kurz, man muss auch feiern können.
Ich meine es ernst. Wenigstens nach Mitternacht…
Heike!, unterbrach er sie und winkte. Komm mal her, hör dir das an!

Heike kam angeschwebt, das Weinglas schwenkend.

Was ist?
Die Nachbarin meint, wir leben zu laut!

Sie schauten sich an und lachten.

Ach Greta, winkte Heike ab. Mach mal mit, du bist viel zu verkrampft! Immer alles runterschlucken Naja, wir müssen zurück zu den Gästen!

Tür zu. Greta stand im Flur und horchte, wie die Musik erneut aufheulte.

…Im Hausverwaltungsbüro saß eine Frau mit erschöpftem Gesicht und einem Stapel Akten auf dem Tisch.

Lärm? Anzeige bei der Polizei.
Hab ich. Schon dreimal.
Dann eben ein viertes Mal und Beweise dazu Tonaufnahmen, Zeugenaussagen, Dezibelmessung. Sonst passiert nichts.

Greta kaufte einen hochwertigen Recorder. Jeden Freitag und Samstag drückte sie methodisch die Aufnahmetaste, dokumentierte alles im Notizbuch: 15. März, Samstag, 01:4703:52. 16. März, Sonntag, 02:1504:30.

Mit dem Stapel voller Beweise marschierte sie zum Bezirksbeamten. Sie hatte Hoffnung, jetzt würde sich alles ändern.

…Zwei Tage später wurde die Musik lauter. Dazu rhythmisches Klopfen jemand hämmerte von drüben gegen die Wand. Immer und immer wieder.

Sie wissen es, flüsterte Greta, den Rücken an die Wand gepresst. Sie wissen es und jetzt… extra.

Kopfschmerzen wurden zum Dauerzustand, ein dumpfes, zermürbendes Pulsieren. Die Schlaflosigkeit verwandelte sich in etwas anderes: Angst wellenartig, die Kehle zuschnürend, das Atmen schwer machend.

Du stellst dich an, meinte Markus und legte den Arm um sie, sie jedoch entwand sich. Na und, bisschen Krach halb so wild. Geht jedem so.
Du verstehst gar nichts. Gar nichts.

Sein Blick war rein ratlos. Greta wusste, jetzt musste sie selber ran.

Komm, wir fahren zu meiner Mutter, bat sie eine Woche später. Bitte. Ich muss hier raus, wenigstens ein paar Tage. Ich arbeite jetzt remote, Büro muss ich grad eh nicht.

Das Dorf roch nach Frischgemähtem und Stille, so laut, dass es in den Ohren dröhnte. Hilde trat vor die Haustür, die Hände am Schürzenzipfel.

Ach, mein Kind. Sie umarmte Greta, die sich an die warme Schulter schmiegte vertrauter Duft seit Kindertagen. Ganz dünn bist du geworden. Du schindest dich viel zu sehr.

Stille hüllte ein, wie eine Decke heilend, beruhigend. Keine Musik, kein Schreien, kein Hämmern. Nur Blätterrascheln und das biestige Muhen der Nachbarskühe.

Nach drei Tagen mussten sie jedoch wieder zurück. Zur Wohnung, zu den Nachbarn, zur Arbeit.
Das Problem blieb bestehen.

Greta saß auf der Veranda, den alten Wollschal ihrer Mutter um die Schultern, beobachtete die untergehende Sonne hinter dem Waldstreifen. Stille dick, greifbar, fast vergessen. Darin blitzte eine Idee auf. Wild, verrückt und herrlich süß.

Mama, wandte sie sich an Hilde, die Äpfel in den Korb sortierte. Erinnerst du dich an Gudrun? Die mit den fünf Kindern im winzigen Apartment?
Natürlich. Die lebt immer noch da. Letztens gabs sogar Zwillinge, kannst dir vorstellen? Mit vierzig! Der Herrgott hats ihr gegönnt.

Greta biss sich auf die Lippe. Sieben Kinder, davon zwei Neugeborene, auf wenigen Quadratmetern.

Und wenn ihnen jemand… sagen wir, gratis… ein Upgrade anbieten würde? Für den Sommer. Eine tolle Wohnung, einzig die Nebenkosten zahlen?

Hilde schaute auf, die Stirn in Falten.

Was hast du vor, mein Kind?

