Weißt du, Papa, komm lieber erst einmal nicht zu uns. Jedes Mal, wenn du gehst, fängt Mama an zu weinen. Und sie weint die ganze Nacht.
Ich schlafe ein, wache auf, schlafe wieder ein, wache erneut und immer sitzt Mama da und weint. Ich frage sie: Mama, warum weinst du? Wegen Papa?
Aber sie sagt, sie würde gar nicht weinen, sie hätte bloß Schnupfen. Aber ich bin doch schon groß und weiß, dass so ein Schnupfen keine Tränen in der Stimme macht.
Oles Vater saß mit seiner Tochter im Café am Berliner Alexanderplatz und rührte gedankenverloren in seiner winzigen weißen Kaffeetasse, deren Inhalt längst kalt geworden war.
Ole hatte ihr Vanilleeis noch nicht angerührt, obwohl es vor ihr in der Glasschale ein kleines Kunstwerk war bunte Kugeln, verziert mit einem grünen Minzblatt und einer Kirsche, alles mit einer Schicht dunkler Schokolade überzogen.
Jede sechsjährige deutsche Mädchen hätte sich darauf gestürzt. Aber die kleine Ole nicht, sie hatte schon vergangenen Freitag entschieden, dass sie mit Papa ein ernsthaftes Gespräch führen muss.
Papa schwieg sehr lange, und dann fragte er schließlich:
Und was machen wir jetzt, mein Schatz? Sollen wir uns gar nicht mehr sehen? Wie soll ich dann leben
Ole verzog die Nase, so wie ihre Mama das tat, ein bisschen knubbelig, kam ihr in den Sinn, und sagte:
Nein, Papa. Ich kann auch nicht ohne dich. Lass uns Folgendes machen: Ruf Mama vorher an und sag ihr, dass du mich jeden Freitag aus dem Kindergarten abholst.
Wir gehen zusammen spazieren und wenn du Kaffee willst oder ich Eis, dann können wir ja ins Café gehen. Ich erzähle dir dann alles über das, was wir mit Mama erleben.
Nach einer Weile dachte sie nach und fügte hinzu:
Und wenn du Mama sehen möchtest, mache ich jede Woche ein Foto mit meinem Handy und zeige es dir. Ist das gut?
Papa schaute seine kluge Tochter nicht direkt an, sondern lächelte nur und nickte:
Gut, so machen wir das, mein Kind
Ole atmete tief durch, erleichtert. Sie nahm endlich ihr Eis. Doch das Wichtigste musste sie noch sagen. Mit Schokoladeneis als Bart unter der Nase schleckte sie und wurde wieder ernst, beinahe erwachsen.
Beinahe eine Frau, die sich Sorgen um ihren Mann macht auch wenn er schon älter ist. Vergangene Woche hatte Papa Geburtstag gehabt. Ole hatte ihm im Kindergarten eine Karte gemalt, auf die sie die riesige Zahl 28 geschrieben hatte.
Das Gesicht des Mädchens wurde wieder ernst, sie zog die Augenbrauen zusammen und sagte:
Ich finde, du solltest heiraten
Und sie log großzügig dazu:
Du bist ja nicht so richtig alt
Papa verstand die freundliche Lüge und schmunzelte:
Nicht so richtig, sagst du
Ole plapperte weiter:
Nein, wirklich nicht! Sieh dir Onkel Sebastian an, der schon zweimal bei Mama zu Besuch war. Und der ist sogar ein bisschen kahl oben
Sie strich sich über den Kopf, um das zu demonstrieren. Dann merkte sie, wie Papas Blick sich scharf auf sie richtete sie hatte wohl Mamas Geheimnis verraten.
Sie presste beide Hände über die Lippen und riss die Augen weit auf, das bedeutete: Erschrocken und verlegen.
Onkel Sebastian? Welcher Onkel Sebastian kommt denn ständig vorbei? Ist das nicht Mamas Chef? fragte Papa halb laut, dass man es im halben Café hören konnte.
Ich weiß es nicht, Papa stammelte Ole angesichts seiner Reaktion. Vielleicht ist er ihr Chef. Er bringt mir Bonbons und uns Kuchen
Und, Ole überlegte, ob sie das wirklich sagen sollte, er bringt Mama Blumen.
Papa verschränkte die Finger und starrte lange auf seine Hände. Ole spürte, dass er gerade jetzt eine ganz große Entscheidung traf in seinem Leben.
Deshalb wartete die junge Frau geduldig. Sie wusste inzwischen, mehr ahnend als wissend, dass Männer immer erst nachdenken müssen und manchmal angeschubst werden müssen und zwar von einer Frau, bestenfalls von einer, die ihm am meisten bedeutet.
Papa schwieg und schwieg und endlich fasste er einen Entschluss. Er seufzte laut, hob den Kopf und sagte Hätte Ole schon ein paar Jahre mehr gehabt, sie hätte gewusst, in welcher tragischen Stimme er es sagte, wie Othello zu Desdemona.
Aber sie kannte weder Othello noch Desdemona, noch andere große Liebende. Sie sammelte gerade erst Lebenserfahrung, sah, wie die Menschen sich über Kleinigkeiten freuen und auch leiden.
Also sagte Papa:
Komm, mein Kind. Es ist spät. Ich bring dich nach Hause. Und ich spreche mit Mama.
Worum Papa mit Mama sprechen wollte, fragte Ole nicht. Aber sie verstand, dass es wichtig war und löffelte hastig ihr Eis leer.
Dann begriff sie, dass die Entscheidung von Papa viel wichtiger war als das leckerste Eis der Welt. Sie ließ die Löffel auf den Tisch klirren, rutschte vom Stuhl, wischte sich die Lippen sauber, schniefte mit der Nase und sah Papa direkt an:
Ich bin bereit. Lass uns gehen
Sie gingen nicht, sie rannten fast nach Hause. Genauer gesagt: Papa rannte. Aber Ole hielt er an der Hand, und so flog sie beinahe hinterher, wie eine Flagge im Wind.
Als sie ins Treppenhaus kamen, schlossen sich die Fahrstuhltüren gerade, und irgendwer fuhr hinauf. Papa schaute sie ratlos an. Ole blickte von unten zu ihm hoch und fragte:
Na, was ist? Worauf warten wir? Siebter Stock ist nicht so weit
Papa nahm sie in die Arme und stürmte die Treppe hoch.
Als Mama endlich nach den langen, nervösen Klingeln die Tür öffnete, begann Papa direkt mit dem Wichtigsten:
Das kannst du nicht machen, wirklich nicht! Wer ist dieser Sebastian? Ich liebe dich doch. Und Ole haben wir auch!
Dann schlang er den Arm um Mama Ole hielt ihn immer noch fest und umarmte sie beide. Ole schlang ihre kleinen Arme um beide Hälse und schloss die Augen. Die Erwachsenen küssten sich
So war das damals, als ein kleines Mädchen zwei unbeholfene Erwachsene versöhnt hat. Denn sie liebte beide, und sie liebten sie und einander aber hielten an Stolz und alten Verletzungen fest
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