Mir müsste mal jemand den Wasserhahn reparieren so, wie man es unter Nachbarn macht.
Anscheinend haben wir einen neuen Nachbarn auf dem Stockwerk, sagte Julia eines Abends beiläufig.
Thomas griff gerade nach einer Dose Butterkekse, verharrte aber mitten in der Bewegung.
Wie meinst du das? Ist jemand eingezogen?
Direkt gegenüber. Blond, heißt Annalena.
Julia nippte an ihrem Kaffee und beobachtete Thomas Reaktion. Der zuckte nur mit den Schultern, als hätte sie ihn von wichtigen Gedanken über das Abendessen abgebracht.
Na und? Es ziehen ständig Leute ein.
Julia stellte die Tasse ein wenig zu fest auf den Tisch. Ein paar Tropfen Kaffee schwappten über den Rand.
…Die ersten Wochen waren tatsächlich ruhig. Julia begegnete Annalena im Treppenhaus stets wurden nur höfliche Lächeln und knappe Grüße ausgetauscht. Annalena schien eine sympathische junge Frau zu sein, gepflegt, lebensfroh, mit einer wilden, hellblonden Mähne und einem aufhellenden Lachen. Nichts Auffälliges.
Doch das änderte sich bald.
Sie verhält sich irgendwie seltsam, meinte Julia, während sie ein Geschirrtuch um die Finger wickelte. Irgendwie steht sie ständig im Flur herum. Besonders dann, wenn du aus der Wohnung gehst.
Thomas schnaubte.
Wir wohnen im selben Haus ist doch logisch, dass man sich mal begegnet.
Jeden Morgen? Jeden Abend? Genau dann, wenn du zur Arbeit gehst oder zurückkommst?
Julia erinnerte sich daran, wie sie Annalena letzte Woche am Fahrstuhl traf. Die stand da und studierte mit ernster Miene den Aushang der Hausverwaltung als stände dort das Rezept für das Glück. Doch kaum kam Thomas um die Ecke, verlor der Aushang seine Anziehungskraft, und Annalena wandte sich ihm zu, mit einem strahlenden Lächeln, bei dem Julia leise genervt aufstöhnte.
Ach, Thomas! Wie praktisch, dass ich Sie treffe! Mein Wasserhahn tropft, und der Handwerker kommt erst nächste Woche. Hätten Sie eventuell kurz Zeit…?
Natürlich half Thomas aus. Kam eine Stunde später zurück mit dem Gesichtsausdruck eines Helden.
War nur die Dichtung, nichts Wildes. Hab ich ausgetauscht.
Drei Tage darauf blieb Annalena mit dem Bücherregal in der Tür stecken, eine Woche später ging das Schloss nicht, weitere zehn Tage hats in der Sicherung geknackt.
Sie lauert dir auf, sagte Julia, sah ihren Mann dabei fest an.
Thomas rieb sich die Nasenwurzel.
Julia, das bildest du dir ein. Sie wohnt allein, klar dass sie mal Hilfe braucht. Soll ich sie einfach abweisen?
Julia hätte noch von Annalenas blonden Haaren erzählen können, wie sie die immer wieder schwungvoll über die Schulter warf, sobald Thomas in Sicht war. Oder vom tiefen Ausschnitt. Aber sie schwieg Thomas hätte ohnehin nur abgewunken.
Dann wurden Annalenas Besuche regelmäßiger.
Das erste Mal stand sie mit einem Apfelkuchen an der Tür, rötliche Wangen, stolz wie Bolle.
Ich hab gebacken! Allein schaffe ich das nie, möchten Sie probieren?
Julia nahm das Blech entgegen, ihr war ein bisschen übel. Nicht vom Kuchen, sondern von Annalenas süßlicher Freundlichkeit.
Drei Tage später war Annalena wieder da diesmal mit einer Frage zu ihrem Internetanbieter.
Thomas, können Sie mir einen Tarif empfehlen? Mein WLAN spinnt ständig…
Unaufgefordert kam sie in die Wohnung, setzte sich neben Thomas auf das Sofa nicht ans andere Ende oder in den Sessel, sondern so dicht, dass sich beinahe ihre Knie berührten. Sie redete viel, lachte übertrieben, warf den Kopf zurück und zeigte ihren langen, schlanken Hals.
