Elisabeth atmete tief und doch zufrieden aus, als sie Anna und Benni ins Taxi hob. Anna ist vier, Benni gerade mal anderthalb. Sie hatten herrliche Tage bei Oma und Opa in Hamburg verbracht: mit Butterkeksen, warmen Umarmungen, Märchenstunden und diesen kleinen Freiheiten, die zu Hause eben nicht erlaubt sind.
Auch für mich war dieser Familienbesuch wie ein warmer Mantel im kalten Winter. Eltern, Geschwister, Nichten und Neffen das Elternhaus empfängt einen, ohne zu fragen und zu fordern. Mamas deftige Linsensuppe, der Duft von Zimtbrötchen, Papa mit seinen langen manchmal zu langen Trinksprüchen, die mitten ins Herz treffen. Mamas Geschenke sind immer so praktisch und liebevoll ausgesucht.
Kurz hatte ich das Gefühl, wieder Kind zu sein. Am liebsten hätte ich einfach laut gesagt: Mama, Papa, danke, dass es euch gibt!
Im Taxi waren Anna und Benni bald erschöpft; sie kuschelten sich aneinander und schliefen auf dem Rücksitz ein satt und glücklich.
Auf dem Heimweg bat ich den Fahrer, an einem kleinen Kiosk in Eimsbüttel kurz zu halten. Ich bin gleich zurück, hole nur schnell Windeln und eine Flasche Wasser, kündigte ich an.
Nach fünf Minuten kam ich wieder heraus, öffnete die Autotür und mein Herz rutschte mir in die Hose. Die Kinder waren weg!
Vorne saß der Fahrer, angeregt im Gespräch mit einer mir völlig unbekannten jungen Frau auf dem Beifahrersitz.
Wie bitte…?, stotterte ich irritiert.
Die Frau fuhr herum: Wer sind Sie denn? Was machen Sie an unserem Auto?!
Der Fahrer zuckte mit den Schultern: Keine Ahnung, wer Sie sind! Was wollen Sie denn hier?
Wollen Sie mich veralbern? Wo sind meine Kinder?!
Was, du hast auch noch Kinder?!, schrie die Frau, warf dem Fahrer wütende Blicke zu und prügelte mit ihrer Handtasche auf ihn ein.
Wie kannst du irgendeine Fremde in unser Auto lassen?! rief sie empört. Ich schrie schon: Wo sind meine Kinder, sag schon!
Für drei, vier Minuten herrschte totales Chaos im Auto: Schreie, Schuldzuweisungen, wild gestikulierende Hände eine Mischung aus Hilflosigkeit und Schicksal.
Plötzlich öffnete sich die Autotür. Ein Mann, Mitte Vierzig, beugte sich zu uns und sagte ganz ruhig: Entschuldigung, junge Frau… Das ist nicht Ihr Taxi. Ihr Wagen steht da vorne.
Die Welt blieb für einen Moment stehen. Schweigend, aber mit glühenden Wangen, knallte ich die Tür zu und stürmte zum identischen hellgrauen Auto vor uns.
Ich riss die Tür auf.
Auf dem Rücksitz schliefen Anna und Benni, selig, wie kleine Engel. Nicht einmal gezuckt hatten sie.
Ich atmete so tief aus, als hätte ich gerade eine riesige Prüfung bestanden. Setzte mich, schloss die Tür und murmelte erschöpft: Fahren Sie bitte weiter…
Da überkam mich das Lachen erst zittrig, dann aus vollem Herzen. Auch der Fahrer musste grinsen und lachte Tränen. Ich spürte, wie ihm ein Stein vom Herzen fiel, dass die Geschichte so, ganz ohne Katastrophe, endete. Aber mit einer Anekdote fürs Leben.
Ich sah die schlafenden Kinder an und begriff: Im Alltag sind Eltern oft freundlich, müde, manchmal zerstreut. Doch kaum droht Gefahr, werden sie zu Löwen.
Ohne Zweifel, Nachdenken oder Angst sie wollen nur eins: schützen!
So funktioniert Liebe. Still, solange alles ruhig verläuft. Unbesiegbar, wenn es darauf ankommt.
Das habe ich heute gelernt.





