Wenn man dir so zuhört, dann wäre ein ausgedienter Putzlappen auch ein erstklassiger Bräutigam. Liegt brav in der Ecke, hält den Mund, nimmt kaum Platz weg. Im Haushalt sogar nützlich, nicht wahr? Gisela bohrte ihren skeptischen Blick in ihre Freundin.
Friederike verschluckte sich fast an ihrem Kamillentee.
Gisela, du übertreibst echt. Bei Matthias ist es bloß ne schwere Phase, murmelte sie und blickte auf ihre Hände. Er hat sich doch so reingekniet vor unserer Hochzeit. War am Ende. Er braucht einfach Zeit.
Zeit? Gisela lachte leise auf, als würde sie ein seltsames Geräusch im Zimmer hören. Fredi, wach mal auf. Der erholt sich seit einem halben Jahr. Kannst du dir so einen Luxus leisten? Eben nicht. Weil du geschnallt hast, dass du für diesen ausgewachsenen Mann verantwortlich bist. Aber von ihm kommt nix zurück. Er bekommt nicht mal sein eigenes Leben auf die Reihe. Und wenn du morgen, Gott bewahre, auch mal ausfällst, was dann? Glaubst du, der bewegt auch nur einen Finger?
Also, so ist Matthias nicht Friederike stockte, irgendwas in ihr flüsterte: Doch, genau so ist er eigentlich. Und ich kann ihn doch jetzt nicht verlassen, ausgerechnet jetzt. Wir sind schließlich eine Familie
Was hat er in all den Jahren Gutes für dich getan? Sitzt dir auf dem Rücken und treibt dich noch an?
Friederike wandte sich nach draußen. Hinter der Fensterscheibe war es nass, grau, versponnen wie in ihrem Inneren. Der Regen spülte den Staub von den engen Straßen Münchens, so wie der Alltag ihre Verliebtheit abgespült hatte. Als sie geheiratet hatten, hatten sie gemeinsam begonnen, Euros für eine Eigentumswohnung zu sparen. Heute bat Fredi ihre Eltern freundlich um einen kleinen Kredit, um Matthias einen Wintermantel zu kaufen.
Und was schlägst du vor? fragte Friederike müde, ohne Gisela anzusehen. Soll ich ihn rauswerfen?
Wäre doch was. Aber wenn du noch nicht soweit bist Gib ihm wenigstens einen Tritt. Irgendeinen richtigen, plötzlichen Anreiz. Nichts, was Jahre dauert, wie so ein Hauskauf, sondern etwas, das ihn sofort aus dem Quark kommen lässt, Gisela runzelte die Stirn. Behaupte doch einfach, du seist schwanger.
Friederikes Augen wurden riesig. Sie starrte Gisela entsetzt an.
Spinnst du? Mit so was spaßt man nicht! Das ist unfair!
Aber auf Kosten der Ehefrau leben ist okay, was? konterte Gisela messerscharf. Hört mal, ihr seid sowieso Mann und Frau. Du wolltest doch immer Kinder. Dann wirst du schon sehen: Wenn er ein ordentlicher Kerl ist, schüttelt ihn die Nachricht so auf, dass er sofort einen Job sucht irgendeinen. Und wenn nicht Dann kannst du dir rechtzeitig die Konsequenzen überlegen.
Die Bahnfahrt nach Hause verwandelte sich ins Gehen durch Sirupsand. Friederike driftete zwischen Schuldgefühlen und der Erkenntnis, mit Anlauf ins Nichts zu marschieren. Lügen wollte sie Matthias nicht, Ehrlichkeit war schließlich ihr heiligstes Band. Doch war er das überhaupt je mit ihr gewesen?
…Als sie sich vor drei Jahren kennenlernten, war Matthias ein anderer Mensch.
