Weißt du, manchmal frage ich mich wirklich: Ist das überhaupt so wichtig, ob er mein eigener Sohn ist oder nicht? Selbst wenn nicht, das müsste erstmal jemand beweisen.
Juhu! Papa ist da! Papa, papa! Du verlässt uns doch nicht, oder? Bitte, lass uns hier nicht allein! Oma Hilde hat gesagt, wenn du uns nicht mitnimmst, bringt sie uns ins Kinderheim! Sie ist schon alt, die kriegt das doch gar nicht mehr hin. Du bist unsere einzige Hoffnung!
Also, wir Pascal und ich wir hören auf dich, ganz ehrlich! Und wir essen auch echt wenig, wir können uns sogar von Kartoffeln ernähren, echt, Hauptsache, du nimmst uns mit und bringst uns nicht ins Heim! Die neunjährige Annika plapperte, wie Kinder halt plappern, aber ihre Worte klangen so erwachsen, dass Martin schweren Herzens kurz schlucken musste. Er drehte sich weg, als ihm ganz unerwartet Tränen in die Augen schossen.
Er drückte Annika fest an sich, roch an ihrem Haar dieser typische Kinderduft, so süß und vertraut. Martin, der gestandene Mann, hatte plötzlich nur noch den Wunsch, sich an die Schulter seiner Mutter zu lehnen und einmal alles rauszuweinen, um sich über das Leben zu beklagen. Um Rat bitten, um Unterstützung einfach mal schwach sein dürfen.
Noch einmal sog er ihren süßen, vertrauten Duft tief ein. Als er die Augen wieder öffnete, begegnete er Pascals Blick so ernst, so erwachsen irgendwie für einen Jungen.
Pascal, warum versteckst du dich denn da? Komm her zu deinem Papa! Martin lächelte gezwungen, schluckte wieder.
Der Kleine zögerte, sah ihn groß an, ganz unsicher, lächelte vorsichtig und das Lächeln verschwand gleich wieder.
Pascal, was hast du denn? Ich bin’s doch, dein Papa! Kennst du mich nicht mehr? Na komm, mein Junge. Lauf zu uns!
Pascal, komm schon! Annika strahlte, winkte ihn zu sich.
Er machte einen zaghaften Schritt, dann noch einen, und plötzlich rannte er los wischte sich unterwegs verstohlen die Tränen ab.
Papa, bitte, schick mich nicht weg! Ich hab dich so lieb! Oma Hilde sagt, ich bin gar nicht dein Sohn, dass du mich gar nicht liebst, dass du nur Annika mitnimmst und mich ins Heim abschiebst! Aber sie ist gemein, das stimmt doch nicht, oder? Du gehst doch nicht ohne mich?
Ach Pascal, was bist du denn für ein Dussel! Natürlich bist du mein Sohn! Du hast sogar meinen Nachnamen und sieh dir mal deine Ohren an, die hast du von mir! Wie könnte ich dich weggeben? Wir fahren alle zusammen nach Hause, zu Tante Sophie. Weißt du, wie nett sie ist?
Aber Oma Hilde sagt, deine Freundin Sophie sei eine Hexe, dass du uns und Mama nur ihretwegen verlassen hast, dass sie dich verhext hat
Ruhe jetzt, Pascal! Sag das nicht zu Papa! zischte Annika leise, aber ihr Flüstern klang auf dem stillen Hof wie ein Megafon.
Martin lächelte und zog die Kinder an sich. Meine lieben Kleinen, könnt ihr mir irgendwann verzeihen, dass ich so lange nicht da war? Werdet ihr mich verstehen? Verstehe ich mich eigentlich selbst? Wie gut, dass Sophie mir die Augen geöffnet hat und mir geholfen hat, nicht auf die Leute und ihr ewiges Gerede hereinzufallen.
Ach, Oma macht doch nur Spaß. Sophie ist keine Hexe sie ist eher eine Zauberin, aber eine ganz liebe und tolle! Bald siehst du es ja selbst!
Oma Hilde stand auf der Veranda, kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. Martin schob die Kinder Richtung Haus: Los, packt eure Sachen, wir fahren gleich heim. Die Kinder liefen los, drehten sich kurz um und streckten der Oma die Zunge raus so nach dem Motto: Siehst du, unser Papa ist da!
Hilde hob noch drohend den Zeigefinger nach Pascal doch Martins Blick hielt sie zurück.
