Ist es wirklich wichtig, ob er mein Sohn ist oder nicht? Dass er nicht mein Eigen ist, muss erst noch bewiesen werden – Hurra! Papa ist da! Papa, Papa! Du lässt uns doch nicht allein zurück, oder? Papa, bitte lass uns nicht hier! Oma Nadja hat gesagt, wenn du uns nicht mitnimmst, gibt sie uns ins Heim! Sie ist schon alt, sie darf uns nicht behalten – du bist unsere einzige Hoffnung! Wir werden artig sein, ehrlich! Und wir essen auch kaum etwas, wir können nur von Kartoffeln leben, nimm uns bitte mit, gib uns nicht ins Heim! – Die neunjährige kleine Ira plappert ohne Punkt und Komma, mit so erwachsenen Worten, dass Ivan, gestandener Mann, plötzlich einen Kloß im Hals spürt und sich abwendet, um die Tränen wegzuwischen, die so unpassend in den Augenwinkeln erscheinen. Er drückt seine Tochter fest an sich, atmet den süßen, vertrauten Kindgeruch ein und fühlt, wie das Verlangen nach Tränen erneut über ihn kommt – am liebsten würde er sich an die Schulter seiner Mutter lehnen, sich ausweinen, beklagen, um Rat, Beistand und Hilfe bitten… Wieder riecht Ivan diesen vertrauten Duft, schließt die Augen und blickt, als er sie öffnet, in einen ernsten, gar nicht kindlichen Blick… – Mischa, warum versteckst du dich dort? Komm zu Papa! – Ivan schluckt erneut und lächelt gequält. Das Kind zögert, schaut mit großen Augen zu ihm – ein zaghaftes Lächeln huscht übers Gesicht, verschwindet gleich wieder. – Mischa, na los! Ich bin’s doch, dein Papa! Erkennst du mich nicht? Komm, mein Sohn! Lauf zu uns! – Mischa, komm! – ruft Ira lachend ihren Bruder. Mischa macht einen zaghaften Schritt, noch einen – dann läuft er los, wischt sich unterwegs die Tränchen ab. – Papa, unser Papa, gib mich nicht weg! Ich hab dich so lieb! Oma Nadja sagte, ich sei nicht dein Sohn, dass du mich nicht liebst, nur Ira mitnimmst und ich ins Heim muss! Aber ich glaube ihr nicht! Du lässt mich nicht allein, oder? – Ach, Mischa! Wie sollst du nicht mein Sohn sein? Du hast meinen Nachnamen, meinen Vornamen! Und schau mal auf deine Ohren – ganz meine Ohren! Wie könnte ich dich je weggeben! Wir fahren gemeinsam nach Hause – zu Tante Daria. Weißt du, wie nett sie ist? – Aber Oma Nadja sagt, Daria sei eine echte Hexe, dich habe sie verzaubert, Mama hast du ihretwegen verlassen… – Ruhe, Mischa! Red nicht so – das sagt man nicht zu Papa! – zischt Ira, leise aber vernehmbar in die feierliche Stille. Ivan lächelt und schließt beide Kinder in die Arme. „Meine Liebsten! Könnt ihr mir je verzeihen, dass ich so lange nicht gekommen bin? Werdet ihr mich verstehen? Und werde ich mich selbst je verstehen? Danke, Daria, dass du mich aufgerüttelt und auf den richtigen Weg gebracht hast!“ – Oma macht nur Spaß. Daria ist keine Hexe – sie ist eine Zauberin, eine gute! Bald wirst du sie kennenlernen! Oma Nadja steht derweil auf der Türschwelle und kaut nervös auf der Lippe. Ivan winkt den Kindern: „Los, packt eure Sachen, bald geht’s heim.“ Die beiden laufen ins Haus, zeigen der Oma noch neckisch die Zunge: „Papa ist da, und du hast was anderes gesagt!“ Die Oma will Mischa noch einen Klaps geben, aber Iwans Blick hält sie zurück… – Na, doch aufgetaucht? Ich dachte schon, du kommst nicht, dann hätte ich sie ins Heim geben müssen. Ich bin zu alt für die beiden. Nimmst du wirklich beide? Ira von mir aus, aber Mischa ist ja gar nicht deiner, was willst du mit dem? – Beide sind meine, Oma. Beide gehören zu mir. – Ach, Ivan, du warst schon immer so naiv. Ira ist mir zwar die Enkelin, aber deine Frau… Ach… Ich wusste gleich, dass Mischa nicht dein Sohn ist, aber sie hat mir verboten, was zu sagen! Jetzt ist alles raus, nicht meine Schuld. Nimm Ira und gib den Bastard ruhig ins Heim, was willst du mit dem? – Ich entscheide selbst. Wie meine Oma immer sagte: Ganz gleich, wessen Kalb es ist – unser Veilchen bleibt’s trotzdem. Ich habe ihn sechs Jahre großgezogen und geliebt – ich kann ihn jetzt nicht aufgeben. – Pass auf, Ivan, dass du es nicht mal bereust! Überleg’s dir gut, denn für das Kinderherz wird es am schlimmsten, wenn du erst später die Meinung änderst. – Ich habe alles überlegt und entschieden. Danke für alles, Oma! *** – Ivan, was hat sich für dich geändert? Warum hörst du auf die anderen statt auf dein Herz? Selbst wenn der Junge nicht dein leiblicher Sohn ist – willst du ihn jetzt einfach abgeben? Du hast ihn sechs Jahre lang geliebt, großgezogen, dann Alimente bezahlt, und nun? Einfach so? Wegen irgendwelcher Gerüchte? – Es sind keine Gerüchte, Daria. Er ist tatsächlich nicht mein Sohn. Ich hab’s schon geahnt, und dann hat Polina