Und immer wieder berührte sie Thomas Arm: Echt?, Antippen. Sie sind ja ein Schatz!, wieder ein Antippen. Ach, das wusste ich gar nicht!, nochmal.
Julia saß im Sessel gegenüber, ihre Finger krallten sich in die Armlehne, Nägel in der Handfläche.
Und Thomas? Der lächelte bloß sein freundliches Lächeln, machte Witze, zog keine Grenzen. Kein Entschuldigen Sie, ich bin verheiratet. Kein Vielleicht fragen Sie dazu besser einen Fachmann.
Merkst du eigentlich, wie sie sich verhält?, fragte Julia, nachdem Annalena gegangen war.
Wer denn? Annalena? Was macht sie denn?
Julia verdrehte die Augen.
Sie macht sich hemmungslos an dich ran.
Thomas lachte.
Ach, Quatsch. Sie ist halt offen. Wir sind Nachbarn.
Offen? Sie hat sich fast auf deinen Schoß gesetzt!
Du übertreibst.
Die Spannung kroch durch die Wohnung wie das Knistern in der Luft vor einem Sommergewitter. Julia versuchte, es zu erklären, ihn darauf aufmerksam zu machen, aber Thomas wich aus. Männliche Blauäugigkeit oder absichtliches Wegsehen, sie wusste es nicht mehr.
Die Besuche gingen weiter. Annalena kam abends für etwas Salz, morgens für einen Tipp zur Heizungsregelung, tagsüber einfach so auf einen Plausch. Immer genau dann, wenn Julia einkaufen war oder ihre Mutter besuchte. Zufall? Julia glaubte längst nicht mehr an Zufälle.
An einem Abend kam sie früher zurück und erwischte Annalena in der Küche.
Ach, Julia!, säuselte Annalena. Ich wollte nur kurz fragen, mein Router spinnt wieder…
Julia erwiderte nichts. Sie nahm Annalenas Tasse, goss die Reste in die Spüle und stellte sie demonstrativ ins Becken.
Annalena war nach fünf Minuten weg. Kam aber direkt am nächsten Tag wieder.
Auch an diesem Abend. Kaum war Thomas nach Hause gekommen und Julia berichtete ihm genervt von ihren Beobachtungen, klingelte es.
An der Tür stand Annalena.
Julia musterte sie. Kurzes, enges Kleid in Kirschrot, so als wäre es auf den Leib geschneidert. Der Ausschnitt war so tief, dass man darin hätte verschwinden können. Die Lippen knallrot. Sie sah aus, als wollte sie nicht zu den Nachbarn, sondern auf das Titelblatt eines Hochglanzmagazins. In der Hand hielt sie eine Flasche Weißwein.
Guten Abend! Ist Thomas da?, schnurrte Annalena.
Ihr Blick wanderte an Julia vorbei, suchte den Hausherrn. Etwas Gieriges, Raubtierhaftes blitzte in ihren Augen auf. Sie machte keinen Hehl aus ihren Absichten.
Julia blockierte die Tür. Aus dem Hintergrund kamen Thomas Schritte.
Oh, Annalena! Irgendwas passiert?, begrüßte er sie mit seinem offenen Lächeln.
Annalena schwenkte die Weinflasche.
Ich wollte mich für die Hilfe mit dem Wasserhahn revanchieren, hab einen besonders guten Wein mitgebracht!
Julia wich keinen Schritt zurück.
Sie erfasste die Lage in Sekunden. Genug jetzt. Wie lange sollte sie diese Farce noch dulden?
Sie trat vor, drängte Annalena rückwärts vom Türrahmen. Die wankte, sichtlich überrascht. Die Flasche schwankte gefährlich in ihrer Hand.
Wir möchten keinen weiteren Besuch, erklärte Julia ruhig. Kein Geschrei, keine Dramen nur kalte, klare Entschlossenheit.
Annalena setzte an, um zu protestieren oder sich als Opfer zu inszenieren. Doch Julia ließ sie nicht zu Wort kommen. Die Tür fiel ihr vor der Nase zu.
Stille…
Thomas stand mitten im Flur, als hätte sie ihn mit einer Bratpfanne erwischt.
Julia, was sollte das jetzt…
Ich?, sie wandte sich ihm zu. Ich beschütze unsere Familie während du deine Freundlichkeit nach allen Seiten verteilst.