Oh, jetzt bist du doch gekommen? Ich dachte schon, du tauchst gar nicht mehr auf und ich muss die beiden abgeben. Ich bin zu alt für das alles die kommen ins Heim, wenn du sie nicht willst. Aber wieso beide? Annika, klar ist deine Tochter. Aber der Kleine? Der ist doch von naja, nicht von dir. Lass doch die anderen sich drum kümmern, der Staat macht das schon.
Oma, beide gehören zu mir. Beide sind meine Kinder.
Ach Martin, du bist und bleibst ein Narr. Annika, meine Enkelin, ja, aber die Mutter naja. Ich hab’s doch gleich gewusst, dass Pascal nicht deiner ist, aber sie hat mir das Reden verboten! Die Wahrheit kommt ja eh irgendwann raus. Nimm Annika ruhig mit, aber warum willst du dir auch noch das Kuckuckskind ans Bein binden?
Ich regel das schon, Oma. Wie meine eigene Oma immer sagte: Egal wessen Kalb das ist, am Ende ist es doch unser Kälbchen. Ich hab ihn großgezogen, ich hab ihn lieb, ich geb ihn nicht her.
Hoffentlich bereust du das nicht irgendwann so leicht, wie du entscheidest. Denk daran, für so ein Kind bricht das Herz doppelt, wenn du eines Tages doch anders willst.
Alles ist überlegt, Oma. Danke für alles.
***
Sag mal, Martin, was hat sich bei dir eigentlich geändert? Warum hörst du plötzlich auf andere und nicht auf dein eigenes Herz? Selbst wenn der Junge nicht dein leiblicher Sohn ist willst du ihn einfach so abgeben? Du bist sechs Jahre sein Vater, hast ihn geliebt, dich gekümmert willst du das alles hinwerfen, nur weil Gerüchte kursieren?
Es sind keine Gerüchte, Sophie. Es stimmt tatsächlich. Ich hab’s geahnt und als Andrea (meine Ex) es mir letztens sagte, war ich mir sicher.
Ach Martin, du bist ein Dummkopf! Erst verliert das Kind die Mutter und jetzt willst du ihm auch noch den Vater nehmen, nur so? Andere Männer adoptieren ganz bewusst fremde Kinder und lieben sie wie ihr eigenes, und du schmeißt deinen Jungen einfach weg?
Meins, nicht meins, willst du Blümchenzupfen mit mir spielen? Wenn mir was passiert, machst du dann auch so einen Test mit unserem Baby? Sophie legte die Hand auf ihren Bauch und sah Martin fragend an.
Sophie, das ist doch was anderes. Bei dir weiß ich doch, dass es unser Kind ist
Wieso? Vor vier Jahren warst du sicher, hast geliebt und dich gekümmert, später auch noch Unterhalt gezahlt und den Jungen bei jedem Besuch geherzt. Jetzt soll das alles einfach vorbei sein, nur weil dus weißt? Komische Vorstellung von Liebe hast du da. Heute ja, morgen nein?
Ich denke nur, vielleicht wäre so ein Test besser, dann hätte ich endlich Gewissheit
Ach, willst du dann gleich für Annika auch einen Test? Und für meine Kleine im Bauch? Ist ja eine Freude mit dir! Wenn du die Kinder mitnehmen willst, dann beide. Wir schaffen das. Wenn du so denkst, dann lass es lieber ganz.
Lange hat Martin über Sophies Worte nachgedacht. Hat sich geärgert was versteht die schon? Aber wie soll er sich verhalten, wenn selbst die Großmutter seiner Ex sagt, Pascal ist nicht sein Sohn?
Wer will schon das Kind von jemand anderem großziehen? Und doch, sechs Jahre war Pascal bei ihm er hat ihm seinen Namen gegeben, ihn geliebt.
Aber die Liebe zu Andrea Anfangs war sie so groß! Nach ein paar Monaten kam Annika zur Welt. In unserem Dorf gabs kaum Arbeit, und die, die man bekam, war mies bezahlt.
Martin ging dann auf Montage immer drei Monate weg arbeiten, dann kurz zu Hause, dann wieder los.
Am Anfang hat Andrea ihn immer sehnsüchtig erwartet, ihm das Herz gewärmt später wurde es kälter, die Begrüßung flüchtiger, nach und nach ging die Liebe verloren.
Nach ein paar Jahren, als Martin mal auf Montage war, hat Andrea beiläufig gesagt, sie ist schwanger aber ich weiß noch nicht, was ich mache. Martin kam extra früher zurück, damit sie das Kind nicht wegmachen ließ.
