Also, hier ist die Geschichte für dich, angepasst an die deutsche Kultur:
Julias Papa ist so ein guter, fröhlicher und liebevoller Mann. Der beste Papa der Welt.
Julia kann es kaum erwarten, bis ihr Papa von seiner Dienstreise zurückkommt, Geschenke mitbringt und jede Menge Geschichten erzählt.
Mama ist dann immer so glücklich, wenn er da ist, aber Oma wird stattdessen richtig sauer. Sie kommt dann erst gar nicht vorbei.
Julia wünscht sich so sehr, dass Oma und Papa sich vertragen würden.
Ach, und die Geschichten, die Papa erzählt! Julia kriegt vor Lachen Bauchschmerzen.
Dieses Mal hat er ihr eine große Puppe und einen weißen Plüschhasen mitgebracht.
Der Hase ist ein Mädchen, oder, Papa?
Ja, Julia. Weißt du, wie sie heißt?
Nein.
Lotte.
Lotte? Wie Mama?
Ja, damit du immer eine kleine Lotte bei dir hast.
Papa und Mama lächeln. Er bringt auch Mama Geschenke mit, und sie errötet und sagt, er verwöhne sie zu sehr.
Wie soll ich euch denn nicht verwöhnen? Ihr seid doch meine Lieblingsmädchen.
Sie essen gemeinsam zu Abend, und dann erzählt Papa Julia seine lustigen Geschichten.
Bei uns in der Bundeswehr gab es mal einen Soldaten, weißt du, wie der hieß?
Wie denn?, fragt Julia.
Donnerbach! Der war riesengroß, so breite Schultern Papa spreizt die Arme und stark wie ein Bär. Sein bester Freund hieß Mäuslein, klein wie eine Maus, aber unzertrennlich waren die beiden. Und dann gabs noch einen, der hieß Katz. Stell dir vor: Katz, Mäuslein und Donnerbach die drei waren immer zusammen.
Julia lacht sich kaputt und schläft glücklich ein.
Am nächsten Tag verbringt Papa den ganzen Tag mit ihnen. Sie fahren in den Park, essen Eis, drehen Karussell, und Julia ist so müde, dass sie auf Papas Schulter einschläft.
Doch am Morgen ist Papa weg.
Vielleicht ist er im Bad? Sicher, er wäscht sich gerade.
Mama sitzt am Tisch, irgendwie nachdenklich.
Mama, kommt Papa bald? Ich muss mir die Zähne putzen.
Schätzchen Mama lächelt, doch Julia sieht die Tränen in ihren Augen. Papa musste leider wieder gehen.
Zur Arbeit, ja? Ist es dringend?
Ja, meine Kleine, sehr dringend.
Julia wächst heran, Papa kommt nur noch ab und zu. Oma hat kein gutes Wort für ihn übrig.
Grüßt nicht mal ordentlich, brummt bloß was und dreht sich weg. Keine Feiertage, keine Geburtstage immer nur Arbeit. Warum heiratet er nicht? So ein Geheimniskrämer. Ich weiß schon, was los ist der ist bestimmt verheiratet, Lotte!
Hör mal, Lotte, belehrt sie Mama, wenn er das nächste Mal kommt, check seinen Ausweis! Oder soll ich das machen?
Mama!, faucht Julias Mutter. Lass das!
Papa kommt, Julia ist glücklich, doch Mama Irgendwann fällt Julia auf, dass sie und Papa immer öfter streiten, lauter werden.
Papa wird traurig, wenn Mama ihm etwas zuflüstert, etwas verlangt Julia vermutet, es geht um seine Arbeit. Vielleicht will Mama, dass er kündigt und was Neues sucht.
Doch die Streitereien werden schlimmer.
Lotte, versteh doch ich habe Verpflichtungen, ich kann nicht einfach
Aber uns kannst du so behandeln, ja?
Papa ist niedergeschlagen, küsst Julia und geht mit hängenden Schultern, bleibt nicht mal über Nacht.
Hab ichs dir nicht gesagt, Lotte? Geheimniskrämer!, schimpft Oma. Mama weint leise und bittet sie, aufzuhören.
Ihr habt euch was ausgedacht wusstest du es? Sags mir, wusstest du es? Dieser Schuft! Wusstest dus?
Ja!, platzt Mama heraus. Später, als es zu spät war. Er lag auf den Knien, Mama er flehte, das Kind zu behalten sie könne keine Kinder mehr kriegen, sagte er, wenn ein Junge kommt, geht er sofort aber dann kam Julia Aber er liebt sie doch, Mama, er vergöttert sie!
Ach was. Würde er euch so lieben, würde er bei euch leben. Was erzählst du Julia später?
Mama schweigt. Schluchzt nur leise.
Bald darauf kommt Papa, sie und Mama verschwinden im Zimmer, reden lange.
Dann scheint alles wie früher, Papa erzählt Witze, doch Julia spürt die Spannung. Mama ist traurig, schickt Julia früh ins Bett.
Papa bleibt lange weg. Julia fragt Mama, wann er kommt.
Mama zuckt mit den Schultern, Oma faucht: Brauchst so einen Vater nicht!
Doch Julia wartet noch.
Sie weiß nicht, dass ein Mädchen in einer anderen Stadt vielleicht gleichaltrig denselben Mann Papa nennt und auf Geschenke hofft.
Julia drückt ihren weißen Hasen und flüstert:
Lotte, du bist auch ein Mädchen du verstehst das, oder? Papa er ist trotzdem der Beste.
Irgendwann kommt Papa nicht mehr. Nie wieder.