es bestätigt. – Du Idiot, Ivan! Erst verliert das Kind die Mutter, und nun gibst du ihn auch noch freiwillig ab! Was bist du nur für ein Mann? Andere erziehen bewusst fremde Kinder als eigene, und du willst den Jungen abgeben! Spiel mit mir ein Ratespiel: Meiner – nicht meiner! Ach, wie lächerlich! Und wenn, Gott bewahre, mir mal was passiert – wirst du dann auch an unserer Zweifel bekommen? – Daria legt die Hand auf ihren kaum sichtbaren Bauch und sieht Ivan fragend an. – Daria, hör auf! Bei dir bin ich sicher, aber dort… – Was denn, Ivan? Vier Jahre hast du den Jungen geliebt und als deinen bezeichnet, dann noch zwei Jahre Unterhalt gezahlt und ihn weiter geliebt. Und jetzt, nur weil ein Zettel was anderes sagt? Willst du einen Test machen? Dann mach gleich für alle einen, auch für mich – vielleicht bist du ja bei mir auch nicht sicher? Wo steht denn geschrieben, dass ein Vaterschaftstest über das Herz entscheidet? Du hast ihn abgöttisch geliebt! Was soll der Test jetzt ändern? Wen der Test ergibt, es ist wirklich dein Sohn – kommt dann die Liebe magisch zurück? Oder gar noch stärker? Und wenn er wirklich nicht dein leiblicher ist – willst du ihn dann einfach aus deinem Leben streichen? Ins Heim geben? Kannst du damit dann wirklich leben? Sechs Jahre war er dein Sohn, hast ihn geliebt – und dann auf einen Schlag nicht mehr? – Daria, wie kann ich ihn lieben, wenn ich weiß, dass er nicht mein eigen ist? Wie soll ich dann noch weiterleben? – Dann zweifle lieber gleich an allen! Mach für die Große einen Test, für die Kleine, für mein Baby im Bauch – auf dass du ganz sicher bist. Wenn, dann nimmst du beide Kinder auf, groß werden sie alle. Aber mit dieser Einstellung? Dann hol lieber gar kein Kind, bevor du später lange überlegst, was eigen und was fremd ist. Lange denkt Ivan über die Worte von Daria, seiner neuen Frau, nach. Er ärgert sich, regt sich im Stillen auf. Was sie sich einbildet! Und wie soll man entscheiden, wenn sogar die eigene Großmutter der Ex bestätigt, das Kind sei von einem anderen? Niemand will gern fremde Kinder großziehen, und Ivan war ein Dummkopf, sechs Jahre lang diesen Jungen geliebt, ihm seinen Namen gegeben… Aber, es war Liebe zwischen ihm und Polina! Gleich nach der Hochzeit kam schon Ira. Arbeit gab es kaum, Lohn noch weniger… Ivan begann, im Wechsel als Pendler zu arbeiten, drei Monate weg, dann ein Monat daheim… Er spürte anfangs, wie sehr ihn zuhause alle liebten und erwarteten, aber mit der Zeit wurde alles kälter. Und dann – Polina war plötzlich schwanger. Er eilte heim, um sie von einem Fehler abzuhalten… Mischa kam zur Welt – dunkel, lockig, ganz anders als Ira oder sie. Da waren die ersten Zweifel… Aber er wischte sie weg: Mein Sohn, basta. Doch dann kam alles anders – Ivan erwischt Polina mit dem Nachbarn im eigenen Bett. Die Kinder sind bei Oma. Polina schreit noch „Nicht was du denkst!“, dann „Mischa ist nicht dein Sohn!“ Sie ließen sich scheiden, Ivan zahlte Alimente, liebte trotzdem beide Kinder… Die Kinder wuchsen bei der Uroma, Polinas Eltern sind irgendwo verschollen. Polina lebte mit dem Nachbarn, Ivan heiratete wieder, alle schienen glücklich – nur die Kinder blieben ohne Eltern. Polina und ihr Neuer sterben bei einem Unfall – Ivan erfährt endgültig, Mischa ist nicht sein Sohn. Er beschließt, nur Ira mitzunehmen. Doch Daria, die neue Frau, überzeugt ihn lautstark, dass dies nicht sein Weg ist! So fährt er doch zu beiden, wie es sich gehört. Und tatsächlich – was macht es am Ende aus, ob mein, nicht mein? Wer will, kann gern beweisen, dass Mischa nicht von mir ist – im Ausweis steht, Ivan Necheporuk ist der Vater von Mischa Ivanowitsch, basta! Wie Oma sagt: „Ganz egal, wessen Kalb, unser bleibt’s doch!“ Und so ist’s gut so. Zuerst hatte Mischa Angst vor Daria, dann hat er sie ins Herz geschlossen, streichelt ihren Bauch, spricht mit dem möglichen Schwesterchen, selbst Ira wird manchmal eifersüchtig… Und die Leute? Sie tuscheln gerne über Daria – wie kann sie fremde Kinder wie eigene großziehen? Aber Daria kümmert der Ruf nicht, macht ihr Ding. Und so lebt Ivan glücklich mit Daria und den Kindern. Kein Wort mehr, Mischa sei nicht sein Sohn. Vielleicht denkt er ab und zu daran – aber laut sagt er es nie. Er liebt seinen Jungen mehr als alles. Und der Junge liebt ihn genauso zurück! Ist er also wirklich fremd? Manchmal ist ein „Fremdes“ näher als alles andere. Und so frage ich: Ist es wirklich wichtig, ob ein Kind mein eigenes Blut ist? Wem es wirklich wichtig ist, der soll es beweisen – für mich sind sie alle meine Kinder!