Und so wurde Pascal geboren. So ein quietschfideles, dunkle Locken irgendwie anders als Annika. Martin hatte erst so einen Verdacht Nachbars Junge sieht ihm schon sehr ähnlich Aber dann hat er sich gesagt: Was für ein Schwachsinn, das ist mein Sohn!
Das ging so, bis er eines Tages überraschend früher nach Hause kam und Andrea mit dem Nachbarn im Bett erwischte. Die Kinder waren bei der Oma, sie hatte offensichtlich keine Ahnung, dass Martin plötzlich vor der Tür stand.
Er hat nichts gesagt, ist einfach rausgegangen zur Oma und den Kindern. Andrea rief noch hinterher, Pascal sei nicht seins egal, in ihrer Wut sagt man vieles.
Nach der Trennung hat sie auf Unterhalt geklagt und Martin hat gezahlt, wies sich gehört, für Annika wie für Pascal.
Immer mal wieder fing Oma Hilde an mit Sprüchen wie: Pascal ist nicht dein Sohn, warum kümmerst du dich überhaupt? Aber Martin hat nie darauf gehört.
Andrea lebte dann mit dem Nachbarn weiter, die Kinder waren viel bei Oma Hilde. Selbst Andrea ist bei ihrer Oma groß geworden ihre Eltern sind bei irgendeiner Expedition verschollen, sie war schon immer auf sich gestellt.
Martin hat schließlich auch wieder geheiratet Sophie. Bei beiden lief eigentlich alles gut, aber die Kinder blieben eben oft bei der alten Hilde. Die Eltern kamen nur zu Besuch, brachten Schokolade und waren dann wieder weg, ließen die Kinder wie kleine Kätzchen zurück.
Bis das Unglück passierte: Andrea und ihr Neuer fuhren betrunken Motorrad. Manche sagten, Andrea war am Steuer aber wie, sie konnte gar nicht fahren? Nun, egal, am Ende zählt nur, dass beide nicht mehr da sind.
Martin war auf der Beerdigung da hat ihm Hilde noch einmal bestätigt, dass Pascal nicht sein Sohn ist, das alles zugegeben.
Danach zog Martin sich völlig zurück, war wie gelähmt. Plötzlich sollte er Pascal nicht mehr bei sich behalten, nur Annika sollte er mitnehmen. Sollen sich doch die richtigen Verwandten um Pascal kümmern
Mit dieser Lösung war Sophie gar nicht einverstanden. Die hat ihn ordentlich wachgerüttelt so sehr, dass Martin schließlich doch beide Kinder holte. Schließlich, wie unmenschlich wäre das, die Kleinen bei der alten Oma zu lassen?
Ist doch egal, ob mein Kind oder nicht. Im Pass steht: Vater Martin Berger. Und das reicht!
Die Oma hatte recht: Egal, wessen Kalb das ist, es gehört zu uns. Und Pascal ist so ein gutes Kind. Freundlich, hilfsbereit, anhänglich.
Anfangs hatte er Angst vor Sophie, hat gedacht, sie ist wirklich eine Hexe. Aber dann taute er auf, streichelt jetzt immer ihren Bauch und redet schon mit seiner kleinen Schwester da drin. Annika wird manchmal sogar eifersüchtig, dass Sophie Pascal vielleicht lieber hätte.
Doch Sophie hat genug Liebe für alle. Für Martin, Annika, Pascal und für das Baby.
Die Leute lästern trotzdem, tuscheln hinter vorgehaltener Hand, dass Sophie nicht ganz richtig tickt, weil sie fremde Kinder großzieht. Aber Sophie lässt das Gerede an sich abprallen und macht den Leuten schnell klar, dass sie sich um ihren eigenen Kram kümmern sollen.
Sophie ist zwar noch jung, aber die weiß sich zu wehren. Und mit der legt sich so schnell keiner an. So haben die Leute bald wieder andere Themen so läuft das auf dem Dorf.
Martin lebt nun mit Sophie und den Kindern. Kein Wort mehr davon, ob Pascal sein Sohn ist oder nicht. Vielleicht denkt er es manchmal, aber laut sagt ers nicht. Dafür liebt er Pascal zu sehr und der Junge hängt an ihm, ruft ständig Papa hier, Papa da.
Manchmal, da ist ein fremdes Kind eben doch näher am eigenen Herzen, als man je gedacht hätte. Seltsam, oder?