Friederike Tochter aus soliden Verhältnissen, behütet im Altbau in Heidelberg. Sie war an ein gewisses Maß an Komfort gewöhnt. Und dann kam Matthias, kein Vitamin-B, kein dicker Kontostand, dafür dieser liebevolle, fast sanfte Blick Neben ihm fühlte sie sich geborgen. Wenn sie krank war, brachte er ihr Hühnersuppe aus der Apotheke, ließ alles stehen und liegen. Wenn sie traurig war, spurtete er zum Kiosk und kaufte Ritter Sport Marzipan.
Zwei Träume teilten sie. Den ersten: eine eigene Wohnung. Den zweiten: eine richtige Hochzeit. Friederike stellte sich seit Kindertagen vor, wie sie ein weißes Kleid wählte, Tauben fliegen ließ, später verliebt die Fotos betrachtete. Sie wollte in einem alten Gasthaus im Zentrum feiern, dann im Holzbungalow im Schwarzwald einen zweiten Hochzeitstag zelebrieren.
Natürlich hätte sie auch auf kleinerem Fuß gelebt, aber Matthias schien alles zu verstehen, wusste, dass eine Billighochzeit den Eltern übel aufstoßen würde. Er wollte der Welt beweisen, dass er sie verdient hatte. Mit Nachtschichten, Bundesbahn-Jobs, allem, was ging, damit Friederike sich als Prinzessin fühlen konnte.
Dabei saß auch sie nicht nur herum. Sie arbeitete in einer Steuerkanzlei, verdiente so viel wie Matthias mit zwei Jobs zusammen. Beide legten, Seite an Seite, ihre Euros zurück.
Wir schaffen das alles, versprach Matthias, kaum dass er abends die Augen aufhalten konnte. Für dich und unsere Zukunft.
Und tatsächlich, die Hochzeit war ein Traum. Danach drehte sich alles, als hätte jemand das Kopfkissen umgedreht.
Erst der Urlaub, den Matthias zu großen Teilen vor dem Computer verbrachte. Friederike kam erschöpft heim, kochte für zwei, spülte, während Matthias sich in neue Gaming-Erfolge vertiefte.
Matthias, hättest du die Hühnchenfilets wenigstens auftauen können? Ich hatte dich doch darum gebeten
Sorry, Liebling. Habs verpennt! Sonnenschein, sei mir nicht böse Ich bin echt erledigt, der ganze Hochzeitsstress, da bleibt nix hängen im Kopf
Sie nahm es nicht krumm. Mal ist man eben am Ende. Sie hielt den Laden zusammen und war überzeugt, dass er eines Tages auch für sie da wäre. So stellte sie sich Ehe vor.
Doch nach dem Urlaub erst Überstundenabbau, dann Krankschreibung. Dann der Satz: Sie haben mich entlassen.
Nicht schlimm, ich find was Neues, zuckte Matthias gleichgültig die Schultern. Aber erstmal bisschen entspannen, bevors weitergeht
Friederike protestierte nicht. Einen Monat, dann der zweite, dann der dritte… Die Ersparnisse schrumpften, die Eigentumswohnung war ein ferner Traum, Matthias wurde zur Computerverlängerung. Ab und zu deckte er den Tisch oder fegte rasch über den Boden, doch das wars.
Als Fredi abends nach Hause kam, fand sie Matthias an exakt derselben Stelle vor wie morgens vor seiner leuchtenden Konsole, umgeben von stillen Energiendosen. Er vergrub sich in sein Spiel und drehte sich nicht einmal um.
Matthias, ich bin wieder daheim, rief Friederike.
Ja, Sekunde, murmelte er. Lass mich noch bis zum Levelende zocken. Hast du Lust auf Pizza?
Die Worte klangen, als steckten sie in Watte, so, als seien Geld, Mühe und Realität ganz weit weg. So, als würde Friederike schon alles regeln, Hauptsache, er fühlte sich wohl.