Weißt du, manchmal frage ich mich wirklich: Ist das überhaupt so wichtig, ob er mein eigener Sohn ist oder nicht? Selbst wenn nicht, das müsste erstmal jemand beweisen.

Juhu! Papa ist da! Papa, papa! Du verlässt uns doch nicht, oder? Bitte, lass uns hier nicht allein! Oma Hilde hat gesagt, wenn du uns nicht mitnimmst, bringt sie uns ins Kinderheim! Sie ist schon alt, die kriegt das doch gar nicht mehr hin. Du bist unsere einzige Hoffnung!

Also, wir Pascal und ich wir hören auf dich, ganz ehrlich! Und wir essen auch echt wenig, wir können uns sogar von Kartoffeln ernähren, echt, Hauptsache, du nimmst uns mit und bringst uns nicht ins Heim! Die neunjährige Annika plapperte, wie Kinder halt plappern, aber ihre Worte klangen so erwachsen, dass Martin schweren Herzens kurz schlucken musste. Er drehte sich weg, als ihm ganz unerwartet Tränen in die Augen schossen.

Er drückte Annika fest an sich, roch an ihrem Haar dieser typische Kinderduft, so süß und vertraut. Martin, der gestandene Mann, hatte plötzlich nur noch den Wunsch, sich an die Schulter seiner Mutter zu lehnen und einmal alles rauszuweinen, um sich über das Leben zu beklagen. Um Rat bitten, um Unterstützung einfach mal schwach sein dürfen.

Noch einmal sog er ihren süßen, vertrauten Duft tief ein. Als er die Augen wieder öffnete, begegnete er Pascals Blick so ernst, so erwachsen irgendwie für einen Jungen.

Pascal, warum versteckst du dich denn da? Komm her zu deinem Papa! Martin lächelte gezwungen, schluckte wieder.

Der Kleine zögerte, sah ihn groß an, ganz unsicher, lächelte vorsichtig und das Lächeln verschwand gleich wieder.

Pascal, was hast du denn? Ich bin’s doch, dein Papa! Kennst du mich nicht mehr? Na komm, mein Junge. Lauf zu uns!

Pascal, komm schon! Annika strahlte, winkte ihn zu sich.

Er machte einen zaghaften Schritt, dann noch einen, und plötzlich rannte er los wischte sich unterwegs verstohlen die Tränen ab.

Papa, bitte, schick mich nicht weg! Ich hab dich so lieb! Oma Hilde sagt, ich bin gar nicht dein Sohn, dass du mich gar nicht liebst, dass du nur Annika mitnimmst und mich ins Heim abschiebst! Aber sie ist gemein, das stimmt doch nicht, oder? Du gehst doch nicht ohne mich?

Ach Pascal, was bist du denn für ein Dussel! Natürlich bist du mein Sohn! Du hast sogar meinen Nachnamen und sieh dir mal deine Ohren an, die hast du von mir! Wie könnte ich dich weggeben? Wir fahren alle zusammen nach Hause, zu Tante Sophie. Weißt du, wie nett sie ist?

Aber Oma Hilde sagt, deine Freundin Sophie sei eine Hexe, dass du uns und Mama nur ihretwegen verlassen hast, dass sie dich verhext hat

Ruhe jetzt, Pascal! Sag das nicht zu Papa! zischte Annika leise, aber ihr Flüstern klang auf dem stillen Hof wie ein Megafon.

