Als Nastja ihre Eltern verlor: Eine Geschichte über Verlust, Zusammenhalt, Mutterliebe und einen Vater, der das Glück sucht – Wie nach schweren Zeiten eine kleine Familie in einem deutschen Dorf zusammenwächst und Trost im Miteinander findet

Meine Eltern erinnere ich nur vage. Sie starben kurz nacheinander als ich noch klein war. Zuerst wurde mein Vater krank ich sehe meine Mutter noch an seinem Bett sitzen. Er konnte nicht mehr aufstehen. Schließlich war er fort. Nicht lange danach verließ auch meine Mutter uns ihr Herz versagte. So gingen sie beide, fast gemeinsam.

Großgezogen hat mich unsere Nachbarfamilie: Annemarie und Siegfried. Sie waren immer mit meinen Eltern befreundet gewesen und haben das Sorgerecht übernommen, denn ich hatte keinerlei Verwandtschaft mehr. Bei ihnen lebte auch ihr Sohn, Friedrich, drei Jahre älter als ich. Als ich langsam erwachsen wurde und eine junge Frau war, verliebte sich Friedrich in mich und ich mochte ihn auch. So ergab es sich, ich brauchte nicht weit zu suchen meine Zukunft fand ich direkt im Haus, in dem ich aufgewachsen war.

Wir heirateten und lebten im Haus meiner Eltern, das wir gründlich renovierten. Bald erwarteten wir ein Kind einen Sohn.

“Mariechen, ich kanns kaum glauben wir bekommen einen Sohn, unser Name lebt weiter! Ich werde ihn lieben, und dich sowieso!”, rief Friedrich begeistert.

Unser Sohn kam im Herbst zur Welt, spät nachts. Die Geburt war schwer, ich war ganz erschöpft, drehte mich zur Wand, schloss die Augen, atmete tief durch.

“Nun ist alles vorbei, der Sohn ist geboren. Ich kann ausruhen.”

Am Morgen brachte die Hebamme das Baby zur Zimmernachbarin, aber mir wurde mein Sohn nicht gebracht. Ich wurde unruhig:

“Wo ist mein Sohn? Warum bringen sie ihn mir nicht? Er muss doch auch gestillt werden!”

“Alles gut”, beruhigte mich die Schwester, “er schläft. Wenn er Hunger bekommt, meldet er sich.”

Am zweiten Tag brachte ihn wieder niemand. Ich musste weinen.

“Wo ist mein Kind, was ist passiert?”

Die freundliche Putzfrau, Frau Martha, murmelte, den Boden wischend:

“Weißt du, Kind, das sieht schlecht aus mit dem Kleinen der kann nicht mal ordentlich weinen.”

“Wie bitte? Was erzählen Sie da?”

“So ist es halt. Ich erlebe hier so vieles”

Da trat die Schwester zur Tür herein, blieb ruhig.

“Das Kind ist noch sehr schwach, ruht sich aus. Bekommt Vitamine per Tropf, alles wird gut.”

Endlich legten sie mir meinen Sohn in den Arm. Ich erschrak ein wenig so winzig war er, federleicht, der Kopf größer als das ganze Kind. Zuhause nahm Friedrich ihn entgegen.

Als ich ihn aus der Decke wickelte, bekam Friedrich einen Schock: Das Kind war sehr klein, mit großem Kopf und gläsernem Blick, gab kaum einen Laut von sich.

“Johann, meine kleine Seele”, sagte ich liebevoll, “jetzt wirst du gestillt. Wir schaffen das, mein Süßer. Gemeinsam wächst du heran.”

Friedrich aber stand wie vor den Kopf geschlagen.

“Was hast du da zur Welt gebracht?”, rief er aus, “Das verstehe ich nicht, der Kopf so groß, der Körper so winzig. Vielleicht ist das gar nicht unser Kind, vielleicht wurde es vertauscht?”

“Friedrich, was redest du? Das ist unser Johann. Er ist halt so geboren worden. Er wird wachsen, alles wird gut. So hat es auch die Ärztin gesagt.”

Mit aller mütterlichen Liebe kümmerte ich mich um Johann, badete ihn vorsichtig Friedrich hielt Abstand, kam kaum je zu uns. Eine Woche später erklärte er mir abrupt:

“Ich habe gekündigt. Ich ziehe weg, in den Landkreis. Ich will das nicht sehen. Ich will ein gesundes, normales Kind. Machs gut.”