Da schossen Giselas Worte wieder durch ihren Kopf. Das Mitleid platschte aus ihr heraus wie lauwarmes Spülwasser. Plötzlich blieb nur Entschlossenheit. Sie wollte jetzt wissen, was eigentlich noch zu retten war oder schleppt sie nur noch Ballast?
Matthias, mach jetzt mal Pause. Ich muss dir was sehr Wichtiges sagen.
Er knurrte, zog schließlich doch einen Kopfhörer runter.
Was denn?, murrte er.
Matthias Wir bekommen ein Kind.
Gleichzeitig huschten Zweifel, Staunen, dann ein überdrehter Hundeblick über sein Gesicht. Blitzartig warf er den Controller weg, sprang auf.
Wirklich? Du bist schwanger? Er hob sie einfach hoch.
Er wirbelte sie durchs Wohnzimmer, fast so, als wollten gleich Lampe und Realität herabstürzen. Friederike fühlte einen Kloß im Hals. Sie hatte mit Panik gerechnet, mit Beschwerden, doch er strahlte nur. Er drückte sie, küsste erst ihre Wange, dann den Bauch. Murmelte etwas davon, der beste Papa der Welt zu werden. Für einen Moment glaubte sie, dass ihr alter Matthias zurück sei.
Morgen fange ich an zu suchen. Versprochen. Damit ist Schluss. Jetzt hab ich Verantwortung. Irgendwie schaffe ich das schon.
Friederike brach in Tränen aus. Matthias hielt das für Glück. Nur war es ein Gemisch aus Erleichterung und bitterer Scham.
Die nächste Woche verging wie im Morgendunst eines fernen Frühlingsmorgens. Matthias stand mit ihr auf, servierte Frühstück, rasierte sich, zog ein weißes Hemd an und verschwand. Immerhin: Ein Spiegelei lag jetzt auf dem Tisch. Abends aktualisierte er Lebensläufe, checkte digitale Jobportale, schrieb Bewerbungen. Es schien, als würde alles besser.
Am siebten Tag war der Zauber brüchig. Also lockte Friederike ihn, gemeinsam die Babyausgaben zu kalkulieren: Kinderwagen, Bettchen, Babyschale und schon jetzt mehr Geld für Ernährung, Vitamine, Kleidung. Wenigstens in der Theorie.
Doch am nächsten Tag verpuffte die Seifenblase.
Als Friederike heimkam, saß Matthias vor genau jenem Zettel, in dem sie die Zahlen notiert hatten. Er starrte darauf, als wollte er die Beträge mit der Kraft der Gedanken schmelzen lassen.
Hallo! rief sie, so fröhlich sie konnte. Du hattest doch heute das Vorstellungsgespräch, oder? Und?
Ich bin nicht hingegangen.
Was? Wieso?..
Setz dich, Fredi. Wir müssen reden.
Sie setzte sich, ihr Puls trommelte.
Ich hab da mal gerechnet Windeln, Ärzte, Klamotten, Kita, später die Schule Das überfordert uns. Wir schaffen das nicht.
Was meinst du? Du hast doch gesagt, du suchst einen Job. Ich arbeite, es gibt Elterngeld
Fredi, im Ernst! er schrie plötzlich. Die Zeiten sind mies, es gibt keine vernünftigen Stellen. Ich lass mich doch nicht für Mindestlohn im Lager kaputtmachen! Dann kann ich gleich das Geld für die Reha sparen. Mit Kind rutschen wir erst recht ins Minus. Wozu das alles? Wir sind noch jung! Wir sollten erstmal leben!
Der rosarote Palast bröckelte. Vor ihr saß wieder ein Junge, der seine Trägheit mit Ausreden kaschierte.
Und was schlägst du jetzt konkret vor?
Also, äh Du bist ja noch nicht lange schwanger, oder? Es gibt ja andere Möglichkeiten.
In diesem Moment knisterte etwas in Friederike, es riss etwas ab.
Du willst? Oh Gott, ich kann das gar nicht aussprechen. Nur weil du zu faul bist, arbeiten zu gehen?