Martin lächelte und zog die Kinder an sich. Meine lieben Kleinen, könnt ihr mir irgendwann verzeihen, dass ich so lange nicht da war? Werdet ihr mich verstehen? Verstehe ich mich eigentlich selbst? Wie gut, dass Sophie mir die Augen geöffnet hat und mir geholfen hat, nicht auf die Leute und ihr ewiges Gerede hereinzufallen.

Ach, Oma macht doch nur Spaß. Sophie ist keine Hexe sie ist eher eine Zauberin, aber eine ganz liebe und tolle! Bald siehst du es ja selbst!

Oma Hilde stand auf der Veranda, kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. Martin schob die Kinder Richtung Haus: Los, packt eure Sachen, wir fahren gleich heim. Die Kinder liefen los, drehten sich kurz um und streckten der Oma die Zunge raus so nach dem Motto: Siehst du, unser Papa ist da!

Hilde hob noch drohend den Zeigefinger nach Pascal doch Martins Blick hielt sie zurück.

Oh, jetzt bist du doch gekommen? Ich dachte schon, du tauchst gar nicht mehr auf und ich muss die beiden abgeben. Ich bin zu alt für das alles die kommen ins Heim, wenn du sie nicht willst. Aber wieso beide? Annika, klar ist deine Tochter. Aber der Kleine? Der ist doch von naja, nicht von dir. Lass doch die anderen sich drum kümmern, der Staat macht das schon.

Oma, beide gehören zu mir. Beide sind meine Kinder.

Ach Martin, du bist und bleibst ein Narr. Annika, meine Enkelin, ja, aber die Mutter naja. Ich hab’s doch gleich gewusst, dass Pascal nicht deiner ist, aber sie hat mir das Reden verboten! Die Wahrheit kommt ja eh irgendwann raus. Nimm Annika ruhig mit, aber warum willst du dir auch noch das Kuckuckskind ans Bein binden?

Ich regel das schon, Oma. Wie meine eigene Oma immer sagte: Egal wessen Kalb das ist, am Ende ist es doch unser Kälbchen. Ich hab ihn großgezogen, ich hab ihn lieb, ich geb ihn nicht her.

Hoffentlich bereust du das nicht irgendwann so leicht, wie du entscheidest. Denk daran, für so ein Kind bricht das Herz doppelt, wenn du eines Tages doch anders willst.

Alles ist überlegt, Oma. Danke für alles.

***
Sag mal, Martin, was hat sich bei dir eigentlich geändert? Warum hörst du plötzlich auf andere und nicht auf dein eigenes Herz? Selbst wenn der Junge nicht dein leiblicher Sohn ist willst du ihn einfach so abgeben? Du bist sechs Jahre sein Vater, hast ihn geliebt, dich gekümmert willst du das alles hinwerfen, nur weil Gerüchte kursieren?

Es sind keine Gerüchte, Sophie. Es stimmt tatsächlich. Ich hab’s geahnt und als Andrea (meine Ex) es mir letztens sagte, war ich mir sicher.

Ach Martin, du bist ein Dummkopf! Erst verliert das Kind die Mutter und jetzt willst du ihm auch noch den Vater nehmen, nur so? Andere Männer adoptieren ganz bewusst fremde Kinder und lieben sie wie ihr eigenes, und du schmeißt deinen Jungen einfach weg?

Meins, nicht meins, willst du Blümchenzupfen mit mir spielen? Wenn mir was passiert, machst du dann auch so einen Test mit unserem Baby? Sophie legte die Hand auf ihren Bauch und sah Martin fragend an.

Sophie, das ist doch was anderes. Bei dir weiß ich doch, dass es unser Kind ist

Wieso? Vor vier Jahren warst du sicher, hast geliebt und dich gekümmert, später auch noch Unterhalt gezahlt und den Jungen bei jedem Besuch geherzt. Jetzt soll das alles einfach vorbei sein, nur weil dus weißt? Komische Vorstellung von Liebe hast du da. Heute ja, morgen nein?

Ich denke nur, vielleicht wäre so ein Test besser, dann hätte ich endlich Gewissheit

Ach, willst du dann gleich für Annika auch einen Test? Und für meine Kleine im Bauch? Ist ja eine Freude mit dir! Wenn du die Kinder mitnehmen willst, dann beide. Wir schaffen das. Wenn du so denkst, dann lass es lieber ganz.

Lange hat Martin über Sophies Worte nachgedacht. Hat sich geärgert was versteht die schon? Aber wie soll er sich verhalten, wenn selbst die Großmutter seiner Ex sagt, Pascal ist nicht sein Sohn?

Wer will schon das Kind von jemand anderem großziehen? Und doch, sechs Jahre war Pascal bei ihm er hat ihm seinen Namen gegeben, ihn geliebt.

Aber die Liebe zu Andrea Anfangs war sie so groß! Nach ein paar Monaten kam Annika zur Welt. In unserem Dorf gabs kaum Arbeit, und die, die man bekam, war mies bezahlt.