Das sagte er so schnell, dass ich kaum reagieren konnte und schon war die Tür zu. Die Koffer hatte er offenbar längst gepackt.

Ich sah ihn noch das Hoftor hinausgehen, er kehrte nicht mal bei seinen Eltern ein, sondern ging direkt Richtung Bushaltestelle. Den Schwiegereltern verkündete ich selbst, was passiert war mit Johann auf dem Arm, unter Tränen.

“Friedrich hat uns verlassen Sagt, er wollte so ein Kind nicht, hat seinen Job aufgegeben und ist weggezogen.”

“Ach du meine Güte, was macht der Junge nur,” klagte Annemarie, während Siegfried kühl sagte:

“Egal, Marie. Wir schaffen das.”

So blieben Johann und ich allein mit den Schwiegereltern, die praktischerweise gleich nebenan wohnten. Wir halfen uns gegenseitig, so gut wir konnten. Annemarie bereitete Kräuterbäder zur Stärkung, half mir beim Baden des Enkels. Siegfried, schon gehbehindert, schleppte mit Stock ein bisschen Feuerholz und Wassereimer vom Brunnen. Wir meisterten das Leben und lachten zusammen, wenn wir abends beim Tee saßen.

Johann wurde kräftiger, lebhafter und liebte seinen Opa Siegfried innig. Immer wollte er zu ihm. Der Großvater war ganz vernarrt, ließ ihn nicht los von seinem Arm. Johanns erste Schritte sah ich mit Tränen vor Glück: Schwankend kam er direkt in meine Arme, während ich in der Hocke auf ihn wartete. Ich hob ihn hoch und drehte mich mit ihm lachend durchs Zimmer.

“Mein lieber, goldener Johann! Ich hab es immer gewusst alles wird gut.”

So machte ich mich mit Johann auf zu den Schwiegereltern, stellte ihn auf die Beine und rief: “Schaut mal!” Das Kind lachte und tappte stolz über den Teppich. Die Großmutter weinte, der Großvater sagte lächelnd:

“Jetzt ist es soweit unser Enkel läuft! Ach”

Er wollte noch etwas hinzufügen, schwieg aber. Ich wusste, was er dachte: Er schalt insgeheim seinen Sohn.

Jedenfalls erwartete ich nicht, dass Friedrich je wieder zurückkehrte.

Fünf Jahre vergingen seit Friedrichs Fortgang. Vieles geschah. Annemarie und Siegfried halfen mir, wenn sie konnten aber leider nicht lange. Fast zwei Jahre ist es her, dass Siegfried gestorben ist, und nach fast einem Jahr folgte Annemarie. Friedrich ist nie heimgekehrt. Am Sterbebett weinte meine Schwiegermutter:

“Verzeih uns, Marie. Verzeih unserem Sohn er ist gegangen. Verzeih. Du bist selbst Mutter, du verstehst mich. Friedrich bleibt doch mein Sohn. Bitte, vertreib ihn nicht, falls er je zurückkommt. Versprich es mir”

Ich gab ihr das Versprechen wenigstens damit sie getrost gehen konnte. Ich hab sie selbst beerdigt. Nun waren Johann und ich allein, mein Sohn wuchs zu einem klugen, verständigen Kind heran. Wenn ich Holz trug, wollte auch er mit anpacken ich lobte ihn:

“Du bist mein kleiner Hausherr, mein Helfer”, und er grinste stolz.

Mit sechs Jahren spielte er im Hof, als sich das Tor leise öffnete und Friedrich leise hereinkam. Johann, Schmetterlinge fangend, blieb stehen, sah ihn neugierig an.

“Guten Tag”, sagte Johann höflich. “Wer sind Sie? Ich kenne Sie nicht”

“Ich äh” stotterte Friedrich, “Ich bin Friedrich Siegfriedson also Siegfrieds Sohn”

“Ich heiße Johann. Mama nennt mich Johnny”, erwiderte mein Sohn.

Friedrich starrte ihn an, ließ sich wortlos auf die Bank fallen.

“Was hast du gesagt? Du bist Johann?” Seine Augen wurden feucht.

Der hübsche, kräftige Junge sagte: “Nicht weinen. Mama sagt immer: Männer weinen nicht Sind Sie vielleicht mein Papa?”

Friedrich brach in Tränen aus. Wie liebevoll Johann “Papa” sagte, das rührte ihn zu Tränen.