Jetzt übertreibst du aber! Ich sage nur: Lass uns das nochmal besprechen, wenn wir ein Eigenheim haben.
Was für eine Wohnung denn? Das ganze Geld ging für deinen Urlaub drauf. Und du willst ja gar nichts verdienen. Wann, Matthias? Nie?
Jetzt hör auf, mich unter Druck zu setzen! Ich will nur unser Bestes. Was, wenn was passiert? Wenn du dann nichts hast, nicht mal Socken? Sei realistisch, Fredi. Wir sind nicht bereit.
Friederike stand auf. Innen war alles leergebrannt wie nach einem Waldbrand und trotzdem schmerzte es. Ihre Gefühle für Matthias stoben wie Asche davon. Jetzt blieb nur Verachtung.
Recht hast du, sagte sie leise. Du bist nicht bereit. Du willst kein Mann sein, Hauptsache deine Haut bleibt trocken.
Ohne ihn anzusehen, verschwand sie im Schlafzimmer. Die Sachen landeten wahllos im Koffer. Matthias schnaubte erst beleidigt, versuchte sie aufzuhalten, doch da war längst alles entschieden.
An der Tür drehte Fredi sich um.
Übrigens: Es gibt kein Kind. Ich hab gelogen.
Was?
Ich bin nicht schwanger. Ich wollte einfach wissen, ob du dich jemals für unsere Familie zusammenreißen würdest. Aber du Du tust alles, um bloß nicht arbeiten zu müssen.
Du bist fauchte er, mit flackernden Wangen. Du hast mich hinters Licht geführt, echt!
Wer hier wen ausgenutzt hat Tschüss, Matthias. Die Miete ist noch bis Monatsende bezahlt. Dann musst du sehen, wie du klarkommst.
Sie trat hinaus, vorbei an seinen wutverzerrten Beschimpfungen, hinaus aus dem dunklen Sumpf, an dessen Grund sie monatelang erstickt war. Die Tür schloss sich, schnitt sie ab von Schweißgeruch, alten Jogginghosen und all dem, was ihr Leben grau gemacht hatte.
Fünf Jahre verstrichen
Als Friederike Matthias endlich abgeschüttelt hatte, merkte sie, dass Sparen auf einmal gar nicht so schwer war. Heute hatte sie ihre eigene Wohnung in Köln, zwar als Baufinanzierung, aber immerhin. Und sie hatte einen riesigen rotbraunen Kater, eine Maine-Coon namens Fritzchen. Jetzt rieb er schnurrend an ihren Beinen.
Na, mein Dicker, hast du mich vermisst?
Sie ging in ihre helle Küche ihre Küche. Die Rate fraß zwar einen Teil ihres Gehalts, aber: Jede Überweisung war ersehnt. Eine Investition kein Grab für enttäuschte Gefühle.
Was Matthias anging, war er vom Erdboden verschluckt. gemeinsame Bekannte erzählten, er sei wieder bei seinen Eltern in Augsburg eingezogen, dann zu einer älteren Frau gezogen und auch dort nicht geblieben. Es kümmerte Fredi nicht.
Das Handy brummte in der Tasche.
Bin in einer Stunde da. Habe Tickets fürs Schauspielhaus, wie versprochen.
Eine Nachricht von Paul. Friederike lächelte. Sie kannten sich jetzt ein Jahr. Paul versprach nicht, Sterne vom Himmel zu holen, besorgte aber überraschend Theaterkarten. Reparierte auch mal die Waschmaschine oder baute ein Regal zusammen, ohne großes Gewese.
Doch Friederike hatte es nicht eilig, mit ihm zusammenzuziehen. Diese Phase war ihr lieb: gemeinsam, aber getrennt. Sie schätzte ihr Stück Freiheit. Trotzdem schloss sie nichts mehr aus außer, dass nochmal jemand auf ihrem Rücken surfte.