Martin ging dann auf Montage immer drei Monate weg arbeiten, dann kurz zu Hause, dann wieder los.

Am Anfang hat Andrea ihn immer sehnsüchtig erwartet, ihm das Herz gewärmt später wurde es kälter, die Begrüßung flüchtiger, nach und nach ging die Liebe verloren.

Nach ein paar Jahren, als Martin mal auf Montage war, hat Andrea beiläufig gesagt, sie ist schwanger aber ich weiß noch nicht, was ich mache. Martin kam extra früher zurück, damit sie das Kind nicht wegmachen ließ.

Und so wurde Pascal geboren. So ein quietschfideles, dunkle Locken irgendwie anders als Annika. Martin hatte erst so einen Verdacht Nachbars Junge sieht ihm schon sehr ähnlich Aber dann hat er sich gesagt: Was für ein Schwachsinn, das ist mein Sohn!

Das ging so, bis er eines Tages überraschend früher nach Hause kam und Andrea mit dem Nachbarn im Bett erwischte. Die Kinder waren bei der Oma, sie hatte offensichtlich keine Ahnung, dass Martin plötzlich vor der Tür stand.

Er hat nichts gesagt, ist einfach rausgegangen zur Oma und den Kindern. Andrea rief noch hinterher, Pascal sei nicht seins egal, in ihrer Wut sagt man vieles.

Nach der Trennung hat sie auf Unterhalt geklagt und Martin hat gezahlt, wies sich gehört, für Annika wie für Pascal.

Immer mal wieder fing Oma Hilde an mit Sprüchen wie: Pascal ist nicht dein Sohn, warum kümmerst du dich überhaupt? Aber Martin hat nie darauf gehört.

Andrea lebte dann mit dem Nachbarn weiter, die Kinder waren viel bei Oma Hilde. Selbst Andrea ist bei ihrer Oma groß geworden ihre Eltern sind bei irgendeiner Expedition verschollen, sie war schon immer auf sich gestellt.

Martin hat schließlich auch wieder geheiratet Sophie. Bei beiden lief eigentlich alles gut, aber die Kinder blieben eben oft bei der alten Hilde. Die Eltern kamen nur zu Besuch, brachten Schokolade und waren dann wieder weg, ließen die Kinder wie kleine Kätzchen zurück.

Bis das Unglück passierte: Andrea und ihr Neuer fuhren betrunken Motorrad. Manche sagten, Andrea war am Steuer aber wie, sie konnte gar nicht fahren? Nun, egal, am Ende zählt nur, dass beide nicht mehr da sind.

Martin war auf der Beerdigung da hat ihm Hilde noch einmal bestätigt, dass Pascal nicht sein Sohn ist, das alles zugegeben.

Danach zog Martin sich völlig zurück, war wie gelähmt. Plötzlich sollte er Pascal nicht mehr bei sich behalten, nur Annika sollte er mitnehmen. Sollen sich doch die richtigen Verwandten um Pascal kümmern

Mit dieser Lösung war Sophie gar nicht einverstanden. Die hat ihn ordentlich wachgerüttelt so sehr, dass Martin schließlich doch beide Kinder holte. Schließlich, wie unmenschlich wäre das, die Kleinen bei der alten Oma zu lassen?

Ist doch egal, ob mein Kind oder nicht. Im Pass steht: Vater Martin Berger. Und das reicht!

Die Oma hatte recht: Egal, wessen Kalb das ist, es gehört zu uns. Und Pascal ist so ein gutes Kind. Freundlich, hilfsbereit, anhänglich.

Anfangs hatte er Angst vor Sophie, hat gedacht, sie ist wirklich eine Hexe. Aber dann taute er auf, streichelt jetzt immer ihren Bauch und redet schon mit seiner kleinen Schwester da drin. Annika wird manchmal sogar eifersüchtig, dass Sophie Pascal vielleicht lieber hätte.

Doch Sophie hat genug Liebe für alle. Für Martin, Annika, Pascal und für das Baby.

Die Leute lästern trotzdem, tuscheln hinter vorgehaltener Hand, dass Sophie nicht ganz richtig tickt, weil sie fremde Kinder großzieht. Aber Sophie lässt das Gerede an sich abprallen und macht den Leuten schnell klar, dass sie sich um ihren eigenen Kram kümmern sollen.

Sophie ist zwar noch jung, aber die weiß sich zu wehren. Und mit der legt sich so schnell keiner an. So haben die Leute bald wieder andere Themen so läuft das auf dem Dorf.

Martin lebt nun mit Sophie und den Kindern. Kein Wort mehr davon, ob Pascal sein Sohn ist oder nicht. Vielleicht denkt er es manchmal, aber laut sagt ers nicht. Dafür liebt er Pascal zu sehr und der Junge hängt an ihm, ruft ständig Papa hier, Papa da.