Doch dann sieht Julia ihn. Er geht mit einer fremden Frau, einem Mädchen in ihrem Alter und einem Jungen, so alt, wie sie ihn nicht gesehen hat.
Sie lachen, halten sich an den Händen eine richtige Familie.
Julia will rufen, doch die Worte ersticken in ihrer Kehle. Er bemerkt sie nicht.
In dieser Nacht schläft sie nicht. Omas Worte über die andere Familie kreisen in ihrem Kopf.
Jetzt versteht sie: Es stimmt.
Am Morgen geht sie zu Mama.
Mama , flüstert sie. Hat er eine andere Familie?
Mama starrt lange aus dem Fenster, senkt den Kopf.
Ja, Schatz. Die gab es schon immer.
Und wer sind wir dann?
Wir wir waren auch seine Familie. Nur nicht die richtige auf dem Papier.
Julia dreht sich zum Fenster. Sie will schreien, wütend sein, doch stattdessen rollen Tränen.
Warum hast du nie was gesagt?
Weil du ihn geliebt hast, sagt Mama und legt ihr die Arme um die Schultern. Und ich auch. Und er hat dich geliebt. Glaub mir, er tut es noch. Das Leben ist nur kompliziert.
Julia erinnert sich an die Abende mit Papa, an Donnerbach und Mäuslein, an die Geschenke, wie er ihr über den Kopf strich Das alles war echt.
Für sie war er wirklich der Beste.
Mit zwölf heiratet Mama Onkel Bernd.
Der Stiefvater ist nicht gemein, aber er ignoriert Julia, als existiere sie nicht.
Sie macht Abitur, studiert, findet einen Job, mietet eine kleine Wohnung. Das Leben geht weiter: Sorgen, Freunde, erste Liebeskummer. Über Papa denkt sie selten nach die Erinnerungen tun weh.
Doch dann ruft er an, nach Jahren, als wäre nichts gewesen.
Schatzi, hallo! Wie gehts? Job gefunden? Wohnst du schon allein?
Julia antwortet knapp, hält Abstand. Doch dann will er sich treffen.
Sie zögert, sagt schließlich zu.
In einem Café sieht sie ihn wieder. Er ist gealtert graue Schläfen, müde Augen. Doch als er Julia sieht, strahlt er wie früher, dieses Lachen, das ihr einst Bauchschmerzen bereitete.
Du bist so schön geworden, sagt er und zupft nervös am Ärmel. Ganz erwachsen.
Julia mustert ihn. Sie sieht nicht nur den besten Papa, sondern den Mann, der sie und Mama belog, ein Doppelleben führte.
Papa , beginnt sie. Ich weiß alles. Von deiner Familie. Dass du dort Kinder hast.
Er seufzt tief.
Julia Verzeih mir. Ich ich wollte nie, dass du leidest. Du bleibst meine Tochter, das ändert nichts. Aber ich war feige. Wollte alles euch nicht verlieren, sie nicht zerstören.
Julia schweigt. In ihr tobt ein Sturm. Sie will ihn umarmen und gleichzeitig wegstoßen, weglaufen, sich die Ohren zuhalten.
Weißt du, sagt sie schließlich, ich vergesse nie, wie wir zusammen gelacht haben. Donnerbach, Katz und Mäuslein. Für mich warst du immer der Lustigste, der Liebste. Aber den Schmerz vergesse ich auch nicht.
Papa senkt den Kopf.
Was kann ich tun, Julia? Damit du mir vergibst?
Sie sieht ihn an er ist alt geworden, hat nicht mehr die Kraft von früher. Was er am meisten fürchtet: sie ganz zu verlieren.
Weißt du was, sagt Julia. Sei einfach da. Ohne Geheimnisse, ohne Versprechen. Sei mein Papa, so wie du bist.
Er nickt, Tränen glänzen in seinen Augen.
Julia streckt die Hand aus, berührt seine. In diesem Moment spürt sie: Sie hat verziehen. Nicht für das, was er tat, sondern dafür, dass er trotzdem der Mensch blieb, den sie am meisten liebte mit all seinen Fehlern.
Jahre vergehen.
Julia bekommt eine Tochter ein blondes Mädchen mit großen braunen Augen. Sie nennt sie Marie.
Eines Tages kommt Papa zu Besuch. Ohne Eile, ohne Geheimnisse. Marie jubelt.
Opa ist da!, ruft sie und rennt zu ihm.
Papa kniet nieder, umarmt sie fest und lacht dieses helle Lachen, das Julia aus Kindertagen kennt.
Nach dem Abendessen erzählt er Marie Geschichten.
Weißt du, wie ein Soldat bei uns hieß?, fragt er geheimnisvoll.
Wie denn?
Donnerbach!, ruft er und breitet die Arme aus, als zeige er dessen breite Schultern.
Marie lacht genauso ansteckend wie Julia einst. Und Julia spürt, wie ihr Herz warm wird.
Sie weiß: Papa war nicht perfekt, er hat Fehler gemacht. Doch jetzt ist er ehrlich da, und Marie wächst mit einem Opa auf nicht mit einem Geheimnis.
Spät am Abend, als sie Marie ins Bett bringt, erinnert sich Julia an ihren weißen Hasen Lotte. Den, den Papa damals mitgebracht hatte. Und sie lächelt.
Das Leben ist anders geworden, als sie es sich als Kind erträumt hat. Doch wenn sie sieht, wie ihr Papa und ihre Tochter über dieselbe Geschichte lachen, weiß sie: Glück ist möglich. Es kommt nur anders, als man denkt.