Greta schwieg. Der Plan war längst geboren klar, kompromisslos, perfekt.

Markus erfuhr davon zuletzt. Greta erklärte es ihm abends, beim Kofferpacken für zwei Monate bei der Mutter.

Dein Ernst? Er erstarrte mit dem T-Shirt in der Hand. Wir lassen eine Familie mit sieben Kindern rein? Für drei Monate?
Mit sieben Kindern, zwei davon sind Zwillingsbabys.
Damit sie richtig Krach machen …
Damit Uwe und Heike mal erleben, was Schlaflosigkeit wirklich bedeutet.

Markus setzte sich aufs Bett. Rieb sich das Gesicht.

Das ist… Wahnsinn.
Mir gefällts.

Markus schaute, als würde er Greta zum ersten Mal wirklich sehen.

Na gut, meinte er schließlich. Mach wie du meinst.

Gudrun weinte, als Greta ihr die Schlüssel überreichte. Echte, salzige Tränen der Dankbarkeit liefen über das erschöpfte Gesicht.

Kind, wirklich… kostenlos? Ganz kostenlos?
Nur die Nebenkosten. Lebt euch aus, den ganzen Sommer.

Greta schaute weg. Es war zu viel Gefühl.

…Die drei Monate im Dorf zogen vorbei wie zähflüssiger Honig. Greta half der Mutter im Garten, lernte vernünftigen Apfelkuchen zu backen, schlenderte durch den Wald. Schlief fest, traumlos, bis zu zehn Stunden. Der Körper regenerierte, doch die Gedanken kreisten

Was passiert jetzt da in der Wohnung? Wie machen sich die Zwillinge? Brüllen sie nachts?

Oh ja, sie brüllten. Und wie …

…Als Greta und Markus zurückkehrten, war Gudrun schon eine Woche ausgezogen sie hatte einen Job in einer anderen Stadt gefunden und die Kids mitgenommen. Die Wohnung roch nach Milchpulver, Babycreme und einer warmen Heimeligkeit.

Später traf Greta Uwe im Treppenhaus.

Sie erkannte ihn kaum. Der einst so fröhliche Brocken wirkte wie eine schattige Kopie seiner selbst. Augenringe wie nach einer durchzechten Woche, verkniffenes Gesicht, schnelle knappe Bewegungen Richtung Aufzug.

Hallo, krächzte Uwe. Selbst die Stimme war ein Schatten vergangener Zeiten. Ihr… seid wieder da?
Ja, sind wir.

Er nickte, zuckte nervös.

Du, Greta…, setzte er an, Worte schienen stecken zu bleiben. Wir… sind jetzt ganz ruhig. Heike staubsaugt sogar nur noch tagsüber kannst du dir vorstellen?

Greta schaute ihn einfach an.

Und wenn wir irgendwie stören… sags bitte, sofort. Wir bessern uns. Aber… bitte keine Kinder mehr. Ich flehe dich an…

Greta nickte. Der Aufzug kam, die Türen klirrten auseinander.

Gute Nacht, Uwe.

Er zuckte zusammen. Blickte scheu.

Ja… Klar. Gute Nacht.

Die Abende flossen jetzt in friedlicher Stille. Kein Jazz, kein Techno, keine Verrücktheiten. Uwe und Heike schlichen auf Zehenspitzen durch ihre Wohnung manchmal hörte Greta ihr leises Tuscheln durch die Wand. Wahrscheinlich hatten sie Angst. Angst vor der Rückkehr der Zwillinge, grinste Greta.

Schlaf kehrte zurück. Der Alltag wurde wieder normal. Markus nahm sie wieder in den Arm, die seltsame Wand zwischen ihnen war verschwunden.

Weißt du, du bist echt genial so was hätten nur wenige gemacht, meinte er mal. Ich hätte das nie geschafft.

Greta lächelte.

Gleich und Gleich gesellt sich gern oder eben eine Stille, die ihresgleichen sucht. Genau wie Mama immer sagte.

Greta hatte ihre Ruhe zurück.

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Homy
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Mit sieben Kindern zur perfekten Ruhe: Wie Annas genialer Plan ihre lauten Nachbarn in einem Münchner Neubau zum Schweigen brachte
Mit 62 Jahren verliebte ich mich… Doch dann belauschte ich sein Gespräch mit seiner Schwester.