Manchmal, da ist ein fremdes Kind eben doch näher am eigenen Herzen, als man je gedacht hätte. Seltsam, oder?

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Homy
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Ist es wirklich wichtig, ob er mein Sohn ist oder nicht? Dass er nicht mein Eigen ist, muss erst noch bewiesen werden – Hurra! Papa ist da! Papa, Papa! Du lässt uns doch nicht allein zurück, oder? Papa, bitte lass uns nicht hier! Oma Nadja hat gesagt, wenn du uns nicht mitnimmst, gibt sie uns ins Heim! Sie ist schon alt, sie darf uns nicht behalten – du bist unsere einzige Hoffnung! Wir werden artig sein, ehrlich! Und wir essen auch kaum etwas, wir können nur von Kartoffeln leben, nimm uns bitte mit, gib uns nicht ins Heim! – Die neunjährige kleine Ira plappert ohne Punkt und Komma, mit so erwachsenen Worten, dass Ivan, gestandener Mann, plötzlich einen Kloß im Hals spürt und sich abwendet, um die Tränen wegzuwischen, die so unpassend in den Augenwinkeln erscheinen. Er drückt seine Tochter fest an sich, atmet den süßen, vertrauten Kindgeruch ein und fühlt, wie das Verlangen nach Tränen erneut über ihn kommt – am liebsten würde er sich an die Schulter seiner Mutter lehnen, sich ausweinen, beklagen, um Rat, Beistand und Hilfe bitten… Wieder riecht Ivan diesen vertrauten Duft, schließt die Augen und blickt, als er sie öffnet, in einen ernsten, gar nicht kindlichen Blick… – Mischa, warum versteckst du dich dort? Komm zu Papa! – Ivan schluckt erneut und lächelt gequält. Das Kind zögert, schaut mit großen Augen zu ihm – ein zaghaftes Lächeln huscht übers Gesicht, verschwindet gleich wieder. – Mischa, na los! Ich bin’s doch, dein Papa! Erkennst du mich nicht? Komm, mein Sohn! Lauf zu uns! – Mischa, komm! – ruft Ira lachend ihren Bruder. Mischa macht einen zaghaften Schritt, noch einen – dann läuft er los, wischt sich unterwegs die Tränchen ab. – Papa, unser Papa, gib mich nicht weg! Ich hab dich so lieb! Oma Nadja sagte, ich sei nicht dein Sohn, dass du mich nicht liebst, nur Ira mitnimmst und ich ins Heim muss! Aber ich glaube ihr nicht! Du lässt mich nicht allein, oder? – Ach, Mischa! Wie sollst du nicht mein Sohn sein? Du hast meinen Nachnamen, meinen Vornamen! Und schau mal auf deine Ohren – ganz meine Ohren! Wie könnte ich dich je weggeben! Wir fahren gemeinsam nach Hause – zu Tante Daria. Weißt du, wie nett sie ist? – Aber Oma Nadja sagt, Daria sei eine echte Hexe, dich habe sie verzaubert, Mama hast du ihretwegen verlassen… – Ruhe, Mischa! Red nicht so – das sagt man nicht zu Papa! – zischt Ira, leise aber vernehmbar in die feierliche Stille. Ivan lächelt und schließt beide Kinder in die Arme. „Meine Liebsten! Könnt ihr mir je verzeihen, dass ich so lange nicht gekommen bin? Werdet ihr mich verstehen? Und werde ich mich selbst je verstehen? Danke, Daria, dass du mich aufgerüttelt und auf den richtigen Weg gebracht hast!“ – Oma macht nur Spaß. Daria ist keine Hexe – sie ist eine Zauberin, eine gute! Bald wirst du sie kennenlernen! Oma Nadja steht derweil auf der Türschwelle und kaut nervös auf der Lippe. Ivan winkt den Kindern: „Los, packt eure Sachen, bald geht’s heim.“ Die beiden laufen ins Haus, zeigen der Oma noch neckisch die Zunge: „Papa ist da, und du hast was anderes gesagt!“ Die Oma will Mischa noch einen Klaps geben, aber Iwans Blick hält sie zurück… – Na, doch aufgetaucht? Ich dachte schon, du kommst nicht, dann hätte ich sie ins Heim geben müssen. Ich bin zu alt für die beiden. Nimmst du wirklich beide? Ira von mir aus, aber Mischa ist ja gar nicht deiner, was willst du mit dem? – Beide sind meine, Oma. Beide gehören zu mir. – Ach, Ivan, du warst schon immer so naiv. Ira ist mir zwar die Enkelin, aber deine Frau… Ach… Ich wusste gleich, dass Mischa nicht dein Sohn ist, aber sie hat mir verboten, was zu sagen! Jetzt ist alles raus, nicht meine Schuld. Nimm Ira und gib den Bastard ruhig ins Heim, was willst du mit dem? – Ich entscheide selbst. Wie meine Oma