Da kam ich auf die Veranda und blieb auch erstmal sprachlos sitzen.

“Du Friedrich?”

“Mama, ist er mein Papa? Ich weiß es du hast immer gesagt, er kommt zurück!”

Ich nahm meinen Sohn in den Arm.

“Ja, Johnny, das ist dein Papa.”

Friedrich sank auf die Knien auf die erste Stufe, flehte:

“Marie, es tut mir so leid, bitte verzeih. Ich hatte Angst und hab euch verlassen. Verzeih mir”

Johann kam zu ihm, umarmte ihn um den Hals. Ich schwieg. Aber Friedrich sah an meinen Augen, dass ich ihn vergeben konnte mein Herz sagte es ihm.

“Wo sind meine Eltern? Ich bin gleich zu euch gekommen, war noch nicht bei ihnen”, fragte er.

“Sie sind jetzt an einem besseren Ort, wir haben sie beerdigt,” sagte ich, zeigte zum Friedhof.

So standen wir später zu dritt am Grab von Annemarie und Siegfried. Friedrich brach zusammen, schlug schluchzend auf die Erde.

“Verzeiht mir, Mama, Papa bitte”

Johann und ich standen schweigend da. Auf dem Rückweg hielt Johann kleine Hand in meiner und Friedrichs.

“Papa, du weinst jetzt nicht mehr, oder?”

“Nein, mein Sohn. Ich weine nicht mehr. Ich verspreche, ich tus auch nie wieder.”

“Gott, Marie, wie habt ihr das nur durchgestanden ohne mich?”

“Ach, irgendwie”, antwortete ich. “Deinen Eltern verdanke ich alles. Sie haben geholfen, wo sie konnten wir haben zusammengehalten.”

“Ja, Papa”, sagte Johann ernst, “Mama hat immer gesagt: Danke, Oma Annemarie, Opa Siegfried. Ich war ja ganz schwach nach der Geburt, und Opa hat immer gesagt: ‘Wird schon.’ Sieh mal, wie groß ich geworden bin! Ich komm nächstes Jahr in die Schule, stimmt, Mama?”

Er zupfte an meiner Hand.

“Ich hab Opa immer mit dem Löffel gefüttert, als er krank war, und Oma auch. Und immer gebeten, dass sie doch was essen.”

Friedrich biss sich auf die Lippen und dachte:

“Ich ein starker Mann bin davongelaufen vor den Schwierigkeiten. Für mich war das alles zu viel Aber mein Sohn hat alles durchgestanden und ist gesund geworden. Und Marie! Alles hat sie gestemmt, auf ihren schmalen Schultern. Als es schwer wurde, bin ich einfach zurück nach Hause gerannt. Jetzt hab ich einen so tollen Jungen und eine wunderbare Frau.”

Was in mir vorging, wusste Friedrich nicht. Ob ich alles einfach vergessen, verzeihen und ihn wieder aufnehmen konnte? Wäre es richtig? Aber wie Johnny jetzt seine Hand nach dem Vater ausstreckte Wir sollten eine Familie sein, zusammenhalten. Und das Versprechen an meine Schwiegermutter

Als Johann abends schlief, saßen Friedrich und ich am Tisch. Er dachte: Schickt sie mich jetzt weg?

Leise sagte ich:

“Deine Mutter bat mich vor ihrem Tod: Wenn mein Sohn zurückkommt, bitte schick ihn nicht fort Das hab ich ihr versprochen.”

Friedrich atmete auf.

“Danke, Marie. Ich werde euch nie mehr wehtun, weder dir noch unserem Sohn. Ihr seid mein größter Schatz.”

Wie einige Zeit später Friedrich Johnny fragte:

“Sag mal, Sohn, wie fändest du es, wenn du eine kleine Schwester bekommen würdest?”

“Find ich gut”, meinte Johann ernst. “Aber ihr schafft das schon allein ich bin ja dann in der Schule!”

“Wir schaffen das, mein Junge. Ganz bestimmt.”

Danke, dass ihr mein Tagebuch gelesen habt und für eure Unterstützung. Alles erdenklich Gute auf eurem Weg.

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Homy
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Als Nastja ihre Eltern verlor: Eine Geschichte über Verlust, Zusammenhalt, Mutterliebe und einen Vater, der das Glück sucht – Wie nach schweren Zeiten eine kleine Familie in einem deutschen Dorf zusammenwächst und Trost im Miteinander findet
Der Preis der Einheit