Thomas rieb sich den Nacken.
Sie wollte doch bloß…
Sie wollte dich. Tu nicht so, als wüsstest du es nicht.
Sie blickten sich an. Julia atmete schwer, das Adrenalin rauschte noch durch ihren Körper. Thomas schwieg, verdaut. Dann nickte er langsam und nachdenklich.
Okay. Vielleicht hast du recht.
Es war keine Entschuldigung, kein Schuldeingeständnis. Aber es genügte fürs Erste.
Annalena war fort. Einfach verschwunden, wie Frühnebel an einem sonnigen Morgen. Keine zufälligen Treffen mehr im Treppenhaus, keine kaputten Wasserhähne, keine klappernden Sicherungskästen. Die Wohnung gegenüber blieb verschlossen, Julia ging nun jeden Tag mit Genugtuung daran vorbei.
Eine Woche verging in entspannter Ruhe. Julia begann schon fast, Annalena zu vergessen.
Doch dann folgten die Blicke.
Erst dachte Julia an Einbildung. Doch schnell wurde klar: Die Nachbarn tuschelten wirklich hinter ihrem Rücken. Frau Köhler von oben presste die Lippen aufeinander und drehte sich weg, Herr Brandt unter ihnen murmelte nur eine knappe Begrüßung und verschwand in seiner Wohnung.
Die Lösung folgte einige Tage später. Julia traf Frau Köhler im Supermarkt.
Ich habe gehört, sie hätten die arme Annalena rausgeschmissen, begann Frau Köhler mit tadelndem Blick. So ein nettes Mädchen und Sie haben ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen. Herr Brandt sagt, sie habe danach im Treppenhaus geweint.
Julia musste ein Lachen unterdrücken.
Ach ja? Geweint?
Ja! Sie wollte sich doch nur nachbarschaftlich vorstellen, und Sie…
Nachbarschaftlich? Im Kleid mit Ausschnitt bis zum Bauchnabel und einer Flasche Wein? Das nenne ich gesellig, konterte Julia, während sie eine Packung Nudeln in den Korb legte.
Frau Köhler schwieg. Julia ging zur Kasse, ließ die Nachbarsklatschbase nachdenklich zurück.
Die Gerüchte zogen weiter ihre Kreise durch das Haus. Julia mutierte zur bösen Hexe, Thomas zum Pantoffelhelden, Annalena zur bemitleidenswerten Zielscheibe von Nachbar-Unfreundlichkeit. Ein alt bekanntes Muster. So berechenbar wie der Sonnenaufgang über München.
Doch diesmal störte Julia das nicht.
Abends saß sie in der Küche und rührte in ihrem kalten Kaffee in jener Tasse, die sie Annalena abgenommen hatte. Thomas scrollte durch sein Handy, manchmal lachte er leise.
Herr Brandt hat im Haus-Chat geschrieben, wir seien die unsozialen Eigenbrötler, las Thomas vor, ohne aufzublicken.
Ach, tatsächlich?
Ja. Und die drei Omas haben traurige Smilies gesetzt.
Julia schnaufte. Dann lachte sie zum ersten Mal seit Wochen, frei und erleichtert.
Sollen sie doch. Sollen sie ihre Smilies verteilen. Mir ist das egal.
Thomas legte das Handy weg und blickte sie an.
Jetzt verstehe ich erst, wie naiv ich war.
Ach, wirklich?
Ja, ernsthaft. Sie… also du hast recht. Ich dachte, das wäre normale Nachbarschaft.
Julia griff über den Tisch nach seiner Hand.
Wichtig ist, dass du es jetzt siehst.
Annalena würde sich sicher längst ein neues Ziel für ihre Spielchen suchen. Julia war das egal.
Sie hatte ihre Familie, ihren Mann, ihr Zuhause geschützt.
Und der Tratsch? Der war schon in ein paar Wochen vergessen, dann fand sich ein neues Drama, ein anderer Grund fürs Getuschel. So ist das eben im Mehrfamilienhaus.
Der Kaffee war kalt, doch Julia trank ihn bis zum Schluss. Sie war endlich wieder ruhig denn manchmal ist es wichtiger, den eigenen Frieden zu bewahren als jedem gefallen zu wollen.