immer sagte: Ganz gleich, wessen Kalb es ist – unser Veilchen bleibt’s trotzdem. Ich habe ihn sechs Jahre großgezogen und geliebt – ich kann ihn jetzt nicht aufgeben. – Pass auf, Ivan, dass du es nicht mal bereust! Überleg’s dir gut, denn für das Kinderherz wird es am schlimmsten, wenn du erst später die Meinung änderst. – Ich habe alles überlegt und entschieden. Danke für alles, Oma! *** – Ivan, was hat sich für dich geändert? Warum hörst du auf die anderen statt auf dein Herz? Selbst wenn der Junge nicht dein leiblicher Sohn ist – willst du ihn jetzt einfach abgeben? Du hast ihn sechs Jahre lang geliebt, großgezogen, dann Alimente bezahlt, und nun? Einfach so? Wegen irgendwelcher Gerüchte? – Es sind keine Gerüchte, Daria. Er ist tatsächlich nicht mein Sohn. Ich hab’s schon geahnt, und dann hat Polina es bestätigt. – Du Idiot, Ivan! Erst verliert das Kind die Mutter, und nun gibst du ihn auch noch freiwillig ab! Was bist du nur für ein Mann? Andere erziehen bewusst fremde Kinder als eigene, und du willst den Jungen abgeben! Spiel mit mir ein Ratespiel: Meiner – nicht meiner! Ach, wie lächerlich! Und wenn, Gott bewahre, mir mal was passiert – wirst du dann auch an unserer Zweifel bekommen? – Daria legt die Hand auf ihren kaum sichtbaren Bauch und sieht Ivan fragend an. – Daria, hör auf! Bei dir bin ich sicher, aber dort… – Was denn, Ivan? Vier Jahre hast du den Jungen geliebt und als deinen bezeichnet, dann noch zwei Jahre Unterhalt gezahlt und ihn weiter geliebt. Und jetzt, nur weil ein Zettel was anderes sagt? Willst du einen Test machen? Dann mach gleich für alle einen, auch für mich – vielleicht bist du ja bei mir auch nicht sicher? Wo steht denn geschrieben, dass ein Vaterschaftstest über das Herz entscheidet? Du hast ihn abgöttisch geliebt! Was soll der Test jetzt ändern? Wen der Test ergibt, es ist wirklich dein Sohn – kommt dann die Liebe magisch zurück? Oder gar noch stärker? Und wenn er wirklich nicht dein leiblicher ist – willst du ihn dann einfach aus deinem Leben streichen? Ins Heim geben? Kannst du damit dann wirklich leben? Sechs Jahre war er dein Sohn, hast ihn geliebt – und dann auf einen Schlag nicht mehr? – Daria, wie kann ich ihn lieben, wenn ich weiß, dass er nicht mein eigen ist? Wie soll ich dann noch weiterleben? – Dann zweifle lieber gleich an allen! Mach für die Große einen Test, für die Kleine, für mein Baby im Bauch – auf dass du ganz sicher bist. Wenn, dann nimmst du beide Kinder auf, groß werden sie alle. Aber mit dieser Einstellung? Dann hol lieber gar kein Kind, bevor du später lange überlegst, was eigen und was fremd ist. Lange denkt Ivan über die Worte von Daria, seiner neuen Frau, nach. Er ärgert sich, regt sich im Stillen auf. Was sie sich einbildet! Und wie soll man entscheiden, wenn sogar die eigene Großmutter der Ex bestätigt, das Kind sei von einem anderen? Niemand will gern fremde Kinder großziehen, und Ivan war ein Dummkopf, sechs Jahre lang diesen Jungen geliebt, ihm seinen Namen gegeben… Aber, es war Liebe zwischen ihm und Polina! Gleich nach der Hochzeit kam schon Ira. Arbeit gab es kaum, Lohn noch weniger… Ivan begann, im Wechsel als Pendler zu arbeiten, drei Monate weg, dann ein Monat daheim… Er spürte anfangs, wie sehr ihn zuhause alle liebten und erwarteten, aber mit der Zeit wurde alles kälter. Und dann – Polina war plötzlich schwanger. Er eilte heim, um sie von einem Fehler abzuhalten… Mischa kam zur Welt – dunkel, lockig, ganz anders als Ira oder sie. Da waren die ersten Zweifel… Aber er wischte sie weg: Mein Sohn, basta. Doch dann kam alles anders – Ivan erwischt Polina mit dem Nachbarn im eigenen Bett. Die Kinder sind bei Oma. Polina schreit noch „Nicht was du denkst!“, dann „Mischa ist nicht dein Sohn!“ Sie ließen sich scheiden, Ivan zahlte Alimente, liebte trotzdem beide Kinder… Die Kinder wuchsen bei der Uroma, Polinas Eltern sind irgendwo verschollen. Polina lebte mit dem Nachbarn, Ivan heiratete wieder, alle schienen glücklich – nur die Kinder blieben ohne Eltern. Polina und ihr Neuer sterben bei einem Unfall – Ivan erfährt endgültig, Mischa ist nicht sein Sohn. Er beschließt, nur Ira mitzunehmen. Doch Daria, die neue Frau, überzeugt ihn lautstark, dass dies nicht sein Weg ist! So fährt er doch zu beiden, wie es sich gehört. Und tatsächlich – was macht es am Ende aus, ob mein, nicht mein? Wer will, kann gern beweisen, dass Mischa nicht von mir ist – im Ausweis steht, Ivan Necheporuk ist der Vater von Mischa Ivanowitsch, basta! Wie Oma sagt: „Ganz egal, wessen Kalb, unser bleibt’s doch!“ Und so ist’s gut so. Zuerst hatte Mischa Angst vor Daria, dann hat er sie ins Herz geschlossen, streichelt ihren Bauch, spricht mit dem möglichen Schwesterchen, selbst Ira wird manchmal eifersüchtig… Und die Leute? Sie tuscheln gerne über Daria – wie kann sie fremde Kinder wie eigene großziehen? Aber Daria kümmert der Ruf nicht, macht ihr Ding. Und so lebt Ivan glücklich mit Daria und den Kindern. Kein Wort mehr, Mischa sei nicht sein Sohn. Vielleicht denkt er ab und zu daran – aber laut sagt er es nie. Er liebt seinen Jungen mehr als alles. Und der Junge liebt ihn genauso zurück! Ist er also wirklich fremd? Manchmal ist ein „Fremdes“ näher als alles andere. Und so frage ich: Ist es wirklich wichtig, ob ein Kind mein eigenes Blut ist? Wem es wirklich wichtig ist, der soll es beweisen – für mich sind sie alle meine Kinder!
Jeden Nachmittag nach Schulschluss nahm Tobias denselben Weg: Er überquerte den Park, pflückte eine wilde Blume und kam mit seinem Rucksack über der Schulter und viel Geduld im Herzen im Altenheim an – sein geheimes Ritual. Leise trat er ein, begrüßte die Bewohner und das Personal mit einem Lächeln und ging direkt ins Zimmer 214, wo eine Dame mit schneeweißem Haar und einem Blick voller Vergangenheit auf ihn wartete. „Guten Tag, Frau Klara. Ich habe Ihnen Ihre Lieblingsblume mitgebracht“, sagte er mit rührender Zärtlichkeit. Sie sah ihn an, als ob sie ihn zum ersten Mal sähe. „Und wer bist du, mein Junge?“ – „Nur ein Freund“, antwortete Tobias sanft. Monatelang war er ihr Zufluchtsort gewesen: Er las ihr Geschichten vor, lackierte ihre Nägel in Fliederfarben, kämmte behutsam ihr Haar und sang manchmal Lieder aus alten Zeiten. Klara lachte, weinte, verwechselte ihn mal mit einer verlorenen Liebe, mal mit einem Romanhelden oder einem Sohn, den sie nicht mehr erkannte. Das Personal bewunderte Tobias – sie sagten, er habe die Seele eines alten Weisen im Körper eines Jugendlichen. Während viele Bewohner selten Besuch bekamen, hatte Klara nur ihn. An einem Nachmittag, während er ihr vorsichtig das Haar ordnete, sah sie ihn plötzlich ungewöhnlich klar an: „Du hast die Augen meines Sohnes“, flüsterte sie. Tobias lächelte, ohne mit dem Kämmen aufzuhören: „Vielleicht hat das Schicksal sie mir geliehen.“ Sie senkte den Blick. „Mein Sohn ging, als ich zu vergessen begann… Er sagte, ich sei nicht mehr seine Mutter.“ Tobias nahm ihre zerbrechliche Hand: „Manchmal, wenn die Erinnerung schwindet, gehen auch die Menschen. Aber nicht alle vergessen.“ Die Zeit verging, bis Klara eines Tages für immer die Augen schloss – friedlich, mit einer wilden Blume auf ihrem Nachttisch. Beim Abschied kam eine Pflegerin zu Tobias: „Warum bist du jeden Tag gekommen, obwohl sie dich nie erkannte?“ Mit Tränen in den Augen antwortete er: „Weil sie meine Oma war. Alle ließen sie allein, als sie krank wurde. Aber ich nicht. Auch wenn sie nicht mehr wusste, wer ich bin… ich habe sie nie vergessen.“ Stille breitete sich aus, während draußen ein leichter Wind die Blumen im Garten bewegte. Denn manchmal leben die wahren Bindungen nicht im Gedächtnis… sondern im Herzen. Als Tobias das Heim zum letzten Mal verließ, holte ihn eine Pflegerin mit einer Schachtel ein: „Das hat Klara für dich hinterlassen… falls sie eines Tages zu viel vergessen sollte.“ Tobias sah sie verwundert an und öffnete die Schachtel. Darin lag ein altes Foto… und ein ungeöffneter Brief.